Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1932)
- Date
- 1932-06-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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KT Der Jsraelit Rr.24 IM 3ra Spiegelbilde der Bruderliebe. Eine der Geschichten, die Rabbi Chajim Sonnenfeld gern erzählte. Rabbi Rochum von Schadowa lernte in jungen Jahren bei einem großen Rabbiner, der nicht genannt sein darf, der aber zu den Größten seiner Zeit gehörte. Lr unterhielt eine große Ieschiwa und die Gemeinde sorgte dafür, daß er sich Ln Ruhe dem Studium widmen konnte und die Sorgen, Klagen und Anklagen der Gemeindemitglieöer nicht an sein Ohr gelangten. 3n dieser Stadt lebte damals ein Mann, den man glatt den „Mossur" (Angeber) nannte und der Schrecken um sich verbreitete. Lr verkehrte mit den Behörden und war daher allmächtig. Obwohl er ein ausgesprochener Gesetzesübertreter war, es auch mit der Ehrlichkeit und Sittlichkeit nicht genau nahm, mußten ihm alle Ehrungen m Synagoge und Gemeindestube zuteil werden, da man sonst Gewalt und Angeberei von ihm zu befürchten hatte. Cs gehörte zu den Gewohnheiten dieses Gewaltmenschen, daß, sobald er auf dem Markte eine Ware erblickte, die ihm gefiel, er mit der Hanö danach deutete. Der Verkäufer wußte schon, daß er die Sachen in das Hans >des Despoten-unentgeltlich abzuliefe'rn hatte, wehe, wenn ec den Wink nicht verstand, er konnte erwarten, daß er bald ins Gefängnis kam oder sein Sohn zum Militär eingezogen wurde oder sonst ein Unheil über sein Haus einbrach. So ging es Jahre hindurch. Lines Morgens, es war noch ganz frühe, stürzte ein Jude vom Lande, übel zuegrichtet, in das Lernzimmer des Rabbi und jammerte: „Ich kam aus dem Dorf mit einem Korbe Cier, um damit das Brot für Frau und Kinder zu verdienen. Da trat mir der Mossur in den weg und forderte von mir die Lier. Als ich das Geld verlangte, schlug er mir die Lier ins Gesicht. Ich bitte den Rabbi, den Mann zum Din Thora zu laden." Sofort weckte der Rabbiner den Diener und schickte ihn zu dem Uebeltäter. Der Diener drückte sich und wandte ein, daß gegen diesen Mann nichts auszurichten fei. Cs fei gefährlich, mit ihm anzubänöeln. Der Rabbiner bestand aber darauf, und der Diener ging. Bald aber kam er wieder zurück und berichtete, daß der Geladene ihn zur Türe hinausgeworfen hätte. „So gehst Du sofort noch einmal hin und verkündest ihm, daß, wenn er nicht gleich kommt, dre große Bann über ihn verhängt werde." Als der arme Diener gezwungenerweise diese Botschaft dem Mossur überbrachte, erhielt er ein paar wuchtige Faustschläge und flog zur Türe hinaus. Cs war alles vergebens. Am Freitag ließ der Rabbiner dem Vorstände melden, daß er am kommenden Sabbat den G'ttesdienst in der großen Schul zu besuchen gedenke, was er sonst nur an hohen Feiertagen zu tun pflegte. Man wunderte sich darüber und erwartete was Besonderes. Am Sabbat war -die große- Synagoge gepackt voll. Der Rabbiner nahm seinen Ehrenplatz ein, auf der anderen Seite ihm gegenüber stand der Moffur in Tallis gehüllt. Als man diesen, wie immer, zu Maftir aufrief, und er sich schon in Bewegung setzte, trat ihm der Rabbi in den weg und rief mit lauter Stimme: „Du weigerst dich, Bösewicht, zu Din Thora zu kommen und hast noch die Frechheit, zur Thorg zu gehen!" Lin Beben ergriff die ganze Gemeinde. Manche stellten sich schützend vor den Rabbi, weil sie ein Unglück befürchteten. Der Gewaltige stand aber ganz perplex da, verließ dann das G'tteshaus und schlug ivutenö die Türe hinter sich zu. Rach dem G'ttesöienst teilte sich -die Gemeinde' in zwei Gruppen. Die Linen begleiteten den Rabbiner nach Hanfe, damit ihm nichts passiere. Andere gingen voller Fucht in das Haus des Mossur, um ihn zu versöhnen. Cr aber kochte vor Wut. „Luch," sagte er, „will ich es nicht heimzahlen, aber Euer Rabbiner wird es schon bald erfahren, seine Tage sind gezahlt." Man wußte, dieser Mann pflegte seine Drohungen wahr zu machen und man war ernstlich um das Leben des verehrten Rabbi besorgt. In einer Rächt nach Sabbatausgang kam ein Dorfjude zum Rabbi mit der Bitte, er möge die Gevatterschaft bei einem Brith in seinem Hause übernehmen. „Ich bleibe mit meinem wagen hier," sagte der Dorfmann, „um den Rabbi morgen in aller Frühe nach dem Dorfe zu fahren." „Ist jemand bei der Wöchnerin?", fragte der Rabbi. „Lin zwölfjähriges Mädchen pflegt sie." „Dann fahre sofort zurück nach Hause und ich werde morgen früh allein den weg zu dir finden. Man überläßt keine Wöchnerin einem Kinde." Mehrere Stunden vor Tag weckte der Rabbi zwei seiner Schüler und befahl ihnen, ihn zu begleiten. Der weg führte durch einen Wald. Kaum waren sie im Walde drinnen, als sie das Getrappel eines Pferdes vernahmen. Als sich die Schüler umdrehten, gewahrten sie zu ihrem Entsetzen, daß der Moffur, hoch zu Roß, ihnen folgte. Bleich vor Schrecken sagten sie es dem Rabbi und flüsterten ihm ins Ohr, er möge sich irgendwo verstecken. Der Rabbi aber antwortete nichts, blieb stehen und vertiefte sich, ganz abwesend, in seine Gedanken. Die Schüler waren sicher, daß der Rabbi nun sein letztes Sünöenbekenntnis betete. Run war der Verfolger bei ihnen angelangt. Der Rabbi sah ihm klar ins Auge. Und da geschah ein kleines Wunder. Der Moffur flieg vom Pferde herab, trat an den Rabbiner heran und sprach ganz leise: „Lrlaubt, daß ich Cure Begleiter verprügele." „Du wirst sie nicht anrühren," erwiderte der Rabbi entschieden. „Ich werde ihnen ins Gesicht speien." „Rein, Du wirst sie' vollkommen ungeschoren lassen." Line weile stand der Mossur unentschlossen da, dann sprach er kleinlaut: „verzeiht mir, Rabbi!" „Crst bezahlst Du die Cier und versöhnst den Dorfjuden, den Du so tief gekränkt hast." „Hier ist ein Zehnrubelschein. Damit sind die Lier bezahlt und es bleibt noch ein schöner Rest für die Abfindung übrig." „Cs ist Dir verziehen. Möge Dir auch G'tl verzeihen, — so Du von Deinem bisherigen Lebenswandel abgclaffcn hast." Der Mann schwang sich auf den Gaul und ritt zurück, während der Rabbi und seine Schüler unbehelligt den weg nach dem Dorfe zur Beschneidung fortsetzen konnten. Die Jünger konnten sich der Frage nicht enthalten, woher diese Furchtlosigkeit des Rabbi komme, warum er stehen geblieben fei und welche tiefe Gedanken ihn in Erwartung der Gefahr beschäftigten. „wisset, Kinder," sagte der Meister, „man soll in Stunden der Gefahr nicht gleich auf ein Wunder bauen, sondern zuerst die Errettung auf natürlichem Wege suchen. Das Wunder beginnt -erst dann, wenn alle natürlichen Mittel erschöpft sind. Ich erkannte die Gefahr, wußte aber, daß für alle Situationen im Leben irgend ein Hinweis in der Thora vorhanden ist. Da fiel mir der Bibelsatz ein: „wie das Wasser des Menschen Antlitz wiöerspiegelt, so spiegelt des Menschen Herz das Herz des anderen wider." Run überlegte ich: wenn er mich verfolgt, so haßt er mich, -wie könnte er mich aber Haffen, wenn ich ihn nicht hasse? Warum hasse ich ihn aber? weil er Gesetzesübertreter ist, sich dem Din Thora nicht fügt. Kann man denn gar keine Verteidigung für ihn finden, dachte ich, um wenigstens den Haß gegen ihn aus meinem Herzen zu reißen, vielleicht ihn sogar lieben zu können? Denn, könnte ich ihn lieben, so müßte er auch mich lieben und alle Gefahren wären abgewendet. Run fing es in mir zu arbeiten an. wie ein Verteidiger entstand in meinem Herzen und führte das Wort: „Dieser Mann ist sicher schlecht erzogen, kam aus einer unglücklichen Kindheit, in der es keine Liebe noch Erbarmen gab. Cr hatte nichts gelernt, vielleicht! glaubte er bei den Angebereien wirklich, daß er verpflichtet sei, dem Staatsgesetz Genüge zu leisten? vielleicht hätte er auch die Cier bezahlt, wenn nicht der Dorfmann gleich so grob gekommen wäre? Cr kam nicht zu Din Thora? Cr hätte es vielleicht getan, wenn der Diener in cineni etwas sanfteren Tone zu ihm gesprochen hätte! Uebrigens, er hatte doch den Ch'rgeiz, zur Thora aufgerufen zu werden, also doch noch einen jüdischen Funken. Cr hätte mich tätlich angreifen können, als ich ihn öffentlich beleidigte, und er tat es nicht, sondern schwieg. In der Synagoge war i ch der Beleidiger und er der Beleidigt e." Das waren meine Gedanken in diesen Minuten. Und es konnte nicht anders sein, als daß er ähnlich auch über mich dachte, daß er bereute, meiner Forderung nicht gefolgt zu sein, daß er den armen Dorfjuöen gekränkt und geschädigt hatte. Cs war wie eine Funkensprache von Herz, zu Herz. In dem Maße, wie ich gut von ihm dachte, dachte er auch gut von mir. Und als wir uns Auge in 'Auge gegeuübersianden, nvaren wir schon Freunde. Cr konnte mir gar nicht mehr Böses tun." „Cr wollte doch aber n n s angreifen und mißhandeln," wandten die Schüler ein. „Richt unverdient. Denn C u e r Herz war in dem Augenblicke voller Haß gegen ihn. woher sollte die Liebe in sein Herz zu Euch kommen?" wenn Rabbi Chajim Sonnenfelö diese Geschichte erzählte, pflegte er noch hinzuzufügcn: Eigentlich ist dieser Gedanke in der Thora enthalten. Jakob zog Csau entgegen. Csau wollte ihn als Csau, als Feind treffen, was tat Jakob? „Cr bückte sich siebenmal, bis er ihm nahe kam, zu feinem Bruder." will heißen: Cr zwang seine Gedanken und Gefühle dahin, daß sie ganz brüderlich wurden. Cr zwang damit auch Csau, brüderlich zu denken, so daß er sich ihm n ä - herte wie einem Bruder. Und die Folge war eine vollkommene Aussöhnung!- mit der Agudas Zisroel in Palästina. VII. Die Stadt am Kinerethsee. Tiberias, du wundervolle Stadt am Kinerethsee, tief zu Füßen der Berge Galiläas! Wie lieblich und voll heiliger Geheimnisse dehnst du dich am blauen Wasser und kletterst du zu den sanften Höhen hinauf! Wie ergreifend schön dieses Wasser, wenn sich in warmen, windstillen Abenden der Vollmond darin spiegelt und seinen milden Silberglanz zugleich von oben und von unten zu der Berge zackigen Spitzen hinaufsendet! Nie in meinem Leben werde ich jener stillen Stunden vergessen, da wir am Freitag abend an den Gestaden des Kinerethsees promenierten. Weiter und weiter gehen wir, später und später wird es und wir merken es gar nicht. Keine Uhr schlägt uns zur Heimkehr, kein Ton und kein Geräusch.stört unsere beschauliche versonnene Rede. Eine Hochsommernacht — mitten im März — fächelt uns mit Mond und hunderttausend Sternen, mit tausend unbekannten Düften an. So still und so gedämpft sprechen wir, als könnten wir das zwischen den Bergen leise schnarchende Wasser aus dem Schlafe stören. Weit weg liegen die kleinen Häuser, in denen die Menschen schon seit Stunden Sabbatschlaf halten; es ist längst Mitternacht und wir wissen es gar nicht, denn es scheint uns, als hätte uns die Nacht von Tiberias noch immer neue Geheimnisse anzuvertrauen. Da, ein kleines Geräusch, Husaufschlag, ein Staubwölkchen wirbelt in der Luft, üblen Geruch verbreitend, abgehackte arabische Worte; wir erschrecken, Angstgefühl reißt uns blitzartig wie Nachtwandler aus sicherer Höhe herab. Sie sind ihrer zwei und wir — nur fünf, zwei Damen dabei. Aber es ist zum Glücke nichts Schlimmes. Zwei Araber und ein Kamel, sie tragen unter dem Schutze der Nacht die Abfälle der heiligen Stadt Tiberias in unbekannte Gefilde hinaus, gewissermaßen Amtspersonen . . . Es ist mir in dieser Nacht klar geworden, warum gerade hier und im nahen hochgelegenen Safed die Kabbala ihre Wiege hatte, warum hier Rabbi Chajim Vital mit seinem Meister Rabbi Jizchak Lurja über des Lebens tiefste Rätsel flüsterte. Nur in dieser Gegend, mit dem Ausblick auf den See konnte Rabbi Mosche Alschich seine flammenden Reden halten, konnte Rabbi Salomo Alkabaz der Sabbatbraut sein Lied singen. Alle religiösen Strömungen und sozialen Umwälzungen in der Zeit"der römischen Götzendämmerung nahmen hier, an diesem geheimnisvollen Wasser von Galiläa, ihren