Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-05-19 · Heft 21 (19.5.1932) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 21 (19.5.1932)
Date
1932-05-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450724--78797-2536521
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

19. Mai 1932 Der Israelit Nr. 21 Seite 11 Wir fahren durch die alten Gaffen und bleiben eingedenk der uns gegebenen Weisung, uns hier, wo die uft immer noch den Blutgeruch vom August 1929 ausfträmt, nicht einzeln zu zerstreuen und Abwege zu meiden. Schon halten wir vor Dem Jeschiwahause, einem gutgebauten Giebelhause mit geschwungenem Holzbalkon. Die Türen sind fest versperrt, seitdem die Jeschiwah mit dem Neste der Jünger fortgezogen ist, wir können nicht hinein. Ganz daneben das stattliche Haus von Slon i m, in das sich an jenem Sabbatmorgen — man las in den Synagogen das „Tröste dich, tröste dich, mein Volk" von Jesajas — die überfallenen Thorajünger flüchteten, zweiunddreißig an der Zahl. Zweiunddreißig Ehrengräber auf dem östlichen Hügel sind die Fortsetzung, der letzte Akt jener Nachamu-Tragödie. Herr Slonim, der die Flüchtlinge ins Haus genommen, ruht mit Familie bei ihnen ... Indem wir in stummer Ergriffenheit vor dem Unglückshause stehen, sammeln sich viele Menschen um uns, Araber und Juden. Haß lodert in den Augen der ersteren. Sie wissen, warum wir gekommen sind, warum wir in , stummer Trauer vor diesem Hause Halt machen und beargwöhnen unsere Trauer, was aber den einen und anderen nicht abhält, die Hand um einen Bakschisch auszustrecken. Wir meiden ihren Blick. Die paar Juden sind jüngeren Alters, zum Teile europäisch gekleidet. Es sind neue Hebroniten, von der alten Gemeinde Hebron, die einmal 1500 Seelen zählte und nach Jerusalem die heiligste und blühendste im Lande war, ist nicht viel übrig geblieben. Es leben zur Zeit, so erfahren wir, dreißig jüdische Familien mit 150 Seelen wieder in Hebron, zu gleichen Teilen Sefardim und Aschkenasim. Erstere haben die alte Synagoge, die letzteren ein Bethaus. Die Schule wurde ursprünglich von der Aguda gegründet und wird jetzt vom Misrachi unterstützt. Wir sprechen die zwei Lehrer und sehen die Kinder. Bleich und ärmlich gekleidet, tragen sie die düstere Trauer der Umgebung in ihren Zügen, was sie aber nicht hindert, sich nach guter Kinderart waghalsig an unseren Wagen zu hängen und aufs Dach des Omnibus zu klettern. Die älteren Gelehrtenfamilien werden unterstützt oder sogar unterhalten von Instituten und Philantropen, die Interesse an einer jüdischen Niederlassung in Hebron haben. Ein jüngerer Herr, Weinhändler von Beruf, erzählt uns, er sei schon acht Tage nach der Metzelei ganz allein und auf eigene Gefahr nach Hebron wieder gekommen. Warum? Getrieben von der Liebe, vom Entschlüsse, Hebron und die heiligen Gräber nicht ihrem Schicksal zu überlassen. Mit ihm kamen noch welche, von gleichem Pflichtgefühl beseelt. Es sind die Helden von Hebron, denen wir den ersten Ruhmeskranz um das Haupt winden sollen, wenn wir von Helden, von Chaluzim, von Pionieren im neuen Erez Israel sprechen! Die Menschen sind aufgeschlossen und mitteilsam. Wie war es damals? Sie erzählen Einzecheiten, die uns. obwohl wir längst alles wissen, von neuem erschauern lassen. An jenem Sabbat . . . wer hätte das geahnt? Noch am Freitag war ihnen von Jerusalem Hilfe angeboten worden, sie lehnten sie stolz ab. Am Sabbatmorgen, als sich schon die Wolken bedrohlich zusammengezogen hatten, hielt man die Lage noch nicht für ernst genug, um den Sabbat durch einen Telefonanruf in Jerusalem zu entweihen. Als das erste Blut floß, tat man es, aber man hat Grund anzunehmen, daß das Telefonamt just an dem Tage nicht recht funktionierte. . . . Als sich endlich in Jerusalem Militär nach Hebron in Bewegung setzte, brauchte es volle sechs Stunden bis zum Tatorte. Es kam noch gerade recht, um die Bestattung der Toten zu überwachen. W i r haben den Weg, ohne Militärauto, in knapp zwei Stunden zurückgelegt. Das Panzerauto hatte, so sagen die Engländer, unterwegs eine Panne. Erstaunlich, wie oft Kulturvölker auf dem Wege zum Rechte eine Panne erleiden . . . chern behängen, „Türben", nennt er diese Denkmäler, und sie stehen genau über den Gräbernvon Isaak und Rebekka. Den anderen Vätern und Müttern sind kleinere Moschees auf dem Platze errichtet. „Gerade dieser Isaak?, verhandeln wir mit ihm, obwohl wir die Zwecklosigkeit des Parlamentierens einsehen, wollten wir es nicht bis auf des Messers Spitze (wortwörtlich) treiben, „ist doch unser Vater, Rebekka unsere Mutter, die mit Jsmael nichts zu teilen haben . . ." „Mag fein, aber Jallah! ..." Gedrückten Herzens stellten wir uns, da sich die Sonne inzwischen noch etwas tiefer gesenkt hatte, zum Minchogebet. Wir fragen nicht nach der Ostseite, der Kopf ist an die Mauer gelehnt, hinter der die Väter von Chebron schlummern. „G'tt, unser G'tt und G'tt unserer Väter, Abraham, Jizchok und Jakob, — der gedenket der Liebe der Väter und bringet den Erlöser den Kindern ihrer Kinder, um seines Namens wegen in Liebe ... Er bewahret feine Treue den in der Erde Schlummernden." Neben uns hat sich eine Sephardimgemeinde zum Gebete ausgestellt. Amerikanische Touristen kommen hinzu, und beten mit. Der Wächter steht mit ängstlich ausgebreiteten Armen, und hinter ihm ein ganzes Heer von Wächtern, daß kein jüdischer Fuß sich nur um einen Schritt über die siebente Stufe hinauf wage. In der Mauer sind einige Ritzen, deren eine sich schon beinahe zu einem Loche erweitert. Haben es sehnsüchtige Augen in Jahrhunderten durchbohrt? . . . Wir schauen hinein, und sehen nichts. Aber viele schieben Papierzettel durch dieses Loch ins dunkle Nichts, schriftliche Grüße und Klagen an die Väter und Mütter, zu denen man die eigenen Kinder nicht hinläht . . . An Stelle der Weihe, wie wir sie an der Westmauer und am Rahelgrab empfanden, packt uns ein tiefes Weh, das uns schier niederdrückt. AmBrudergrab. Die Sonne stand schon tief im westlichen Horizont, als wir von den alten Vätergräbern zum neuen Bruder g r a b, allen Warnungen zum Trotze, den Hügel hinaufpilgerten. Wie die zweiunddreißig Märtyrer vom August 1929 unter der Zementdecke ruhen, erschließt sich uns die ganze Tragödie des in blutigem Ringen werdenden neuen Palästina. Schon fällt die Nacht über die unheimliche Stadt, der Führer drängt, aber nur schwer können wir uns von dieser Stätte trennen. Langsam, gesenkten Hauptes, steigen wir im Halbdunkel den Berg hinunter, dauernd über die spitzen Steine stolpernd. Ueber den Bergen Judäas blinken Sterne am azurblauen Himmel auf. Unten in der Stadt winken einsame verlorene Lichtlein, wie sie am neunten Aw die Dorfsynagogen zu beleuchten pflegten. Da oben, sagt uns der Führer, auf dem Berge, wo das helle Licht leuchtet, sei das russische Hospiz. „Sehen Sie die Baumkronen im Lichte? Es ist die Eiche Abrahams, unter der er die drei Engel, — er hielt sie für Beduinen — bewirtete. Der Stamm ist von Wind und Wetter :t beschädigt und wird von einem S t e i n b a u ge- ^t . . ." Indes wir schweigend vom Brudergrab in die düstere Stadt wie von einer frischen Beerdigung hinuntersteigen, scheint es uns, als gäbe es heute keinen Platz in der Welt für die Eiche Abrahams. Wo sie noch irgend geschützt und gestützt wird, ist es ein brüchiger Unterbau, hart und rau und steinern . . . Es war ein Tag stiller, tiefer Wehmut, der Tag von Hebron! —tz. , (Fortsetzung folgt.) Rinderecke. Line Paläskinareise. (Schluß.) aufbewahrt ist. Ich flog gegen alle Oeffnungen, aber alles war ganz fest verschlossen, weil die Sefer Thora, die noch von Abischua, einem Urenkel Aharons, geschrieben sein soll, ein so kostbarer Schatz ist. Endlich, nach langem Warten, öffnete sich die Türe meines Gefängnisses wieder, weil jemand kam, der die seltene Sefer Thora ansehen wollte. Ich benützte die Gelegenheit, um mir auch die alt-hebräische Schrift anzusehen, in der diese Thorarolle geschrieben ist — aber dann suchte ich schnell wieder an die Luft zu gelangen. Schechem ist eine schöne Stadt mit fruchtbarer Umgebung und vielen Quellen, die zumeist auf dem Berge Gerisim entspringen. Dieser Berg hat auf seinem Gipfel ein breites Plateau und man kann sich gut vorstellen, wie sich dort oben die sechs Stämme versammelten, um von dort aus die Segnungen über das Volk auszusprechen. Schön war es dort oben auf dem Berge und man konnte das ganze Land übersehen; aber, weißt du, kühl war es da auch und ich fing wieder an, mich nach einer heißen Gegend zu sehnen. Ich erkundigte mich, wohin ich mich da am besten wenden würde und alle Vögel rieten mir, ich solle an den Kinerethsee nach Tiberias fliegen. Das tat ich denn auch. Ich machte mich gleich auf den Weg und flog, ohne mich viel umzugucken, durch die Berge Samarias über die alte Stadt <Kchomran bis zum Emek Jesreel. Bei der Quelle Charod, wo einst Gideon seine Krieger prüfte und auswählte, ließ ich mich nieder und sah nun endlich um mich. Was war es da so schön und fruchtbar! Hier sah es anders aus als in den kahlen Bergen, über die ich gekommen war, hier in der Ebene, im Emek, da war es fruchtbar und grün, und eine schöne Kolonie reihte sich an die andere. Ich überblickte schnell das ganze Gebiet und flog dann weiter, endlich meinem Ziele, dem „Jam Kinereth" zu. In Daganja erreichte ich den See, der, eingebettet in feine hügeligen Ufer, wunderschön dalag und endlich sah ich auch Tiberias. In der Nähe dieser Stadt mit ihrem tropisch heißen Klima verbrachte ich dann fast den ganzen Winter und ich muß sagen, so gut hat es mir noch nie auf der Winterreise gefallen'! Ich besuchte von Tiberias aus die Umgebung, auch die Stadt Safed und das Dorf Meron, wo alljährlich am 33. Omertag (weißt du, was das heißt?) die große Feier für den R. Schimon b. Jochai stattsindet. Ich kann dir gar nicht alles schildern, was ich gesehen habe! Und dabei habe ich auch nur die Hälfte des Landes besucht — die großen und fruchtbaren Gebiete von Jaffa bis Haifa habe ich auch noch nicht kennen gelernt. Aber weißt du, nächstes Jahr gehe ich wieder nach Palästina und sehe mir diesen Teil an. Machst du mit, Rotschwänzchen?" „Ich will mitsahren," rief da ganz laut der kleine Benni und lief zum Fenster. Aber da erschraken die Vögel und Zippora flatterte eilig von dannen! Benni legte sich wieder in sein Bett und schlief noch mal ein und nun träumte er wirklich von Erez Jisroel! Briefkasten. Golda Kraushaar, Reichelsheim. Ich danke Dir sehr ür Deinen Brief, liebe Golda, und es hat mich gefreut, daß Du die Geschichte so genau gelesen hast. Du hast recht damit, daß Pharao den Befehl gegeben hat, alle kleinen Kinder sollten in den Fluß geworfen werden. Aber dieses Gebot lautete vielleicht nur so, daß man meinen konnte, alle Untertanen des Pharao würden gleich behandelt. In Wirklichkeit wurden doch nur die armen kleinen jüdischen Knäblein in den Nil geworfen, denn nur sie wollte der grausame Pharao töten und nur unter ihnen konnte man doch den Retter Israels vermuten! Ernst und Friedl W., Hamburg. Ihr kennt die Gechte von den zwei Brüdern und ihren Garbenbündeln nicht, die in der letzten „Kinderecke" erwähnt war? Nun gut, so sollt Ihr sie in der folgenden Nummer erzählt bekommen. Vel den Vätern vor Hebron. Die Sonne neigte sich schon über die Berge Judas, als wir zu den „Vätern in der Machpela" hinauspilgerten. Wir fanden eine Mauerwand aus behauenen und geränderten Quadern, die wohl nur den Zweck Hatte, uns Zutritt und Ausblick zu versperren... Die Mauer entlang führen Treppen zu einem Hause oder einem Hofe hinauf, der, wie man uns sagt, „Haram" genannt wird. Dort befindet sich eine Moschee mitsamt den dazugehörigen Wohnungen für die Derwische und Wächter, die die Aufgabe haben, uns den Zutritt zu verwehren . . . Auf dem Boden der Moschee soll es fo etwas wie Geheimeingänge zu der Machpelahöhle geben, die noch keiner betreten hat. Durch ein Loch wird dort täglich eine brennende Oellampe hinuntergelassen. Das erzählt uns alles der arabische Wächter in einem Gemisch von Arabisch und Hebräisch, in einem Tone, der, so devot er mit Hinsicht auf den Bakschisch klingt, keinen Zweifel darüber läßt, daß alle Reichtümer Salomos und alle Schätze des Morgenlandes ihn nicht dazu bewegen würden, uns nur einen Schritt weiter über die siebente Stufe vorzulassen. Als ich dennoch den leisen Versuch mache, breitet er erregt beide Arme aus und schreit „Jallah! Jallah!" (Weiter zurück). Neben „Allah" und „Bakschisch" eines der meist gebrauchten Worte im arabischen Palästina. Schmutzige, barfüßige Araberkinder tollen die Treppe bis zur Moschee hinauf und hinunter, ein in Lumpen gehüllter Bettler drängt sich mit frecher Handbewegung zwischen uns durch, am Wächter vorbei. W i r dürfen nicht weiter. „Jallah!" . . . In der Moschee, so erzählt der Wächter, wieder ganz höflich, so lange wir unten bleiben, befinden sich zwei heilige Steine, mit gold- und silberbestickten grünen Tü- Veinahö hätte Benni am nächsten Morgen verschlafen! Es war ein mv und er kam am Freitagabend spät zu Bett, aber er wachte zum Glück gerade noch rechtzeitig auf, als die kleine Zippora eben begann, ihren Reisebericht fortzusetzen. „Also, ich flog gegen Abend von Jerusalem fort in der Richtung nach Schechem. Bald wurde es dunkel, aber die Nacht war ganz klar, und der Mond leuchtete so strahlend, wie er es in Deutschland niemals fertig bringt. Ich flog über kleinere und größere Hügel hinweg und bald lag rechts unter mir das Dörfchen Rama, der Heimatsort des Richters Samuel. Ich folgte dann dem gleichen Wege, den einst Samuels Vater, Elkana, mit seinen beiden Frauen gewandert war, als er hinaufzog, um sich zu bücken und zu opfern vor dem Ewigen in Schilo. Heute stehen nur noch die Ruinen des alten Schilo, das zur Zeit der Richter eine wichtige Stadt war, da ja die Bundeslade dort gestanden hat. Ich übernachtete in Schilo und betrachtete mir am nächsten Morgen den wunderbaren Fernblick auf die Täler und Hügel und die Berge Ebal und Gerisnn. Dann flog ich wieder weiter, besuchte bald das Grab Josepbs und kam dann endlich in die schön gelegene Stadt Schechem. Dort passierte mir etwas sehr Unangenehmes. Mich interessierten dort hauptsächlich die Samaritaner, deren letzter Ueberrest in Schechem wohnt und so suchte ich mir zunächst den Weg zu ihren Behausungen. Dort angekommen, schlüpfte ich — neugierig wie ich bin — in einen dunklen Raum, der gerade offenstand und — plötzlich sperrte jemand hinter mir zu und ich war gefangen! Als meine Augen an das Dunkel gewöhnt waren, entdeckte ich, daß ich mich in der Synagoge der Samaritaner befand, in der auch ihre uralte Sefer Thora An Alle. Die Auflösung des Rätsels aus der Pesachnummer erfolgt dieses Mal noch nicht. Ich meine, wenn Ihr Euch ein bißchen Mühe gebt, müßten es mindestens noch 10 von Euch herausbringen! Man muh doch z. B. nur Nachdenken, was „Oel" (außer auf hebräisch heißen kann und von den Buchstaben dieses Wortes die Buchstaben eines Wortes für „Erhebung" wegnehmen. Ist das fo schwer? Wenn ich nicht mehr Lösungen bekomme, muß ich Euch von nun an nur noch ganz leichte Rätsel aufgeben. Lag b'omer') Kinder, heut' bleibet der Cheder geschlossen. Heut' ziehn wir zusammen hinaus in den Wald, Da wird mit Bogen und Pfeilen geschossen Und gelacht und gejubelt, daß es nur so schallt. Heut' bleiben die Bücher in ihren Schränken, Heut' wird nicht gelernt, nur gesungen; Heut' sitzen wir nicht auf Schemeln und Bänken, Heut' wird über Felder gesprungen. Verzehrt auch, was jeder sich mitgebracht — Das gehört auch zur richtigen Freude —. Nun kommt, Ihr Jungens und spielet und lacht — Denn Lag b'omer ist heute! *) An Lag b'omer ziehen im Osten die Kinder mit ihrem Lehrer ins Freie hinaus, wo gespielt und mit Pfeilen und Bogen geschossen wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.