Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1932)
- Date
- 1932-06-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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2. Juni 1932 Der Israelit Nr. 23 Seite 5 Ahnen her ist und wie wenig er deshalb einer Gleichberechtigung auf diesem und vielen anderen Gebieten wert sei. Denn das ist ja gewiß und zu anerkannt, daß gerade David eine der soldatenhaftesten Daturen seiner Zeit war,: was gerade nicht zuletzt sein Mut und seine Unerschrockenheit eben auch in dem geschilderten Vorgang bewies. . Aber symbolhaft ist das Stück von einer anderen Seite, davon nämlich, daß viele unserer Juden im Kampfe des Lebens es nicht wie David machen, sondern viel eher sich in der fremden Verkleidung und unjüöischen Vermummung am wohlsten und besten fühlen und am sichersten glauben, geborgen zu sein; daß sie die jüdische Rüstung ihrer geistigen und seelischen Kraft ablegen und dafür ach, so gerne, in entlehnten Rüstungen einherstolzieren, in der Micnung, es wer weiß wie ausgezeichnet zu verstehen und wer weiß, was für Erfolg darin zu haben. Aber laßt es euch nur sagen, ihr lieben Juden, wir kommen mit den Waffen Goliaths nicht gegen Goliath auf. wenn uns unsere eigene Wehrhaftigkeit, wie ihr das etwa meint, nichts mehr nützt, fremde Waffen und Rüstungen werden sich für uns ganz gewiß als stumpf erweisen. Auch aus aller gegenwärtigen Wirrnis heraus, kann uns in unserer Eigenschaft als Juden der Lichtblick nur kommen, wenn trotz allem und allem unsere alte, bewährte Kraft nicht leidet, wenn wir wohl Bürger und Menschen bis zum Aeußersten bleiben, aber ebenso im Punkte Jude, Juden und wieder Juden bis zum Aeußersten und Letzten. Schön, sagt Professor Jaspers in seinem Buche: „Die geistige Situation der Zeit", daß die Besten im Sinne eines Menschenaöels nicht die Genialen, Starken, nicht die bewunderten Großen, nicht die Stolzen und Machtstrebenöen sind, sondern unter allen diesen nur jene Menschen, 'die allem voran sie selbst sind, sie selbst im Unterschiede voll denen, die ln sich selbst sich nie fühlen, keine Sache als die ihre kennen und sich selber fliehen. (Fortsetzung folgt.) Deutsches Reich. Zentralverband ostjüdischer Organisationen Berlins. Berlin, 30. Mai. Am Mittwoch, den 11. Mai, hat der Zentralverband o st jüdischer Organisationen Berlins zusammen mit der neugegründeten Leih- und Sparkasse „ E s r a " die Vorstandsmitglieder der ostjüdischen Vereine Berlins zu einer Kundgebung in den großen Saal des Verwaltungsgebäudes der Jüdischen Gemeinde, Rosenstr. 2/4 eingeladen. An dieser Kundgebung haben über 100 Vertreter von ca. 40 Vereinen teilgenommen. Herr Dr. F e n n i g e r begrüßte die Versammlung rrnd gab seiner Freude über das rege Interesse für den Zentralverband und die Leih- und Sparkasse in der jüdischen Oeffentlichkeit Ausdruck. Nach der Begrüßungsansprache des Herrn Dr. Fenniger gab Herr Direktor Kares ki in umfassender Weise eine Darstellung über die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Mittelstandes und insbesondere des jüdischen Mittelstandes. Er sprach von der Notwendigkeit einer systematischen sozialen Selbsthilfe und setzte sich energisch für den Ausbau der jüdischen Genossenschaftsarbeiten in Deutschland ein. Seine Ausführungen wurden dann kurz von Herrn Dr. Silbert ergänzt, der über die praktische Seite der Gründung dieser Leih- und Sparkasse sprach. Eine anregende Diskussion schloß sich dieser Veranstaltung an, auf der man ein allgemeines Interesse für diese Neugründung und eine Versicherung der Unterstützung dieser Arbeit wahrnehmen konnte. Es wurde beschlossen, in einer Anzahl öffentlicher Kundgebungen für eine genügende Popularität der Leih- und Sparkasse zu sorgen, um zu erreichen, daß die Leih- und Sparkasse Esra zu einer absolut volkstümlichen alle Kreise umfassenden Angelegenheit wird. Ein sonderbarer Landgerichtspräsident. Berlin, 23. Mai. Im Oktober 1931 erschien im „8 Uhr-Abendblatt" ein Artikel unter dem Titel „Herr Soelling aus Bromberg", in dem erzählt wurde, daß der Präsident des Landgerichtes I Berlin, Kurt Soelling, als Sohn eines kleinen jüdischen Kaufmanns aus Bromberg namens Seligsohn sich in jungen Jahren taufen lieh, als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Karriere machte, um dann bei den Deutschnationalen ganz in der Nähe von Hitler zu landen. Seitdem betätige er sich als grimmiger Feind der Republik und der Juden. Als er sich einmal im Sportpalast mit kräftigem „Heil, Hitler!" an einer Demonstration der Nationalsozialisten beteiligte, wurde er von diesen als Judenstämmling erkannt, beschimpft .und aus dem Saale gewiesen. Ein Justizangestellter, der den Vorfall weiter erzählte, wurde vom Präsidenten fristlos entlassen. Dieser Artikel bildete den Gegenstand eines Prozesses, den Kurt Soelling gegen den Redakteur der genannten Zeitung, Dr. Hirsch, anstrengte. Vor dem Schöffengericht stellte Dr. Klee als Verteidiger des Angeklagten eine Reihe von Beweisanträgen. Der Kläger, Landgerichtspräsident Soelling, begründete seinen Glaubenswechsel mit religiösen Motiven. Es fei wahr, daß er als Jude Seligsohn hieß, er habe aber aus „tiefem deutschem Empfinden" heraus seinen Namen geändert. Ebenso hätten reine Ueberzeugungsgründe ihn veranlaßt, von der Sozialdemokratischen Partei zu den Völkischen überzugehen. Es stimme auch, daß er bei den Nationalsozialisten im Sportpalast „Heil!" gerufen habe( nicht laut, nur mit Handbewegung.) Als Zeuge bekundete der Führer der Sozialdemokraten, H e i l m a n n, wie Soelling als angeblich guter Republikaner mit Hilfe seiner Partei auf seinen hohen Posten aufgerückt sei. Der Herr Gerichtspräsident wollte aber noch höher hinauf, und als er diesen Wunsch nicht erfüllt sah, brach er mit der Partei, gegen die er niemals politische Bedenken geäußert hätte. Landtagsabgeordnete Frau W e l l m a n n machte Angaben, die den Ehrgeiz und die materialistische Einstellung Soellings reichlich bewiesen. Er wäre Sozialdemokrat geblieben, wenn er den ersehnten Posten beim Preußischen Disziplinarhof erhalten hätte! . . . Nach einem scharfen Wortwechsel zwischen Verteidiger und Ankläger verkündete der Vorsitzende in später Abendstunde das Urteil: Dr. Felix Hirsch wird wegen öffentlicher Beleidigung zu 500 Mark Geldstrafe verur- Jn der Begründung heißt es, es sei nicht nachgewesen, daß Soellings Wechsel von Namen und Glauben aus spekulativen Gründen geschah.. Erwiesen sei aber, daß der Bruch mit den Sozialdemokraten aus unbefriedigtem Ehrgeiz erfolgt sei. Festgestellt sei, daß Soelling der nationalsozialistischen Versammlung im Sportpalaste in einer für einen Landgerichtspräsidenten sehr merkwürdigen Kleidung ' teilgenommen und den Faschistengruß mitgemacht habe . . . Diese Begründung ist eine moralische Verurteilung des Klägers. Soelling wird sie auch als solche empfunden haben, denn er hat, wie jetzt mitgeteilt wird, B e - r u f u n g gegen das Urteil eingelegt. Tagung der Zentralwohlfahrtsstelle. Münster, 23. Mai. Am Sonntag, den 8. Mai, fand in Münster in Westfalen ein Sch ulungstag der Zentralstelle für jüdisches Pflege st ellenwesen und jüdisch e' A d o p t i o n s v e r m i t t l u n g für die rheinisch-westfälischen Vermittlungs- und Vertrauensstellen und die westfälischen Frauenvereine, ferner eine Besprechung des Arbeitskreises für Gefährdetenf ü r s o r g e des Jüdischen Frauenbundes statt. Es waren 20 Frauenvereine und Ortsgruppen sowie viele soziale Ausschüssen vertreten. — Nachdem die Vorsitzende, Frau Samuel, die Referentinnen, Vertreterinnen und Gäste begrüßt hatte, wies sie darauf hin, daß dieser Schulungstag nicht nur einem engen geographischen Bezirk gilt, sondern die Ergebnisse des Lernens und der Aussprache als Lernmaterial an die Vermittlungs- und Vertrauensstellen im Reich weitergegeben werden sollen, da aus Sparsamkeitsgründen bisher von einem Schulungstag für das Reich abgesehen werden mußte. — In ihrem Referat: „Besonderheiten in der körperlichen, seelischen, geistigen Veranlagung unserer Kinder und ihre Beeinflussung durch Umwelt und Erziehung" sprach Frl. Prof. Dr. Selma Meyer zunächst über die Anlagen, die allgemein menschlich sind, aber bei der jüdischen Gemeinschaft infolge Inzucht und Verwandtenehe sich öfters gehäuft finden und die bei unseren Kindern schon im Kern vorhanden sind. Sie beleuchtete von der ärztlichen, erziehlichen und historischen Seite die Fragen, die für das durch Anlage und Umwelt gebildete Individuum in den verschiedenen Lebensstufen vom Säuglingsalter bis zur Pubertät auftauchen. Eins dieser Probleme ist auch die Anstalts- und Familienpflege. Diese Fragen fanden in der Aussprache besonderen Widerhall. Der Behauptung der Undurchsichtigkeit der Familie wurde die Undurchsichtigkeit der Anstalt gegenüber gestellt, man war sich aber darin einig, daß generell weder das eine noch das andere allein richtig ist, in jedem Fall ist individuell zu prüfen und nur das Wohl des Kindes ausschlaggebend. Neben dieser in heutiger Zeit besonders aktuellen Frage waren es die Probleme des Antisemitismus und der veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, die die Erziehung unserer Kinder beeinflussen. Man war sich darin einig, daß eine Gefahr für die Kinder bedeutet, wenn ihnen die Eltern Vieles nicht versagen können, was ihren wirtschaftlichen Verhältnissen nicht mehr entspricht. In diesem Sinne forderten oertha Pappenheim und Dr. Kronheim den Mut zur Armut, ^can war sich auch darüber klar, daß Eltern und Kinder durch jüdische Werte gefestigt werden müssen, die immer und überall den anderen Schätzen der Erde an Wert gleichen. Am Nachmittag sprach Frl. Bertha Pappenheim über den neuen Arbeitskreis für Gefährdetenfürsorge, dessen Träger die vier Bundeseinrichtungen: Heim des Jüdischen Frauenbundes Neu-Isenburg, Zentralstelle für jüdisches Pflegestellenwesen und jüdische Adoptionsvermittlung, Elberfeld, Nachgehende Fürsorge, Frankfurt a. M., und Kommission für Frauenschutz und Bahnhofshilfe, Berlin sind. Ihre Ausführungen machten einen tiefen nachhaltigen Eindruck auf die Anwesenden. Oesterreich. Kämpfe und Sorgen in Oesterreich. Wien, 27. Mai. Der neugewählte Wiener Gemeinderat, in dem zum ersten Male 15 Nationalsozialisten Sitze errungen haben, wählte mit einer Mehrheit von 65 sozialdemokratischen Stimmen den bisherigen sozialdemokratischen Bürgermeister Seitz wieder zum Bürgermeister. Die Wiener Nationalsozialisten hatten offenbar die Absicht, den Zusammentritt des neugewählten Wiener Gemeinderates und Wiener Landtags zum Anlaß zu nehmen, einen kleinen Judenpogrom zu veranstalten. Größere Nazitrupps drangen in die „Judengasse" in der inneren Stadt ein und machten sich daran, die jüdischen Geschäfte zu zerstören und die Geschäftsinhaber zu verprügeln. Die jüdischen Geschäftsinhaber aber vereinigten sich zu einer S e l b st w e h r und trieben die nationalsozialistischen Banden auseinander, wobei ihnen jüdische Passanten geholfen haben. Die Polizei, die anfangs gegen die Demonstranten nur zögernd vorging, entschloß sich später zu einer energyaieren Haltung und stellte nach kurzer Zeit die Ruhe wieder her. Was indes auf der Straße nicht gelang, soll in den Parlamenten versucht werden. Die Nazi-Fraktionen im Gemeinderat und im Landtag Wiens haben Gesetzvorschläge eingebracht, die in der Hauptsache darauf abzielen, alle mit Juli 1914 erfolgten Einbürgerungen zu überprüfen, bezw. außer Kraft zu setzen, Juden und Fremdrassigen ausnahmslos die Staatsbürgerschüften zu verweigern und Konzessionsübertragungen zu versagen. Leider steht zur Zeit die Regierung den nationalsozialistischen Plänen nicht unsympathisch gegenüber. Die Regierung Dollfuß, die der Regierung Buresch gefolgt ist, hat einen starken antisemitischen Einschlag erhalten durch die Einbeziehung von zwei der Heim wehrbewegung entnommenen Ministern. Es ist bekannt, daß die Führer der Heimwehr immer mehr ihre Gesinnungsgemeinschaft mit den Nationalsozialisten betonen. Zu verzeichnen ist noch, daß der ominöse Stud ent e n e n t w u r f C z e r m a k s, der ganz auf dem religionslosen Rasseprinzip aufgebaut war, nunmehr aus Grund des Einspruchs der katholischen Geistlichkeit ad acta gelegt werden soll. Korrespondenzen « vacdllchte«.