Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1932)
- Date
- 1932-06-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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keiner, so er noch etwas entbehren kann, hat das Recht, die Front der Kämpfer gegen die Rot eigenmächtig zu verlassen, will er nicht als p 02 nsnsmn den Fluchder Generationen auf sich laden. Aber keiner, den ein tragisches Geschick unvermutet in eine andere Lebenslage gebracht, darf sagen: Ich kann nicht! Man kann anders leben, als man zu leben gewohnt war und sogar glückhaft die Ueberwindung und HmfMung empfinden. Rücksicht auf die Kinder, auf die Umwelt? Die Kinder haben in einer Zeit, da die Jugendbewegungen zurück zur Ratürlichkeit und inneren Ehrlichkeit rufen, am ehesten Sinn und Verständnis für die Umstellung, ja sogar Freude an vereinfachter, von Kulturauswüchsen befreiter Lebensweise. Mit inneren jüdischen Werten statten wir sie aus — und sie werden uns danken! Und die Welt draußen? Es ist eine alte st ü rz e n d e Welt, die, dem alten vielgebrauchten Spruche zum Trotze, doch noch in der Armut eine Schande sieht, verdient keine Rücksicht! Die neue-moderne Welt denkt anders. Unsere jüdische Welt dachte schon immer so. Cs tuschelten die Rachbarinnen: „Ist das die Raami?" Sie aber, die reiche Besitzerin von früher, wandelte erhobenen Hauptes durch die Reihen und hatte den Mut, den mitleidigen Blicken stolz mit den Worten zu begegnen: „Richt heißet mich Raami, nennet mich M a r a, denn bitter gestaltet hat der Allmächtige mein Los . . ." Und der Mut reiche noch weiter, über die gebotene Vereinfachung der Lebensweise hinaus: Wo unverschuldete drückende Rot einen in die Lage bringt, das vielleicht sich in vielen Jahren in seinem Buche angchäufte Zdockokonto zum Teile abzuheben, so ist es fein gutes Recht — vielleicht sogar seine Pflicht — so verschwiegen, wie er allezeit gegeben, jetzt diskret in die sich ihm entgegenstreckendc helfende Hand einzuschlagen. Keiner hat das Recht, in der stolzen Vergangenheit schwelgend, s i ch die Möglichkeit einer Wiederaufrichtung und den Kindern das Brot zu entziehen. Was wir geben und was wir nehmen, es ist höhere Anleihe, bi pin n Man kann es, wenn man die Brücken zum Wiederaufstieg nicht abbricht, später mit Zinsen und Zinseszinfcn zurückzahlen, „denn nie wird der Dürftige aus dem Lande schwinden ..." Wir wären vielleicht — wenn wir mit den weisen aus der Ruthgeschichte die Lehre ziehen, daß sich der Menschenwille der g'ttlichen Vorsehung zur Verfügung zu stellen hat — um die Psalmen Davids und um unsere Moschjachhoffnung ärmer, wenn Raami es stolz verschmäht hätte, die Schwiegertochter zur Empfangnahme ihres Armenteils auf das Feld von Boas zu schicken, und wenn sich diese geweigert hätte, der Rotmaßnahme der Schwiegermutter zu folgen!_ Dienst am Volke, Pflicht gegen die Gemeinschaft! Die Gemeinden als solche, die Institute, die Wohlfahrtsstellen leiden bittere Rot. Richt zuletzt die Lehrhäuser, die Duellen unserer geistigen Kraft, in den Ostländern, die musterhaften Institutionen des alten Iifchuw in Palästina. Die Wirtschaftsnot hat auch den Weg über 6en Atlantus gefunden und in Amerika, das bis dahin mit Herz und Hand den Brüdern in den Ländern der Rot utrd ihren lebenswichtigen Institutionen beigestanden hat, die Hilfsquellen ausgetrocknet. Die Rot der Gemeinden und Institutionen resultiert aber, richtig gesehen, letzten Cndes nicht allein aus der Verarmung der Massen, sondern zum guten Teil auch daher, weil die noch Besitzenden im Gedanken an den früheren noch größeren Besitz nicht mehr die Kraft zur gleichen Leistung wie bisher aufbringen können. Cs kommt in vielen Fällen auch daher, daß viele die allgemeine Rot, die sie selbst wenig oder gar nicht zu spüren bekommen, als willkommenen Vorwand benutzen, um sich ihrer — gesteigerten — Pflicht zu entziehen und den Dienst an der Gemeinschaft zu versagen. Line f a Ische Träne, sagt ein altes Midraschwort, ist eine falsche Münze, und wer mit solcher zu zahlen sucht, ist ein F a l s ch m ü n z e r und macht sich schwer strafbar. Das aufgeschlagene alte Buch Ruth sollte allen am Tage der Gesetzgebung eine Lehre und eine Warnung sein. Der „Mann" Climelech hatte wohl viele Tränen für die Rot seiner Zeit, aber weder den Mut, noch den Willen, sie bei den anderen zu trocknen. Lernen wir von ihm, wie man es n i ch t machen darf! Man lerne aber auch, wenn es sein muß, gleich Raami und Ruth die auf dem jüdischen Felde der Liebe gereifte Cckenfrucht nicht zu verschmähen — bis man wieder selber seinen Acker bestellen und dessen Ccke für andere stehenlassen kann. Mut zur Armut-' Mut zum Kampf gegen die Armut! Wochenrundschau. Zwischenlösungen in Deutschland — und die Juden. Die Dinge, die jetzt in Deutschland Vorgehen, geben uns Juden schwer zu denken und zu sorgen.' Das Kabinett Brüning ist heimgeschickt, der R e i ch st a g aufgelöst. Das neue Kabinett ist eine Zwischenlösung. Wie der kommende Reichstag aussehen wird, läßt sich nach den letzten L än'd erwählen leicht voraussehen. Die Preußenwahlen haben den Rationalsozialisten im führenden Staate Deutschlands eine Macht in die Hand gespielt, die sic zwar vorerst nur benutzen, um den Gegnern im Parlamente blutige Schlachten zu liefern, die sie aber auch noch anders zu gebrauchen hoffen. Im kleinen O l d e n b u r a und nunmehr auch in Mecklenburg stehen die Parlamente ganz im Zeichen des Hakenkreuzes. In Hessen, wo bisher schon die Hitler-Leute die Bänke des Landtages besetzt hielten, werden die am übernächsten Sonntag stattfindenden Wahlen, nach aller Voraussicht, ihre Reihen noch vermehren. Die Regierungskrise im Reiche bringt die für uns Juden bedauerliche Tatsache, daß das Zentrum aus der Führung und Verantwortung ausscheidet und in Oppositionsstellung gedrängt wird. Damit beginnt erst die nationalsozialistische Gefahr für uns — und nicht zuletzt für das Reich — eine wahre Gefahr zu werden. Denn, müßte man, was eine gütige Vorsehung verhüten möge, nach der sogenannten „Zwischenlösung" eine radikale Rechts regierung ohne Zentrum erwarten, d. h. die Herrschaft des wilden Chauvinismus ohne Ausgleich und Gegengewicht durch das Clement der Vernunft und Gerechtigkeit, dann hätten wir allen Grund, um das Schicksal Deutschlands, in erster Reihe um das Schicksal der deutschen Juden uns die schwersten Sorgen zu machen, dann wären auch die Sorgen, die sich das Ausland schon längst um uns macht und die wir für übertrieben hielten, mehr wie gerechtfertigt. Auf einer Pressekonferenz, die die kundigen Männer des Z e n t r a l v e r e i n s dieser Tage in Berlin abhielten, wurde diesen Gedanken, Besorgnissen und Befürchtungen Ausdruck verliehen, ohne daß die Herren sagen konnten, was geschehen sollte. Cs gibt Optimisten, die ein Abebben der nationalsozialistischen Welle für absehbare Zeit voraussehen. Alle Anzeichen der letzten Zeit zeigen aber eher Hochflut an. Andere geben sich den Hoffnungen hin, daß die Rationalsozialisten, einmal zur Macht und Verantwortung gekommen, nicht so heiß essen würden, wie sie heute kochen, und auch im I u - denpunkte mit sich reden lasten. Demgegenüber sei auf die „Loxheimer Dokumente" hingewiesen, die, so wenig wie ihr Urheber, Dr. Lest, von der Zentralleitung der R. S. desavouiert wurden. Diese Dokumente enthalten das „Zehngebot" der antisemitischen Bibel, mit dem obersten Gebote: „Juden raus!" Umgekehrt ist zu beobachten, daß seitdem die R. S., trunken von ihren Wahlsiegen, Oberwasser spüren, ihre scharfe Sprache von früher wieder ausgenommen haben und den Judenhaß in den Zentralpunkt ihres Programmes stellen, welche Früchte die Verhetzung Gedanken und Bemerkungen zu NN Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. I. Oft genug ist erörtert und auch beantwortet worden die Frage, warum wir nach der Anordnung unserer Lehrer am nwas?» das wir doch als das erhabene Eeburtsfest unserer Religion ansprechen, gerade die Erzählung von den Schicksalen der Moabiterin Ruth, dieses schlichte ländliche Idyll, lesen. Wenn mir all' die Bilder, die beim Lesen dieser anmutsvollen Schrift an unserem geistigen Auge vorüberziehen, mit Aufmerksamkeit betrachten und Licht und Schatten in gleicher Weise überdenken, dann will es uns scheinen, daß gerade diese Wahl hohe Weisheit unserer Weisen bekundet. Wo wir durch die Festesfeier uns den Ideenreichtum unseres Judentums zu Bewußtsein bringen, soll uns auch praktisches Judentum gezeigt werden. Wir dürfen es niemals vergessen und ganz gewiß nicht am Feste der heiligen Thoraüberantwortung, daß nur dann unser Glaube echt und wahr ist und uns krönt und adelt, wenn er uns zur Gestaltung unseres Lebens wegweisend Führer wird. Ist der Glaube die Wurzel unseres Judentums, so ist dessen Blüte und Frucht ein in strengster Pflichterfüllung vollbarchtes vom Geiste unserer Lehre erfülltes Leben. Es ist sicher nicht richtig, wenn wir aus unserem Judentum jedes Dogma ausschalten, ebenso widerspricht es aber dem Geiste der Sinailehre, in dem Glauben allem das Ziel, den Sinn und das Wesen unseres Bekenntnisses beschlossen zu wähnen. Unser ganzes Leben und Weben unterstellen wir dem Diktat des Thorawortes, wie wir unser Sinnen und Denken und unser Wollen und Verlangen läutern durch den Offenbarungsglauben, den der Tag vom Sinai dem aufhorchenden Israel zum Segen der ganzen Menschheit gebracht hat. II. Der ganzen Welt zum Heil. Das haben längst unsere Lehrer mit allem Nachdruck hervorgehoben. In der Wüste, die herrenlos ist, an der ein jeder Anteil hat, hat G'tt seinen Willen kundgegeben und Israel zum Verkünder seiner miri bestellt, des zum Zeichen: rw' bapb nxnn iw jeder, der will, den sein Herz dazu treibt, komme und schöpfe aus dem unversiegbaren Born der Heilslehre. Diese so bedeutsame Anschauung unserer Lehrer, die am besten den weltumfassenden Charakter der Offenbarung bezeugt und Israel im Priesterschmucke seines Lehrberufes inmitten der Menschheit zeigt, wird durch die Wahl des Buches Ruth für unser erhabenes nwv außerordentlich bekräftigt. An den Namen einer Fremdstämmigen als Stammutter des davidischen Königshauses knüpfen unsere erhabensten Erinnerungen und beseligendsten Hoffnungen au. Ruth, die in der Umgebung ihrer Schwiegermutter das Judentum lieben und verehren gelernt und aus freiem Willen als das höchste Sehnen ihrer Seele das Verlangen in ihrem Herzen trägt, den G'tt Israels, den Einig-Einzigen zu bekennen und mit aller Glut und Begeisterung ihres Inneren zu verehren, findet wahrlich nirgends mehr Zurückweisung, nachdem die Reinheit und Heiligkeit ihres Strebens in mutigem Ausharren erprobt ist. Alle begegnen A)r mit Liebe und Verehrung und segnen ihre Treue und Hingebung, brs sie zum Lohn für ihre edle wahrhaft jüdische Weiblichkeijt eines wackren Mannes ebenbürtige Gattin wird. Wir kennen und wollen kein Proselytentum, das aus der Macht der Ueberredung oder gar der Verfolgung erzeugt wird. Die Wahrheit unseres Judentums .ist machtvoll genug, um sich selbst den Weg zu den Menschenherzen zu bahnen. Diese Ueberzeugung festigt in uns dienm.n^v am Feste unserer Erwählung und Berufung. HI. Das jüdische Haus ist die Reimzelle des als Träger des G'ttenofsenbarung geheiligten jüdischen Volkes. Im Mittelpunkte der für das wahrhafte unverfälschte Judentum zu begeisternden Familie soll das Wirken der Frau stehen, die als Priesterin der G'ttesfurcht unverdrossen wallet. So will es das G'tteswort, das von Moses ergeht: 2ps' n»Kn iw, „So spricht zum Hause Jakob", zu den Frauen, die die Trägerinnen und Erhalterinnen der jüdischen Ueberlieferungen sind, daß im Hause Elrmelechs dieser Geist nicht waltete, dieser Richter sich die Herrengewalt auch da anmaßte, wo die liebevolle Noami mit der Weichheit ihres Herzens und der Tiefe ihres Gemüts hätte walten sollen, das wurde dem ganzen Hause zum Verhängnis. Um in der Stunde der Not, die er als g'ttgesegneter begüterter Mann wahrlich nicht empfand, dem Anstürme der Notleidenden und Hilfesuchenden zu entgehen, wandert er aus zu einem Volk, bei dem Lieblosigkeit und Ungastlichkeit Merkmale seines Wesens sind, ov t>;v>i - isi'i „Sie kamen — und sie waren dort!" Sie fühlten sich dort heimisch — gar nicht wesensfremd. ’öm v'rr nv'i Da starb Eliomelech der Mann der Noami. Der Mann an Unrechter Stelle und zu unpassender Zeit! Das brachte ihm und seinem Hause Unheil und Verderben. In ihrem Unglücke, in ihrer Vereinsamung nvrrn -uwm da die Frau allein zurückgeblieben