Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1932)
- Date
- 1932-05-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton Der Jsr aelit ßr.2i 1932 Aus dem Notizbuch eines Sammlers?) Non Ing. D. klemenlinowsky in Berlin. Das „Sammeln", richtiger gesagt das „Schnorren" für eine jüdische Organisation ist nie angenehM) aber manchnial interessant. In meiner langjährigen Tätigkeit auf diesem Gebiete habe ich etwa 5000 überwiegend deutsche, zum Teil auch beßarabische und bukowiner Juden gesprochen. Aach jedem Besuch könnte ich ein Bild entwerfen, und es würde ein Lilderalbum entstehen. Dazu hat aber ein Sammler nie Zeit. Tr ist ein unbefriedigtes Geschöpf. Der Tag ist ihm zu kurz. Und wieviel Besuche er tagsüber machen soll, immer scheint cs ihm zu wenig. Uoch ein Besuch, noch eine Spende. Cr nutzt die Zeit aus, solange es geht. „Geben" ist im allgemeinen keine dringende Angelegenheit. Der Spender sucht nach den verschiedensten Ausreden, um den Sammler loszuweröen, oder mindestens, um seinen Besuch aufzuschieben. Zuhause will der Spender seine Ruhe haben. Im Büro ist er stark beschäftigt. Vor 10 Uhr früh lieft er die Post. Rach 12 Uhr knurrt der Magen, und er denkt an das Cssen. Zwischen 1 und 5 ist er zu Tisch. Von 5 bis 4 ist er „nicht zu sprechen". Um 6 unterschreibt er die Post, und um 7 werden für den Sammler die Türen geschlossen. Uicht der Tag allein, auch das Jahr hat seine Tücken. Im Frühling steht der Spender v o r der Reise, im Sommer ist er verreist, perbst ist Vorsaison, da verdient er zu wenig. Im Winter, in der Pochsaison, ist er so beschäftigt, das; er für „solche" Dinge keine Zeit übrig hat. Dein Sammler bleiben sehr wenig günstige Augenblicke, und deshalb benutzt er jede Minute, vielleicht ist gerade sie die günstige. Und abends ist der Sammler körperlich und geistig erledigt. Roch lange ziehen die verschiedensten Bilder an seinen Äugen vorüber, und noch lange, sehr lange klingen in seinen Ohren einzelne Worte nach, Worte, die ihm das perz zerrissen und die Seele verwundeten. Doch nicht immer sind es schlechte Eindrücke. Cs gibt auch gute, lichte Bilder, die sein Gemüt erleichtern, die ihn ermuntern, aus denen er neue Kraft schöpft, um das Schlechte, das Grausame in den Menschen zu überwinden. perbst. Einer jener trüben, verregneten Tage, die gar nicht hell werden wollen. Der Pimmel ist wie ein Stück Blei, graüschwarz, und drückt auf das Gemüt. Man fühlt sich so niedergeschlagen. Der kalte Wind peitscht ins Gesicht, Regenschauer durchnäßt den Körper. Sechs Besuche habe ich schon bei diesem Wetter hinter mir. Drei perren habe ich nicht angetroffen. Der vierte hatte eine wichtige Konferenz. Der Fünfte bestellte mich zum Uachmittag, und der Sechste hatte eine Spende abgelehnt, da er eine arme Tante zu unterstützen hat. Das ist die altbekannte „arme Tante", die Ihnen, wenn Sie sie gelegentlich treffen, erzählen würde, daß sie punger leide und ihr reicher Reffe sie mit keinem Peiler unterstützt. Und wenn Sie deswegen den reichen Reffen zur Rede stellen, so würde er Ihnen antworten, daß, wenn er seine eigene Tante nicht unterstützt, man von ihm nicht verlangen kann, für Fremde etwas übrig zu haben! Ich verliere aber nicht den Mut und das Vertrauen zu der Welt und ihren Geschöpfen. Ich mache einen siebenten Besuch, der dem Generaldirektor eines großen Unternehmens gilt. Cr ist zwar Mitglied der jüdischen Gemeinde, steht aber doch dem Judentum und den jüdischen Angelegenheiten fern. Ohne jede Cmpfehlung lasse ich meine Visitenkarte überreichen. Seine privatsekretärin meldet mich, und zwei Minuten darauf sitze ich ihm gegenüber. Ich erzähle ihm von jüdischer Rot und jüdischer Arbeit, von ruinierten Existenzen und wirtschaftlichem Wiederaufbau. Alles schnell, schnell, in der Agnst, gestört zu werden, durch ein Telefongespräch oder ein wichtiges Telegramm. Cr hört mich an. Mir scheint, daß er in diesem Moment an ganz andere Dinge denkt, an Lokomotiven, die morgen fertig werden müssen, an Verträge mit verschiedenen *) Aus dem Organ der Gesellschaft Ort „Der jüdische Aufbau". I Regierungen, die vor dem Abschluß stehen. Und indem ich ihn in seinen Gedanken ablenken, ihn zur Wirklichkeit zurückführen will, zu meiner Wirklichkeit, lege ich ihm ein Verzeichnis hin von Spenden, die andere bereits gezeichnet haben. „Das gefällt mir," sagt er plötzlich, „diese Angelegenheit interessiert mich," und fragt mich aus über das Leben der Juden in Polen, Rumänien, in Sewjet- Rußland, wie es ihnen geht ... und im Gespräch zeichnet er in die Spendenliste eine vierstellige Zahl ein (ein erfahrener Sammler bemerkt es an der pandbewegung). Ich danke ihm. „Rein," sagt er, mich zur Tür begleitend. „Richt Sie müssen mir danken, ich bin Ihnen Dank schuldig für Ihren Besuch, für Ihre sehr interessanten Aufschlüsse und dafür, daß Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, meine Pflicht gegenüber meinen Mitmenschen zu erfüllen." Der grauschwarze Pimmel ist für inich aufgeheitert, Wind und Regen habe ich nicht mehr gespürt... * Wir gehen zu Zweit. Ein älterer Sanitätsrat begleitet mich. Unser erster Besuch. Wir kommen an eine prachtvolle Villa, die inmitten eines großen, schön angelegten Gartens steht. Auf unser Läuten öffnet sich die Tür einen Spalt breit, bleibt aber von innen mit einer eisernen Kette versperrt. Cin Mädchen mit einer weißen Schürze und einem weißen päubchen steckt ihre unfreundliche Rasenspitze heraus, etwas tiefer ein pund seine spitze Schnauze. Das Mädchen fragt uns, was wir wünschen, und der pund wiederholt die Frage in seiner Pundesprache. Der Sanitätsrat nennt seinen Rainen. Das Mädchen verschwindet, der pund bleibt als Wächter zurück. Fünf Minuten warten wir hinter der Tür, bis endlich die eiserne Kette entfernt wird. Wir betreten die Diele. Pier kommt uns der perr des pauses persönlich entgegen. „Meine perren, wonlit kann ich dienen?" Wir versuchen, ein paar Schritte näherzutreten, aber uns gegenüber steht der Mann aufgepflanzt, ein kleiner Kopf, ein dicker Bauch, zwei breite Posen, zwei breite Acrmel in den Posentaschen. „Wir kommen in einer gesellschaftlichen Angelegenheit und hätten Sie gerne einige Minuten gesprochen." Sein Gesicht ist nicht zu sehen, aber wie von eineni Bauchredner dringen zu uns die Worte: „Ja, bitte". Wie der Prager Golem steht er in der Breite des Korridors und läßt uns nicht Vorgehen. Als ich sehe, daß es nichts helfen wird und daß es hier im Korridor wird geschehen müssen, fange ich an zu reden. Als ich zu Ende bin, sagt er: „Ja, und was wollen Sie von mir?" Cr weiß ganz gut, was wir von ihm wollen. Cr will aber, daß wir unsere Bitte deutlich aussprechen, daß wir betteln sollen. „Rein. Ich habe kein Interesse, gar kein Interesse". „Aber, gestatten Sie," sage ich, „Juden . . . Millionen Juden . . " „Interessiert mich nicht." „Millionen Menschen . . ." „Interessiert mich gar nicht." „Sie ver ..." „Gar kein Interesse." „Aber," frage ich, schon ein wenig erregt, (ein Sammler kann sich auch mal aufregen), „wofür haben Sie denn Interesse?" „Für inich, nur für mich!" Und ich sehe, wie ein Aermel sich aus der breiten Pose befreit und eine große pand sich auf seinen Bauch legt. „Rur für mich." Der alle Sanitätsrat hat mich nicht mehr begleitet, und ich habe die anderen Besuche allein gemacht. Ein kleines Städtchen in Beßarabien. Samstag nachmittag ist Moische, „der Ausrufer", durch alle Gassen marschiert, hinter ihm eine Kinderschar, und hat ausgerufen: „peute Abend wird in der großen Synagoge ein Ingenieur aus Berlin (meinen Ramen konnte er keinesfalls auswendig sagen) zum Thema „vom Pandel zur Arbeit" sprechen. Juden, kommt und hört!" Rach meinem Vortrag habe ich Moische scheinbar stark imponiert. Cr hütete mich wie seinen Augapfel, wohin ich ging, und wo ich stand, hielt er sich in meiner Rähe. Auf dem Wege zu einem meiner Besuche sehe ich, wie Moische sich mir nähern will. Ich rufe ihn heran. Cr hat eine Bitte an mich. Cr weiß, daß ich die Reichen aufsuchen will. Run, gar nicht weit von hier wohnt ein alter Jude mit dem Zunamen „Baal-Schem". Cr ist nicht reich, aber ich soll ihn um Pimmelswillen nicht beleidigen und auch ihm einen Besuch abstatten. Ich gehe hin. Cin Polzhäuschen, anderthalb Stock hoch. Oben wohnt der alte Jude. Ich steige die Treppe hinauf, die eigentlich mehr einer Leiter ähnelt, von einer Stufe zur andern muß man die Beine mächtig spreizen, und das Ganze droht beinahe umzufallen. Ich komme in ein kleines, niedriges Zimmer. Am Tisch sitzt, der perr des pauses, ein alter Mann mit langem, schneeweißem, ehrfurchtgebietendem Bart. Zwei perren sitzen etwas entfernt vom Tisch, und einer in einem langen, schwarzen Rock mit seidenem Gürtel schreitet mit verschränkten Armen im Zimmer auf und ab. Das ist der Schochet des Städtchens. Cr hat mich in der Synagoge sprechen hören und erkennt mich. „Seien Sie gegrüßt, perr Doktor," und stellt mich dem Pausherrn vor. „Der Doktor kommt in Angelegenheit der „Ort"-Gesellschaft zu Ihnen". Ich nehme bei dem Alten Platz und erkläre ihm den Zweck meines Besuches. Cr überreicht mir einige Papiernoten. Als ich die wacklige Treppe hinuntersteigen will, höre ich, wie der alte Mann mich ruft. „perr Doktor, entschuldigen Sie, in Abwesenheit der anderen perren wollte ich nicht soviel . . . Ich verdreifache meine Spende . . . Und nichts für ungut, perr Doktor." Wenn ich so in meinem Notizbuch nachblättere, finde ich Bilder und Bildchen, schwarze, trübe und traurige, überwiegend aber schöne, Helle und freudige. — Im Großen und Ganzen ein erhabenes Bild jüdischer Solidarität. Mit der Agudas Zisroel in Palästina. V. Heiliges Wasser. Nach einer Stunde Fahrt von Bethlehem glitzern in der Mulde die Salomonischen Teiche auf. Drei nebeneinander liegende große Wasserbecken, ganz in den Felsen gehauen. Bergquellen tragen den Teichen das Wasser zu, und weiter wird das Wasser hinauf geleitet bis in die Küchen von Jerusalem. So war es schon damals zur Zeit des Königs Salomo, so war es zur Zeit von Herodes, dessen Sommerpalast auf dem schönen Bergkegel in der Nähe noch Spuren zeigt, so ist es heute noch. Hinauf geht der Wagen, und von der Hochebene schaut man ins Tal B e r a ch a. 'Wir schlagen in der kleinen Bibel, Chronik II, Kap. 20, Vers 26, auf, wo, schöner und deutlicher als im Baedeker, von diesem Tale geschrieben steht: „Und am vierten Tag —. nach dem endgültigen toteg über Amon und Moab — versammelten sie sich, König Josaphat und das Krieasvolk, im Tale Beracha, denn dort' priesen sie G'tt." Weiter fahren wir, über die Schlachtfelder der Makkabäer. Wie klein das Häuschen, wie winzig das Männchen, wie schal der Kaffee, der uns da im braunen, kleinen Täßchen gereicht wird, bei der 'Erinnerung an den Ruhm und die Große, die diese Felder gesehen. B e t h Zur, die Grenzstadt der Makkabäer gegen Edom. Hier wurde Eleasar, der Bruder Judas, von der schweren Artillerie der damaligen Kriege, einem Elefanten, zertreten. Jeder Stein erzählt hier Geschichte. Nach wenigen Minuten fahren wir in Hebron ein. Hebron. Welche Bilder aus der frühesten Schulzeit stürmen auf uns von den Hügeln hinter den alten grauen Häusern, die heute noch wie zur Zeit der Kundschafter mit gewaltigen Reben behängen sind, ein! Dort hinten wohl schlug Abraham sein Zelt im Haine Mamre auf. Bor diesem Baume verhandelte er gewiß mit dem höflichen und heuchlerischen, geldgierigen Scheich Efron (wie erdgebunden klingt doch schon der Name!) wegen der Grabstätte für seine Sarah. Aus jener Böschung traten die Söhne A n a k, bewehrt und gepanzert, und erschreckten die Kundschafter, die sich im Tale im Vergleich zu den gewaltigen Riesen aus dem Berge wie die Heuschrecken ausnahmen. Hier auf dem Markte sammelten sich wohl nach dem Tode Sauls die Stämme Juda und Benjamin, um David zum Könige auszurufen. Hier auch wühlte Abfalom das Volk gegen den eigenen Vater auf . . .