Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1932)
- Date
- 1932-06-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450727--78845-2536572- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 14 Nr. 24 DerJsraelit 9.. Juni 1932 Ausgang. Die Luft zwischen diesen Bergen am Rande . auch sauberer und besser gehalten, der G'ttesdienst darin des blauen Wassers züchtet Träumer und Helden und - etwas geordneter und trockener. Was die beiden auch Wahrheitskünder . . . Observanzen verbindet, ist Rabbi Jizchak Luria. Er V e r t r a u t e G e st a l t e n . . .! ^delt vorder einen in die andere Synagoge und'be- Und wenn ich durch die engen, schmalen und winke-> Tin nh ligen, nicht gerade sauberen Gassen von Tiberias man- . 2)as^v unoer. dele, zwischen den kalkweißen und aschgrauen Häuschen, j Die 6000 Juden, die, bei einer Gesamtbevölkerung die mit ihren dunklen Höfen und bröckelnden Fassaden' von 8000, Tiberias zählt, scheiden sich fast zu gleichen sich wie die erschreckten Schäfchen dicht an einander j Teilen in Sephardim und Aschkenasim. Das Verhältnis schmiegen, dann wandele ich durch die Jahrhunderte und! Zwischen beiden Gemeinden ist nicht das beste, aber es Stimmen aus verklungenen Welten werden in jedem: bessert sich. Es fehlt nicht an gemeinsamen einigenden Winkelchen lebendig. Hier hatte Rabbi Jochanan, Sohn Punkten. Der Rabbiner der Aschkenasim-Gemeinde, Sakkais, nach Jabne, fein Lehrzelt aufgeschlagen. Ueber j Rabbi K l l e r s, gehört zu den populärsten und markandiesen freien winkeligen Platz wallten die. würdigen! testen Persönlichkeiten des heiligen Landes und wird von Männer zum Lehrhause:. „Geht hinaus und sehet: wel-i den Sephardim als talmudische Kapazität und Führer cher ist der rechte Weg? . . ." In dieser Werkstätte, in der j gleich hochgeschätzt. Die beste Verbindungsbrücke bildet heute noch ein bärtiger Mann mit Schläfenlocken und! aber die von der Agudas Jisroel unterhaltene einem feuerroten Fez auf dem Kopf hämmert, hat Rabbi iMädchen schule, die mit ihren 400 Schülerinnen I o s u a seine Nadeln geschmiedet, dort gegenüber Rabbi i (mitsamt Kindergarten) und ihrem Lehrerinnenstabe aus Jizchak Nafcha mit vollen Backen das Feuer im einheimischen, sephardischen Mädchen von einer zielbe- Schmiedeofen angefacht,- mit kräftiger Hand gehämmert, I wußten deutschen Lehrerin, Frl. Wechsler aus Mündaß die Funken geradeso schossen wie die aus dem arbeitenden Gehirn für das abendliche Lehrhaus. Und der da auf der Schwelle fitzt, der Alte mit dem bis zur Brust wallenden Bart und der breiten Samtkappe auf den Hinterkopf geschoben, daß die gewaltige alabasterweiße Stirn wie ein breiter Porzellanteller leuchtet, der da mit Pech und Pechzwirn an einem flachen Schuh arbeitet, ist das nicht der alte Rabbi Jochanan, der Sandalen macher? .. . Ganze Partien aus Talmud, die man daheim bis ins letzte nie verstand, gehen einem hier auf, als fiele darüber ein ganz neues Licht. Die „Mewooth", die Gänge und Mauern und Untermauern für Eruw und Suckah, die „Kuchim", katakombenartigen Nischen für Tumah, die verschiedenen Modelle für „Ohel", hier sind sie alle. Ein schwerfällig oorbeitappendes Kamel drückt und drängt mich in den kleinen Kramladen bis an die ausgelegten Waren hinan. Wie lachten und ärgerten wir uns als Kinder über das dumme Kamel in der Gmoro, das, flachsbeladen auf der Straße in Berührung mit dem Kerzenlicht des Krämers kommt und damit heillosen Schaden für Krämer, Flachshändler und — Kopfzerbrechen für uns im Cheder anrichtet ... Hier kann das Kamel gar nicht anders, als den Kramladen zudecken und für feine Ladung Feuer fangen, zumal, wenn der Krämer an Chanukkah fein Licht draußen brennen hat . . . Wir sind im Lande der Mischnah, des jerusalemitischen Tal- Kaum wäre es nötig gewesen, daß wir noch nördlich zur Stadt hinaus auf "den Hügel gingen, um dort die alten Gräber von Rabbi JochananSohnSakkais und seiner Schüler zu grüßen, Rabbi Jizchack Nafcha, ReschLakisch, Raw A m a i und Raw A ch a i, ein Stückchen weiter Rabbi A k i b a , und noch etwas weiter das Grabmal, das die ganze jüdische Welt im Geiste sieht, das von Meier b a a l Hanes. Nein, es war nicht nötig. Wir sahen diese Rabbis, wir begegneten ihnen auf Schritt und Tritt, so wir nur in die engen Gassen von Tiberias hinausgingen. Sabbat über Tiberias. Und ein Sabbat kam, früh und unvermittelt, wie sich die Nächte Palästinas über die Erde senken, nach einem heißen Tage, ein Sabbat, wie wir keinen zweiten Sabbat erlebt haben. Wie sich die Läden und Lädchen alle auf einmal mit fast panischer Eile schlossen, wie sich die Träger, Schuhputzer und Bettler auf der Straße plötzlich in Fürsten und Prinzen verwandelten, wie die hundert Lichtlein hinter den gardinenlosen Fenstern der Häuser und Hütten aufflammten, wie sich die Straßen bald belebten von Menschen,. Menschen, wie wir sie in dieser Gewandung und Aufmachung mit diesem königlichen Schritte noch nie gesehen! Gewaltige Zobelmützen mit vielen wehenden Schwänzen auf dem Kopf, wie Königskronen auf alten Bildern, und Mäntel über den Schultern aus heller, blauer und grüner Seide, aus schimmerndem Atlas, scharlachrot oder schneeweiß, gestreift und gemustert. Eilig, als fürchtete sie, zu spät zmn «abbat zu kommen, senkt sich die Sonne hinter den Bergen, violett schillert der See und spiegelt die Farben der Bäume und Mäntel wider. In Ruhe und Heiligkeit ist die Luft gebettet, die Winde halten den Atem an, die Mücken schweigen. Auch die schlammig gelb brütenden Sümpfe an den Straßenrändern sind vergoldet. „Stomm, Geliebter, der Braut entgegen!" ruft Alkabaz von oben ins Tal hinunter . . . Ich kann seitdem keine Sabbatankunft erleben, ohne an den von geheimnisvollen Höhen und aus rätselhaften Tiefen, von den Bergen oben und aus dem Wasser unten kommenden Sabbat in Tiberias zu.denken. Wir sind in einer der ältesten Synagogen. Brüchige Mauer außen, schlechtbekalkte Wände im Innern, daß wir mit geweißtem Rücken das Haus verlassen. Aermlich ohne Schmuck und nicht allzu groß der Raum, denn das Bethaus ist eines der vielen. Kol Nidre-Stimmung. Alle Beter haben Tallith an — am Freitagabend — und die Inbrunst fließt in einer Welle, die Jung und Alt. auch die kleinsten Kinder, mit hinreißt. Asketische Greise, den Gebetmantel tief über den Kopf gezogen, schreien auf und klatschen in die Hände, dazwischen schrillen helle Kinderstimmen. Ein Gesang kommt nicht auf. Für eine Chassidiingemeinde eigentlich zu schwermütig, aber so sind die Chassidim von Tiberias, genannt die Aschkenasim. Die Sephardim, aus allen Ländern und Erdteilen des Orientes, haben ihre eigenen Synagogen mit einer Hauptsynagoge an der Spitze. Sie sind schöner, schmuckvoller, chen, geleitet wird. Wir besuchen die Schule am Sonntag früh, nachdem wir einige Minuten vorher auf dem Grabe von Rabbi Meiir baal Hanes und in der Jeschiwa daneben geweilt hatten. Und wir erleben das Wunder der Wunder: ein deutsches Mädchen aus der neuen orthodoxen Bewegung leitet eine Schule für sephardische und askenasische Mädchen am Kinerethsee! Wie wundersam die Kanäle, durch die der ewige Strom der jüdischen Kraft fließt! Hier, in seinem engen Bereiche, hat Rabbi Meiir, der Wundermann, eines der größten Wunder der jüdischen Geschichte vollbracht. Solche Wunder könnten wir übrigens überall in Land und Stadt vollbringen. Der Boden dafür ist da, die Menschen auch. Sammeln müssen wir nur die Kräfte. Noch nirgendwo ist es uns so sehr zum klaren Bewußtsein gekommen, was das Palästinafchulwerk der Agudas Jisroel in Erez Israel bedeutet und, bei weiteren Opfern der gesetzestreuen Palästinafreunde, bedeuten könnte, wie in der Schule von Tiberias! —tz. <Fortsetzung folgt.) Lag b'Omer in Meron. Von S. Ernst, autor. Ilebersetzung von Saly Geis. Zwei Wegstunden nordwestlich der palästinensischen Bergstadt S a f e d liegt das Dorf M e r o n. Es gibt dort eine sehr alte Synagoge und ein Thora-Lehrhaus mit den unterirdischen Gräbern des Rabbi Simon ben Jochai (lebte um 100) und seines Sohnes Rabbi E l i e s e r. Ersterer war ein Schüler des Rabbi A k i b a. Auch der Prophet H o s e a und die berühmten Rechtslehrer H i 11 c 1 . und Scha;nai sollen in M e r o n begraben liegen. Am Lag b'Omer, dem Sterbetag des Rabbi Simeon ben Jochai, sind auch in diesem Jahre Tausende nach Meron gewandert. Der stille Weg zwischen Safed und Meron ist nicht wiedcrzueckennen. Menschen fahren, reiten. und gehen wie ein endloses Heer sämtlich nach einer Richtung, Meron zu, — und alle werden von einem Gedanken beseelt. Höher und höher, dichter und dichter erheben sich die Staubwolken, überziehen grau die Kleidung und dringen mit ihren feinen Körnchen in die Lunge. Doch was tut dies bei der Erwartung der großen Freude an der Grabstätte des Rabbi Simon ben Jochai? Auf einem Esel reitet ein Safeder Alko mit gedrehten langen Schläsenlocken und Pelzmütze. Auf einem Pferd galoppiert fest und straff ein kräftiger Ehaluz. Dazwischen zeigt sich ein buntes Bild von Spaniolen (Juden, deren Vorfahren 1492 aus Spanien vertrieben wurden), Jemeniten und Bucharern. Auch Frauen und Mädchen fehlen nicht unter der wandernden Menge, durch die sich auch manches Auto hmdurchtutet. Kommt man aber zur Zeit des Sonnen-Untergangs nach Meron, dann erblickt das Auge nur ein unübersehbares Feld von Menschenköpfen, aber nirgends ein freies Plätzchen. Schon den ganzen Tag ist getanzt und musiziert worden, um die Freude immer mehr und mehr zu beschwingen, bis das Feuermeer aufjauchzt und über das Dunkel der Nacht triumphiert. Der große Hof um Rabbi Simon ben Jochais Grab stellt die Bühne für die Handlung dar. Dächer, Treppen, Steinrorsprünge, Mauern — es mag noch so waghalsig scheinen — dienen den tausenden Glücklichen, die in den Hof gelangt sind, als bevorzugte Plätze. — und sie haften die Augen auf den Grabstein eines der Größten. Die Szenerie um den Grabstein ist die eines großen Jahrmarkts. Buden mit allerhand Waren fördern zum Kaufe auf. Das Geschrei der Händler erfüllt die Luft. Besonders sind Kuchen und kühlende Getränke begehrt. Arme und Beine drängen und stoßen um die Buden herum. Manche dieser Gliedmaßen gehören Moslemiten, die gleichfalls Simon ben Jochai verehren. Eine Reihe frommer Talmudschüler mit langen Schläfenlocken und zwischen ihnen auch ein' neumodischer Ehaluz mit verbundenem Kopf haben sich zu einem Kreis zusammengeschlossen und tanzen, indem sie singen: „Heil dir bar Jochai, Deine Genossen salben dich mit dem Oel der Freude". Man klatscht mit den Händen. Aus den Augen glänzt die Begeisterung. Cs ist der Auftakt zum Beginn des Feuers. Inzwischen sind die Angesehensten von Safed angekommne, darunter der Bujaner Rabbi mit seinen Chassidim. Mit Gesang und Freuderufen wird die Sefer-Thora vorangetragen. Kräftige Fäuste und Begeisterung bahnen ihr den Weg und gleichzeitig dem Zuge hinter ihr. Die Nacht senkt sich mit ihren finsteren Schwingen herab. Plötzlich leuchten überall Flammen auf und bestrahlen die in Dunkel gehüllten Gesichter. Von allen Seiten singt man oder sagt in Andacht den „Sohar", das bedeutenste Werk der Kabbalah. Hunderte und hunderte Lichter brennen. Die Menschen strecken die Hälse, stützen sich auf einander, um nach den Lichtern zu schauen. Doch nicht nur Laute des Frohsinns werden vernommen, sondern auch der Trübsal. Man klagt mit Tränen und fleht zu G'tt., Auch empfinden diese Herzbeschwerten den Geruch der Oellampen. Es ist einmal irdische Bestimmung,. daß neben der Freude die Trauer wohnt. Neben dem Grab stehen große Schüsseln, in die Kleidungsstücke geworfen werden. Da bringt eine Frau ein seidenes Kleid und eine Flasche Olivenöl. Das. Kleid kommt in die Schüssel, und die Kinder der Frau träufeln das Oel darauf. Einer zweiten Frau folgt ihre Magd mit Tüchern. Sie nimmt ihr ein Tuch .nach dem andern ab und tränkt es mit Oel. Ein Mann tritt heran, um silberne Münzen hineinzumerfen; seine Augen glänzen vor Verzückung. Der Schammasch, der Diener der Gebäulichkeit, nimmt immer weiter und weiter Sachen von den Leuten. Auch reicht man ihm immer wieder Gesäße mit Oel. Wie auf ein Kommando tritt Totenstille ein. Sogar der Atem wird eingehalten. Alle erwarten den Augenblick, wegen dessen sie gekommen sind, den Augenblick, an dem auf dem Grabe des Zaddiks die Flammen emporzüngeln. Nun tritt der Rabbi von Safed an das Grab, ganz erfüllt von der Weihe der Situation. Leise sagt er einen Segensspruch und entzündet mit einer langen Kerze die selbstdurchtränkten Gaben der Menge. Ein riesenhaftes Feuer erhebt sich. Es wirft seine Strahlen in die Herzen der Menschen und läßt sie aufjauchzen. Tausendstimmig durchjubelt der Gesang die Luft: „Bar Jochai, Bar Jochai, In den himmlischen Höhen begehrt, Würdig der Herrlichkeit und Größe. Die Krone des Höchsten ist ihm offenbart — — Unser Herr Bar Jochai." Und um die Flammen schließt sich ein Tanzreigen von Alten und Jungen. Von neuem werden Kleider in die Flamme geworfen und Oel auf sie gegossen, sodaß die Feuerzungen noch höher und höher greifen, als wollten sie das ganze All packen. Dazu ein Höllenlärm. Musikkapellen spielen, Lieder tönen, Freudenrufe brechen sich Die Nacht hat sich in ein leuchtdurchflaktes Fest verwandelt — und der Geist Simeon ben Jochais füllt die Luft. Sorgen verschwinden, jeder beschwerte Sinn wird leicht, alles Irdische vergißt sich. Allmählich nähert sich die Nacht ihrem Ende. Die Flammen sind schwächer geworden. Der Morgenstern kündet bereits den kommenden Tag. Eine kühle Luft macht frösteln. Doch die Menschen sind von der durchmachten Nacht nicht ermüdet. Die Männer sagen König Davids Psalmen, die Frauen beten im Frauengebetbuch. Die Sonne geht aus. Die wunderbare Landschaft von Obergaliläa breitet sich in ihrer Schönheit aus, hohe Berge als ihren nördlichen Hintergrund. Die Masse der Menschen ist leicht geworden. Immer mehr Teilchen lösen sich von ihr ab und wenden sich zur Rückkehr. Gruppenweise wandert man. Alte Frauen suchen in den glühenden Flammenresten noch angebrannte Lappen, Oel und Asche als Mittel gegen Krankheiten, denn auf ihnen ruht von der Heiligkeit Simon ben Jochais. Später am Frühmorgen bringen die Väter ihre jungen Kinder zum ersten Haarscheren. Zur Feier dieses Ereignisses verteilen sie Wein und Kuchen. Nach Beendigung der Prozedur nehmen die Väter die Kinder auf die Achseln, und mit der Melodie: „Lama, lama — lama asawtann?" drehen sie sich im Tanz. Dann aber machen sich die letzten Scharen aus den Weg, die einen in der Richtung nach Safed, die anderen in der Richtung nach Tiberias. Doch wo sie zurückwandern, tönt das „Bar Jochai Lied. Ainderecke. Zwei Gleichnisse. Warum Israel nicht gleich zum Sinai kam. Es war einmal ein junger Königsohn, der eine schwere Krankheit überstanden hatte. Kaum war er wieder genesen, da sprach der Erzieher des Prinzen zu dem König: „Jetzt soll aber dein Sohn wieder in die Schule