Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1932)
- Date
- 1932-05-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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eite 4 Nr. 22 Der Israelit Bei. einem der so beliebten Sabbat-Fußballspiele des „Makkabi" war es zu Protestkundgebungen der orthodoxen Bewohner Jerusalems gekommen. Die Spielleitung, der die Heiligkeit des Fußballs über die des Sabbat geht, rief englische Polizei herbei, die mit den jeder Polizei nun einmal eigentümlichen Gummiknüppel-Argumenten gegen die Menge vorging. In zionistischen Kreisen bat diese „nationale" Tat des Makkabi, der sich nicht scheut, englische Polizei auf wehrlose Juden am Schabbos zu Hetzen, dem Ansehen der Sporthelden nicht weiter geschadet — in Wahrheit sollte dies Vorgehen ein Schandfleck auf dein Schilde des „Makkabi" sein, der nicht so leicht abzuwaschen ist! Bei dieser Gelegenheit sollen nun die sechs Iungagudisten der Polizei Widerstand geleistet haben, indem sie sich dagegen wehrten, in das Polizeiauto verladen zu werden. Sie waren der Ansicht, die Polizei könne in der „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte des jüdischen Volkes" wenigstens insoweit auf die jüdische Religion Rücksicht nehmen, als sie die „Verbrecher" zu Fuß zur Wache bringe. Der englische Richter belehrte sie nun eines anderen. Zwar gelang es der ausgezeichneten Verteidigung des der 2lguda-Leitung ungehörigen hochverdienten Rechtsanwalts De. Buxbauin, für vier der 2lngeklagten einen.Freispruch zu erzielen. Zwei jedoch wurden zur Hinterlegung einer hohen Kaution verurteilt, die ihnen nach 2lblauf einer Bewährungsfrist von zwei Jahren zurückerstattet werden soll. Unser juristischer Mitarbeiter schreibt uns dazu: Tine formelle Verurteilung also und damit eine Rechtfertigung der Polizisten, denen somit bescheinigt wird, daß sie sich bei 2lusübung ihres Amtes um die religiösen Gefühle der Juden nicht zu kümmern haben. Warum auch? Waren es doch Juden, die die Polizei zu Hilfe gerufen haben — wenn ihnen der Schabbos nichts gilt, was soll er dem englischen Polizisten gelten. Wenn der Jude keine Rücksicht und keinen Takt gegenüber den heiligsten Gefühlen des jüdischen Bruders besitzt — soll sie der englische Polizist besitzen? And dennoch — er sollte es trotzdem; nicht nur, weil England immer Verständnis für religiöse Ueberzeugung hatte, sondern auch ans dem staatsrechtlichen Prinzip der Gewissens- und Glaubensfreiheit heraus, das in jedem modernen Lande heute die freie Religionsausübung verbürgt. Um wieviel mehr muß diese Rücksicht in einem Lande gelten, das den Juden als Heimstätte zugesichert ist; sollen sie wirklich dort, gerade dort, in „ihrem" Lande, mit Gewalt an der 2lusübung ihrer Religion gehindert, zur Verletzung heiliger Pflichten gezwungen werden? Hier liegt das tiefe Problem, das ganz unabhängig von der Stellung des einzelnen zum Wert oder Unwert, von aus elementarer Religiosität geborenen Protestkundgebungen sich aufwirft. Soll der Polizist stärker fein als das Thoragesetz? Die jüdischen Zeitungen, die sonst' so gern gegen vermeintliche oder wahre Verwaltungsübergriffe der englischen Beamten protestieren, schweigen zu diesem Punkte . . . Etwas von der Judenmisston. Ueber den heutigen Stand der Iudeninission berichtet im Aufträge der Deutschen Gesellschaft für Missionswirtschaft Pfarrer Lic. C. Schaeffer, Buckow, in einer stattlichen Broschüre. Wir erfahren über Konferenzen, Beschlüsse, Resolutionen, Aktionen und allerlei Maßnahmen. Die Iudeninission hat es wahrlich nicht leicht. Lei den Frommen ist nichts zu holen und die Freigesinnten, die das Alte Gesetz von sich geworfen haben, wollen erst recht von irgend einer kirchlichen Bindung nichts wissen. 2lm rührigsten arbeitet noch die Iudeninission in 2l m e r i k a , wodurch es sich erklärt, daß dort ein Internationales Missionsfekretariat gegründet wurde. Dieses als sehr bedeutsam geschilderte 2lmt hat ein Deutschamerikaner, namens Dr'. Conrad Hoffman n, inne, der von seiner Instruktionsreise durch Uordamerika sowie Mittel- und Osteuropa Interessantes zu erzählen weiß. Vieles ist mit der Missionsbrille gesehen, aber nicht alles gerade unrichtig geschaut und geschildert. In 2l rn e r i k a bilde ein atheistisches Judentum eine ernste Gefahr für alles religiöse Lebe« und einen bedrohlichen Herd radikaler Weltanschauung. In Whitechapel von London hätten die Missionsgesellschaften beschlossen, die soziale Hilfeleistung an die l Juden von der Bekehrungsaktion zu trennen. (Man will sichi also die Seelen durch Zuckerbrot erst erkaufen.) Wenig befriedigend' sei die Misstonstätigkeit in Deutschland , xv o die offiziellen Kirchenbehörden der Mission die Unterstützung versagen. Haupthindernis für eine christliche Annäherung an die Juden sei Hitler und all das, was mit diesem Rainen zusammenhängt. In Polen zeige sich eine schnell fortschreitende Zersetzung der jüdischen Orthodoxie, wogegen sich die Alten vergebens wehren. Hier, so hofft die Mission, sei noch was zu holen. Der Herr Misstonssekretär spekuliert auf die chassidisch-kabbalistische Einstellung in Polen, von der ec eine gewisse Anfnahmewilligkeit für christliche Belange erwartet. Er wird eine .schwere Enttäuschung erleben! Für die Romantiker des Reu- Ehasstdismus, die vom Ehafsidismus nur Mythos und Legende kennen, sollte aber diese dunkle Erwartung der Mission ein warnendes Zeichen sein! .... Die Hauptgefahr für die. Bewegung sieht der Berichterstatter darin, daß die sogenannten Iudenchristen sowohl von ihren alten, wie von ihren neuen Glaubensgenossen.boykottiert werden und, im leeren Raume zwischen, zwei Stühlen sitzend, die ewigen Schutzkindec der Mission bleiben. Ihrer viele werden mit mangelhafter Vorbildung und zweifelhafter Gesinnung als Iudenmissionäre in die Welt hinausgeschickt und zeitigen eben die Mißerfolge, die die Mission zu verzeichnen hat. — Das stimmt! Ein eigenes Kapitelchen im Bericht bildet Prag, wo bekanntlich die Listen der Volkszählung „Christen jüdischer Rationalität" ausweisen. Cs scheint aber, daß die Mission mit diesen Zwittergeschöpfen nicht viel anzufangen weiß. In Ungar n traf der Berichterstatter eine übrigens ganz unbedeutende Gruppe sogenannter „Christgläubiger Juden", die zwar an die christliche Heilslehre glauben, aber die Taufe verwerfen. Aber auch die anderen, die weniger wasserscheuen Iudenchristen in Ungarn, stehen nicht in bestem Rufe. Ihrer viele haben aus wirtschaftlichen, politischen oder gesell- 'chaftlichen Gründen die Taufe angenommen und erfahren im gleichen Maße von christlicher wie von jüdischer. Seite die wohlverdiente Verachtung. Aehn-!ich liegen die Dinge in Rumänien. Größere Zurückhaltung bei der Erteilung der Taufe empfiehlt der Missionssekretär der ungarischen Kirche. — Die Warnung scheint uns sehr am Platze. Soweit ungefähr der Bericht, der mit positiven Zahlen wenig zu dienen vermag, von dem man aber nichtsdestoweniger manches lernen kann. Auch wir! Man kann dem Bericht eine gewisse Objektivität und ein gutes Maß von ehrlicher Selbstkritik nicht absprechen. Um so eher ist zu hoffen, daß mittelst des neugegrünöeten Internationalen Missionssekretariats die absolute Zwecklosigkeit dieses ganzen Geschäftes der Seelenfänger e i uit t e r d e n Juden festgestellt und daraus die Konsequenzen in dem Sinne gezogen werden, daß die Gesellschaften von ihrer Beute in den Iudenzentren ablassen und sich mehr auf die innere Mission zurückziehen. Lebenskampf und Weltanschauung. (Line Erkenntnis und Aufrüttelung.) Von Oberrabbiner Dr. Adolf Akimann in Trier. Zwei Elemente bilden die treibenden Kräfte alles natürlichen Lebens: Kampf und Abwehr. Ist nach einem bekannten Worte der Kampf der Vater der Dinge, so ist die Abwehr sozusagen die Mutter. Der Kampf regt das Leben an, die Abwehr nimmt es auf und hält es fest. Der Zuruf: Kämpfe dich durch, oder setz' dich zur Wehr! geht wie ein ehernes Gesetz, wie ein kategorischer Imperativ durch Ratur und Leben. Cs gilt sowohl im vegetativen und animalischen Leben draußen in der Ratur, als auch drinnen im Kreise der menschlichen Daseinsbeöingung, immer, wenn nicht beides, so doch mindestens eines von zweien zutun, entweder offensiv zuzufasten, oder defensiv sich zu wehren. Ein Drittes gibt es nicht. Oder es gibt auch ein solches und dieses heißt: Sichgehenlassen, aber das bedeutet nicht mehr Leben, das ist Tod. - - - .. ■ ... . 26. Mai 1932 Wenn du leben wällst, sei es Pflanze, Tier oder Mensch, so mußt öu-Eämpfen, mußt um einen Vorsprung ringen, und.hast du ihn schon, so mußt du ihn zu halten wissen, ihn zu schützen suchen, dich um seinetwillen wehren.,. Denn im Kampfe geht, es immer auf Kosten der anderen, und die anderen, auf deren Kosten es geht, gehen entweder zur Verteidigung über, oder sie gehen rühmlos und ohne- Erbarmen unter. Zwar manchmal auch nicht, denn'es können auch Wunder geschehen und es sind auch schon Wunder -geschehen und geschehen noch immer. Aber davon mag vorerst in diesem Zusammenhänge nicht die Rede sein. Transceftenz und.-Metaphysik sollen zunächst in diese Erörterung nicht mithineinbezogen werden. Denn auf Wunder hat der Schöpfer seine Welt für gewöhnlich nicht gestellt, arm lamöD die Welt nimmt für gewöhnlich — und davon soll hier die Rede sein — ihren natürlichen Verlauf, wenn auch allerdings die sogenannte Ratiirlichkeit eigentlich das schönste und größte Wunder ist. Im gewöhnlichen, natürlichen. Verlaufder Welt und des Lebens heißt es: Sich rüsten und regen, denn sie bilden die Räder in dem Lauf des Werkes und seine Erhaltung. Man hat versucht, nachzuweisen, daß sich im Leben der Ratur durchwegs nur jene Gattung und Art am sichersten oder zumindest am wahrscheinlichsten über alle Fährnisse hinweg erhält, die am kampfesttichtigsten und regsamsten ist und das-womit sie für den Kampf ums Dasein im besonderen ausgerüstet ist, am kräftigsten und zweckmäßigsten gebraucht. 2lllen Gattungen und 2lrten sind nämlich von Ratur aus neben dem allen Gemeinsamen, auch besondere Organe verliehen worden, die nur ihnen allein zu eigen sind und die die Bestimmung haben, der betreffenden Art den nur ihr gegebenen Vorsprung zu ichern. Insoweit sich nun die Gattung und Art die-. ses ihres Vorzuges bedient und in Richtigkeit bedient, wird sie dem Anprall im Kampfe aller gegen alle gewachsen sein und bestehen bleiben. Insofern ie aber die 2lnlage ihres Vorsprunges ruhen oder gar verkümmern läßt, wird sie unterliegen müssen und dem Untergange verfallen fein. Im täglichen Leben und Streben der Menschen untereinander ist es unter natürlichen Verhältnissen nicht anders. Die jedem Menschen im besonderen irgendwie verliehene, sei es angeborene, anerzogene oder sonst an ihn herangekommene Eigenart ist seine stärkste Waffe im Lebenskampf, seine spezielle Vorsprungsanlage, und von ihrer je tüchtigeren und kräf-- tigeren Hervorkehrung und Rutzanwendung wird feine desto sichere Position, für Fortkommen und Bestandesdauer abhängen. (Wenn allerdings auch außerordentliche Umstände oft eine Umstellung, wenn nicht gar Abkehr vom speziell Eigenen für dauernd oder vorübergehend erzwingen, ändert das nichts an der allgemeinen Tatsache, daß das eigenartig Wertvolle, ö. h. das wirklich Große und 2lrterhaltende stets nur von Menschen ausgegangen ist und ansgeht, die aus ihrer stärksten Seite, ihrer Besonderheit heraus Werktat und Lebenskampf führen.). Cs wird deshalb immer, die natürlichste und vornehmlichste Aufgabe des Menschen bleiben, soweit nur irgendwie möglich^ ja soweit nur mit 'aller Kraftaufwenöung erreichbar,- bei dem ihm Adäquaten und seiner Besonderheit Rechnung Tragenden zu verharren. Sonst läuft sein Tun und Ringen in der Welt Gefahr, ein Kampf der Unnatürlichkeit und eine Wehr des Fehlgriffs zu werden und Leben und Fortkommen zu gefährden oder zumindest zu problematisieren. Man könnte dafür Beweise allerlei Art erbringen. Aber dies alles sei ja nur deshalb vorausgeschickt, weil es sich auch in der Geschichte der Völker untereinander in einem vielleicht noch stärkeren Maße so verhält und Lebensleistung, Lebenskampf und Lebensdauer so manchen Volkes von denselben oderähnlichen Voraussetzungen bedingt ist. Auch da gilt es um Position und Vorsprung unvermeidlich zu ringen und sich zur Wehr zu setzen, dabei aber zur vollen Wirksamkeit von der Eigenart auszugehen und das Artbesonöere in seiner Richtigkeit zu erkennen und anzuwenden. Alle Völker der Erde haben neben dem vielen Gemeinsamen auch ebnso viele Besonderheiten aufzuweisen. Daran vermag auch die neueste Zeit, mit ihren nivellierenden Bestrebungen vorerst nichts zu ändern. Solange an ein Weltmenschentum nur wie an einen schönen Traum, ein messiamsches