Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1932)
- Date
- 1932-05-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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19. Mai 1932 I s r <r < I f 1 Nr. nung der jüdischen (Eigenart, die unter wahrhaftiger Als ob sich nicht auch der christliche Angestellte selb- Anerkennung der geschichtlichen nationalen Grund-- ständig machen könnte, heutzutage noch viel leichter läge der jüdischen Nation dennoch in der religio-,als der jüdische! s e n Weltanschauung Zösi schriftlichen und mündlichen Lehre die Lösung aller ^äts?l und den einzigen Wegweiser für die praktische Politik erblickt. Streiflichter auf die jüdische Mrtschafksnot. Von Dr. Hugo Spiegler. In einem Semmeringhotel fand Artur Schnitzler einen jüdischen Portier und das ist ihm so ausgefallen, daß er den Wann in* eine seiner Dichtungen verpflanzte, wo er, der im bürgerlichen Leben ganz anders heißt, unter dem konfessionell eindeutigen Namen Rosenstock auftritt. ^Im Rahmen der zahlreichen . Schnitzler-Würdigungen Anläßlich des vor kurzem erfolgten Tode des Dichtens wurde auch auf das Wodell der Rosenstock-Figur "hingewiesen und diese Indiskretion ist dem Wanne teuer zu flehen gekommen. Cr muß seine Unsterblichkeit auf den Brettern, die die Welt bedeuten, mit der.Ungewißheit bezahlen, wovon er sein Leben fristen soll in der realen Welt, die mit Brettern vernagelt ist, auf denen — sichtbar oder unsichtbar — das Hakenkreuz als Richtungsweiser prangt. Schnitzler hat zwar außer dem Glaubensbekenntnis äuch noch andexe Eigenschaften seines Wodells verraten: er nennt ihn den scharmantesten, den persönlichsten aller Portiere, aber diese Tugenden konnten den Wann nicht vor dem Schicksal bewahren, das ihm die Bekanntgabe seiner Religion bereitete: Cr verlor seinen Posten und muß sich jetzt vor Gericht auch noch um seine Abfertigung herumraufen. Die Verwaltung des Semmering-Potels ist nicht antisemitisch, sie trägt bloß der Psyche des Reisepublikums, auf das sie angewiesen ist, Rechnung. Sie weiß, daß jüdische Gäste sich gern die Dienste eines arischen Portiers gefallen lassen, auch wenn er gar nicht scharmant ist, wohingegen Arier über die Zumutung, bezahlte Dienste eines Juden — er sei noch so scharmant — in Anspruch zu nehmen, leicht verschnupft sind. ' Bloß Arier? In seinem Roman „Warschau" schildert .S ch al o m Asch die Schwierigkeiten, denen die Anstellung jüdischer Arbeiter in jüdischen Fabriken begegnet. Das Problem wird dadurch nicht gerade freundlicher, daß es in Osteuropa die eigenen Glaubensgenossen Denn h a t n i ch t a n ch d e r jüdische U n - ternehmer unter der Indolenz seiner Glaubensgenossen z u leiden und zwar noch viel mehr als unter dem a n t i s e m i t i s ch e n B o y k o t t? Die Boykotthetze gegen jüdische Rnternehmnngen ist bereits sehr alt. Würde ihr Crfolg auch nur einigermaßen der aufgewendeten Propaganda entsprechen, dann gäbe es längst keine Cxistenzmöglichkeit für jüdische Kaufleute. Cs soll auch nicht geleugnet werden, daß diesen der wirtschaftliche (Existenzkampf immer schwerer gemacht wird. Im Großen und Ganzen kann aber festgestellt werden, daß die Anziehungskraft der guten, preiswerten Ware sich immer noch größer erweist als die künstlich genährte Antipathie gegen den „rassefremden" Geschäftsinhaber. Am groteskesten hat sich mir diese Tatsache in einem Thüringer Städtchen offenbart, wo es ein jüdisches Warenhaus gibt. Cs rivalisieren dort einige antisemitische Parteien, die einander heftig bekämpfen. Nur in einem sind die Führer aller dieser Parteigruppen einig: in der wütendsten Bekämpfung des jüdischen Warenhauses. Aber auch die Frauen dieser Führer gehen solidarisch miteinander — in das jüdische Warenhaus einkaufen.. Die Guten wären sehr erstaunt, wollte man ihnen politische Inkonsequenz vorwerfen, wo es sich doch um eine rein finanzielle Transaktion handelt: die Wänner als die Familienerhalter schlagen Kapital aus der marktgängigsten Ware: dem Antisemitismus. Die völkischen Frauen walten züchtig im Pause, d. h. sie haben mit dem Linkommen der Wänner am besten und wirtschaftlichsten den paushalt zu FürKörperund Füsse n ur derifchen Verbreiter der groteskesten literarischen Formulierung dieser angeblichen Solidarität, der „Protokolle der Weisen von Zion", harmlose Gesellen im vergleiche zu den jüdischen Snobs, die die schöne Theorie von der jüdischen Solidarität durch ihre beschämende Praxis ständig Lügen strafen. bestreiten. Daher gehen sie ins jüdische Kaufhaus. Was zum Teufel hat das mit Politik zu tun? „Wirtschaft, poratio, Wirtschaft!" Diese antisemitischen Kunden jüdischer Geschäfte haben aber ein noch viel groteskeres Gegenstück in jü bischen Konsumenten, die unglücklich sind, wenn sie ihr Geld nicht zum pakenkreuzler tragen können. Im Wiener Stadtzentrunl gibt es einen Parfümerieladen, auf dessen Aushängeschildern ausdrücklich der ver merk prangt, daß auf jüdische Kunden nicht reflektiert wird. Der Inhaber ist nicht der einzige antisemitische Geschäftsmann, während aber die anderen zwar keinen Juden riechen können, wenden sie auf das jüdische Geld das alte Prinzip an: „non ölet". Der erwähnte Parfümeriehändler aber, durch seinen Beruf offenbar mit geschärften Geruchsnerven begabt, will auch vom sind, die dem jüdischen Arbeiter das Leben erschweren, jüdischen Geld nichts wissen. Das können manche Iu° Auch handelt es sich dabei nicht um eine reine Galuth- Crscheinung, denn sogar in Palästina, kommt es alljährlich zu unerquicklichen Szenen, weil es jüdische Kolonisten gibt, die zu den landwirtschaftlichen Arbeiten auf ihren Gütern lieber die billigen Araber, als die kultivierteren und daher anspruchsvolleren Juden heranzuziehen. In Witteleuropa, wo?die Arbeitslöhne durch Kollektivverträge, geregelt sind, die auf konfessionelle Unterschiede Nicht. Bedacht nehmen, ist die Frage, warum sogar jüdische Unternehmer so oft christliches Personal dem ^jüdischen vorziehen, nicht so einfach zu lösen. Wan erhält darauf oft die seltsamsten Antworten. Berühmt geworden ist der Ausspruch des edlen Ritters von Guttmann, er könne in seinen Wittkowitzer Eisenwerken keine jüdischen Beamten anftellen, da seine übrigen Beamten — Antisemiten seien! Was kann schon ein jüdischer Großindustrieller dagegen tun, wenn seine Untergebenen keine Juden unter sich dulden wollen? Cr muß noch froh und glücklich sein, daß sie sich wenigstens mit einem jüdischen Chef abfmden und das Brot aus seinerpand nicht verschmähen . - . . Ein jüngst verstorbener Wiener Koscher-Gastwirt weigerte sich, jüdische Kellner anzustellen, weil er keinen Untergebenen brauche, der gescheiter sei als er selbst'. Tragisches Paradoxon: Im Allgemeinen wird einem Angestellten seine Dunnnheit zum Verhängnis, dem Juden auch feine Gescheitheit. Zumindest schützt sie ihn nicht, wie das eingangs geschilderte Los des „scharmantesten, persönlichsten Portiers" auf dem Semmering beweist. Das am meisten gehörte Argument ist das, daß der Geschäftsmann sich im jüdischen Angestellten einen künftigen K o n k u r r en t e n heranziehe. den nicht verwinden! Sie behelligen den Wann mit Zuschriften, die sie ihm teils direkt per Post ins paus senden, teils durch Veröffentlichung in Zeitungen zur Kentnis bringen, kurz, sie gebärden sich so verzweifelt, als ob es für Juden gar keine anderen Cnikaufsgelegenheiten gäbe. Dabei veröffentlichen die Zeitungen täglich große Listen jüdischer Geschäftshäuser — in den Konkursanzeigen . . Der jüdische Unternehmer geht zugrunde, weil der arische Konsument sich vor der angeblichen Winderwertigkeit der jüdischen Waren fürchtet und der jüdische Konsument aus Furcht vor dem Stigma der eigenen Winderwertigkeit sich dem pakenkreuzler als Kunde aufdrängt. Der jüdische Arbeitnehmer muß verhungern, weil der arische Unternehmer zu untolerant ist, um Juden anzustellen und der Jüdische Arbeitgeber so tolerant, daß er lieber —. christliches Personal beschäftigt. Der Iudenboykott ist demnach keine einseitige antisemitische Aktion, sondern entsteht aus dem einträchtigen Zusammenwirken von pakenkreuzlern und Juden. Dabei ist die jüdische Komponente die gefährlichere. Denn der Arier, der einmal die Erfahrung gemacht hat, daß das antisemitische Schlagwort vom „jüdischen Betrug" Bluff ist und daß man beim Juden nicht schlechter kauft als anderswo, wird oft zum treuen Kunden jüdischer Kaufleute und pandwerker. Dagegen ist es dem Juden, der sein Geld um jeden Preis dem pakenkreuzler nachträgt, weniger um die Ware zu tun, als um ein Prinzip, das er mit dem -ganzen blinden Cifer des fanatisierten Snobs verfolgt. Darum sind die verlogenen Verkünder einer staatsgefährlrcheN"SölrdäriMt bei' Juden "und "die verleüm-' Korrespondenzen « ßacbrtcDten. Deutsches Reich. Großstädter aufs Landl Berlin, 12. Mai. Der Vorsitzende des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Dr. Leo Löwenstein, richtet den folgenden Aufruf an die Mitglieder des RIF.: „Tausende von Kameraden in den Großstädten werden bei der schweren wirtschaftlichen Not noch weniger als sonst ihre Kinder die physisch und moralisch wohltuende Luft von Wald und Feld genießen lassen können. Dazu kommt, daß die wirtschaftliche Ausblutung ein Sinken der Lebenshaltung und damit auch physische Ausblutung insbesondere für die junge Generation bedeutet. In dieser Lage wende ich mich an die Kameraden in den kleineren Städten und auf dem Lande. Nehmt auf einige Wochen Kameradenkinder aus der Großstadt in Euer Heim! Teilt recht bald Eure Bereitwilligkeit der Vundesleitung mit! Solche opferwillige Kameradschaft wird der körperlichen und sittlichen Ertüchtigung unserer jugnen Generation einen großen Dienst erweisen." Schächtverbot in Heidelberg. Heidelberg, 12. Mai. Der Mitte Februar von der stärksten Fraktion des Stadtrats, der NSDAP., eingebrachte Antrag, das betäubungslose Schächten zu verbieten, ist seinerzeit dem Ausschuß zur weiteren Behandlung überwiesen worden. Man hoffte, daß angesichts des internationalen Weltrufs Heidelbergs und der möglichen Schädigung der städtischen Belange der Antrag keine Zustimmung erlangen werde. Diese Hoffnung ist jedoch durch die Sitzung vom 11. Mai enttäuscht worden. In.einer vom Stadtrat heute herausgegebenen Mitteilung heißt es kurz: „Der Stadtrat stimmt einem Antrag der Fraktion der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei zu, wonach das betäubungslose Schächten im Gemeindeschlachthaus verboten werden soll." Es ist mit Sicherheit zu erwarten, daß die jüdischen Instanzen gegen diesen, der Neichsverfassung widersprechenden Beschluß schärfsten Einspruch erheben werden. Bekanntlich hat der preußische Innenminister Severing in Anlehnung an eine Interpellation der Reichsregierung sämtlichen Regierungspräsidenten aufgetragen, Schächtverbote, dievon Einzelgemeinden etwa beschlossen werden, als der Verfassung widersprechend zu beanstanden. Oesterreich. Generalversammlung der Agudas Iisroel-Grtsgruppe Wien. Wien, 10. Mai. Im Saale der Iugendgruppe fand am Sonntag, den 8. Mai .d. I. die Generalversammlung der Agudas Jisroel-Ortsgruppe Wien statt. Nebst einer stattlichen Mitgljederzahl hatten sich Vertreter verschiedener Organisationen eingefunden, die vom Vorsitzenden, Herrn Wolf P a p p e n h e i m, in der Eröffnungsrede begrüßt.wurden. Der Vorsitzende hielt einen warm empfundenen Nachruf aus die im vergangensi Jahre Heimgegangenen Größen, Rabbi Ehajim Josef Sonnenfeld, Rabbiner Kalnmn Weber, wie auch auf die Heimgegangenen Mitglieder der Wiener Ortsgruppe.