Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1932)
- Date
- 1932-06-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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_ 9. Juni 1932 Frankfurt a. M., den —rm^rwär Ein Centralorgan (Or das orthodoxe Judentum Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Nr. 24 Abonnement ab Juli 1939: Deutschland ILO Mark monatlich; Ausland: Vterteliahrpretse (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Berfandes) Deutsch-Öfterreich.' Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Frankreich 35 Fr.; Belgien ab 4.7.27. Belga6. Holland 2fl.; Italien ab 4.1.28.48 Lire; Ingoslavien 85 Din.; Litauen 7.50 Sit; Rumänien ab 1. 7. 27. 150 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 25 Kronen; Ungarn Pengö 6 ab 1. Juli 1937; Dänematf 3.50 Krön.; Norwegen 8.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate —.... ... Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen x- Die 75 mm breite Reklamezeile: letzte Textseite 3.— Mk., vorletzte Tertseite 350 —, Ehiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Inserataufträgen tarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a. M , Rechneiarabenstratze 7, Tel. Hansa 21084 sow. durch sämtl. Annoncen-Exped. d. In- und Auslands. Alleinige Jnseratenann. für Franks. Geschäftsanz.: Jul. Schmidt. Ostendstratze 83 Tel. 45866. Platzvorschr. ohne Verbindlich!. Zahlungen direkt Ar den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 49803. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr.7960ö. — Poftsparkassenamt Budapest Nr. 48424.—Postscheckkonto Warschau Nr. 490757. - Postscheckamt Zürich Nr. VIII7354. — Postscheckamt Amsterdam Nr.34889 - Postscheckamt Prag Nr. 79.060 — Rumänische Kreditbank Bukarest und ihre samt!. Filialen Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten stch ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat Juli Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G. m. b. H,, Frankfurt a.M. Der Mut zur Armut. Auf einer Versammlung des Frauenbundes in Münster ist dieser Tage ein gutes wort gefallen: Man muß heute den Mut zur Armut aufbringen und den Kindern durch wort und Vorbild klarmachen, daß in Entbehrungmaterieller Güter jüdische Werte den anderen Schätze nderErdemindestens gleichkommen; sie weit übertreffen, wollen wir hinzufügen, jrl. Berta pappenheim, die unermüdliche, und Herr Dr. Kronheim prägten das wort und deuteten es im Sinne der Zeit und ihrer Forderungen. Uns, die wir das Talmudwort kennen: rrni^v nrr' VtW’V: die wir uns gerade in diesen Wochen von der Väterweisheit belehren lassen: itfsra nwpb is'iv ’jiy» minn m? o«pan b> besagt das Wort gewiß nichts Neues. Man hat im Judentum wohl nie das Glück der Askese und die Alleinseligmachung der Armut gepredigt, man hat von der Prüfung des R e i ch t u m s und der A r - mut gesprochen und die eine so schwer wie die an-, öere genommen, |nn bx nwi n- Man hat uns aber niemals im Zweifel darüber gelassen, daß Armut keinen Freibrief für die Preisgabe religiöser und menschlicher Verpflichtungen ausstellt, daß Lesttzlostgkeit uns nicht berechtigt, dem Leben zu entsagen, auf unseren Anteil an des Lebens gebotenen Freuden zu Verzichten, uns seinen Aufgaben zu entziehen und uns so selber mttteriell und geistig zu deklassieren. Rabbi Iosua „zwischen den geschwärzten wänden seiner Werkstätte ein armer Ragelschmied, ist ein Fürst im Reiche des Geistes, wenn er im Lehrhause seine! Meinung vor dem Basst vertritt. „ Hillel verpflichtet die Armen . . ." Wieder schlagen wir an unserem Feste, in einer Zeit, die von allen anderen Geräuschen eher als vom ©inalöomter durchzltterl ist, das alte Buch auf und das stille Idyll auf den Feldern vor Bethlehem tut stch uns wie eine grüne liebliche Insel mitten in der wilden Brandung des Weltenlebens auf. Was ist uns das Buch Ruth angesichts unserer Zeit und ihrer wehen? was besagen uns seine stillen handelnden und leidenden Figuren in den Tagen, da die Ströme des Lebens fluten und alles, was noch vor Jahren materiellen, geistigen und sittlichen wert hatte, mit Hinunterreißen? Das zweitauscndjährige Buch predigt im. Grunde nichts anderes als das, was uns die Rotzeit heute mit zwingender Gewalt auförängt: Mut zur Armut! Das Buch erzählt uns zuerst die Tragödie einer jüdischen Patrizierfamilie in Bethlehem in Judäa, die den Mut zur Armut nicht aufbringen konnte und die Flucht ergriff, die Flucht vor der Armut, die Flucht aus sich selbst. Und im zweiten Teile den glücklichen Ausgang einer Schicksalsverkettung im Leben stiller Helden, deren Heldentum einzig darin bestand, daß sie im gegebenen Momente den Mut hatten, das schwere Los auf sich zu nehmen und das Kleid öer Armut in Ehren zu tragen. wie uns schon der Cinleitungssatz heute so lebensnah anspricht. „Und es war in den Tagen, da man die Richter richtete" v'vLw.n in einer Zeit politischer Wirren und geistigen Zusammenbruchs, da Vertrauen gewichen, Liebe eine Schande und Erbarmen ein Verbrechen war. Wirtschafts not geht stets mit der Krise des Geistes und der Moral Hand in Hand, pKn 2p vm- Cs war Hungersnot im Lande. Richt bei Ramen genannt wird im .ersten Satze der a n g e s e b e n e M a n n aus Bethlehem in Judäa ('121 onb rpaa v' rr ^'i> der glaubte, mit Familie dem Elende dadurch zu entgehen, daß er ihm, klein und vertrauensarm, das Gesicht abwanöte. Cs sollte vielleicht die Flucht aus der grauen Armut des heiligen Heimatlandes in aller Stille vor sich gehen. Bei Leibe keinen Ramen nennen, kein Wesens daraus machen! Rach den Feldern M 0 a b s geht der weg, dem Lande der klassischen Lieblosigkeit; zu dem Volke, das einstens für das vorbeiziehenöe Brudervolk keinen Bissen Brot und keinen Schluck Wasser hatte. Mit zwei drei Sätzen ist das Schicksal der Familie kurz, lapidar und grandios gezeichnet. Verarmung, Assimilation der Söhne bis zum geistigen Untergänge, Tod — und Schluß! Der Rame Climelech, im ersten Satze im Zusammenhang mit Rot und Hunger seiner Brüder nicht genannt, ist gestrichen aus der Geschichte, verschwindet in der Versenkung, was folgt, ist, auf heitererem Grund, die Geschichte von Menschen, die es bester verstanden und anders m achte n. R a a m i und Ruth verlassen die üppigen Felder Moabs, um stch nach dem „Hungergebiet" in Judäa, das ihre Heimat ist, die richtige Heimat der Alten und die Wahlheimat der Jungen, zu begeben. Rach dem Tode der Männer ist das Familienwappen geändert, es zeigt den M u t zur Armut und den Drang zuden jüdischen Schätzen d e r H e i m a t, die alle Schätze auf den blühenden Feldern Moabs aufwiegen. Im Gewände der Armut hinter den Schnittern auf dem Felde des Boas, ist die junge Ruth immer noch eine Königstochter, und aus der jüdischen Liebe, die auf dem jüdischen Felde in Form der Institutionen der „Rachlese" und des Armenanteils an der „Feldecke" wie die Blumen einer höheren Menschlichkeit blühen, erwächst ihnen, der Jungen und der Alten, das Heil. Der der Annehmer nach jüdischem Gesetz, das keinen Enterbten und keinen Cnteigneten duldet, ist nahe. Stilles Heldentum ringt in bettelnder Armut nach höchsten jüdischen Geistcsgütern und ist von glorreichem Siege gekrönt. Im Stolze der Armut zieht die Fremde in die Hallen unseres Volkstums ein und wird die Urmutter Davids, des Sängers der Armut und des Leides, die Urmutter M 0 - schiachs, der, „ein Armer auf dem Esel reitend", zu uns kommt. Vielleicht ist der ->vn in diesem Zusammenhänge Symbol und Sammelname für alles Irdische, Materielle, Stoffliche, deren Ueberschätzung die Welterlösung aushält.' U n - ser Erlöser ist treues Kind seiner Mutter, sitzt über dem irdisch A n i m a l e n und läßt das Heil aus ö e r A r m u t erblühe n. Man sollte, in diesem Jahre besonders, das ewig schöne und ewig wahre alte Buch im Lichte des Zeitkommentars zu verstehen suchen, es könnte uns zum Stabe und zur Stütze werden in einer Zeit, da alles um uns wankt und zusammenzustürzen droht. M u t! Ein Doppelruf an die Climelechs auf der einen, an die Raamis und Ruths auf der anderen Seite! Mut, der Rot ins Gesicht zu schauen und unter (Opfern den Kampf gegen sie aufzunehmen! Mut, das Los der Armut zu tragen, in Würde zu tragen und durch Vereinfachung der Lebenshaltung erträglich zu machen, ja, wo es nottut, sogar Hilfe nachzusuchen, ohne das Gefühl der Degradierung aufkommen zu lassen!