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Der Israelit · 1932-06-02 · Heft 23 (2.6.1932) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 23 (2.6.1932)
Date
1932-06-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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:-i Hl M lli Seite 10 Nr. 23 „Man kann nur Koscherfleisch haben." „Wird die Küche sonst rituell geführt?" „So, so, wir sind keine Chasstdim". „Und wie steht es mit gern Sabbat?" Die jungen Menschen kommen ins Feuer. Ihre Sprache, bis dahin ein Gemisch aller Galuthsprachen, geht ins reine Hebräisch über. Ein Lied wird aus den Sabbat angestimmt, dessen Text ungefähr lautet: „Am Freitag nachmittag ertönt das Signal, und die Arbeit ruh t." Ich bin glücklich, denen von unserer Gruppe, die Hebräisch nicht beherrschen, es wörtlich übersetzen zu können. „Awal, aber . . ." beginnt der Wortführer seine Angabe zu interpretieren, gewissermaßen zu rechtsertr»- gen: „Lo leschem Dath, nicht aus religiösen Gründen..." „Haß miledaberl", falle ich ihm rasch ins Wort. Schulter. So, mit dem Schmucke des echten Beduinen, wollen sie sich im Bilde sehen, sie haben sonst, wie es scheint, nichts Böses im Sinne. Aber unangenehme Vor stellungen werden bei mir wach, Vorstellungen von He bron, Moza. Indes bic, Kamera gezückt wird, bin ich schon ganz in der Nähe der Kette und der englischen Uni form . . . Ich kann von hier aus noch beobachten, wie gleich nach der Prozedur ein lebhafter Raufhandel unter den Gesellen um den Backschisch, — denn sie konnten nicht umsonst Modell stehen, — im Gange ist. Unsere Photographen haben nämlich ein kleines _ Kränzchen von durchlochten Halbpiastern, Kameoth zum m::Zun° hören. Laßt uns! Schutze gegen böse Geister an den Baum gehängt und Ä"Ä ÄÄ Ä V. »d zweij ftÄWSLÄ stößt.. Ein Anderer hängt ein blitzendes Beil über dis, teressant, aber wenig angenehm, aus diese Weise biblische (S rill i n« ITZ UAII V fy J * .6 . fl CYV _ v «_! /n .f Y.* f.i. r? c«. ° r / 1 ' * hundert junge Juden am Toten Meere den Schabbat halten! . . ." In Jericho. Erfrischt und geläutert, fahren wir weiter, nach Jericho. Die Ebene belebt sich. Grün schimmert es zwischen dem Grau der Steine hervor. Eine Dattelpalme ist zu sehen, noch eine und noch eine. Weiße Zelte und davor schwarze Ziegenherden zeigen die Oase an. Jetzt, fließt ein lieblicher Teich. Irgendwo in dieser Gegend ist G i l g a l, die erste Station, da die Stämme unter Josua nach der nassen Fahrt über den Jordan zuerst Rast machten. Nun fahren wir schon zwischen den Häusern des alten Jericho. Lauter konnten die Posaunen zum Einsturze der Mauern nicht geschmettert haben, als die Hupe unseres Wagens, um die Mauer der Kamele, hatten wir Unruhe in die Schar getragen, Transjorda nien stand, soweit wir es von der Grenze überblicken konnten, in hellem Aufruhr Einer in unserer Mitte, natürlich wieder der junge Rabbiner an der Schweizer Grenze, also ein Mann, der im Grenzverkehr einige Routine hat, ist nicht zufrieden Der Uebergang über den Jordan nach Transjordanien ging ihm viel zu glatt und reibungslos. Wer wird es ihm in seiner Gemeinde glauben, daß er „jenseits des Flusses" war, wenn im Paß kein Vermerk und kein Stempel von diesem Abenteuer zeugt? Also geht er ins Brückenhäuschen und läßt sich seinen Paß mit Stempel und Wappen Abdullahs bemalen. Kostet ... Da hat aber Transjordaniens Außenpolitik und Grenzschutz nicht mit der Schlauheit und Pfiffigkeit eines jungen Rabbiners, der das ganze Jahr „ben'Hamzorim" zwischen zwei Esel, Schafe, Ziegen und der dazu gehörigen braunen, (A^ii^n lebt, gerechnet. „Augenblick!" kramt er in der und schwarzen Gesellen zu durchbrechen. Ern lasche, geht hinaus, ein rascher Sprung und hinüber ist Brunnen unter Palmen, und wieder Palmen, Ulmen s über die Kette . . . „Habt mir was! . . ." Ist nach und Orangen. Einige Häuser sind weiß ^esknch^st j Erez Israel geflüchtet . . . Ein Auslieferungsverfahren wurde bei den nicht allzu freundlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern hüben und drüben nicht eingeleitet. Die Vürenmütze auf der palästinensischen Seite lacht schadenfroh. Sogar der Engländer läßt sich zu einem breiten Lächeln herab. Ein Zwischenfall. Ailf dem Rückwege sehen wir uns auch kurz die Ausgrabungen von Jericho an. Sehen — ist zuviel gesagt. Wir klettern einen mühsamen Weg hinauf, wobei wir dauernd Gefahr laufen, in eine der vielen Sandgruben hineinzufallen und nach tausend Jahren selber ausgegraben zu werden, kommen durch einen dunklen Höhlengang, der stark an einen Schützengraben erinnert, und sehen — nichts. Die Diener und Führer bekommen ihren Backschisch, fordern noch mehr, also alles wie sichs gehört, und wir können weiter fahren. Zurück nach Jerusalem. Wieder nimmt uns eine trostlose Steinwüste auf. Kein Baum winkt uns Schatten und kein Vogel singt uns zum Gruß. Es summen keine Käfer und zirpt keine Grille. Heiß brüten die rauhen Felsen in der tropischen Sonne. Da denkt sich der Wagen: was zu viel ist ist zu viel, und bleibt mitten auf dem Wege zwischen zwei Steinwüsten stehen. Unser guter Hausmann redet ihm gut zu, wie einer störrischen Kuh, auf Hebräisch und auf Jiddisch, vergebens, keinen Schritt weiter. Wir haben auch kundige Fahrer in unserer Mitte. Ihr Führerschein imponiert unserem Autobus nicht im Geringsten. Wie Bileams Eselin steht er mitten im Wege und rührt sich nicht, als stände ihm ein Engel G'ttes im Wege. Sagt verstärken den heiteren Ton der Landschaft. Sonne liegt über Jericho und gleich hinter den Häusern leuchtet in grünem Gold der Fluß auf. Wir sind am Jordan, ohne welchen uns Erez Israel bis dahin noch nicht so vollkommen zu Bewußtsein kommen konnte. Der Fluß ist nicht größer als der Main, seine Strömung ist gemächlich und, wie seine Ufer, sanft, grün und lieblich. Man hat sich den Jordan größer, breiter, stürmischer, reißender vorgestellt, aber man steht davor und spiegelt sich im klaren Wasser und weiß auf einmal: der Strom, der das Land G'ttes umsäumt und zum Teil durchkreuzt, kann nur so und nicht anders aussehen, nicht anders fließen. Ueber diesen Fluß zog Vater Jakob, den Wanderstab in der Hand. Etwas weiter zeichnen Riffe den Weg, den die Stämme Israels unter Josua, die heilige Lade voran, geschritten sind. Hier,, unter der Palme vor der Mauer, die bald fallen sollte, werden sie ihre Füße in der Sonne getrocknet und in Liedern G'tt gedankt haben für die glückliche Ueberfahrt ... Heute ' hätten sie das alles nicht mehr nötig. Eine schöne Brücke mit geschwungenen Bogen aus Beton führt über den Strom. Wir gehen hinüber, ohne Eile, bedächtig. Die Minuten, in denen uns gegönnt ist, ins heilige Wasser rechts und links zu schauen, müssen langsam und genießerisch ausgekostet werden. Drüben ist großer Betrieb. Eine Grenzkette ist gezogen und davor zu beiden Seiten Polizei und Soldaten, in der phantastischen Tracht der Beduinen, mit der furchterregenden Bärenmütze auf dem Kopf oder dem würdigen Turban. Auch einige Engländer in Gelbgrau, bewehrt und umgürtet, sind dabei. Auf der anderen Seite beginnt ein neues Land, Ostjordanland, das Land seiner kleinen Majestät, des Kalifen Abdullah. Dürfen wir hinüber? Drüben in Transjordanien. Geschichte an sich selber" zu erleben Aber da, nach zwei Stunden etwa, taucht der Engel auf, es ist unser guter Hausmann, der, wie vom Wind getragen, auf einem Kraftwagen dahergerast kommt. Die rettende Quelle ist auch da, in der Form einer großen, bauchigen, vollgefüllten Benzinkanne. „Hallo, Hedad, Hurra!" Nach einigem Laborieren setzt sich unser Vehikel in Bewegung und unser Hausmann hat den Ehrgeiz, alles wettzumachen, die Ehre seiner Gesellschaft, die sich „Hamahir,, nent, zu retten. Bald haben wir alle Kamele, die am Wege grinsend und erhobenen Hauptes an uns vorüberzogen, überholt. Und abends können wir in Jerusalem, auf der Veranda des Hotel Amdorsky, im Anblick der zwischen den Hügeln schlummernden heiligen Stadt, bei einem Glas aus Richon Lezion über den Zwischenfall, der schließlich zu einer Orientreise gehört, herzlich lachen. —&• (Fortsetzung folgt.) Der Pogromheld auf dem Sinai. Der Schriftsteller und'Gelehrte Zwi ft asb tu ist ein Weltreisender, der uns in seinen Büchern tn-ia roVan und to-p» Grütze von den Juden aller fernen Länder bringt. In seinem neuesten Werke 'rw schildert er seine Erlebnisse am und auf dem Berge Sinai. Eine Episode sei hier wiedergegeben: Wir schlugen unser Nachtlager, erzählte ftasdai, unter Dattelpalmen auf. Rund herum herrschte tiefe Stille, nur vom Plätschern der Vergquelle unterbrochen.. Plötzlich erschauere ich, es macht sich jemand draußen am Zelttuche zu schassen. Schon wollte ich Lärm schlagen, da aber höre ich eine weinerliche Stimme 'in russischer Sprache: „Ein Sohn Israel, mach auf." „Was treibt Ihr hier mitten in der Nacht?" wollte ich den Mann von dannen weisen. Der Russe machte keine Anstalten zu gehen. „Nur für einige Minute", flehte er, „erlaubt mir in Euer Zelt zu treten, ich habe Euch eine wichtige Sache anzuvertrauen. Jetzt erst schlug ich den Vorhang zurück und sah beim Zwielicht der Laterne einen wahren Riesen vor mir, eine breite kosakische Gestalt von großer ftraft. Kaum, daß der Russe mich erblickte, warf er sich zur Erde. „Verzeiht teurer Jude, Sohn des auserwählten Volkes. Schwer habe ich gegen Euch und Eurer Religion gesündigt. Vergebet!" Und nach einigem Schweigen: „Ich habe meine Seele dem Teufel verkauft, habe viele Juden ums Leben gebracht. Verzeiht mir, Sohn Israels, für die alle..." Ich suchte ihn ein wenig zu beruhigen. Und als mir dieses einigermaßen gelang, erzählte er mir, daß er mehrere Pogrome gegen Juden in Rußland mitgemacht hatte. Er schilderte einzelne von ihm begangene Grausamkeiten, die uns erschauern machten. „Und nun", schrie er wie im Wahnsinn, „stehen die Toten und Geschändeten alle vor mir und deuten nach mir mit ihren Fingern..." „Helft mir", schrie er. „Ich war bereits in vielen Kirchen, bei vielen Geistlichen, habe gebetet und gebeichtet. Die Popen haben mir Entlastung erteilt, aber die Schuld ist von mir nicht gewichen. Es nagt in mir. Beständig sehe ich die zitternden Opfer vor mir. Ich bin nur: „Bin ich gewöhnt, Euch derartiges anzutun?" , Esel und Kamele, gemächlich von Arabern getrieben, "“4 3Jo"t. u.nb Jerusalem gepilgert, und nun gar zum traben vorbei. Mir scheint Qis iDliröc dag große Kamel derge Cmai, nm Ruhe zu fuchem Aber die Schuld Wir sehen harmlos genug aus, um die Erlaubnis für i den langen Hals recken und höhnen: „Seht ihr, kommt, ^^^^Wenn^ich"^en Juden^fthe"^ sprach" er"Zweiter den Uebergang zu erhalten. Wir treten über die Ketten j alles von der Eile. Hättet Ihr Euch an mich, das Ka-,' meine^ ickick/ m ä’Ä und sind im Lande Abdullahs. Was wir da sehen, ist i mel gehalten, wie es eure Väter und Urväter in diesem M für sein aames Volk Nickt die ftlöllec und Kirchen r".. /tj—rc;Mrt 6'rtrrtmntiö frmerf t ßrrnhe aetnn mih rme es eure Seffern heufe nncfi hin! _ Ktrcgen nichts für ängstliche Gemüter. Eine Karawane lagert unter Dattelpalmen, als würden Zigeuner einen Weltkongreß abhalten. Auf dem Boden in Zelten und um Zelte herum sitzen verwegene Gestalten, plaudern, streiten, lehnen den Kopf auf Holzstämme und erzählen sich Märchen aus Taufend und einer Nacht. Solche Physiognomien und solche Gewandung haben wir auch in Palästina noch nicht gesehen. In einige Zelte dürfen wir nicht hineinschauen, es sind die Gemächer für die Frauen. Wenn eine herauskommt, ist sie schwarzvermummt wie ein Erdgeist, aus der Nacht geboren. Einige Burschen sind lustig, machen auf einem unbekannten Instrumente Musik und tanzen dabei im Kreise. Andere feilschen über bunte Gegenstände. Es riecht nach alten Kleidern und Hammelfleisch. Uns bieten sie Orangen und arabische Zigaretten zum Kaufe an. „Jahud!" Sie haben uns als ihre Vettern von väterlicher Seite erkannt und sammeln sich um uns, um uns zu bestaunen. So bestaunen wir die Menschen der Völkerschau im Zoologischen Garten. Es ist aus ihrem Grinsen nicht erkennbar, in welcher Gesinnung sie unserer „Invasion" begegnen. Ich halte es für geboten, für meine Person in Reichweite der Kette und der gelbgrauen englischen Uniform zu bleiben. Welche unter uns, die mehr Kurage mitgebracht haben. Sie möchten die Gruppe unbedingt photographieren. Einverstanden! Diese primitiven Menschen lieben bunte Bilder, am meisten ihre eigenen. Die Kamera wird in Stellung gebracht. Aber halt, die Herren aus dem Lande Abdullahs müssen erst Toilette machen. Alle stehen sie auf, auch der Märchenerzähler, auch der Zauberer im weißen Burnus mit den vielen bunten Bändern am Turban. Einer zieht ein dvlchartiges Messer aus der Tasche,! das er in die Luft wie gegen einen unsichtbaren Feind1 Lande aetan und wie es eure Vettern beute noch tun! m_ I;» Lu k! : können mir die Hilfe bringen, von Euch, den Juden muß die Verzeihung kommen..." Diese Beichte aus der Spitze des Sinai, schließt ftasdai seinen Bericht, raubte - mir in dieser Nacht die Ruhe. Ich reichte dem Manne, dessen Hände einmal blutbefleckt waren, die Hand und sagte ihm: „Vielleicht lag die Schuld nicht an Dir, vielleicht waren es andere, Höhere, die das Volk betörten, und auch Dich als Instrument beherrschten." Einen anderen Trost hatte ich für ihn nicht. Bei mir gibts keine Panne, mir geht das Benzin nicht aus . . . Eile ist von Teufel . . ." Ist zwar ein Kamel, hat uns aber doch auf eine gute Idee gebracht. Am Ende liegt es wohl am Benzin. Der Behälter ist wirklich halbleer. Der gute Hausmann hatte sich verkalkuliert, hatte auf die Güte und Gnade seines Wagens gerechnet, hatte ihn vielleicht für ein Wüstenschiff gehalten, das angeblich drei Tage lang das Wasser im Magen behält. Was tun? Vielleicht uns wirklich zwischen die Höcker eines der vorbeitappenden Kamele setzen, wie es unsere Kinder für zehn Pfennige im Zoologischen machen, einzeln oder zu zwei und zwein? Es ist Dienstag und höchst fraglich, ob wir bis zum Sabbat auf diese Weise nach Jerusalem koiumen. Und dann: es stand nicht ganz fest, wohin uns das Tier, das heißt der dazugehörige Treiber, bringen würde ... Unser Hausmann schwingt sich auf einen in entgegengesetzter Richtung daherkommenden Wagen, um in Jericho Benzin zu holen. Wann kommt er wieder? Unbekannt! Glückssache! Vielleicht in zwei Stunden, vielleicht erst gegen Abend, vielleicht sogar erst morgen früh. Verlassen wie die Herde ohne Hirten sind wir vor unserem toten Wagen der Wüstenglut ausgesetzt. Kein Baum und kein Schatten weit und breit, keine Quelle rieselt, kein Vogel singt und keine Blume lacht uns an. Wir wandeln einzeln zwischen den Steinen. Jeder von uns ein hilfloser Jsmaelknabe, mit der Aussicht, bei Fieberhitze zu verschmachten — wenn nicht der Engel mit der Quelle bald auftaucht . . . Erst Bileams Esel und dann das Kapitel „Hagar und Jsmael". Es ist sehr in- ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURTA. M. JETZT OSTENDSTR. 83 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton <5. Sch achnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S. Schachnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon ®. rn. b. H., Frankfurt a. M. — Druck: Hermon-Druckerei, Frankfurt a. M. I

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