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Der Israelit · 1932-06-09 · Heft 24 (9.6.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 24 (9.6.1932)
Date
1932-06-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 24 D'e r 3 s'i a e l i t 9.. Juni 1932 nicht mit dem Ruin tausender Juden und mit einem unübersehbaren Schaden für Lrez Iisroel enden soll, Und Sie geben ja in Ihrem Artikel auch zu, daß „in Polen ein ernüchterndes Wort zur Verhütung von Illusionen vielleicht angebracht wäre." Rur in Deutschland, meinen Sie, sollten wir „jetzt eher der Bewegung neue Schleusen öffnen." Run ist ja die Zahl der nach Palästina auswandernden deutschen orthodoxen Juden — entsprechend ihrer geringeren Gesamtzahl und ihrem kühleren Temperament — tatsächlich sehr gering und es fällt mir nicht ein, Lrez Iisroel die Kraft derjenigen unter ihnen, die ihm nützen können, zu mißgönnen. Allein, ich betrachte der Hauptsache nach den Gegenstand gar nicht unter dem Gesichtswinkel der Zahl, sondern gehe dabei im wesentlichen von der Stimmung aus, aus der heraus dem Drang nach Lrez Iisroel gefolgt wird, und zwar insofern sie nicht nur bei den Auswandernden selbst, sondern in dem ganzen Kreise, dem sie angehören, herrscht. Richt die paar orthodoxen Pioniere für Palästina stören mich — ich wäre glücklich, wenn sie Erfolge Hütten — sondern dieses gait$e zionozentrische Gesumme im orthodoxen Bienenstock und die Tatsache, daß für andere Arbeitsgebiete als Lrez Iisroel sich niemand meldet, an andere für das seelische, geistige und materielle Leben des Volkes notwendigste Vorarbeiten niemand denkt. Und insofern muß ich Ihre Bezeichnung dieser Bewegung als Rinne ablehnen und mich, in gleicher Weise wie für den Osten auch für den Westen, zu dem Ausdruck „Strom", den Sie in die Debatte werfen, bekennen. Denn es ist ein ganz gehöriger Strom, der schon viele, sehr viele mit sich gerissen hat und ich rechne es mir als Verdienst an, mich ihm entgegenzustellen. 3. Sie behaupten, verehrter Herr Schachnowitz, daß es die alte Zionsliebe sei, die diejenigen beseelt, an die ich mich in meinem Artikel wandte. Schon der Umstand, daß diese alte Liebe just jetzt, da die neue Zionsparole werbend in den Landen umgeht, erwacht ist — Sie stellen in Ihrem Aufsatze dieses Erwachen zweimal ausdrücklich fest — gibt zu denken. Doch, ganz abgesehen davon — es ist nicht möglich, den Typus der Zionsliebe, wie er unter den Orthodoxen von heute heimisch wird, bis auf die rnangelnöe Aktivität und Gewandtheit, nicht als denselben zu erkennen, der uns von den Zionisten her so vertraut ist. Cs ist nicht möglich, an dieser Zionsliebe die charakteristischen zionistischen Züge der Golusverneinung, oder wenigstens Golusbagatellisierung, der steigenden Aufsaugung aller jüdischen Interessen und Wünsche durch das eine Interesse an Palästina, des immer und immer wieder Kreisens der Gedanken um Palästina als dem Lande der baldigen Rettung aus der Iudennot, zu verkennen. Und gibt es eine bessere Illustration dieses Typs als Ihr Artikel, aus dessen „Tenor" vielleicht nicht „alle Welt", Harzburg nach wie vor der Kurort ist, in dem sich auch Ihre Glaubensgenossen wohl fühlen dürften. Aus die hiesigen nationalsozialistischen Kreise ist und wird weiter von der Leitung eingewirkt, daß jede Belästigung jüdischer Kurgäste unterbleibt. Wir brauchen wohl kaum zu versichern, daß auch die Kurverwaltung besonders bestrebt ist, jede Belästigung jüdischer Kreise auszufchalten. Bislang ist der Verwaltung" noch kein solcher Fall zu Ohren gekommen. S). S. (Rechte und Pflichten der Ausländer). Im Verlage von James Friedmann, Berlin SW. 66, Lindenstraße 36, ist soeben die Tertausgabe der neuen preußischen Ausländerpolizeiverordnung, die am 1. Juli 1932 in Kraft tritt, sowie das deutsche Auslieferungsgesetz, bearbeitet von Syndikus L. Gutmann, zum Preise von Mk. 1.— erschienen. Wir kommen auf die Broschüre, die für Ausländer von großer Bedeutung ist, zurück. Wochenkalender. vom 11. - 18. Juni 1932 / vom 7. — 14. Siwan 8693 r Samstag 11 7 E '3 ov nn Sonntag 12 8 Montag 13 9 AQ Dienstag Iun 14 10 *773 Mittwoch 15 11 na Donnerstag 16 12 Freitag 17 13 ta Samstag 18 14 na '1 'K piß ... HtM aber jeder, der kopfschüttelnd der Entwicklung im orthodoxen Lager zusieht, trotz aller Ihrer Verwahrung gegen Einseitigkeit, ein dasiganze jüdische Leben vergessendes verlorensein kn den alleinseligmachenden Jionsgedanken „herauslesen" muß. 4. Sie nehmen für die überlieserungstreuen Juden die Priorität in der Zionsliebe und Heroismus in ihrer Betätigung in Anspruch. Ganz recht, wenn die echte alte Jionsliebe gemeint ist. Aber wie sollten wir uns auch inbezug auf die neue, nach und aus dem Zusammenbruch der Iüdischkeit geborenen „Zionsliebe" der Priorität und des Heroismus berühmen können? Sie ineinen, daß heute nicht die Zeit zu warnen ist. Ich bin entgegengesetzter Meinung und.halte es gerade für meine Pflicht, wie seit langem so auch jetzt zu warnen. Ich warne vor der Gefahr, daß das Judentum selbst immer mehr aus dem Zentrum jüdischen Seelenlebens gedrängt, immer mehr an die Peripherie gerückt, ja, über diese hinaus geschleudert, aufgegeben wird. Ich warne vor der Gefährdung jüdischer Existenzen durch Versteifung auf eine unmögliche Pauschallösung für alle. Ich warne schließlich und mit nicht geringerem Rachdruck vor einer Nichtvolleinschätzung der Schwierigkeiten, die sich den zionistischen wünschen entgegenstellen. Richt, daß ich diese Wünsche als Rlensch und Jude nicht begriffe. Ich muß sogar sagen, daß sie mir theoretisch um so richtiger erscheinen, je weiter sie gehen. Cs ist doch einmal so, daß das Golus schwer und immer schwerer zu ertragen ist. Und wer wollte leugnen, daß es für uns Juden angenehmer wäre, in einem unabhängigen eigenen Staate zu leben, als die Pogrome und pogrömchen, die Schmähungen und Beschämungen von Berlin, Wien, Budapest, Warschau, Bukarest, Saloniki, Jerusalem usw. zu genießen? Aber leider kümmern sich die gegebenen Tatsachen nicht um das, was für uns angenehmer wäre. Sie sind, grausam und verbieten uns, Auswirkungen zu erhoffen, von denen keine Rede fein kann. Ich brauche diese Tatsachen hier nicht aufzuzählen, unsere orthodoxen Fastzionisten ahnen sie zumindest, wenn sie sich auch nicht sorgend mit ihnen bescyäftigen, wie dies maßvolle Zionisten schon lange tun. Ja, ich warne. Ich warne vor Ungeduld, vor Ueberstürzung, vor leerlaufender Begeisterung. Aber diese meine Warnung ist zugleich ein Rufen — ich kann die Gegensätzlichkeit zwischen dem einen und dem andern Verhalten nicht anerkennen — ein Ruf zur Geduld, zur Ueberlegung, zur gediegenen Arbeit für ein Wiedererstarken der G'ttes- und Thoratreue unseres Volkes, für Linderung unserer Golusleiden, für Lrez Iisroel. Lebenskampf und Weltanschauung. (Eine Erkenntnis und Aufrüttelung^) Von Obecrabbiner Dr. Adolf Attmann in Trier. III. Wögen sie lachen über unsere angeblichen Soldatenschwächen, sich brüsten im Totschlägen tüchtiger zu sein denn wir, sich lustig machen über unsere Offiziere und Beamten, wo es solche noch gibt; mögen sie höhnen über unsere — wie sie durchaus fälschlich behaupten —inferiore Bedeutung auf dem Gebiete des Sports und aller schöpferischen Körperleistung; mögen sie ferner verdächtigen unsere Sitten und sich als Rasse höher dünken denn wir; mögen sie Zweifel setzen an unsere gesellschaftliche Ebenbürtigkeit und bestreiten unseren Anspruch aus gleiches Recht und Gesetz; mögen sie sogar uns des Schlechtesten beschuldigen und ausfällig werden mit Bedrohung und Haß, was tut es uns, solange wir bei uns selbst nicht irre werden an uns und nicht in das gefährliche Rlinderwertigkeitsgefühl verfallen. Ob sie sich von uns eines besseren belehren lassen und annehmen unsere Widerlegung, oder — wie dag neuestens ge^ fchieht — uns nicht einmal zu Worte der Richtigstellung und Rechtfertigung kommen lassen, es berühtt nicht die Frage unseres Fortbestandes und macht uns nicht bange, solange wir in uns selbst wir selbst bleiben und nicht um Haaresbreite zurückweichen; solange wir uns leiten lassen von ueserer eingeborenen und ererbten schicksalszwingenöen Macht. Solange wir nicht von innen heraus in uns selbst zerfallen und brechen mit dem, was uns immerdar durch Feuer und Wasser, durch Rot und Tod der Jahrtausende getragen, können keine Sprengungen von außen an den Kern unseres ewigen Seins zerstörend heran. Gefahren von außen — dessen ist die Weltgeschichte Zeuge — haben noch nie ein.Volk zum Untergehen gebracht, wenn nicht ein innerer Zerfall dies bewirkte. Man denke da z. B. an das alte Griechentum und an das weströmische Reich, die nur durch die innere Zersetzung bezwungen werden konnten. Cö kann einem Volke durch Gefahr von außen nur höchstens eines geschehen, es kann ihm eine Zeitlang schlecht, oft sehr schlecht gehen. Run, dann ißt man und trinkt man und spielt man und belustigt man sich eine Zeitlang etwas weniger und mäßiger, aber man geht noch nicht zugrunde, wir Juden verstehen uns ja, wenn es darauf ankommt, auf das Fasten, wissen ja zu hungern und zu dursten und Trauer und Sorge und Leid zu tragen. Mögen Kleinmütige, Furchtgequälte und Zaghafte — es hat das immer gegeben, wir können das nicht hindern — wie es schon in der Bibel heißt, in Scheu vor dem Kampf ausweichen und zurücktreten, ihr kleines, unbedeutsames eigenes Leben und Wohlergehen, wie sie meinen, in Sicherheit bringen; mögen sie sich — wenn sie es durchaus nicht lassen können — sich von uns wenden und es uns selbst überlassen, den ruhmreichen, heroischen Kampf um unseren Bestand zu führen, wir werden schon auch selbst noch fertig werden und, wenn es fein muß, auch mit den wenigen Kampfesmutigen, die uns noch übrig bleiben, wie einst Gideon und Saul, die heilige Sache der Gesamtheit führen und uns als *p5r als die Rackenfesten im guten Sinne bewähren. Jene aber, die verhetzt, verängstigt und verblendet sich in die Selbstflucht jagen und schlagen lassen,'. sich ihrer Wehrhaftigkeit als Juden begeben und aus der Rot der Zeit und ihrer Gemeinschaft Bedrängnis heraus Konsequenzen der Charakterschwäche ziehen, werden es noch genug zu erfahren haben, welchem Irrtum sie gerade für sich selbst zum Opfer fielen und wie gründlich sie sich verrechnet haben. Man kommt nicht ungestraft an einer Unnatur vorbei. Das rächt sich und muß sich irgendwie und wann rächen und sogar fürchterlich rächen. Man taucht nicht mit einem Brandmal, einem Kainszeichen auf der Stirne unter, ohne erst recht erkannt zu werden. Man kann den gelben Fleck sich nicht vom Rocke reißen, wenn man sich selbst dafür ein Schandmal des Verrates und der Fahnenflucht anmalt. Und meinst du es nicht zur Schau zu tragen, o, die anderen tragen es schon für dich zur Schau. Sie legen heutzutage selbst dieärgerniserregenden Zeichen an, dich an dein Iudefein zu erinnern. — Rehmen wir an, sie geben einmal los, dem Juden sein Schicksal zu bereiten, so werden jene, ihm nicht entgehen, die sich in feiler Selbstpreisgebung von uns geschlichen. Rehmen sie doch — wie die Erfahrung lehrt — sogar Richtjuden nicht aus, wenn diese ihnen irgendwie in die Retze kommen, geschweige denn, daß sie die Juden nicht ausnehmen werden, die so tun, als wären sie keine. — wie erzählt doch die Parabel von Rabbi Akiba und Papos. Eine feindliche Verfügung hatte die Beschäftigung' mit der Thora verboten. Rabbi Akiba scherte sich nicht darum. Dem Juden die Thora verbieten heißt ihm das Atmen verbieten, was den Fischen das Wasser und allen Lebewesen die Luft, das ist dem Juden die Thora. Also atmete er und lernte die Thora. Papos aber, ein Jude anderer Beschaffenheit, fürchtete die Gefahr und sagte sich von der Beschäftigung mit der Thora los. Aber er wurde als Jude trotzdem anöeretwegen gefangen gesetzt und gleich Rabbi Akiba gequält und gefoltert. „O, Akiba," rief er in bitterem, enttäuschtem Weh, „wir müssen doch schließlich beide leiden. Aber du leidest und weißt warum und triumphierst dabei und ich leide ohne Genugtuung zu haben und ohne einen Sinn dabei zu verspüren." Vielleicht schon zu spät, vielleicht aber auch noch nicht, geht jetzt — der scharfe Beobachter kann es bemerken — trotz aller Wirrnis der Lage, oder gerade infolge der Wirrnis der Lage, eine einzigartige fürchterliche, aber zugleich lichtblitzartige Erkenntnis durch die Reihen der entjüöifchten Juden. Sie erkennen, oder fangen an zu erkennen, wie wurzellos sie sind, wie sie haltlos ins Nichts treiben. Ein Gefühl der Leere und Oeöe steigt in ihnen auf, ein Empfinden, doch eigentlich nirgendwohin zu gehören. Der Schrecken der Wurzellosigkeit erfaßt sie und sie können es sich

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