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Der Israelit · 1932-06-02 · Heft 23 (2.6.1932) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 23 (2.6.1932)
Date
1932-06-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Teuilktotu Beilage Der jsraelit ßr.25 1932 Rabbi und Minister. -• (Zum zwanzigsten Todestag von Rabbi Clie Lhajim Aleisel in Lodz» am ersten Siwan.) Ls war in den neunziger Jahren» als die Verfolgungen der russischen Juden einen Grad erreichten» der nicht mehr zu ertragen war. Aus die Beschwerden und Interventionen berief Ministerpräsident Pleve» der die Ausrottungspolitik von Ignatjew treulich hütete und noch wesentlich ausbaute» eine Rabbi nerkonferenz nach Petersburg ein. Im Palaste des Ministeriums» wo sonst nur Generäle, Minister und Gouverneure in ihren goldstrotzenden Uniformen sich bewegten» saßen nun die würdigen Greise» dunkle Gestalten in Kaftan» mit' wallenden Bärten» die Samtkappe auf dem Kopfe. Interessante Lharakterköpfe darunter. Da sah man die ragende Gestalt von Rabbi Iizchok L l ch o n o n aus kowno» neben ihm den kleinen rührigen Mann mit den blitzenden Augen» Rabbi Lhajim B c i s - ker» im Gespräche mit dem stets lächelnden Rabbi Llie Lhajim Meise!» dem »»L o ö z e r R a w Ls waren auch einige Lronrabbiner dabei» die wegen ihrer Sprachkenntnis und ihrer Gewandtheit im Umgänge mit Behörden mit herangezogen wurden. Voll ängstlicher Erwartung saßen und standen die alten Lehrer in dieser fremden Umgebung» der neuen Dinge harrend. Da ging rasch die Türe auf» und groß» majestätisch und sporenklirrend» in großer Uniform» mit den vielen goldenen ketten und Orden auf der Brust» trat der vielgefürchtete Ministerpräsident in den Saal. Alle erhoben sich ehrerbietig, hochmütig und selbstbewußt schritt der Minister durch den Saal» nahm vor der grünen Lampe hinter dem großen Zarenbild Platz und winkte mit der Hand» daß sich die versammelten Rabbinen setzen konnten., Pleve eröffnete die Konferenz mit einer Ansprache voll Gift und Galle gegen die Juden. Lr hielt den Rabbinen eine Moralpredigt. Sie ließen es zu, daß ihre Jugend in den Reihen der Sozialdemokraten, ja sogar der Anarchisten gegen Staat und Krone kämpfe. Die Juden wären ständig unzufrieden» der Sauerteig» das Clement aller revolutionären Bestrebungen im Lande. Außerdem würden sie durch ihre dauernden Klagen und Anklagen in der Auslandsprefse den Namen der Monarchie herabsetzen. Ob die Rabbinen wüßten» daß der Kampf gegen Rußland in Europa mit jüdischem Gelöe finanziert sei? Nacheinander traten die jüdischen Redner hervor und suchten dem Minister» demütig in der »form, aber entschieden im Inhalte» zu beweisen, daß alle Anklagen grundlos seien. Die russische Regierung sei schlecht informiert über die Juden. Ihr Prozentsatz bei den Sozialisten sei weit geringer als man annimmt» und diese kleine Beteiligung sei nur die Folge der endlosen Unterdrückungen. Die jungen Menschen würden von den Behörden geradezu mit Gewalt in das Lager der Revolution gedrängt. Man versuche» den Juden Rechte zu geben und die Regierung würde kein dankbareres Volk finden», als eben die Juden» die sogar jetzt» bei all den Verfolgungen» in ihren Synagogen für das Wohl des Zaren und seiner Regierung beten. Der Ministerpräsident führte an» die Juden würden sich auf jegliche Art und Weise dem Militärdienste entziehen. Darauf konnten die jüdischen Wortführer Nachweisen» daß die Zahl der jüdischen Soldaten den jüdischen Prozentsatz in der Bevölkerung weit übersteige. Die Juden zeichneten sich bei Milltär aus» obwohl sie Vielfachen Schikanen ausgesetzt sind und niemals in einen höheren Rang aufrücken können. Der Minister» bis jetzt kühl» stolz und hart» sehr von oben herab» wurde auf einmal lebhaft: „Vielleicht sind eure Mitteilungen richtiger als die Informationen» die uns über euch zugegangen sind. Aber eines saget mir: Woher kommt es» daß' eure eigenen Brüder euch beständig änfchwärzen? Ihr klaget» daß unsere Informationen falsch seien» wißt ihr aber» daß wir alle Informationen über Juden von Juden erhalten? Ihr wollt ein auserwähltes Volk» das Volk der Bibel» fein»" spielte der Minister seinen Triumph weiter aus. „Aber wisset» unter den hundert Nationalitäten im Lande gibt es keine zweite» in der so viel Haß und Neid im eigenen Kreise vorhanden wäre wie bei den Juden. Ls regnet Angaben und Anklagen von Juden gegenIuden. Wie sollten wir dann Achtung für euch und Vertrauen zu euch haben» wenn ihr euch diese gegenseitig versaget?" Gesenkten - Hauptes faßen die Männer da» in größter Verlegenheit sahen sich die redegewandten Kronrabbiner an. Diese Anklage war schwer zu widerlegen und tief beschämend. Schon wollte einer der gewandtesten Redner» ein bekannter Rechtsanwalt» aufstehen, als Rabbi Clie Lhajim Meise! ihm einen Wink gab und selber das wort ergriff» Ln einem etwas mangelhaften Russisch» aber klar und verständig und mit einer sanften Herzlichkeit im Tone, daß der Minister aufhorchte. „Cure Exzellenz werden mir erlauben," sagte er, „daß ich als alter Rabbi es so erkläre» wie ich es gewöhnt bin: mit einem Gleichnis, woher mag es wohl kommen» daß im Walde und in der Wüste niemals ein wildes Tier seinesgleichen überfällt? Noch nie hat man gehört» daß ein' Löwe einen Löwen» ein Wolf einen Wolf zerrissen hätte. Dort sieht es jedes Tier auf die andere» schwächere Gattung ab. Anders verhält es sich im Wasser. Hier leben die Fische gerade davon, daß sie sich gegenseitig verschlingen. warum im Wasser anders als auf dem Festlande? Ganz einfach. Auf der weiten trockenen Erde haben die Tiere Freiheit und Ausdehnung» alle Wälder und Felder stehen ihnen offen, die endlosen Steppen» die Berge und Täler. Und überall finden sie einen gedeckten Tisch vor. warum sollten sie da unnütz ihre eigenen Brüder, die Tiere ihrer eigenen Art umbringen? Anders aber im Wasser. Die Fische sind auf ihr nasses Clement beschränkt» können nicht heraus.. In der Cnge und der Cingeschloffenheit bleibt ihnen nichts anderes übrig» als sich gegenseitig aufzufresten ... „So weit das Gleichnis. Und nun die Nutzanwendung," fügte der Rabbi hinzu. „Alle Völker des weiten Zarenreiches können sich frei und unbeschränkt bewegen» vom Kaukasus bis Sibirien» vom Dnjepcr und der Wolga bis zürn Amur. Und überall, wohin sie kommen, finden sie ihre Nahrung. Anders aber steht es mit den Juden. Eingepfercht und eingesperrt in die T s ch e r t a, ohne Lust und ohne Licht» ohne Möglichkeit» sich auszubreiten» angewiesen nur auf einige wenige Handlungszweige» werden sie geradezu gezwungen» das zu tun» was die Fische im engen Wasser tun: sie verfolgen und verschlingen sich gegenseitig ... „Mehr Rechte» mehr Bewegungsfreiheit," schloß der Rabbi» „und Rußland soll das jüdische Volk in seiner ganzen moralischen und sittlichen Größe kennen lernen ..." Ob dieses unumstößliche Argument auf die russische Gesetzgebung von damals eine Wirkung aus^ geübt hat? Cin par kleine Erleichterungen waren der Rabbinerkonferenz gefolgt» aber bald schon durch mehrere neue Maßnahmen und Begrenzungen aufgehoben und mehr als wettgemacht. Die Tragödie des russischen Judentums dauerte weiter» bis zum Zusammenbruch gegen Cnöe des Weltkrieges. Die klugen Worte von Rabbi Clie Lhajim Weisel sind aber in den Ländern des früheren Rußland unvergessen geblieben. Mit der Agudas Zisroel in Palästina. VI. . 1 Am Toten Meere. An einem kühlen Morgen fahren wir in unserem Autobus, mit dem wir seit unserer Landung in Palästina wie der Araber mit seinem Kamele verbunden sind, zur nördlichen Stadtmauer hinaus. Unten liegt breit und wert das Kidrontal. Vor uns im bläulichen Dunste schimmerts, als hätte sich die blaue Himmelsdecke zur Erde hinuntergelassen. Es ist der kristallblaue Spiegel des Toten Meeres, der in der klaren, durchsichtigen Luft zum Greifen nahe scheint, obwohl uns noch lange Stunden von ihm trennen. Was sich dahinter als Kulisse erhebt» sind die Berge Moabs. Vielleicht hat auf jenem Gipfel, der sich wie im Gebets über das Wasser neigt, Moses am Tage seines Todes gestanden und von dort letzte Ausschau über das Land seiner Sehnsucht gehalten. Hinter dieser Kuppe eine Vergterrasse, hoch und höher. Vielleicht der Berg auf dem Berge, auf dem Ahron, der Hohepriester, sein Grab gefunden. Wer verrät uns in dieser endlosen Bergkette den Nebo, auf dem G'tt selbst mit eigener Hand Moses, den Führer, gebettet hatte? Die Araber, die, eifersüchtig, mit Schwert und Dolch, Teile unserer Vergangenheit bewachen, zeigen den Mebo, und das Mosesgrab auch, ganz wo anders. Auf der Jerichothstraße Zweigt ein Weg ab, der nach N e b i M u f a fuhrt. Wir können von der Kreuzung aus, an der wir halten, den Hügel und die Moschee darauf sehen. Am Feste des Nebi Mufa strömen dort Hunderttausende zusamen, und es würde sich um diese Zeit für uns nicht empfehlen, hier zu verweilen. Der Koran, der wohl zugibt, daß Moses auf der anderen Seite bestattet wurde, hat ihn kurzer Hand herübertransportiert, um den Gläubigen die Pilgerfahrt zu erleichtern. Der Berg kommt nicht allein zum Propheten, sondern zu allen, die Allahs treue Diener sind ... Und noch etwas erfahren wir an dieser Stelle mit dem Ausblick zur Nebi Mufa-Moschee. Während die mohammedanischen Feste alle infolge des Mondkalenders ohne Schaltjahr sonst durch sämtliche Jahreszeiten wandern, muß das Fest des Nebi Mufa am Freitag vor dem jüdischen Pessach gefeiert werden. Wenn, so sagt der Islam, in der Festwoche die Juden ihren Moschiach erwarten, so wollen sie, die Mohammedaner, mit dabei sein, ihm mit ihrem Feste zuvorkommen. Nebi Musa wird sie als Abrahams Söhne legitimieren. Diese Vorsicht ist verständlich, weniger aber, daß man in letzterer Zeit Jahr für Jahr das Fest des „Propheten Moses" zum Anlaß wüster Hetzen und Ausschreitungen gegen das Volk, dem dieser Moses schließlich angehörte, das er führte und dem er das Gesetz ssür alle gab, nimmt. Allahs Wege sind unergründlich . . . Indes wir uns diesen Betrachtungen hingeben, führt uns die Straße in großen Krümmungen und Windungen zwischen nackte graue Hügel und Felsen hinein. Man zeigt uns den Bergfelsen Azazel, von welchem man am Versöhnungstage den armen Sündenbock abstürzte. Auf Stunden hinaus kein Baum, kein Blatt, kein Strauch zu sehen. Die Felsen haben kein Moos und glühen in der Sonne. Es singt kein Vogel und summen keine Käfer. Die kühlenden Winde von Jerusalem halten hier ihren Atem ein. „Schwefel und Salz, Brand der ganze Boden, nicht besät und nicht angepflanzt, und kein Gräslein erhebt sich darauf." Wir nähern uns der Gegend von Sodom und Amora. Der Ueberzieher, der morgens in Jerusalem zu wenig Schutz vor der Kälte bot, muß abgelegt werden, der Rock muh ihm folgen. Die letzten Orangen müssen für die Löschung des Durstes herhalten. So geht es stundenlang, bis in der Sonne vor unseren Füßen bläuliches Licht aufblitzt. Wir halten vor dem gewaltigen Becken des „Toten Meeres" oder „Salzmeeres". Man hatte sich eine andere Vorstellung von dieser Wasserleiche gemacht. Das Wasser strömt und lebt und fließt und gurgelt wie alles Stromwasser, aber was drinnen ist, ist tot und stumm. In diesem scharfsalzigen Elemente kann sich kein Lebewesen halten. 391 Meter unter dem Meeresspiegel liegt dieses gewaltige Salzfaß und läßt täglich 13% Millionen Liter Wasser, verdunsten. Wir haben es nicht gemessen noch gezählt, müssen uns dabei auf die gelehrten Bücher verlassen. Aber eine kleine Kostprobe an der Fingerspitze zeigt uns, daß das mit dem lebentötenden Salze seine Wahrheit hat. Wir wollen es auf weitere Proben nicht ankommen Aber ein Bad in diesem salzigen Becken tut bei der trockenen Hitze gut. Das merkwürdige Meer, das nichts unter seinem Spiegel leben läßt, läßt auch keinen untergehen. Es trägt auch den des Schwimmens Unkundigen wie auf Adlersflügeln und hält ihn stets an der Oberfläche. Bei dieser Gewißheit entdeckten wir viele Meisterschwimmer in unseren Reihen ... Bitte kein Aber! . . . Junge, kräftige Menschen, rocklos, hutlos, barfuß, nur mit Arbeiterhose und Sporthemd bekleidet, kommen auf uns zu, sechs an der Zahl. Es sind jüdische Arbeiter vom Kaliwerke am Toten Meere. In die heiligen Hallen der Fabrikanlagen einzudringen, ist so unmöglich, wie in die Höhle Machpela zu gelangen. Man befürchtet von uns Werkspionage. Aber die Arbeiter können uns das berichten, was uns am meisten interessiert. Von den 400 Arbeitern, die hier beschäftigt sind, sind genau 200 Juden. Haben eine eigene Mensa. Der gutgewachsene junge Mensch mit den aufgekrempelten Aermeln, der am meisten spricht, ist der Koch. Gelernt hat er dieses Metier nirgends, er war daheim Schneider, arbeitete in Palästina im Felde, handelte später mit Milch und Obst und jetzt kocht er. Es geht! „Koscher?"

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