Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1932)
- Date
- 1932-05-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 21 Der Israelit 19. Mai 1932 Ü ■ Zeil Wolf Tel. Hansa 27930 Der Tätigkeitsbericht, von Herrn Generalsekretär Da vid T ü r k l erstattet, wußte manch Erfreuliches mitzuteilen. Die Einnahmen sind trotz der Krise bedeutend gestiegen. Die. Arbeiten der Aguda-Jnstitutionen erfreuen sich allgemeinen Ansehens und Zuspruches. Selbst der Keren-Hathora, dessen Haupteinnahmen sich aus Büchsensammlungen zusammensetzen, die naturgemäß infolge der Wirtschaftslage eine stark rückläufige. Tendenz aufweisen konnte durch Neuanlegung von einigen tausend Büchsen seine Einnahmen auf der Höhe des Vorjahres erhalten Der Berichterstatter appellierte an die Wiener Orthodoxie, die Arbeiten der Aguda und ihrer Institutionen in gesteigertem Maße zu fördern. Nachdem noch der Rechenschaftsbericht für das Jahr 1931, der mit S 40.000 abschließt, zur Kenntnis genommen und dem Vorstand das Absolutorium erteilt worden, erhielt Herr David Bondy das Wort zur Begründung der von ihm beantragten Resolution, die wir am Ende dieses Berichtes abdrucken. Herr Bondy verstand es in feiner Weise, unseren Standpunkt zu den verschiedenen areligiösen und antireligiösen Strömungen darzulegen und bezeichnete es als selbstverständlich, daß Agudas Jisroel, als die vereinigte Orthodoxie, als die Repräsentanz des aufrechten Judentums, jedes gegen die G'ttlosenbewegung gerichtete Unternehmen zu begrüßen habe. In seinem Referat „Was ist und was will Agudas Jisroel" beschäftigte sich Herr David Türkl hauptsächlich mit der Darlegung des Verhältnisses der Agudas Jisroel zu Erez Jisroel. „Für uns ist Erez Jisroel das von G'tt gegebene und geheiligte Land Israels und nicht die Lösung der nationalen Judenfrage". Der Redner hat den Nachweis erbracht, daß Erez Jisroel, für die Orthodoxie nur dann als Erez Jisroel, als das geheiligte Land betrachtet werden kann, wenn sich dort das jüdische Volk im G'ttesglauben auslebt. Nach einer teilweise sehr lebhaften Debatte über die Frage der prinzipiellen Stellungnahme der Agudas Jisroel zu anderen Organisationen, wurde beschlossen, diese Frage dem Rabbinischen Rat zur Entscheidung vorzulegen. Nach mehr als zweistündiger Dauer schloß Herr Pappenheim die Versammlung mit dem Dank an die Erschienenen und der Bitte um tatkräftigste Förderung sämtlicher Aguda-Arbeiten. Auf Antrag des Herrn David Bondy hat die Generalversammlung folgende Resolution einstimmig beschlossen: „Die Generalversammlung der Agudas Jisroel Ortsgruppe Wien begrüßt mit besonderer Genugtuung den Schritt der deutschen Regierung gegen die G'ttlosenorganisationen. Die deutsche Regierung hat wieder einmal bewiesen, daß sie mit gleicher Schärfe gegen Organisationen, welche Religion, Sitte und Staatsautorität, gleichviel ob sie rechts oder links stehen, untergraben, vorzugehen entschlossen ist. Die Generalversammlung ersucht die Zentrale der Agudas Jisroel, im Einvernehmen mit der deutschen Landesorganisation, dem Präsidenten und der Regierung des Deutschen Reiches den Dank der in der Agudas Jisroel organisierten gesetzestreuen Juden zum Ausdruck zu bringen." Frankreich. Albert Thomas. Paris, 10. Mai. Mit Albert Thomas, dem Leiter des Internationalen Arbeitsamtes beim Völkerbunde, ist ein aufrichtiger Freund der Juden und ein eifriger Vertreter des jüdischen Rechtes aus dem Leben geschieden. Als eine Delegation der Agudas J'isro el seiner Zeit ih Genf vorstellig wurde, um eine Berücksichtigung des Sabbat in der internationalen Sonntagsruhegesetzgebung und Arbeitszeitregelung zu bewirken, zeigte Albert Thomas für die religiösen Forderungen des orthodoxen Judentums das größte Verständnis. Auch sonst führte ihn sein Weg öfters mit Juden zusammen. Albert Thomas hat, seit dem Tode Frithjoff Nansens, neben den Agenden des Arbeitsamtes auch die Interessen der Flüchtlinge, unter denen sich zahl- Die Woche. Berlin. In den Räumen des städtischen Jugendheimes Charlottenburg wurde mit Unterstützung der Zentralwohlfahrtsstelle ein zweites Heim für erwerbslose Jugendliche eröffnet. — Die Synagoge in Krosse n a. d. O. wurde mit unflätigen Inschriften besudelt. Die.Täter konnten nicht ermittelt werden, doch vermutet man sie in den gleichen Kreisen, die schon oft die Fenster und Geschäfte der jüdischen Bewohner mit Hakenkreuzen und Inschriften verunziert haben. Karlsruhe. Auf dem jüdischen Friedhof in D u r b a ch bei Offenburg wurden 13 Grab st eine umgestürzt. Die Aufklärung der Tat ist schnellstens zu erwarten. Wien. Die Wiener Anwaltskammer hat mit etwa 1000 von ungefähr 1600 abgegebenen Stimmen den um die Anwaltschaft Wiens hochverdienten Juristen Dr. Siegfried Kantor zu ihrem Präsidenten gewählt. Die Wiener Nationalsozialisten versuchen nun, die arisch gesinnten Anwälte zu organisieren und die Wiener Anwaltskammer dadurch zu sprengen, daß eine rein arische Anwaltskammer geschaffen wird. Genf. Das von den Internationalen Frauenorganisationen für Abrüstung ernannte Komitee berief für den 7. und 8. Mai eine Studie nkonferenz nach Genf ein, um die in der Abrüstungskonferenz aufgeworfenen Probleme zu besprechen. An der Tagung beteiligten sich 150 Delegierte, unter ihnen' in politischen und Universitätskreisen bekannte Persönlichkeiten, Delegierte der Abrüstungskonferenz, Abgeordnete und Senatoren mehrerer Länder und Vertreter verschiedener - internationaler Organisationen. Die jüdischen Frauen waren durch die I ü - dis che Frauenliga, Sitz Genf, vertreten. Frau Rosa A b e r s o n, Generalsekretärin der Jüdischen Frauenliga, legte im Verlauf der Debatte den Standpunkt der von ihr vertretenen Liga dar. Warschau. Im polnischen Hafen Gdingen wurden vom argentinischen Sträflingsschiff „Chaco" zehn polnische Bürger, unter ihnen sechs Juden, abgesetzt. Die jüdischen Gefangenen erklären, sie seien unschuldig in den Verdacht kommunistischer Umtriebe gekommen und ohne Untersuchung auf das Schiff gebracht und in die Heimat abgeschoben worden. Riga. Die für Oktober geplante Konferenz der Lettländischen Juden, von der Regierung bereits genehmigt, wurde vom Innenminister verboten, mit der Begründung, daß die lettländischen jüdischen Gemeinden vom Staate nicht offiziell anerkannt sind, folglich auch keine Konferenz abhalten können. — Die jüdische landwirtschaftliche Schule, die bis dahin 10 000 Lat von der Regierung bezogen hatte, mußte geschlossen werden, weil ihr vom Ministerium diese Subvention entzogen wurde. Amsterdam. In Holland wurde vor kurzem ein Gesetz angenommen, das für die Herstellung von Margarine gewisse Mischungen vorschreibt. Eine Abordnung der holländischen Oberrabbiner sprach beim Landwirtschastsminister vor und wies ihn darauf hin, daß das Gesetz die Herstellung von K o sch er-M ar g a r ine unmöglich mache. Der Minister versprach, eine Ausnahmeoorschrift für die Herstellung von Koscher-Margarine zu erlassen, so daß diese den allgemeinen Mischungsvorschriften nicht unterworfen sein wird. Paris. An der Bestattung des ermordeten Präsidenten der Republik nahmen offiziell auch das französische Rabbinat, Vertreter des Konsistoriums und des Verbandes der jüdischen Frontkämpfer teil. Am Beerdigungstage fanden in allen Synagogen Trauerfeiern statt. Sofia. Bei einer Grundsteinlegung zu einem Denkmal für die jüdischen Kriegs gefallenen nahm der bulgarische Kriegsmini st er, General Kiß - j o f f, selber die Weihe der Fahnen der jüdischen Frontsoldaten vor. Klausenburg. Das Städtchen Nagy Ilonda in Neurumänien wurde durch eine Hochwasserkatastrophe so heimgesucht, daß zahlreiche jüdische Familien ihr ganzes Hab und Gut verloren haben. Auch die Synagoge wurde stark beschädigt. London. In Leeds wurde am 12. Mai die Synagoge an der Talmud Thoraschule von unbekannter Hand geschändet. Die Thorarollen wurden zu Boden geworfen und ein Teil der Einrichtung zertrümmert. Diese Schändung stellt einen in England noch nie dagewesenen Fall dar. Ein leiser Verdacht lenkt sich auf christliche Knaben einer benachbarten Schule, die mit den Kindern der Talmud Thora in Feindschaft leben. reiche Juden befinden, wahrgenömmen und die 'Kontrolle über die sogenannten Nansen-Pässe, die Auswanderungsangelegenheiten usw. innegehabt. Er bekundete wiederholt sein tiefes Interesse für die Lage und das Schicksal der in vielen Ländern verstreut lebenden jüdischen Flüchtlinge und stand in engem Kontakt mit den jüdischen Repräsentanten in den mit dem Völkerbund und insbesondere mit dem Internationalen Arbeitsamte zusammenarbeitenden Verbänden und Kommissionen. In Berlin wie in Genf empfing er den Präsidenten des Verbandes russischer Juden in Deutschland, Herrn Staatsrat Jakob Teilel, und versicherte ihm, daß ~et bestrebt sein werde, eine Besserung der Lage der in Deutschland und in vielen andern Ländern lebenden russischen Juden herbeizuführen. Als Ergebnis dieser Besprechung gewährte das Flüchtlingsamt dem Verband russischer Juden ein Darlehen zwecks Fortführung seines Wohlfahrtswerkes, auch wurde der Verband in den be-. ratenden Ausschuß für Flüchtlinge beim Völkerbund als Mitglied ausgenommen. :i Sine Erklärung des Rates für jüdische Mmderheitenrechte. Paris, 12; Mai. Der Rat zur Verteidigung der Rechte der jüdischen Minderheiten veröffentlicht heute eine längere Erklärung, in der ein Ueberblick über die im November 1931 in Krakau und in Wilna stattgefundenen antijüdischen Unruhen gegeben und darauf hingewiesen wird, daß die Polizei durchaus parteiisch gegen die Juden vorgegangen sei und daß die Gerichte nunmehr Urteile fällen, die den Eindruck erwecken sollen, daß nicht die Juden die Angegriffenen waren, sondern daß die Juden Unruhen organisiert hätten. Dies, obwohl die Polizei in ihrem Bericht festgestellt hatte, daß spezielle Trupps der nationaldemokratifchen Organisation in Warschau sich nach den Städten der Provinz begaben, um dort antijüdische Unruhen zu organisieren. Keiner der Organisatoren der Unruhen ist bis heute bestraft worden. (ITA.) weitere Juden in das französische Parlament gewählt. P a r i s , 12. Mai. Nachdem beim ersten Wahlgang in Frankreich am 1. Mai drei Juden in die französische Kammer gewählt worden sind, gingen bei dem am 8. Mai stattgefundenen zweiten Wahlgang u. a. die folgenden jüdischen Kandidaten als gewählt hervor: Andre Hesse, der bekannte Bankier Louis Dreystlß, Georges Weill, der frühere Sekretär Clemenceaus Georges Mandel, Joseph Vidal, Jacques Stern, Louis Groß. Polen. Die polnische Regierung interveniert in Moskau wegen Erschießung eines Rabbiners. Warschau, 6. Mai. Die polnische Regierung hat ihre Gesandtschaft in Moskau angewiesen, bei der Sowjetregierung offiziell Klage zu erheben in der Angelegenheit der Erschießung des 34jährigen Rabbiners Simcha Aptowitzer in Tiflis. Rabbi Aptowitzer wurde in Tarnopol, Galizien, als Sohn eines Rabbiners geboren. Im Kriege geriet er, der in der österreichischen Armee diente, in russische Gefangenschaft. Er blieb in Rußland bis zum Ausbruch der bolschewistischen Revolution. Es wurde ihm dann nicht mehr gestattet, in seine Heimat zurückzukehren. Die jüdische Gemeinde in Tiflis wählte ihn zu ihrem Rabbiner. Er wurde aber nicht russischer Staatsangehöriger, sondern beschaffte sich einen polnischen Paß. Er heiratete in Tiflis und wurde Vater von zwei Kindern. Vor einiger Zeit wurde er ohne jeden Grund verhaftet und trotz Intervention des polnischen Konsuls in Tiflis nicht mehr in Freiheit gesetzt, sondern, ohne daß irgend ein Grund hierfür bekannt geworden ist, erschossen. Schon wieder der Traum eines Reförmtempels. Warschau, 13. Mai. Die Warschauer Assimilatoren scheinen zur Zeit keine anderen Sorgen zu haben, als eben die Seelsorge für die liberalen Mitglieder. Es mag dazu der Umstand beitragen, daß die Taufe den Juden längst nicht mehr reinwäscht und der Taufzettel keine Eintrittskarte mehr für die hohe polnische Gesellschaft ist. Will man aber zwischen Judentum und Christentum stehen bleiben, so wäre die Zwischenstufe der Reformtempel.