Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1932)
- Date
- 1932-06-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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9. 3uni 1932 Der Israelit Nr. 24 Seite, 5 sticht erklären. Auch die alten Juden, die von ehedem, j-hat man bedroht, , verfolgt und in der Enge gehalten, {aber entwurzelt und haltlos waren sie deshalb nicht. Ihre Wurzelstättb, ihre tiefste menschliche Herzensheimat war ihnen ja noch geblieben, aus der man sie mit allen Gewalten nicht zu reißen vermochte, ihre Weltanschauung,-ihr Gesetz, ihre Lehre, ihre Reinheit, ihre Moral, ihre Ethik, ihr Glaube. Heute wird diese ursprünglichste, eigenste und zufluchtstcherste Geistesheimat des Juden der Verkümmerung preisgegeben, wenn nicht gar der Mißachtung, und man wundert sich noch, ein nirgendwo Hingehörenöer zu sein, ahasvergleich angefaßt zu werden und alle Türen und Tore des Ein und Aus vor sich verschlossen zu finden. Stellt, bitte, keine zahlenbelegte Sozial- und , Wirtschaftstheorien auf, daß statistisch genommen die Linie des heutigen Judentums zum Untergange führt. Cs bedarf entweder dessen nicht oder es ist falsch. Cs ist entweder wahr und klar und selbstverständlich, wie das Zweimalzwei ist vier, dann ist jeder Beweis Heine Ironie, oder es ist falsch, weil von falschen Prämissen aus beurteilt, dann ist jeder Beweis eine Lüge. Cs ist wahr, daß Einzelne oder Gruppen solcher untergehen werden, die untergehen wollen. Betreibung von Selbstvernichtung hat noch in den meisten Fällen zum Tod geführt Aber es ist unwahr, daß das Judentum als solches darum untergehen wird und kann, solange auch nur noch ein geringer gesunder Kern davon übrig bleibt. Nicht von den Prämissen der Zahl muß man ausgehen, sondern von den Prämissen dessen, was Judentum ist. Die Zahl nennt Pythagoras das Wesen «der Dinge, aber das Zahlenmäßige erschöpft nicht die Seele der Dinge, die über dem Materiellen der Wesenheit steht. Die Dinge können sterben, aber die Seele stirbt nicht mit ihnen, und der Kern des Judentums ist seine Seele eben seine Weltanschauung, die nicht stirbt. Zwar sagt Kant, daß der Satz: „Die Sonne scheint heute, sie wird auch morgen wieder scheinen", keine aprioriju-e, theoretisch zwingende, sondern nur eine posteriorische, erfahrungsmäßige Aussage sei, die nichts unbedingt Bestimmtes an sich hat. Aber für die Gewißheit der Menschheit genügt schließlich auch die simple Erfahrung, den Schluß zuzulassen, daß die Sonne auch morgen und übermorgen noch scheinen wird. Erfahrung ist die Gewißheit der Raturgeschichte und auf Erfahrung beruht denn auch rein naturgemäß gesprochen unsere Gewißheit, die Gewißheit: Das Judentum ging nicht unter, es geht nicht unter und es wird nicht untergehen, außer wenn Sonne und Mond und Sterne und Himmel und Erde auch untergehen. Cs ist mehr als ein Gebet, es ist eine Erkenntnis, was wir täglich zweimal im Tachnun sprechen: „Nicht geht unter Israel, das da spricht: Höre Israel. Nicht geht unter, das Volk, das einzig, das da spricht: G'tt ist einzig. Nicht geht unter, das Volk, das heilig das da spricht das Dreimalheilig! Solange auch nur aus einem Munde, das Schma, das Cchod, das Kaöosch erklingt, geht der Widerhall des Iuöentumsseins durch die Welt und sein Leben ist nicht ausgelöscht. Merkwürdig haben unsere Ahnen niemals an Problemen dieser Art gehangen, obwohl sie niemals, wie wir heute, eine Zahl von vierzehn Millionen Juden aufzuweisen hatten. Nach Hunderten und Tausenden wurden sie dezimiert und verringert und trotzdem kam es ihnen nie in den Sinn, an des Judentums Untergang zu denken. Mit dem Bekenntnis- ' rufe Schma Iisroel auf den zuckenden Lippen, gingen sie mehr stolz und froh als bangend und bebend für ihre Weltanschauung in den Tod. Ihr Höre Israel war nicht soweit, nur ihre Zuversicht für ihr persönliches jenseitiges Heil, als noch vielmehr ihre Gewißheit und Tröstlichkeit für Israels Fortbestand im Diesseits. Ihr Höre Israel wollte sagen: Höre Israel, die Einzelnen, oder die Mehreren sterben wohl, ,öie Gattung geht nicht unter; höre Israel, uns, Für uns selber, konnten sie töten, die Idee, aber, der'wir dienten, rotten sie nie und nimmer aus. Einer-in einer Stadt und zwei in einer Familie, die übrig bleiben, sind schon wieder Träger des unsterblichen Iuöentumsgeöankens, der jüdischen Weltanschauung. Nur von Minoritäten ging schon immer unsere Erneuerung aus. Sozusagen aus dem Nichts heraus schuf G'tt uns immer wieder neu die jüdische Welt. Nach den größten Katastrophen erhob erst recht immer wieder neu das Judentum sein Haupt. „Von-Vielen sind wir Wenige geblieben," klagt ein altes Lied und Gebet, aber genug daran, wir sind geblieben. Cs ist an uns wahr geworden:' „Auch dann noch, wenn sie sein werden im Lande ihrer Feinde, 'habe ich sie nicht perschmäht und verworfen, sie zu vernichten, ich der Ewige ihr G'tt." Groß ist der Druck der äußeren Umstände, die allgemeine Krisis kommt zu der unseren noch hinzu. Aber neben der alten, erprobten zuverstchtsvollen Tatsache unserer Erhaltung, muß und wird auch noch ein anderes großes, das zugleich Wunher und Naturgesetz ist, nicht, versagen und nicht versagen dürfen, das Gesetz der desto engeren und strengeren Bindung der Einzelnen aneinander und der Gesamtheit an alle, je härter der Kampf und Machtanprall von außen an uns geht. — Oswald Spengler erzählt von den isländischen Sagas, die zu ihrem Lebensunterhalt beständig übers Meer müssen, daß bei jeder ihrer Fahrten über See, nur ein Teil ihrer Schiffe ankommt, und er weist auch darauf hin, wie oft in bedrohten Gegenden ganze Familien und Stämme von Völkerschaften in Zeiten der Trockenheit verhungern, und wie übrigens auch bei jedem größeren Bau z. B. ein erheblicher Teil der Arbeitenden zugrunde geht, ohne daß das Ganze dadurch in Frage gestellt wird. Cs kommt, sagt er, nur darauf an, daß soviele übrig bleiben, um die Seele des Ganzen zu repräsentieren. Eine Zahl wächst schon wieder nach, wenn nur das Erlöschen der Organisation, das Erlöschen des „wir" nicht einzutreten braucht. Nun, wir sind allerdings anders als Spengler, bebenden Herzens der Erwartung, daß alle erhalten bleiben, daß auch das „Ich" neben dem „Wir", der Einzelne mit dem Ganzen nicht verloren gehe; daß keine noch so versprengten und bedrängten Splitter von uns abgesprengt werden. „Die Erhaltung einer einzigen jüdischen Seele kommt gleich der Erhaltung einer ganzen jüdischen Welt, preisgegeben darf keiner von uns werden, solange er sich nicht selber preisgibt. Aber, wenn gesagt wird: „Geht, soviele springen ab, wir werden immer schwächer, was haben wir noch zu hoffen, wir sind in absteigender Linie, es rette sich persönlich, wer es nur noch kann!", so sagen wir, es kommt uns nicht auf diese an, es kommt uns auf die Seele, aufs Ganze an. Schwäche ist kein Unglück, Minderheit keine Gefahr, wenn wir nur sorgen, daß die Seele nicht angetastet und ihr Erlöschen nicht in Betracht kommt. Nur von der Seele eines Volkes aus läßt sich seine Kraft und sein Sinn erschließen. Was ist aber diese Seele des Judentums anders, als seine Weltanschauung? Diese aufzugeben heißt Selbstaufgebung, und diese bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, heißt Selbstbehauptung. Und da muß zum Schluffe ein offenes Wort gesagt werden. Weltanschauung des Judentums haben heißt noch nicht, das bloß perycherische davon aufgceifen, und das Eigentliche, Kernhafte links liegen lassen. Man ist z. B. noch nicht sieghafter Jude der jüdischen Weltanschauung, wenn man ,sich etwa gegen den Antisemitismus wendet und ihm doch wieder durch eine unjüöische Lebensweise Vorschub leistet, wenn man sich über Angriffe auf unfern Kultus und unser Schrifttum erregt, und dann selbst diesen Kultus und dieses Schrifttum gleichgültig behandelt, ja, ihm mit aller Uninteressiertheit gegenüber steht, wenn man sich z. B. hütet, judenfeindlich zu wählen, und dabei doch selbst Unfreundlichkeit gegen Juden .an den Tag legt und eine mißvergnügte, wenn nicht feindliche Stellung gegen alles Jüdische entnimmt, wenn man den in Vielem ,und gerade auch im Blutmaßrgen bestehenden Abstand zwischen Jude und Archhjude: erkennt und fühlt, weil man ihn auch nur tzu gu tund zu oft zu erkennen und zu fühlen 'bekommt, und doch in unverantwortungsvollec Weise hingeht, z. B. eine Mischehe einzugehen, wenn man angeblich stolz ist, Jude zu sein, und es doch nur wesentlich dem Namen nach ist, oder wenn man etwa fürs ^Hebräische schwärmt und die alte Väterheimat preist, und doch die heiligen Ouellen der Vätersprache nicht kennt und beachtet und die eigentliche Bedeutung des Vaterlandes für die volle Verwirklichung des Judentums verkennt und umgeht, wenn man so oft und so gerne vom.jüdischen Volke spricht, and nicht vor allem das Herz des Volkes, die Thora, die uns zum Volke gemacht hat, meint, wenn man die Jugend, die Kinder, gerne bei der Stange bleiben sähe, selbst aber T Mt'. uckerkmnk* Nahrungsmittel! Jnteressantes Preisbuch frei! Frankfurter Hirsch~Apotheke, Zeil 111 Niederlagen: ReformhausBoermel-Ernst,SchiUers<r.27 kein strammes Beispiel dafür abgibt. Ja, alle die zur Hälfte getanen peripherischen Dinge sind wohl schön und gut und lobenswert und nötig, aber sie bilden keinen Ersatz für die schuldige andere Hälfte, die erst das eigentliche Ganze ausmacht. Sie sind wie etwa die Extremitäten am menschlichen Körper, wie Hände, Füße, Finger und Zehen, die der Mensch zu seinem Fortkommen unerläßlich haben muß, aber' sie sind noch lange nicht der Mensch. Der Mensch sitzt tief drinnen im Herzen, der Mensch das ist sein Blut, sein Geist, seine Seele, davon geht das Leben aus. Unser jüdisches Leben und Bestehen geht von unserem Blute, unserem Geiste, unserer Seele aus, von unserer Weltanschauung, von unserem einig einzigen G'ttesbegriff und G'ttesanruf, von dem Reich unserer besonderen Pflichten, von der Reinheit unserer Gesinnung und Tat, von unserem Festhalten an der vätersttte, von unserer Moral und Ethik, von unserem wohltun und unserem Familienleben, von unserer gläubigen Ertüchtigung der Jugend, und des eigenen frommen Lebens, von unserer Thora, unserer unvergleichlichen Lehre. Das ist der archimedische Punkt, von dem aus wir die Welt aus den Angeln heben, die Welt unseres Daseins in Bewegung setzen können, von da aus lösen sich uns die Probleme von selbst und unser Kampf bewegt sich in seinen natürlichen Lahnen. Gehe hin, Jude, kämpfe diesen Kampf, erringe diesen Sieg, setz dich durch mit dieser Kraft, entfalte dieses panier, folge dieser Fahne, sei Jude des jüdischen Lebenskampfes, sei Jude der jüdischen Weltanschauung! - Korrespondenzen « Kacdriedie«. Deutsches Reich. Die nationalsozialistischen Anträge im preußischen Landtag. Berlin, 7. Juni. Noch ist die Regierung in Preußen nicht gebildet, und schon zeigen die Nationalsozialisten ihre Faust. Daß der Rundfunk j u d e n r e i n gehalten werden und der Polizeioizepräsident Dr. Weiß gehen muß, sind selbstverständliche Postulats der nationalsozialistischen Politik. Besonders kraß und widersinnig in seiner Form ist der Antrag auf ein Sch ach tu erbot. Cr bezieht sich auch auf Geflügel, das nicht geschachtet, .sondern durch Abtrennen des Kopses getötet werden müsse. Für Uebertretungen sieht der Antrag sechs Monate Gefängnis vor. Der Antrag wünscht, daß das Gesetz sofort in Kraft tritt. Die nationalsozialistischen Studenten, die im Februar Krawalle verursachten und jüdische Studenten schwer mißhandelten, wofür sie vom Schöffengericht seinerzeit Gefängnisstrafen von 4 Wochen bis 8 Monaten zudiktiert bekamen, sind jetzt vom Landgericht als Berufungsinstanz des Landfriedenbruches frei gesprochen worden. Die Haupträdelsführer erhielten lediglich geringe Geldstrafen von 50 bis 150 Mark. vor einem nationalsozialistischen Regime in Mecklenburg-Schwerin. Berlin. 6. Juni. Bei den am vergangenen Sonntag in Mecklenburg- Schwerin durchgeführten Wahlen zum Landtag haben die Nationalsozialisten, wie am Sonntag vorher in Oldenburg, die Mehrheit der Stimmen und Mandate erhalten; sie haben von insgesamt etwa 360 000 Stimmen 1*80 000 auf ihre Listen vereinigt und von den 59 Sitzen im. Landtag 30, also die Mehrheit, erobert. Auch ohne die 5 Sitze der Deutschnationalen werden sie eine Mehr-