Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1932)
- Date
- 1932-05-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 22 26. Mai 1932 Der Israelit In der Aussprache zeigte sich das Bestreben, die ge meindepolitische Arbeit zu vereinheitlichen, sie jedoch nicht als den Kernpunkt der liberalen Arbeit anzusehen. Im Vordergrundg stehe die Durchprüfung der geistige Grundlagen der Bewegung. Die Breslauer Gruppe wünscht eine Verbindung der religiösen mit den sozialen Aufgaben. Es wurden Beschlüsse angenommen, im kom menden Herbst eine Konferenz jüdisch-liberaler Gemeinde führer einzuberufen. Viel wurde wieder von der religio sen E i n h e i t s g e m e i n d e gesprochen, die die Libe ralen aufrecht erhalten zu können glauben, ohne dem „Wettbewerb der Weltanschauungen" Abbruch zu tun obwohl sie doch durch die letzten Vorgänge in der Ver liner Gemeinde eines andern belehrt worden sind. 1 Dr. James Simon gestorben. Berlin, 25. Mai. In der Nacht zu Montag starb Dr. James Simon der als Wirtschaftsführer, Kunstfreund und Philantrop weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt war Dr. Simon gehörte zu den Begründern des Deut f ch e n Hilfsv er.eines und war ihr langjähriger Vorsitzen der, als welcher er große Reisen durch alle jüdischen Zentren der Welt unternahm. Er gehörte auch dem Engeren Komitee der JCA. an und arbeitete bei allen Kolonisationsplänen dieser Organisation tapfer mit. Be könnt ist, daß Dr. James Simon ein persönlicher Freund und Vertrauter vom früheren Kaiser Wilhelm II. war, wodurch er sich den Haß der radikalenrechten und den Hohn der radrkalenlrnken Parteien gugegogen hat. Religiös vollkommen desinteressiert, galt er doch immer noch wegen seiner großen tätigen Liebe zu seinen Glaubensbrüdern und zu Palästina als Mann von einiger jüdischer Einstellung. Um so mehr überrascht und enttäuscht es weite Kreise, daß er letztwillig auf eine jüdische Beerdigung verzichtet und die Feuerbestattung für sich bestimmt hatte. Diese hat in aller Stille stattgefunden, so daß die Presse erst nach der Einäscherung vom Tode erfahren hat. Der Montag statt des' Sonnabend Auszahlungstag für sabbattreue Erwerbslose. ' Halber st adt, 23. Mai. Der Preußische Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden (Halberstädter Verband) teilt mit, daß nach Weigerung einer Geschäftsstelle des Arbeitsamtes, von der Regel der Auszahlung der Unterstützung am Sonnabend eine Ausnahme für Sabbattreue zu machen, auf Grund der Intervention des Verbandes von der Vorgesetzten Behörde die Anweisung ergangen ist, daß statt des Sonnabends der Montag jeder Woche für Meldung und Auszahlung für die den Sabbat Heiligenden bestimmt werde. Oesterreich. Sommerserienkurse des Beth Jakob. Wien, 24. Mai. Das Wiener Zentralinstitut von Beth Jakob veranstaltet diesmal feine Sommerkurse im Semmeringgebiet. Die Leitung hat für zwei Monate wundervolle luftige Räume in waldiger, freier Umgebung gemietet. Die Ferienkurse dauern vom 10. Juli bis 10. September. Ihr Zweck ist, den Teilnehmerinnen neben der körperlichen Kräftigung und Erholung in der klimatischen Landschaft einige Wochen jüdischen Gemeinschaftslebens und Gelegenheit zur Erweiterung des jüdischen Wissens zu bieten. Es wird Unterricht in allen jüdischen Disziplinen in drei Kursen erteilt. Der Preis für Wohnung, volle Verpflegung (5 Mahlzeiten), Teilnahme an den Kursen usw. beträgt S 7.50 pro Tag. Sämtliche verfügbaren Freiplätze sind bereits vergeben. Anmeldungen sind bis spätestens 25. Juni an die Beth Jakob-Zentrale, Wien II, Leopoldsgasse 26, zu richten, woselbst auch alle Auskünfte erteilt werden. Polen. Tragisches Ende von Akteuren eines Senfationsprozeffes. Warschau, 24. Mai. Man erinnert sich, daß im Jahre 1918 der Ploczker Rabbiner, Rabbi S ch a p i r o, wegen Spionage zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Er hatte nachweislich, als die Russen in die Stadt einzogen, auf Die Woche. Berlin. Der Reichsbund gesetzestreuer Jüdischer Gemeinden hat in einem Kondolenzschreiben an die Hinterbliebenen des verstorbenen Geheimrats Professor Wilhelm Kahl betont, daß der große Rechtslehrer und Parlamentarier sich jederzeit für die vorurteilslose Verwirklichung des Suum cuique- Gedankens eingesetzt habe. Sein sittlicher Ernst, die Weite seines Denkens hätten ihm Einsicht und Kraft gegeben zum feinsinnigen Mitempfinden, zur weisen Würdigung auch jener weltanschaulichen Intentionen, denen er persönlich innerlich ferngestanden habe. — Gegenüber Mitteilungen eines radikalsozialistischen Blattes, wonach die Hamburg-Amerika-Linie (Hapag) die Nationalsozialistische Partei mit einer großen Summe unterstützt hätte, wird der ITA. seitens maßgebender Mitglieder der Verwaltung der Hapag erklärt, daß diese Mitteilung erfunden sei. — Das Deutsche Au s - l a n d s i n st i t u t in Stuttgart verlieh dem jüdischen Augenarzt Dr. Max Meyerhof in Kairo eine Ehrenurkunde für Verdienste um das Deutschtum im Auslande. München. Ein besonders krasser Fall wird aus Regensburg berichtet. Dort wurde ein elfjähriger jüdischer Schüler namens Mand e l b a u m überfahren und so schwer verletzt, daß er tags darauf im katholischen Krankenhaus starb. Wie der „Bayrische Kurier" zu berichten weiß, hatte Geheimrat Dr. Dörfler, ein bekannter Nationalsozialist, dem der Knabe zuerst zugeführt wurde, diesem die ärztliche Hilfe glatt v erweigert. Als das Kind dann'ins Krankenhaus gebracht wurde, war der Blutverlust inzwischen so groß, daß es trotz der Operation bald verstarb. Die Untersuchung des Falles ist im Gange. Paris. Der französischen Kammer gehören folgende 18 Juden als Deputierte verschiedener französischer Parteien an: Leon Blum, Louis Dreyfuß, Louis Gros, Levy Alphandery, Georges Mantel, Leon Meyer, Mach, Schlaffer, Jacques Stern, Henri Torres, Joseph Vidal, Georges Weill, Fribourg, Andre Hesse, Max Hymans, Mendes- France, Theodore Valensi, Wallach. Kowno. Bekanntlich fand im August 1929 ein kleiner Judenpogrom in Slobodko statt, wobei es mehrere Schwerverletzte gab. Jetzt, nach bald drei Jahren, sollen im Rahmen eines anderen großen politischen Sensationsprozesses gegen den „Eisernen Wolf" auch jene Vorgänge zur gründlichen Erörterung kommen. "Bukarest. Mit einem eindrucksvollen Festakte wurde in P o i a n a T z a p u l u i, in den transsylvanischen Alpen, eine jüdische Jugendsiedlung eröffnet. Belgrad. Der Innenminister ernannte fünf Juden zu Mitgliedern des neuen Munizipalausschusses der Hauptstadt Belgrad. Warschau. Der „Verband der Allpolnischen Jugend", der aus Anlaß seines zehnjährigen Bestehens in Warschau eine große Versammlung abhielt, beschloß, das H i t l e r' s ch e Judenentrechtungsprogramm als Grundlage seiner Politik zu nehmen. Jerusalem. Außer den 2000 Einwanderungszertifikaten für Chaluzim, die die Palästinaregierung Ende April für das Halbjahr April-- Oktober bewilligt hat, hat der High Commiffioner für Palästina Sir Arthur Wauchope nunmehr weitere 100 Zertifikate für weibliche Angehörige von Palästina-Einwohnern bewilligt. Melbourne. Sir Daniel Levy, der „Speaker" der gesetzgebenden Körperschaft von Neu-Südwales in Australien, wurde zum Justizminister der neuen Regierung von Neu- Südwales, die nach dem Rücktritt des Arbeiterkabinetts Lang von Stevens gebildet wurde, ernannt. Gleichzeitig bekleidet Sir Daniel Levy das Amt eines Oberstaatsanwalts von Neu-Südwales. Sir Daniel Levy betätigt sich sehr viel im jüdischen Gemeindeleben. Er war in früheren Jahren Chefredakteur des „Australien Hebrew". Nervyork. Der Verband polnischer Juden in Amerika richtete an die polnische Gesandtschaft eine Beschwerde gegen das Urteil des Wilnaer Gerichtes in dem Prozeß gegen den jüdischen Studenten W u l f i n. Nunmehr beschwert sich der Verband in einer öffentlichen Erklärung, daß die Gesandtschaft den Protest unbeantwortet ließ. — Die Medizinische Akademie hat ihr zugedachte Stiftungen, wobei es sich um große Summen handelte, zurückgewiesen, weil die Stifter Juden von dem Genüsse der Stiftungsgelder ausschließen wollten. — Vor einiger Zeit hatte sich hier ein Hitlerorgan unter dem Titel „Der Vorposten" aufgetan. Das Blatt hat nunmehr sein Erscheinen aus Mangel an Mitteln einstellen müssen. dem Balkon das Minchogebet verrichtet, und man legte seine Bewegungen als Geheimsignale an den Feind aus.. Alle Anstrengungen, den Rabbi zu retten, waren vergebens. Auch die später betriebene Rehabilitierung des Rabbi gelang nicht . Der Vorsitzende des Militärgerichtes,? das jenen Justizmord auf dem Gewissen hatte, war Stefan Heidikowski. Dieser Tage wurde dieser Heidikowski, der längst nicht mehr im Staatsdienste ist, verhaftet, unter der Anklage, daß er in seiner Militärzeit 12 000 Zlotys Staatsgelder unterschlagen hätte. Man setzte ihn gegen Kaution wieder auf freien Fuß, aber Heidikowskl beging noch am gleichen Abend Selbstmord. Es ist interessant, zu verzeichnen, daß der Oberst a a ts a nw a lt, der den Rehabilitierungsprozeß 1923mit aller Energie verhinderte, vor kurzem einen plötzlichen Tod durch Herzschlag erlitt. Leben und Aampf in der warschauer Gemeinde. Warschau, 23. Mai. Bei den Budgetberatungen bilden die Posten und die Vorschläge für die Rabbinatsbesetzungen den Zankapfel der Parteien. In einer der letzten Sitzungen oerteidigten die orthodoxen Ratsmänner die Neuanstellung von Rabbinern und begründeten die Vorschläge mit der Notwendigkeit, das religiöse Leben in der größten Gemeinde Europas zu erhalten und zu vertiefen.' Einigeführten besonders den Vorschlag Dr. Schippersad absurdum, der darauf hinausgeht, mit den Anstellungen noch abzuwerten, bis das „Judaistische Institut" seine ersten Zöglinge entlassen hat. (?) Es geht in Warschau um das Kaschruth, den Sabbat, die Jugenderziehung. Parnes Feigenblatt bringt noch besonders die Rede auf das Argunothproblem. All diese Fragen schreien nach rabbinischen Autoritäten. Alle Aguda-Redner erklärten, sich von der zionistischen Opposition nicht einschüchtern zu lassen und für den Etat zu stimmen. Die für die Neuanstellungen und die Reorganisation des Raübinates geforderte Summe beträgt 170 000 Zloty. Die Verwaltungssitzung der Kehilla von Montag, in der Präses Masur ein Exposee über die finanzielle Krisis und die nötigen und möglichen Einsparungen vorlegte, ging unter großen Tumulten vor sich. Eine Delegation der Gemeindebeamten erschien im Plenum und überreichte ihre Bedingungen. Sie protestieren gegen die Gehaltskürzungen, die in keinem Verhältnis zu dem Lebensmittelindex stehen. Einige Ratmänner erklären demgegenüber, daß die Not der Steuerzahler noch größer sei und daß eine weitere Belastung derselben zu Gunsten der Beamten nicht in Frage komme. Andere beantragen Erhöhung der Gebühren für Beerdigungen, um damit den Etat zu heben. Ratmann Meschulam Kaminersagt: „Wenn man schon den Gemeindemitgliedern solche- Lasten auferlegt, dann sollte man ihnen dafür auch was Rechtes in kultureller und religiöser Beziehung bieten." Im Laufe der Debatte entsteht große Unruhe dadurch, daß sich die Polizei den eindringenden Beamten mit Gewalt in den Weg stellt. Im Gedränge wurden einige Fensterscheiben eingeschlagen. Bei Fortsetzung der Beratungen am Montag traten die Zionisten auch gegen die geplante Anlegung des Friedhofes, für die 100 000 Zlotys bestimmt sind, auf. Die alte Verwaltung unter Farbstein hatte ein Gelände für eine halbe Million Zloty erworben, das aber nach polizeilicher Anordnung nicht benutzt werden darf, solange der Sumpfboden nicht ausgetrocknet ist. Diese Arbeiten würden noch einmal 300 000 Zloty verschlingen, ohne Garantie dafür, daß der Boden brauchbar würde. M. Kamin er weist auf diese Unzuträglichkeit hin. Dr. Schipper bemüht sich, alle Maßnahmen der früheren Verwaltung, auch den Friedhofsankauf, zu rechtfertigen, was aber an den Tatsachen, die die Gegenpartei anzuführen weiß, scheitert. * * In große Erregung wird die jüdische Bevölkerung durch einen Vorgang im jüdischen Spital versetzt. Ein aus Sowjetrußland eingewanderter Rabbiner namens Gorodezki starb im jüdischen Krankenhaus. Sofort wandte sich die A g u d a s I i s r o e l schriftlich an die Spitaloerwaltung mit der Bitte, ihr das n» herauszugeben, damit es in allen Ehren bestattet werde.- Der Direktor erklärte aber, da der Verstorbene keine Verwandte in Polen hätte, müsse er die Leiche an die Anatomie herausgeben. Auch ein Einschreiten des Präses