Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1932)
- Date
- 1932-05-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450725--78813-2536538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10 Nr. 22 Der Israelit 1 ' I ' ‘ ii' •; teilen zu müssen „Das; eine andere Sängerin beim Wohltätigkeitskonzert des Grosi-Westeritscher Frauenvereins singen wird!" warf sich Reb Schmul Blaustein ihr ins wort." Seine Stimme wuchs, je weiter er sprach. „Line andere Künstlerin, die nicht uns, nicht der Kille von Grosi-Messeritsch verdankt, das zu sein, was sie ist. Line andere Person, die für ihr Auftreten Geld bekommt, weil sie der Kille nichts schuldig ist . . . Richts . . . Richts . . . Richt so, wie du . . . du!" Da musste Reb Schmul Blaustem eine Pause eintretcn lassen, um sich mal auszuschnausen. Diese Lücke benützte die Kammersängerin, um ihren Protest laut werden zu lassen: „Erlauben Sie, Herr Blaustem! Diese Attacke soll ich mir in meiner eigenen Wohnung gefallen lassen?! „Madame!" schrie Reb Schmul außer sich, „es gab eine Zeit, wo „Sie" mich Papa Blaustein nannten. Ls herrschte zwischen uns beiden ein Verhältnis, das mich berechtigte, meine Ansichten unverhüllt bekanntzugcben. von diesem Wege bin nicht ich abgeschweist! Sie, Madame, Sie scheinen diesen Weg verlassen zu haben! Ich kann Sie, und will Sie zur Dankbarkeit nicht zwingen . . . Aber etwas, etwas, was ich verlangen darf, zu verlangen das Recht habe ..." „Sie wollen." schnitt ihm die Sängerin ins Wort, „mein 'Auftreten beim Wohltätigkeitskonzert erzwingen?" „Erzwingen?" . . . wiederholte Samuel Blaustein. „Und wenn Sie uns bezahlen, lassen wir Sic nicht mehr in Messeritsch singen! Wir werden schon irgendeine Sängerin finden, die . . . vielleicht umsonst ... vielleicht um Geld . . .• auftreten wird. Aber Sie, Madame, Sie werden diese nicht sein. Bleiben Sie nur dort, wo Sie sind. Bleiben Sie nur auf dem Wege, den Sie beschritten haben . . . Wir . . . stoßen nicht einmal die bittende Band weg, die uns Schlechtes angetan hat ... Kommt, Leute," wendet er sich an die Anderen, „hier sind wir fertig!" Die Messeritscher entfernen sich. Frau Gittl sagt noch an der Schwelle ins Ohr der Frau Simche: „So eine Chuzpe von der Person! Das Hab' ich mein Lebtag nicht gesehen." Und die Cingangstüre schließt sich . . . 26. Mai 1932 sprach von eineni Konzert. Ich bedaure, Ihnen mitprimitiv ,zu sein. Die Stadt ist eben nicht groß genug, i Es gehört zu den Vorteilen Kifsingens, daß hier um die wilden Geräusche des großen Lebens, denen man . nicht wie' anderswo, die Stadt nur als Peripherie des für ein paar Wochen entronnen ist, einem nahe zu brin-! Badeplatzes an diesem saugt. Wohl steht im Zentrum gen, sie ist aber auch nicht so klein, daß man Kultur und der Stadt der Brunnen, der Kurgarten, alle Wege füh- Komfort, an die man einmal gewöhnt ist,' entbehren ren dahin, wie die Biutströme des Organismus zum müßte. Ein Kleinstadtidyll, umgeben von allen Bequem-j Herzen. Aber die Stadt ist eine Stadt wie jede Scpbv Granöe, öie gefeierte Primadonna, die Kammersängerin, zwingt sich zu einem höhnischen Lächeln, das ihr aber nicht und nicht gelingen will. „pack! Frechlinge!" schimpft sie vor sich hin. „Gesindel! Docfjuöen, die sich nicht zu benehmen wissen! Wenn sie nicht so frech gewesen wären, hätte ich ja schließlich bei dem Konzert mitgewirkt. Auch ohne Honorar!" stellt sie etwas unsicher und ohne Ueberzeugung fest, „aber so!" Sie winkt mit der Hand, wie eine, die das vorgcfallene verscheuchen will ... „Besser so! Jetzt habe ich mit der Vergangenheit endgiltig gebrochen. Jetzt bin ich mit ihr fertig!" So oft hatte sie sich danach gesehnt, mit der Vergangenheit brechen zu können, und nun . . . Run könnte sic glücklich, froh, gutgelaunt sein . . . und die Kehle ist ihr so trocken . . . und bitter, bitter . . . So bitter, wie Galle . . . Ferien in Kissingen. Es dürfte kaum einen zweiten Badeplatz auf der Welt geben, in dem, wie in Kissingen, sich in so hohem Maße Natur und Kultur, Landschaft und Kunst zusammengetan haben, um Kranken u n d Gesunden, dem Reichen wie dem Minderbemittelten, dem weltgewandten Lebemann wie dem bescheiden und beschaulich in sich gekehrten Gelehrten gleicherweise, bei Sonnenschein oder bei strömendem Regen, einen angenehmen und heilbringenden Aufenthalt zu bieten. Schon wenn man vom Bahnhof durch die Parkalleen in die Stadt hinuntergeht, eröffnet sich dem Auge das liebliche wohltuende Bild, dem das tiefe Grün der Bäume und Wiesen und das Rot der Dächer über den weißen Fassaden die Grundfarben geben. Am Kurgarten harren die leichten Pferdedroschken wie anno dazumal, als die Hupe des Kraftwagens die Straßen noch nicht beunruhigte. Es ist alles so traulich und lieblich, ohne lichkeiten der Großstadt. Für den jüdischen Kurgast kommen noch einige wichtige Faktoren hinzu, die ibm Kissingen zum wahren Dorado machen: Ein gut entwickeltes Gemeindeleben mit einem frommen, thoragelehrten Rabbiner an der Spitze, mit einer schönen Synagoge und täglichem G'ttesdienste, bei dem nicht einmal diemmbo von'rvani'rv fehlen und dem man sogar bei den man 'pivv ohne Automobil-Rekord folgen kann; zwei vortrefflich und streng rituell geleitete Hotels (Hotel Ehrenreich in der Theresienstraße und Hotel S e e l i g in der Frühlingsstraße). Man erwacht morgens gegen sieben bei den getragenen Klängen eines Chorals im nahen Kurgarten und — geht in die S y n a g o e zum Frühg'ttesdienst. Man soll sich, nach Anordnung des Arztes, für das frühstück wie für eine heilige Handlung vorbereiten. Bon der Synagoge rechts um die Ecke, durch die baumbestandene grüne Wiese, an dem prächtigen Rosengarten vorbei, in den Kurgarten, zu dem schönsten Brunnen, den Deutschlands Bäder, vielleicht auch die Welt, aufzuweisen haben. Auf der Tribüne glitzern die Musikinstrumente in der Frühsonne. Die Kapelle ist über Choral und klassische Musik längst bis zur „blauen Donau" gelangt, auf deren Wellen sich nun die Menschen mit den Gläsern in der Hand hin und her wiegen. Während der Omerzeit kann man dabei psychologische Betrachtungen zur maiv von pi2'»p -hpbk rri> anstellen, um dann am Lagbeomer mit umso größerer ruvn in Kunstgenüssen zu schwelgen. Drinnen in der Halle stehen die bayrischen Mädels und die betreßten Brunnendiener in ihrer bunten Tracht, Priester und Priesterinnen des heiligen Rakoczy, gießen und mischen, brauen und rühren, und reichen mit einer wahren kultischen Inbrunst dem > gläubigen Kurgast das G u ß o p f e r hin ... Hat man seine Zeit mit dem Glas in der Hand, nach Brauch und Vorschrift, abgelaufen, nimmt man im Hotelgarten zwischen Bäumen und Blumenbeeten gemächlich sein Frühstück ein. Der Vormittag vergeht mit den Kurhandlungen, die man streng einhalten muß, wenn der größte Heilfaktor, der Glaube (neben dem an G'tt, an Arzt und Heilwasser) Mitwirken soll. Man benutzt die herrlichen Bäder in der Stadt oder fährt im großtuerisch ratternden Motorboot chen zwischen den lieblichen grünen Ufern zur Saline hinaus, wo die Bäder noch besser, die Luft noch würziger, die Liege- und Ruheeinrichtungen noch komfortabler, die idyllische Ruhe noch vollkommener ist. Man wandelt dann, neu gestärkt, die wundervolle Allee zur Stadt hin und bringt den nötigen Appetit für das Mittagessen mit, das so ausgiebig und anmutig in der Aufmachung serviert wird, wie man es sich nur wünschen kann. Die ersten Nachmittagsstunden gehören, nach Diktatur des Arztes, wieder' der beschaulichen Ruhe. Die Kur besteht in der Hauptsache im Ruhen und — im Ausruhen von der Ruhe . . . Am späteren Nachmittag beleben sich die Wege nach den nahen Hügeln, die bei einem guten Tee noch als Gratisbeilage den herrlichen Ausblick in die Talmulde bieten, die in der Nachmittagssonne wie ein Farbenkessel voll Rot, Grün und Weiß glitzert. Man kann, wenn man gut zu Fuß ist und auf die schlanke Linie bedacht ist, am lieblichen Schweizerhäuschen vorbei bis zum Jagdhause hinaufkraxeln, man kann sich auch mit dem Bellevue begnügen, dem sanften Hügelchen links, das eine nicht minder schöne Aussicht gewährt. Man kann auch Kissingen von der anderen Seite, von der Bodenlaube her, bewundern. Daß sich für Touristen und Pfadfinder im Walde, der schon gleich am Rande der Saale sich terrassenförmig erhebt, ganz ungeahnte Möglichkeiten ergeben, muß nicht erst gesagt werden. Man steigt in den späteren Nachmittagsstunden gerade rechtzeitig in die Stadt hinunter, um noch ein paar Tönen Mozart oder Bruch im Kurgarten zu — entgehen, einen Schluck am Rakoczybrunnen zu genießen und dann langsam durch die Theresienstraße rechts zur Synagoge einzubiegen, wo sich der einheimische Stamm mit den Kurgästen, leider noch nicht allzuzahlreich, zum Minchog'ttesdienste und n:ai3 anyn sammeln. Mincho wird — ganz chassidisch — nan miiai d? gebetet, dafür aber dann bis Nacht redlich nDsairoi>n gelernt. Der Abend, der in Kissingen nach heißen Tagen doppelt kühl und erquickend ist. bietet jedem nach Lust und Einstellung sein Vergnügen. An mehreren Abenden in der Woche gibt es im Kurgarten Symphoniekonzerte, wobei die Springbrunnen in bengalischer Beleuchtung golden und silbern, feuerrot und tiefgrün sprudeln; eine Symphonie von Farben und Tönen erlesenster Art. Man kann aber auch, wenn man, wie jetzt in der Omerzeit, die rauschenden Freuden und die heitere Kunst meidet, sich in den lauschigen stillen Alleen ergehen oder gar auf dem Balkone, vielleicht nicht ganz kurgemäß, sich in eine jüdische Lektüre vertiefen. Im Kurhause ist übrigens der prachtvolle L e s e s a a l mit seinem reichen Zeitungs¬ und Bücherbestand bis in die späte Nachtstunde geöffnet. Bei diesen Einrichtungen und den weiten gedeckten Wandelhallen lassen sich die Tage und die Abende auch bei schlechtestem Wetter, ja bei strömendem Regen, ausgezeichnet mit Sonne und Wonne im Herzen verbringen. andere, lebt nicht einzig von der Fremdenindustrie. In den Geschäften zahlt man für alle Dinge des Luxus oder des täglichen Bedarfs keinen Pfennig mehr als in jeder anderen Stadt. Es ist eine alte gute bayrische Stadt, in der das Heilwasser des Rakoczy alles falsche Heil, das im Grunde Unheil bedeutet, glatt wegspült ... In den alten trauten Bierhallen sieht man abends den Kurgast neben dem Einheimischen bei der vollen schäumenden Maß sitzen. Das einmal in böser Zeit geprägte Wort: „Bayer-Risches-Bier" ist jetzt hier nur noch ein leeres Witzwort, ohne inneren Sinn . . . Seitdem die Bayrische Volkspartei besser als irgendwo sonst in Deutschland dem Ansturm der Gegner wacker standgehalten und auch die bayrische Sozialdemokratie sich von ihrem programmwidrigen Seitensprung ins Antisemitische vollkommen erholt hat, wird das — übrigens nur dem bayrischen Staatssäckel, nicht dem jüdischen Kurgast schadende — Schächtverbot in Bayern wohl die längste Zeit gelebt haben. Bei der Gelegenheit sei noch berichtet, daß sich am Sonntag abend, den 22. Mai, in den schönen Räumen des Hotels E h r e n r e i ch die Mitglieder des Zentralvereins von hier und Umgegend mit interessierten Kurgästen zusammensanden, um ein fesselndes. Referat des. Herrn Dr. Kahnmann, München, entgegenzunehmen. Man sieht also, es fehlt auch für Seele und Geist nicht an Anregung! Kissingen hat seit einigen Jahren eine schlechte Saison. Das liegt nicht an Kissingen, sondern an der Zeit, die den Menschen den Mut und die Mittel für ihre Erholung geraubt hat. Aber Kissingen hat etwas von der Wunderkraft jenes Zauberlandes im Märchen, zu dem jeder einmal zurückkehren muß, so er es nur einmal betreten hat. Darum bessern sich die Dinge auch in Kissingen zusehends, und wir wollen hoffen, daß wir diesen Sommer in der Frequenz dieser herrlichsten aller deutschen Badestädte ein Symptom für eine Besserung der Weltlage erblicken können. Ein alter „Kissinger". (G'tteshaß.) Man kann in jeder Zeitung lesen, wie finster das Mittelalter war. Auch in der jüdischen Zeitung steht das geschrieben. Und es ist eine Tatsache, daß die Juden viel zu leiden hatten im Mittelalter. Aber man müßte auch daran denken, daß es gestern und heute, in der neuen und in der neuesten Zeit, nicht anders und nicht besser geworden ist. Die hunderttausend Pogromopfer des Jahres 1919 beweisen wohl eher das Gegenteil. Solche Vergleiche gehen aber nur auf Größenunterschiede — „nur", obwohl jedes einzelne Menschenleben unvergleichbar ist. Doch bedeutsamer ist ein Wesensunterschied zwischen der alten und der neuen Zeit. Auch früher gab es den Kamnf gegen das Judentum (nicht gegen den Juden: der Jude, der seine Religion verließ, wurde mit ossenen Armen ausgenommen), aber dieser Kamps wurde im Namen G'ttes geführt, auf dem Boden der Relioion. Das muß beachtet werden, selbst in den Fällen, wo irrende und verirrte Menschen zur Gewalt griffen. Heute gibt es das nicht mehr. Heute wird das Judentum nicht mehr im Namen G'ttes bekämpft, sondern im Namen des Teufels, .natürlich in zeitgemäßer Verkleidung: im Westen in gemäßigterer, im Osten in wilderer Form. Der G'tteshaß geht durchaus gegen das Judentum, obwohl er natürlich das Christentum und den Islam nicht weniger bekämpft. Denn diese beiden -sind ja die Vertreter des Judaismus in der Welt der Völker. Wer begreifen will, worum es heute geht, der -kann sich das an dem folgenden Buche klar machen: Zwei Jahre in Moskaus Totenhäusern. Der Moskauer Studenten-Vrozeß und die Arbeitsmethoden der OGPU., von Dr. Karl Kindermann.*) In diesem Buche kommen einige Namen vor, deren Träger wohl „Juden" sind. Der Verfasser selbst ist Jude, aber offenbar nicht in der Welt des Judentums aufgewachsen. Vom Judentum, von Religion überhaupt, wird in dieser Schrift nicht gesprochen. Trotzdem ist sie für uns von größtem Belang. Wir tun.hier einen Blick in die Hölle. Wir sehen hier, wie die Welt aussehen würde, wenn der Bolschewismus siegte. Wenn — denn er darf nicht siegen; Die Welt darf nicht dem G'tteshaß preisgegeben werden, darf nicht in den Abgrund zivilisierter Tisrhaftigksit mit erlöserischem Aufputz versinken. Das Buch ist ein reiner Tatsachenbericht, ohne jede Spur Effekthascherei, ja, es nützt nicht einmal legitime Mittel der Schilderung aus. Manchmal will es einem scheinen, als ob dem Verfasser gar nicht zu Bewußtsein käme, wieviel er sagt. Und das bedeutet etwas, denn es ist ein Mann von Geist und von größter Seelenkraft, der da als Held durch die Jahre seelischer Folter, Qual und Todesdrohung in den Kerkern der Tscheka schritt. Wer dieses Buch zu lesen beginnt, kann es nicht wieder aus der Hand legen, bis er ans Ende kommt. -sb-. *) 232 S., Gr. 8", 50 Bilder, kartoniert RM. 4.80, Leinenband RM. 5.80.