Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-06-02 · Heft 23 (2.6.1932) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 23 (2.6.1932)
Date
1932-06-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450726--78822-2536548
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Nr. 23 Der Israelit 2. Juni 1932 lich am wenigsten von allen Völkern verschont, und doch ist es erhalten geblieben, was war ihm da Waffe und Schild? Sicher nicht irgend einer jener Machtvorsprünge, die den gegnerischen Anderemin tausendfacher Überlegenheit als ihre Besonderheit zu eigen waren. Die „starke Hand" und der „ausgestreckte Arm", wovon die Bibel spricht, mutete Israel nicht sich selber, sondern seinem G'tte zu, und das Schwert — dessen war es sich bewusst — hat des Stammvaters Segen dem Völkerbrudec Lsau und nicht Jakob zugesprochen. „Auf deinem Schwerte sollst du leben", ist denn auch stets Lsaus, nicht Jakobs Sonöerart und Lebensvorsprung geblieben. Ebenso fehlte es dem Judentum an zahlenmäßiger Machtüberragung. Cs hat niemals auch nur eines der kleinsten Völker an Zahl überragt. Der Segen aber, so zahlreich zu sein wie die Sterne des Himmels und der Sand am Meere, erfuhr, den kontrastischen Tatsachen gegenüber, stets eine andere- Auslegung, nämlich eine geistige. Und das ist es denn auch, was tatsächlich auf die jüdische Art- und Ligenprägung zutrifft. wehr und Waffe, Zahl und Stärke des jüdisch Spezifischen schlägt ins Geistige hinein. „Vicht mit Macht und nicht mit Kraft, sondern nur in meinem Geiste", lautet einer der Kernsprüche der jüdischen Wesensdefinition, wohl weist Israels Lebenskampf und wehr auch robuste Kraftmäßigkeiten auf. Die jüdische Geschichte ist auch an Perioden und Episoden tapferer Kampfesstärke und heldenhaft kühner Machtentfaltung nicht arm. Die geballte Faust und das gezückte Schwert haben zeitweise auch in Israel eine sich sehen lassen könnende Rolle gespielt. Man denke nur etwa an die Gestalten und Zeitläufte eines Iosua, Gideon, Iephta, Saul, David, Juda Makkabi und Johann Hyrkan. Aber das waren, bei aller charakteristischen Hervorhebung, doch eben nur Perioden und Episoden gewesen und stellen keine kontinuierliche Cigenhaftigkeit dar. Es waren in Wahrheit nur Lehnskräfte, für den nötigen Augenblick allerdings sehr tüchtig und wacker in den Hilfsdienst genommen. Die konstante Wurzelkraft des Judentums, ans der es seine Lebenssäfte bezog, ruhte nicht in diesem Boden, sondern in dem Boden ureigensten jüdischen Erdreichs, in dem der jüdischen Geistigkeit. Dabei ist das, was wir hier Geistigkeit nennen, nicht — und das sei besonders betont — eine Art Geistigkeit schlechtwegs. Die Geistigkeit im allgemeinen ist keine jüdische Eigenart. Cs wäre plump und vermessen, so etwas zu behaupten. Geistigkeit besitzen ebenso, wenn nicht noch mehr, auch andere Völker und wir sollten uns hüten, die Geistigkeit oder ähnliche auch sonst allenthalben vorhandene Vorzüge der Menschen und Völker, als unser spezifisches Eigentum anzusprechen. Vicht nur weil es zu Unzuträglichkeiten nach außen hinführt und in den eigenen Reihen falsche Einbildungen und Verwirrungen hervoramts bestimmten Gelehrten, als Zeichen, daß sie hierzu fähig seien. Die Ordination bestand in ununterbrochener Kette bis hinauf zu Moses. Nach vorstehendem Muster sind bei allen im pis genannten Mustern deren Lebenslauf und Zeitbild gegeben und oft charakteristische Aussprüchen oder Handlungen mit aufgeführt. Zahlreiche Fußnote sind Quellennachweise für tiefer Schürfende. Sehr zu begrüßen ist es auch, daß der Verfasser, die in 6 Perek erwähnten 30 Vorrechte und Verpflichtungen, mit denen die Kömgswürde verbunden, namentlich aufführt, rro^nnip nii-rw dm n’jpj- Ebenso die 24 Opfergaben, die die Priesterwürde kennzeichnen, mVsra misi D'iVsa nnron« Im Perek 5 ist — Mischna 11 und 12 — in geziemender Kürze, doch klarer Deutlichkeit eine Ilebersicht gegeben von den Bodenabgaben Israels im Heiligen Lande, sowie den wesentlichen Bestinnnungen für das Brach- und Jobeljahr. Die 10 Wunder beim Durchzug durch das Rote Meer, die 10 „Versuchungen" in der Wüste sind der Reihe nach zusammengestellt. So ist jede Trockenheit vermieden und Belehrendes mit Unterhaltendem glücklich gemischt. Die Erläuterungen treffen den Ton populärer Unterweisung und umgehe^, die Klippen geschraubter, schwülstiger Diktion. Zum Schülgebrauch und zum Selbstunterricht will der Verfasser sein Buch geschrieben haben und verwendet sehen. Diesem Doppelzweck zu dienen ist es in der Tat vollauf geeignet. Wir wünschen ihm die Erreichung des hohen Zieles von ganzem Herzen. A. Mannheimer, Dettelbach. Rachtrag. Das in der vorigen Nummer besprochene Werk: Dr. K. Kindemann, „Zwei Jahre in Moskaus Totenhäusern", ist im Eckart-Verlag, Berlin, erschienen. ruft, sonöern weil es überhaupt irrig und wahrheitswidrig ist. Wir sind nicht so überhebungslüstern, um z. B. das Wort Disraelis:, „Der Jude kann nicht aufgesogen werden^ weil es nicht, möglich ist, daß eine überlegene Rgsse von einer inferioren aufgesogen wird," gedankenlos nachzusprechen. In unseren Augen sind alle Guten gut und hochwertig und alle Bösen schlecht und minderwertig, und ebenso alle klugen klug und brauchbar un dalle Dummen dumm und unverwendbar, einerlei, ob es sich um uns oder andere handelt. Aber die Geistigkeit, von der die Rede ist, daß sie tatsächlich unser Eigentum ist, die Geistigkeit, die uns kennzeichnet und wirklich unsere spezifische Wesenheit ausmacht, die uns im Kampfe anfpornt und in der Abwehr ermunterte, uns bisher hochgehalten hat und nicht untcrgehen ließ, das ist die Geistigkeit unserer Weltanschauung. Sie ist unser wahres Eigentum, Auf diesem Gebiete sind wir eben wir, in unserem Bereich, autochton, zuhause, bei uns selbst, von unserer stärksten «Seite berührt und im besten Sinne eigentümlich. Hier sind wir wehrhaft und wahrhaft. Denn, mag es was immer anderswo auch geben, und es gibt, wie gesagt, von allem Schönen und Guten auch anderswo, eine Weltanschauung wie die jüdische gibt es nur einmal und ein Organ dafür von dieser speziellen Prägung, wie es uns z. L. in unserer Lehre und Ueberlieferung gegeben, gibt es nicht wieder, und eine Aufgabe und Sendung, wie die des jüdischen Menschen, kennt kein Volk mehr, keine Klasse und keine Rasse. Mag es auch, was uns auf diesem Gebiete eigentümlich ist, nicht jedem gefallen und mögen sie daran nörgeln, genug, es ist unser und weil es unser ist, macht es uns stark und wehrhaft und gewährt uns eine Basis, einen überwinöungsfesten Vorsprung. Vur dieses einzig und allein war es, das uns in dem unbarmherzigen Kampf aller gegen alle, der sich durch die Menschheitsgeschichte zieht, nicht verkommen und untergehen ließ, und nur in dieser unserer originellsten Cigenkraft, die die Vorsehungsgnade in uns hinein und an uns herangetragen hat, liegt für uns auch der gegebenste und natürlichste Wink für die Gegenwart und Zukunft, nämlich, in dem worin wir uns am meisten zu unseren Gunsten und am vorteilhaftesten unterscheiden, in unserer Westanschauung, den einzig möglichen und sicheren Halt zu erblicken. Treffend und' höchst bildhaft drückt dies einmal ein Wort des psalmisten aus: „Diese mit üriegswagen und jene mit Rossen, wir aber im Namen unseres G'ttes rufen wir. Sie sinken hin und fallen, wir aber stehen aufrecht und halten uns." Oder wie David dies in seiner Anrede an Goliath, bei Anlaß seines Kampfes mit ungleichen Kräften, der übrigens für den Kampf des Judentums mit dem Riesen „Welt" symbolhaft geworden ist, äußert: „Du kommst an mich mit Schwert und Lanze und Wurfspieß, und ich komme an dich im Namen des Ewigen der Heerscharen, des G'ttes der Schlachtenreihen Israels, die du gehöhnt?" Du bist stark und ich bin schwach, du bist groß und ich bin klein, aber mit der Waffe meiner Weltanschauung, mit G'tt, werde ich dich überdauern und besiegen.. Nun sollte man meinen — denn nichts wäre natürlicher und selbstverständlicher — daß sich erstens alle Juden dessen bewußt seien, sich bewußt seien, worin das Geheimnivsolle und eigentlich doch so Offenbare der wahren Kraft und Originalität des Juden liege, und zweitens, daß sie darnach vorgingen und handelten, d. h. daß sie sowohl instinktmäßig als bewußt sich als Juden auf ihre stärkste Seite werfen und sich zu ihrer Arterhaltung und Lebenssicherstellung eifrig und hingebungsvoll an ihre bewahrte Sieghaftigkeit, ihre Weltanschauung hielten. Besonders aber sollte man dies gerade in Zeitläuften der Bedrohung, in Augenblicken der Gefahr meinen, wo es ja jedem Lebewesen und nun gar erst jedem vernunftbegabten Menschenwesen von Natur aus das Elementarste ist, sich mit Behendigkeit und blitzartiger Erkenntnis auf seine wehrhafteste Kraft zu besinnen. Statt dessen aber, was sehen wir oft von Unnatur und Unvernunft in solch schicksalsschweren Momenten vollbringen: wir sehen von vielen ihre ureigenste und sicherste jüdische Waffe von sich werfen und im Schrecken des ersten besten Anpralls sich willensschwach ergeben, oder zu unangemessenen, dem Judentum fremdartigen Mitteln der Erwehrung greifen. Das erste was sie, wenn sie M als Juden bedroht und gefährdet fühlen, zumeist tun, ist,ihr Judentum im weitgehendsten Maße einzuschränken, wenn nicht gar abzustreisen, oder ihm eine möglichst angleichende und actverwischende Note zu geben, „wir wollen sein wie alle Völker, die rings um uns sind", wird da zur stehenden Parole, wie es schon zu allen Zeiten, neben dem beispiellosen Heroismus der Getreuen, die Parole aller jener war, die in verblendeter Angstgetriebenheit im buchstäblichen Sinne vor sich selber flüchteten, um vermeintlich in dem Schutze der Eigenart anderer unterzutauchen. Gewiß, Anpassung ünd Angleichung sind nicht zu verachten, wer wird"sich dagegen wenden, wenn selbst die Natur damit zum Nutzen der. Geschöpfe wirkt. Mimikry, Nachahmung und Anpassung, ist ein stehendes Naturgesetz. Aber das heißt doch nur soviel, daß die Form und Farbe der Umgebung angenommen wird, ohne daß aber die Art selbst sich wandelt und vergibt. Mimikry hat noch nie ein Lebewesen aus seinem Ursprung herausgebracht und zu einem anderen gemacht. Ein Beispiel: Eine Palme aus dem Süden paßt sich unter Umständen auch dem Norden an, wie ebenso ein Naöelbaum aus dem Norden nach dem Süden verpflanzt zu werden vermag. Man hat aber noch nicht gehört, daß eine Palme sich deswegen Nadelzweige statt ihrer eigenen. Blätter zugelegt hat. Auch der Mensch, der vernunftbegabte, willensfreie Mensch kann nicht eine Ausnahme der Natur machen, d. h. er kann es wohl, denn darum ist er willensfrei, aber nicht ohne Sünde wider die Natur und nota bene ohne schließlichen Schaden für sich selbst und für andere, und auch ein Jude ist nur ein Mensch, und soll nicht aus seinem naturgegebenen Ich herauswollen. Mag er sich soviel er will und kann, seiner Umwelt assimilieren, ja, er soll es sogar soweit es nur angeht, tun; er soll ebenso wie er zwangsläufig in den Kampf aller mit allen eintreten muß, auch freiwillig in den die Leidenschaften bändigenden Ausgleich aller mit allen eintreten. Cs wäre Wahnsinn, dies zu verneinen, zumal das Judentum selbst diese Angleichung z. B. mit der Formel: „Schön und gut ist Thora mit weltlicher Führung verbunden" sogar als Norm aufstellt. Aber das will nur heißen, in dem allen Gemeinsamen den weg der Angleichung zu finden, das Spezifische darf davon nicht erfaßt werden. Der Jude soll bei dem gewiß gebotenen Austausch der allgemeinen Strebungen nicht seines Ureigensten verlustig gehen, nicht seine Grundwesenheit abstreifen wollen, um etwa nicht mehr Geist von seinem Geiste und Fleisch von seinem Fleische zu sein; er soll nicht Schild und wehr der ererbten Art ablegen oder vertauschen, vorausgesetzt, daß es ihm nicht bewußt und gewollt um den Selbsttod der Gattung und Art in ihm zu tun ist. Aber dann ist ihm eben erst recht nicht damit zu helfen, und sein Vergehen ist dann erst recht verfehlt, ja, es ist völlig zwecklos. Ein Schriftsteller erzählt z. B. von einem Juden der Gesellschaft in sehr hoher Position, der in den verschiedenen Ländern, in denen er sich aufhielt, krampfhaft alles vermied, was an fein Iuöesein erinnern könnte. Er lebte erst in Berlin als Deutscher von vermeintlicher voller Ausgeglichenheit, als er merkte, daß man fein Iudesein entdeckte, ging er nach Paris, dann nach London, dann nach Amerika. Dort starb er, vermeintlich unerkannt, aber o Ironie! man begrub ihn als Juden, weil man sich sagte, das, was er am wenigsten sein wollte, wird er wohl am ursprünglichsten sein, und dabei blieb es. David hat dafür ganz anders gehandelt. Cr legt in dem erwähnten Zweikampf mit Goliath auf Sauls Rat erst eine regelrechte Kriegsrüstung an. Man will doch nicht abstechen, alle kämpfen doch so, mit Rüstung, Helm, Schwert und Lanze, wie will man sonst bestehen, wenn man es anders macht. Aber siehe, er sah bald ein, daß ihm diese Dinge fremd und wesensfern waren. Cs lag ihm nicht recht und er fühlte sich in dem Panzer statt gestärkt und gewappnet, beengt und bedroht. Er legte das Zeug schnell wieder ab und ging, wie gewohnt, als Hirte ausgerüstet, aber in der Kraft seiner eigenen Stärke, die seine Weltanschauung war, in der Kraft G'ttes, die ihn beseelte und siehe, er erfocht den Sieg. Der Vorgang ist typisch für den ganzen Sinn unserer Lebensaufgabe und ist eines der symbolhaftesten Stücke in unserer Geschichte. Vicht dafür, wie vielleicht unsere Feinde sagen würden, ist es symbolhaft, wie unsolöatisch der Jude schon von seinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.