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Der Israelit · 1932-05-19 · Heft 21 (19.5.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 21 (19.5.1932)
Date
1932-05-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Gegcnpaläftina" kann uns Juden nicht veranlassen, in die Stimmung eines Fünfjahrplanmefsianismus zu verfallen, zu dessen Gunsten Heller kräftig in die Posaune (Schaufor darf - man wohl nicht sagen) stößt. Auch Heller kann nicht verschweigen, daß die jüdischen Beiträge für Biro-Bidschan und Krim-Kolonisation in wenigen Jahren ungefähr zwanzig Riillionen Rubel ausmachen. Dieses Geld, für Palästina gespendet, heißt bei ihm Ehalukkah, Schnorrerei, so aber . . . Biro-Liöschan hat auch schon 14 Proz. Juden, nämlich 5—6000. Palästina hat zwar 180 000 Juden, d. h. -dreißigmal so viel, achtzehn Prozent der Bevölkerung, aber ... An Erez-Israel spricht man Hebräisch, in Hellers Reiseprotokoll gibt es jüdische Kolonien, deren Sitzungen russisch abgehalten werden, nur zu Hause spricht man noch jiddisch, aber ... In Crez Israel wächst ein neues Geschlecht junger jüdischer Menschen heran, in Biro-Bidschan sind schon längst die ersten „jüdischen Kosaken" zur Welt gekommen und nach Hellers Prognose wird die V e rm i s ch u n g mit den Koreanern, die es dort in großer Zahl gibt, auch nicht lange auf sich warten lassen. Wenn jüdische Kolonisation, Milderung des jüdischen Elends, erstrebenswertes Ziel, wo auch immer, ist, also Kolonisation auch in Biro-Bidschan zu fördern wäre (trotzdem es nur wenige hundert Kilometer von den Kriegsschauplätzen der Mandschurei entfernt ist und vielleicht nur aus strategischen Gründen von der russischen Regierung mit Europäern besiedelt werden soll), die Katnpfstellung gegen Palästina, das in zehn Jahren doch über hunderttausend Juden ausgenommen hat, ist unzulässig. Gar nicht zu erwähnen, daß die Verneinung jüdischer Gemeinsamkeiten und demgemäß auch gemeinsainer Aufgaben besonders für die jüdische Kultur unsere Selbstaufhebung bedeuten würde. Unter den Lebensumständen, in denen die jüdische Gemeinschaft sich befindet, bedarf es eines besonderen Willensentschlnsses, um gleichsam das nationale Minus auszugleichen. Oder aber man stellt sich auf den assimilatorischen Standpunkt des „Untergangs vom Judentum". Wie das russische Beispiel zeigt, wird die Assimilation von staatswegen durchgeführt. Dem Juden ohne Gleichberechtigung folgt die Gleichberechtigung ohne Judentum, und Klatzkin hat doch, trotz Hellers Polemik, recht, wenn er sagt, daß der moderne S e e l e n z o l l in keiner Weise moralisch berechtigter oder besser sei als der mittelalterliche Juden l e i b z o l l. Es wäre nicht nötig, ins Einzelne gehend, Hellers Buch zu besprechen, bestünde nicht die konkrete Gefahr, daß dieses Buch zur Agitation, als Bibel jüdischer Kommunisten gebraucht wird. Die offensichtliche Ignoranz, mit der das Judentum und seine Geschichte behandelt werden, der pseudowissenschaftliche Charakter des Heller'scheu Werkes zwingen zur ausführlichen Berichtigung. Ebenso wie festgestellt werden muß, daß seine negative Tendenz dem Westjuden, der Jude bleiben will, keine Möglichkeiten zu zeigen vermag. Wenn jemand, wie Heller es tut, dem Gegenstand, dessen Geschichte er schreiben will, ohne jegliche Verbundenheit, fremd gegenübersteht, so darf er keinen Anspruch auf den Titel eines objektiven Historikers erheben. Er ist bestenfalls Materialsammler. Sammelt er das Material mit oberflächlichem Wissen, dann ist sein Werk eben u n wissenschaftlich. Das ist der Fall bei Heller, der es wagt, die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft zu schreiben, daraus noch Konsequenzen zieht, ohne daß er überhaupt die Sprache und die Duellen dieser Gemeinschaft kennt und versteht. Wenn jemand trotzdem vor die Öffentlichkeit tritt, ohne sich selbst dies vorzuhalten, so kann dies eben nur aus einer Tendenz heraus geschehen, die objektive Prüfung (und Selbstprüfung) unmöglich macht, jede Wissenschaftlichkeit vernichtet. Diese Tendenz ist bei dem assimilierten Westjuden Otto Heller, der nur den Ostjuden Recht und Aussicht auf ein eventuelles nationales Bestehen zugestehen will, der den Zionismus reaktionär schilt, weil er sich gegen die Assimilation sträubt (Seite 155), die Tendenz einer radikalen Assimilation. Heller erweist sich als eine moderne männliche Jessica im Russenkittel. Und das Buch „Der Untergang des Judentums" von Otto Heller legt Zeugnis ab vom Untergang des Judentums von Otto Heller. Wochenrundschau. Religion und Steuerfreiheit. vor dem Gerichte des' House of Lorös in London stand dieser Tage die Frage zur Entscheidung, ob der U a t i o n a l f o n d s gleich einer religiösen Körperschaft Steuerfreiheit für' seine S a m m e l g e l d e r in Anspruch nehmen kann. Als Anwalt des U. F. trat Uorman Bentwich für die Steuerfreiheit ein und stützte seinen Anspruch in der Hauptsache auf.Thora und Tradition. Cr sagte u. a.: - Das Versprechen (S’ttes an Abraham, seinen Nachkommen das Land Kanaan zu geben, ist ein fundamentaler Glaubenssatz des Judentums. Religiöse Vorstellung ist an die Tatsache geknüpft, daß die Juden wieder in Palästina leben und dort eine politische Kraft und Macht darstellen werden. Somit sei das Ziel des Keren Kajemeth, Juden im gelobten Lande wieder anzusiedeln, ein fundamentaler Bestandteil des Judentums, die Unterstützung dieses Zieles ein religiöser Akt und eine F ö r d e r u n g d e r Religion. Die Besiedelung Palästinas mit Juden sei nur ein Nebenumstand der Tätigkeit des Keren Kajemeth, das vornehmste Ziel, das Endziels sei die Wiederansiedelung der Juden im Gelobten Lande in der Weise, daß die traditionelle religiöse Heimat der Juden gemäß der biblischen Prophezeiung neu begründet werde und das Judentum einen geistigen Einfluß auf das jüdische Volk und die Menschheit ausübe. Bentwich erläuterte das Statut des Keren Kajemeth, aus dem das religiöse Kiel der Gesellschaft, wenn auch nicht ausdrücklich erwähnt, heroorgeht. Aus dem Statut sei ersichtlich, daß alle Tätigkeit, die die Gesellschaft ausüben möge, dem einen Hauptziel, der Auslösung des Bodens für das Judent u m untergeordnet ist. Keine der Tätigkeiten des Keren Kajemeth könne für sich gesondert betrachtet werden, sondern alles diene dem religiös-charitativen Hauptziel. Die Fonds der Gesellschaft werden unter der Bedingung aufgebracht, daß sie für religiös-charitat i v e Zwecke verwandt werden. Auf weitere Anfragen der Lords verlas Bentwich mehrere biblische Texte, die den religiösen Grundsatz des Judentums bei Ansiedelung von Juden im Gelobten Lande illustrieren, ebenso Auszüge aus dem „autorisierten täglichen Gebetbuch der vereinigten Jüdischer Kongregationen Englands," sowie Abschnitte aus dem Talmud und aus rabbinischen Autoritäten des Mittelalters, aus denen hervorgeht, daß d i e Ansiedelung von Juden in P a l ä st in a ein religiöser Ak t fei. — Der Anspruch des Rationalfonds auf Steuerfreiheit ist vom Oberhaus-Gericht am 10. Mai zurückgewiesen worden, was. wir bedauern. Die Argumente von Rormün Bentwich behalten indes ihren bleibenden Wert. Wögen dem R. F. und der Zionistischen Organisation noch mehr solche Anwälte entstehen, die mit' gleichem Clan auch nach innen den Standpunkt vertreten, daß die Ansieölung von Juden in Palästina eine religiöse Angelegenheit sei, und allen in Betracht kommenden Instanzen nahe legen, was sie dieser Erkenntnis schulden. wir würden nach dieser Erfahrung dem Rationalfonds raten, sich als Körperschaft zur pflege von pK air» im Geiste der Thora zu etablieren und sich bei dieser religiösen Betätigung der Weisung und Beratung einer rabbinischen Instanz, etwa des Obecrabbinates, von vornherein zu sichern. Es wäre damit mehr als die Steuerfreiheit gewonnen. Am Sterbelager des Liberalismus? Die politische Entwicklung der letzten Zeit, deren stärkstes Charakteristikum die völlige Zerreibung der bürgerlichen liberalen Parteien in Deutschland ist, hat naturgemäß Anlaß gegeben, die seit mehrmals einem Jahrzehnt, brennend gewordene Frage. nachdem Schicksal des europäischen Liberalismus überhaupt erneut auszurollen und in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stellen. Deutschlands Juden sind an dieser Frage mehr als irgend eine andere Bevölkerungsgruppe schicksalhaft interessiert, weil sie sich in ihrer übergroßen Mehrheit von Beginn der Emanzipation an weltanschaulich und politisch bis tief in die Reihen der Orthodoxie hinein ganz in den Strom des liberalen Gedankens eingebettet hatten und auch auf wirtschaftlichem Gebiete die vordersten Bannerträger des mit dem Kapitalismus und Individualismus unlösbar verknüpften liberalen Gedankens waren. Die Zeitschrift „Der Morgen" bringt in ihrer neuesten Ausgabe den Beginn einer Aussprache über dieses zeitgemäße Thema mit zwei Aufsätzen von Dc. Hans Bach in Berlin und dem evangelischen Theologie- Professor, Dr. Heinrich Frick in Marburg. Frick äußert sich nur kurz und nur in zwei nicht einmal grundlegenden Punkten zu dem Gegenstand, während Bach eine ziemlich gründliche Auseinandersetzung gibt. Das Ergebnis seiner Darstellung ist, daß der Liberalismus zwar tot sei, weltanschaulich sowohl wie als politisches System, daß aber an seine Stelle weder der Sozialismus, noch der hemmungslos barbarische Rationalsozialismus treten werde, der keinerlei Kulturgrund unter seinen Füßen hat, sondern eine konservative Lebensorönung, die etwa dem gebildeten altpreußischen Konservativismus, wie ihn Bismarck vertrat, entspricht. Demgegenüber verlangt er auch von den Juden eine Anpassung an konservative Lebensgcstaltung, nach innen starke Betonung traditioneller Formen und Bindungen, Anerkennung der blutmäßigen Grundlagen der jüdischen Gemeinschaft, also eine Art von jüdischem Rationalismus unter Ablehnung zionistischer Konsequenzen. Die Juden seien ein Stamm, aber weder ein Volk noch gar eine bloße Konfession. Cs ist merkwürdig, daß gleichzeitig von einem Amtsgerichtsrat in Heidelberg, Hugo Marx, unter dem Titel „was wird werden. Das Schicksal der deutschen Juden in der sozialen Krise" (Verlag Westdruckerei, Wiesbaden) eine kleine Broschüre er-- schienen ist, die, stilistisch gut geschrieben, zu ganz ähnlichen Gedankengängen und Ergebnissen gelangt. Marx fordert nur in stärkeren Tönen die wirtschaftliche Umschichtung der Juden, deren Schwierigkeiten er nicht verkennt, die aber unvermeidlich sei, und er ko mint schließlich noch auf den merkwürdigen, kaum ernst zu nehmenden Einfall, die Juden müßten — in Deutschland! — die Rechte einer nationalen Minderheit für sich in Anspruch nehmen. Rur auf dieser Grundlage könnten sie ihre religiösen, kultischen und kulturellen Interessen wahrnehmen, sonst bleibe ihnen kein Weg außer dem individuellen Untergang in der übrigen Welt, die bewußte Abkehr vom Judentum. Wir müssen gestehen, daß wir in allen diesen Gedankengängen keine ruhig abgewogene wissenschaftlichen Wahrheiten erblicken können, sondern daß sie uns im wesentlichen als Produkte einer über Gebühr erregten, vom Augenblick bestimmten politischen Betrachtungsweise erscheinen. Wer etwas tiefer denkt, wird sich weder davon überzeugen können, daß der Liberalismus als solcher, soweit er weltanschaulich und ethisch fundiert ist, von der Bildfläche des europäischen Bewußtseins zu verschwinden bestimmt sei, noch kann man auf der anderen Seite über die mächtigen sozialistischen und kollektivistischen Strömungen mit einer anmutigen Hanöbewegung hinweggehen, wie es hier geschieht, weil momentan der Faschismus Trumpf zu sein scheint. Die Wendung zum Konservativismus ist uns gewiß sympathisch, aber man soll nicht mit Wünschen philosophieren, und' wir hielten es für eine Selbsttäuschung, wenn man sich von Betrachtungen taggeborener Art den dauernden Sieg konservativer Welt- und Lebensbetrachtung auf der ganzen Breite des europäischen Lebens und den Untergang des Liberalismus und des Sozialismus einredm lassen wollte. Alle drei Lebensmächte werden weiterleben, und es will uns scheinen, als ob ein mehr oder minder reformierter und undogmatischer Sozialismus, der letzten Endes zu einer umfassenden einheitlichen Weltwirtschaft führt, noch 'am.meisten Aussicht hätte, in den nächsten Jahrzehnten zum Siege zu gelangen. Für die jüdische Gemeinschaft gibt-es all diesen von den stärksten Unsicherheitsfaktoren getragenen Prophezeihungen gegenüber nur den alten einen Weg: stärkste Verwurzelung der Heranwachsenden Jugend in den Ouellen des Judentums, stärkste Beto-

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