Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-05-26 · Heft 22 (26.5.1932) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 22 (26.5.1932)
Date
1932-05-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450725--78812-2536537
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nr.22 1932 Jeuilleton. Beilage MM Gäste aus der Heimat. Von Alfred Tolam. Die weißbeschürztc, weißbehaubte Zofe musterte höchst argwöhnisch die Einlaß begehrende kleine Ge-- seltschaft, deren Mitglieder ernstlich bemüht waren, den an ihren Stiefeln klebenden Kotklumpen mit Hilfe des kleinen Teppichs zu befreien. Fräulein Emmchen, die Zofe, rümpfte verzweifelt chr Stupsnäschen . . . Lei einer Sängerin verkehrt so manche Bagage: Komponisten, die ihre Sachen durch die g'ttliche Diva singen lassen wollen, Dirigenten, die ihren Pult gerne mit dem Klaviersessel vertauschen würden, uin als ständiger Legleiter der großen Sephv Grande in die Höbe zu kommen, Impreffarios, die gerne die Goldschätze der Kehle der Sängerin in Lanknotcn umwechseln wollten Dann: Theaterdirektoren . . . Solche, die ein rotes Bändchen, oder eine weiße Blume im Knopfloch stecken haben, die blinkenden Lackstiefletten teilweise mit blendendweißen Gamaschen verhüllen, die im Portemonnaie große Lanknoten mitbringen, um die Grande zu einem Gastspiel zu bewegen. Andere, mit langer, selten gekämmter, struppiger Mähne, deren karierte Hose vielleicht seit der Geburt die Bekanntschaft mit dem Lügeleisen nicht fortgesetzt hatte, die Taschen leer. Die haben kein Geld mitgebracht, nur Worte, schöne Worte. Die brauchen die große Sephy, um ihre Schmiere Wiederaus die Leine zu stellen.. Und Fräulein Emmchen weiß recht gut, diese Struppigen haben bei der Herrin kein Glück. Madame Seph^ Grande kennt ein Gastspiel nur gegen Vorauskassa. Man munkelt viel dar-, über, sie sei geizig, sie flöge nur auf Geld . . . Fräulein Emmchen pflegt auch diese Provinzialdirektoren einfach im eigenen Machtbereich abzuweisen. Aber diese Leute heute! Die gewiegte Menschenkennerin, das blonde Emmchen, weiß gar nicht, in welche Kategorie sie diese einreihen solle. Zwei Männer, zwei Damen ... oder besser gesagt zwei Frauenzimmer, wie sich Emma im Gedanken ausdrückte . . . stehen vor der Vorzimmertüre und scharren die Füße. Die Männer tragen lange Lärte, die Frauenzimmer kleine Samthütchen, mit Ländern unter dem Kinn festgebunden. Emma schüttelt mißbilligend den Kopf: Samthüte im Februar, wo Fast schon die Strohhüte bald nicht mehr aktuell sind . . . Und diese Toiletten! . . . Provinz, finstere. Provinz, — stellt sie fest. Aber nicht Theaterleute, die gehen auffallender gekleidet, und diese da sind zwar altmodisch, stark altmodisch^ aber nicht schreiende Schwarze Jäckchen, schwarzer Rock, schwarze Samthütchen . . . — verwandte, — denkt Emma, dann blickt sie nachdenklich auf die langen Bärte der Männer und auf ihre Gesichtszüge und verwirft gleich diesen Gedanken: — Nicht möglich, das sind ja: Juden. Und jetzt weiß sie erst nicht, was sie beginnen soll. Da scheint der eine Mann mit der Schuhreinigung fertig zu sein, lüftet seinen Hut und spricht: „Mein Name ist Samuel Llaustein." Türmchen nickt zur Kenntnis nehmend mit dem behaubten Krausköpfchen und harrt der Dinge, die da kämen. „wir, ich und diese, meine Freunde, — weist der Mapn auf die Anderen hin, — kommen aus Groß- Messeritsch: Haben wir die Ehre mit der Künstlerin selbst? . .. „Rein, bitte, ich bin nur ihre Kammerjungfer," gesteht Emmchen. „So . . . so . . .", — nimmt Samuel Blaustem zur Kenntnis, ohne zu ahnen, was das Wort Kammerjungfer bedeute. — Also nicht die Künstlerin selbst? wir wollen . . . wir möchten mit der Künstlerin selbst sprechen, deshalb sind wir aus Größ-Messeritsch hergefahren." „In welcher Angelegenheit? Levor ich sie bei Madaine anmelde, muß ich den Zweck Ihres „werten" — dieses Wort wurde schnippisch betonend unterstrichen — „Besuches kennen!" sagt Emma. „Wegen eines Konzertes . . . wir wollen, wir möchten die -Künstlerin zur Abhaltung eines Konzertes veranlassen . . . Eines Wohltätigkeitskonzertes ..." „Ledaure sehr! Madame nimmt solche Ehrungen nicht an .. . Sic wirkt prinzipiell bei keinem wohltätigkeitsfefte mit ..." „Aber . . . bitte . . . mein liebes . . . hm . . . Fräulein . . . vielleicht inacht sie mit uns eine Ausnahme ... Die Künstlerin ist unsere Landsmännin und wird unsere Litte sicher nicht abschlagen." „Ihre Landsmännin? ..." fragt Emmchen verblüfft. „Madame ist doch eine gebürtige Pariserin!. „Aus Groß-Mefferitsch . . ergänzte Reb Schmul Blaustem. „Und wenn Sie, liebes. Fräulein, die große Güte hätten, ihr zu sagen: „Madame, Roschekohl Schmul Llaustein samt werten Gemahlin, Gittl, sowie Reb Abraham Klein und Frau Simche Blau aus Groß-Mefferitsch stehen draußen und wollen Madame sprechen," werden Sie sehen, daß sie uns nicht nur empfangen, sondern auch an dem Konzert nächste Woche teilnehmen wird!" Das sichere 2luf.treten des Reb Schmul, das mit dem ständigen Kopfnicken der Uebrigen begleitet wurde, ließ die Sicherheit der Zofe ins Wanken geraten, sie ließ die Gesellschaft ins Vorzimmer eintceten, ließ sie Platz nehmen, dann ging sie ins Boudoir der Herrin, um die kuriose Gesellschaft anzumelden. Inzwischen unterhielt sich die kleine Gesellschaft int Vorzimmer. Reb Abraham Klein bemrkte anerkennend: „Sehr gut haben Sie Ihre Sache gemacht, Reb Schmul, sehr gut!" worauf Gittl Blaustem stolz: „Sederanda! . . . Darum ist er Roschekohl! Hat er denn je etwas schlecht gemacht, mein Blaustem?" „2lber, Frau Gittl," beschwichtigte Frau Simche Blau, Vorsitzende des Groß-Mefferitscher Frauenvereines, „Reb 2lvromele Klein meinte es ja nicht schlecht! Und überhaupt ..." „Ja, wir sollen uns ja nicht zanken," legt , sich Abraham. Klein ins Zeug, „gleich wird Seraphine da sein. Die wird 2lngen machen, wenn sie uns hier steht. Können Sic sich, ihrer noch erinnern, Frau Gittl? Ein hübsches Mädel war sie, die Tochter des Schames Groß!" ' „Ob sic sich erinnere? 2lls der Schames Nathan Groß (die arine Frau Blume Groß ging schon früher ab, damals, als sic das Kindchen gebar) und Seph>? allein auf der weit blieb, nahm sie sie doch zu sich. Sie gab ihr zu essen, kleidete das arme Waisenkind, hegte un5 pflegte es, wie ihr eigenes. Ihr selbst hat die Vorsehung keine Kinder beschert . . . Dicht als ob sie dafür Dank erwartete! . . . Sie tat nur, was ihre Pflicht war. Ihre Pflicht gegen den Mitmenschen. Dankbar erwies sich Seph^ nicht sehr! Seit Jahren hat sie sich nicht mehr gemeldet, kein Lebenszeichen gegeben, keine Zeile an die Pflegeeltern geschrieben. Schmule wollte auch nicht herfahren deswegen. Rur auf ihr Bitten und Flehen und auf die Erklärung hin, solch eine große Künstlerin habe wenig Zeit, ließ er sich bewegen. Aber auch dann brummte er unentwegt: „Eine Karte könnte sie doch hie und da schreiben, das undankbare Geschöpf. Uns, ihren pflegccltern. Der Kille,- die ihre musikalische Ausbildung ermöglichte . . . Kannst du dich erinnern, Gittl? Die ganze Kille mußte sich jahrelang anstrengen, um das Geld zusammenzukricgen, das die Gesangsstunden in Prag und Wien kosteten." „Ob ich mich erinnere? Das war keine kleine Sache, die Leute zu bewegen, zur Ausbildung beizusteuern! Zu was hat ein Iudenmädel singen zu lernen, Kantor kann sie ja doch nicht werden! sagten sie. — Ja, aber dann gaben sie das Geld doch her . . .. Und jetzt scheint die große Künstlerin vergessen zu haben, was sie der Kille zu verdanken habe." „Die Hauptsache, sie soll zum Konzert kommen . . . Der Frauenverein braucht Geld, dringend und viel Geld," sagt Frau Simche Blau, „die Waisenhäuser brauchen Geld. Das Konzert muß . . ." Die Reminiszenzen wurden durch das Erscheinen Sephv Grandes unterbrochen. Die Künstlerin erschien an der Schwelle ihres Gemachs. Ein hellblauer, goldgestickter Kimono umhüllte ihre, nicht gerade schlank zu nennende Gestalt. Durch ihre Lorgnette musterte sie die lang nicht inchr gesehenen Gesichter. Die Wartenden sprangen von ihren Sesseln, Samuel Llaustein verbeugte sich zeremoniell und küßte die Hand der Sängerin. Dies trug ihm einen mißbilligcnden Blick der Gattin ein. „Die Händ' küßt er ihr, der Schlemihl," zischte Frau Gittl zwischen den Zähnen. „Sie sollte uns die Hände küssen, für die vielen Wohltaten, die sie genoffen." Seph^' Grande reichte jedem der Besucher die Hände . . . wenn auch nicht in überschwenglicher Freude, so doch freundschaftlich . . . Die Begrüßungspause half den Leuten, sich wieder zurechtzufinden. „O, meine Herrschaften," sagt die Sängerin, „cs freut mich, Sie wiederzusehen. Schön, daß Sie mich besuchen! Was führt Sie zu mir?" Samuel Llaustein wollte eben den Zweck ihrer Herfahrt vortragen, als es ihm einfiel, sie stünden noch immer im Vorzimmer und Sephy scheint keine Miene zu machen, sic zum weitertreten aufzufordern. 2luch die Mitanwesenheit der kecken Zofe, die lMer ihrer Herrin stand, störte den braven Roschekohl . . . Cr war schon Zeit seines Lebens auch bei großen Herren, einmal sogar bei seiner Er'ecllenz dem Kultusminister. Man ließ ihn noch immer wcitertrctcn, Platz nehmen. Roch nirgends wurde er im Vorraume und in Anwesenheit von Domestiken abgefertigt. Dies machte ihm den Kopf heiß, feine Kehle trocken und verschnürt . . . Dann aber fand er sich wieder: „Du, Sephv, vielleicht würdest du uns Platz anbieten?" „Acb, ja . . . Bitte, meine Herrschaften, nebmen Sie Platz." „Und vielleicht könnte die . . . das Fräulein," wies Blaustcin mit dem Kopfe nach der Zofe. „Gehen Sie, Emmchen!", befahl die Kammersängerin, dann wendete sie sich wieder an Blaustein: „Ich bin sehr begierig, zu erfahren, welche Geheimnisse Sie mir anzuvertrauen haben." „Geheimnisse? . . . Keine, Seph^'!" mischt sich nun Frau Simche Blau ins Gespräch. „2lbcr Reb Schmul Blaustein hat Recht . . . Vollkommen Recht . . . Sie, er und Frau Gittl, sind deine pffegeeltern und wenn sie nach so langer Zeit dich einmal besuchen ..." „Lassen Sie das, Frau Simche . . .", wehrt Gittl ab, „das ist Nebensache . . . pflegccltern sind schließlich doch nur fremde Leute und Sephy . . . Ich wollte sagen, die Frau Kammersängerin . . ." „Sie werden doch nicht Seph^ mit dem Kammersängerin-Titel ansprechen," wütet Frau Simche, die ob des unerwartet kalten Empfanges ganz aus dem Häuschen geriet. „Aber, meine Herrschaften," mischt sich nun Sephy ein, „das ist doch alles Nebensache. Ich habe wenig Zeit. Um halb elf habe ich Probe in der Oper. Sagen Sie mir rasch ohne Umschweife, was Sie zum Besuche veranlaßte. Emmchen, meine Kammerzofe,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.