Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1932)
- Date
- 1932-06-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 23 Der Israelit 2. Juni 1932 Schwere Ausschreitungen in lvien. Wien, 1. Juni Am Montag, den 30. Mai, kam es an allen Wiener Hochschulen zu schweren Ausschreitungen gegen die jüdischen Studenten. Viele Juden wurden schwer verletzt, jüdische Professoren wurden gezwungen, die Vorlesungen einzustellen und konnten nur durch Flucht Mißhandlungen entgehen. Am Schlimmsten wüteten die akademischen Huligans an der Ho chschule für Welthandel. Der Rektor ließ die Universität schließen. Am Nachmittag drang ein großer Trupp antisemi.ti scher Studenten in die jüdischen Wohnviertel ein. Die jüdischen Kaufleute schlossen ihre Läden. In einigen Trödlergeschäften, die nicht rasch genug geschlossen werden konnten, wurden große Verheerungen angerichtet Bei dem Handgemenge, bei dem sich die jüdischen Geschäftsleute kräftig zur Wehr setzten, wurden 12 Nationalsozialisten, zum Teil eerheblich, verletzt. Ein jüdischer Metzgergeselle namens Klar wurde mit schweren Messerstichen ins Spital eingeliefert. Die Stimmung unter der jüdischen Bevölkerung ist sehr erregt. Ferienkurse Vtth Jakob. Wien, 30. Mai. Das Wiener Zentralinstitut von Beth Jakob veranstaltet diesmal seine Sornmerkurse im Semmeringgebiet. Die Leitung hat für zwei Monate wundervolle, luftige Räume in waldiger, freier Umgebung gemietet. Die Ferienkurse dauern vom 10. Juli bis 10. September. — Ihr Zweck ist, den Teilnehmerinnen neben der körperlichen Kräftigung und Erholung, in der klimatischen Landschaft einige Wochen jüdischen Gemeinschaftslebens und Gelegenheit zur Erweiterung des jüdischen Wissens zu bieten. Es wird Unterricht in allen jüdischen Disziplinen in drei Kursen erteilt. Der Preis für Wohnung, volle Verpflegung (5 Mahlzeiten), Teilnahme an den Kursen, usw. beträgt S 7.50 pro Tag. Sämtliche verfügbaren Freiplätze find bereits vergeben. — Anmeldungen finb bis spätestens 25. Juni an die Beth Jakob-Zentrale, Wien H, Leopoldsgasse 26, zu richten, woselbst auch alle Auskünfte erteilt werden. Angrrrn. Neuwahlen in der Budapester orthodoxen israelitischen Gemeinde. V u d a p e st, 26. Mai. Bei den Neuwahlen für den Vertretungskörper der Budapester orthodoxen israelitischen Gemeinde wurden wiedergewählt: Zum Gemeindepräsidenten Abraham Freudiger de Obuüa; zu Vizepräsidenten Geza Deutsch und Samuel W. Schreiberzum Kultusvorsteher Josef Schlesinger; zum Schulvorsteher Markus Klein; zum Finanzvorsteher Adolf Schlesinger; zum Oekonomievorsteher Samuel Kahan-Frankl. Der Gemeindeausschuß wurde aus vierzig Mitgliedern gebildet. Schweiz. Die Semestereröffnung in der Jeschiwoh. Montreux, 22. Mai. Am Sonntag, den 15. Mai, fand in Anwesenheit von in- und ausländischen Gästen die Semestereröffn u n g der Jeschiwoh statt. Der große vertraute Saal war festlich hergerichtet und die langen, zusammengestellten Tische verheißungsvoll gedeckt. Ueberall bekannte Gesichter, die ihr Familienheim und ihren Freundeskreis verlassen haben, um in Montreux zu lernen. Sie alle haben ein gemeinsames Streben, und dieses vereinigt sie unter „dem Baume des Lebens". Nach Einzel- und Chorgesängen hielt der Rosch-Jeschiwo, Herr Rabbiner R. E. B o t s ch k o, bei atemloser Stille seine Droscho, woran sich eine Ansprache an die Schüler anschloß. Der Redner sagte u. a.: „Wir feiern heute unser fünfjähriges Bestehen und treten nun in unser sechstes Jahr ein, in das elfte Semester. Mit fünf schweizerischen und sechs litauischen Bachurim fing die Jeschiwo an, und sie zählt nun nahezu 300 Schüler, die, von allen Weltteilen kommend, den Jeschiwohgeist mit in ihr Berufsleben hinausgenommen haben, um als gereifte und gewissenhafte, von jüdischer Bildung bereicherte und zielbewußte Menschen für ihr Judentum zu arbeiten. Die Jeschiwoh ist mit keiner Schule zu vergleichen, die einen gewissen Bildungsgrad ihren Schülern vermitteln will, sondern ein mm m» mp», ein Quell lebendigen Wassers, die ihren Schülern — außer dem zu er¬ Die Woche. Berlin. Die Religiöse Mittelpartei für Frieden und Einheit in der Gemeinde, und die Ueberparteiliche Vereinigung haben sich in der Berliner Repräsentantenversammlung zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen. — Die C. V.-Zeitung, das Organ des Centralvereines Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens feiert ihr 10jähriges B e ft e h e n. Aus diesem Anlaß gingen der Redaktion Begrüßungen vom Reichtagspräsidenten Lobe und anderer hochgestellten Persönlichkeiten zu. Königsberg. In einer der letzten Nächte wurden auf dein jüdischen Friedhof in H e i l s b e r g (Ostpreußen), der aus einer Anhöhe im Walde gelegen ist, einige Grabsteine mit Hakenkreuzen beschmiert. Darunter stehen die Buchstaben NSDAP. Für die Namhaftmachung der Täter ist eine Belohnung von 50.— Mk. ausgesetzt worden. Koblenz. Der Synagogenvorstand der Gemeinde Rhens (Kreis Koblenz) teilt mit, daß auf dem dortigen jüdischen Friedhof in der vergangenen Woche sechs Grabsteine umgeworfen wurden. Von den Tätern fehlt jede Spur. Weimar. Auf dem jüdischen Friedhof in Vacha (Thüringen), der abseits der Stadt auf einer Anhöhe kegt und der seit Jahrhunderten außer von der Gemeinde Vacha auch noch von den Gemeinden Völkershausen und Heringen benutzt wird, wurden jüdische Gräber in unerhörter Weise geschändet. Erlangen. Die Erlanger Klinrker - schüft, bestehend aus Studenten in klinischen Semestern, beschloß, Juden und Fremdstämmige aus ihren Gruppen auszuschließen. Darauf erklärte die medizinische Fakultät der Universität, daß ihre Professoren all ihre Beziehungen zu dieser Fachschaft abbrechen werden. Czrrnowitz. In Ezernowitz tagt zur Zeit die Reichskonferenz der Zionisten-Revisionisten Rumäniens. Im Hotel fand zu Ehren des dort wohnenden Führers der Zionisten-Revisionisten Meer 'Grosman in der Nacht zum Montag ein Kommers statt. Während die Gäste um die eTische saßen, wurde durch ein Fenster des Speisesaales ein schwerer Stein geworfen, der Meer 'Erosmann an der Hand traf und verletzte. Die Polizei forscht eifrig^ nach dem Täter. London. Am 25. Mai verstarb in London Joseph C o w e n, im Alter von 64 Jahren. Cowen war einer der Begründer des „Jewish Colonial Trust" und von Anfang an dessen Direktor; seit 1919 war er Vorsitzender des Direktoriums dieser Bank. Einige Jahre hindurch war er auch Direktor des „Jewish Chronicle" und Mitglied des Council der „Anglo-Jewish Association". Philadelphia. Zum Protest gegen eine Kürzung ihrer Löhne sind die S ch o ch tim in den Streik getreten, sodaß Philadelphia seit einigen Tagen ohne Koscherfleisch ist. Warschau, ein unerhörter Uebersall wurde auf eine Gruppe der misrachistischen Jugend, die am Lag Beomer einen Ausflug unternahmen, ausgeführt. Außerhalb der Stadt fielen Huligans mit Stock und Messer über sie her und verwundeten 15 Mann schwer. Einer der lleberfallenen wurde in bedenklichem Zustande ins Spital eingeliefert. Triest. Das Triester Palästina-Büro gibt einen Bericht über die Wanderung nach Palästina über den Triester Hafen aus, dem zu entnehmen ist, daß inl Jahre 1931 4028 Personen, 1934 Männer und 2094 Frauen, den Triester Hafen aus dem Wege nach Palästina passiert haben. Allein im Oktober 1931 passierten 509 Palästina-Wanderer E den Hasen. Jerusalem. Die arabischen und die jüdischen Orangenzüchter in Palästina haben beschlossen, eine gemeinsame Delegation zu der britischen Reichskonferenz, die in Ottawa stattfinden wird, zu entsenden. Die Palästina-Delegation wird sich aus der Konferenz dafür einsetzen, daß palästinensische Citrusfrüchte, die unter das neue Zollgesetz betreffend ausländische Produkte fallen, nach Großbritannien und die übrigen Teilen des britischen Reiches zollfrei eingeführt werden. — Von den sechs jüdischen Touristen, denen die Einreise nach Palästina verweigert worden ist, weil sich gegen sie der Verdacht richtet, daß sie sich dauernd in Palästina niederlassen wollen, ist zweien auf Intervention der Jewish Agency das Betreten Palästinas nachträglich gestattet worden. Hingegen war die Intervention bezüglich der übrigen vier Touristen erfolglos; diesen wurden das Betreten des Landes definitiv untersagt. — Die britische Reichsflugverwaltung beginnt in diesen Tagen versuchsweise mit der Einrichtung eines Luftfahrt- und Luftpostdienstes zwischen Jerusalem und Cairo. Der Flug dauert 3Vz Stunden. Der Jerusalemer Flughafen wird bei Ramleh errichtet. lernenden Pensum an Talmud — aud} nod) geistige unsittliche Güter mitgeben will. Das mm und das jmtzn* das Tun und das Lassen, das Reden und das Schweigen, die erhabenen Lehren und die jüdische Lebensperspektive. Die Jeschiwoh will den Charakter festigen, die Willenskraft stärken, und so einen, ausgeglichenen und formvollendeten Menschen bilden, der zum Träger des lichtspendenden Tönia werden soll." Nachdem die erwartete Hilfe von außen ausgeblieben war und die ganze Last auf den Schultern des Leiters lag, mußte er sich blutenden Herzens entschließen, die Front ein wenig zurückzuziehen und den großen Schülerzustrom etwas einzuschränken. In seinen weiteren Ausführungen sprach der Rosch-Jeschiwoh die Hoffnung aus, daß dies der letzte dunkle Punkt in der Geschichte der Jeschiwoh — der einzigen geistigen Hochschule in der Schweiz — sei, und daß das sechste Jahr ein na» answerden möge, nur noch einige Schritte vom Ziele entfernt, eine Dämmerung vor dem herannahenden glücklichen Taganbruch. Man darf hoffen, daß dann die schwersten Klippen umfahren sind und einer besseren Zeit entgegengesteuert wird. Mit einem ernsten Appell an seine Schüler, sich der Jeschiwoh würdig zu erweisen und ihr ganzes Können daran zu setzen, recht viel in diesem Semester zu erreichen, schloß die zu Herzen gehende Ansprache Tagung des Schweizer Israelitischen Gemeindebundes. Biel, 27. Mai. Die diesjährige Delegiertenversammlung des Schweizer Israelitischen Gemeindebundes fanunter dem Vorsitz des Gemeindebund - Präsidenten I. Dreyfus-Brodsky in Biel'statt. Der Vorsitzende appellierte an die Delegierten, eingedenk der ernsten Gegenwart auch in der Schweiz zu bleiben. Dem Tätigkeitsbericht ist zu entnehmen, daß der Gemeindebund 2S Gemeinden aus 14 Kantonen umfaßt. In der Jewish Agency ist der Gemeindebund vertreten. Die Jugendbewegung wurde gefördert. lieber die K o s ch e r f l e i s chversorgung referierte Stadtrat Simon Erlanger. Dr. Charles Bollag berichtete über die Tätigkeit des „Zentralkomitees zur Abwehr des Antisemitismus". Das Zentralkomitee ist trotz einiger beunruhigender Erscheinungen überzeugt, daß die antisemitischen Hetzversuche am freiheitlichen Sinn des Schweizers abprallen werden. Nach Erledigung der Budgetfrage wurde Herr Jules Dreyfus-Brodsky unter starkem Bifall zum Präsidenten des Gemeindebundes für eine Amtsdauer von drei Jahren wiedergewählt. England. Konferenz des englischen Schochtim-Verbandes. London, 23. Mai. In den Räumen des Westminster-Palais fand am Sonntag, den 8. Mai, die Konferenz des Schächterverbandes (Agudath haschochtim wehaschomrim) Großbritanniens und Irlands bei Anwesenheit zahlreicher Delegierter aus London und der Provinz, sowie mehrerer Rabbiner und der Mitglieder des Board of Schechita statt. Der Vorsitzende, Reverend P. Cohen, referierte über die Vereinstätigkeit in den feit der letzten Konferenz verflossenen sechs Jahren und wies darauf hin, daß sich seither die Frage der Schechita in England wie in vielen anderen Ländern kompliziert hat. Den Vorsitz übernahm nun Chiefrabbi Dr. I. H. Hertz, der den berühmten Pathologen"und Vorkämpfer für die jüdisch-religiöse Methode der Schächtung, Professor Sir Leonard Hill, der Versammlung vorstellte. Sir Leonard Hill hielt ein von den Versammelten mit außerordentlicher Spannung angehörtes Referat über Schächten und Tierquälerei. An Hand streng wissenschaftlicher Untersuchungen wog er die jüdische Schächtmethode gegen die anderen Methoden ab, führte alle Ängriffe, die gegen das rituelle Schächten erhoben worden sind, an und wies nach, daß alle diese Attacken einer wissenschaftlichen Prüfung in keiner Weise standhalten. Die jüdische Schächtmethode, sagte Sir Leonard Hill, ist die beste und humanste. Das Tier hat dabei keinerlei Schmerzen; dies nicht nur infolge der außerordentlichen Schärfe des Schächtmefsers und der Schnelligkeit des geführten Halsschnitts, sondern auch darum, weil durch den sofort eintretenden enormen Vlutabfluß das Gehirn im gleichen Augenblick blutleer wird und jedes Bewußtsein schwindet. ES ist närrisch und unlogisch, zu behaupten, daß der Bolzenschuß die humanere Tätungsart fei. Der Bolzenschuß läßt sich bei Geflügel überhaupt nicht