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Der Israelit · 1932-05-12 · Heft 20 (12.5.1932) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 20 (12.5.1932)
Date
1932-05-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 20 Der Jsraeiit 12. Mai 1932 ausharrt, die zugleich eines der festesten Bollwerke des gesetzestreuen altneuen Jischuw ist. Das Schaare Zedek-Spital in der Jaffastraße ist vielleicht das best geleitete jüdische Krankenhaus im ganzen Orient. Wer mit dem Wagen von Jaffa kommt, kann an dem niedrigen Tor, hinter dem so viel Leben und Liebe fluten, nicht vorbei. Man tritt durch die kleine Pforte in den Garten. Zwischen Palmen, Kakteen und Rosenhainen führen breite, weiße Kieswege. Auf den weißen Bänken vor dem Rasen sonnen sich ehrwürdige Gestalten, Patriarche im malerischen Chalat, mit Turban oder Fez auf dem Kops. In schattigen Alleen ruhen auf Liegestühlen Frauen in bunten Kopfbedeckungen, Kinder mit verbundenem Kopf lachen und spielen in der Sonne. Das Haus selbst ist so massiv wie für die Ewigkeit gebaut, und so sauber und blank in der Außenfassade nie im Innern, als würde ein preußischer Feldwebel dreimal im Tage darin Appell abhalten. Etwa hundert Betten hat das Haus, die sich im Notfälle, — so war es bei Epidemien und nach dem letzten Pogrom — noch wesentlich vermehren lassen. Kaum die Hülste ist belegt. Es fehlt nicht an Kranken, aber an Mitteln. Voll Luft und Licht die Krankenzimmer mit den schneeweißen Betten, allerliebst der Kindersaal mit den kleinen runden Tischchen und Stühlchen und bunten Bildern an den'Wänden. Im geräumigen Operationssaale blinkt und blitzt alles wie in weißer Maienblüte. Starker Karbolgeruch dringt aus dem Laboratorium und der Apotheke. Eine große, mit allen Einrichtungen der Neuzeit versehene Wäscherei im Hosgebäude, eine eigene Meierei mit Kühen und arabischem Stallknecht, eigene Zisternen für den Fall, daß das Negierungswasser versagt (wie oft versagt dieses! . . .) Eigenes Lichtwerk. Im Souterrain eine richtige schöne Synagoge, in der jeden Morgen und jeden Abend gebetet und gelernt wird. Es wird hier sogar täglich, wie in den ältesten Synagogen Jerusalems, geduchent. Es ist die Synagoge der Schechuna, darum kommen auch Jemeniten und Bucharen hier zum G'ttesdienst und fügen sich mit ihren Gebeten und Melodien ganz harmonisch in den hier vorherrschenden „Frankfurter Minhag" ein. Von den Wänden in den langen Korridoren sprechen zu uns in Wort und Bild die Initiatoren, Förderer und Gönner dieses Werkes, u. i. Benjamin Roos, Hermann Lehmann. Ein Dr. Israel Roos-Pavillon im Hofe dient als Jsolierraum. Eine kleine deutsche Schwester von großer Energie und nie versagender Güte und Ruhe arbeitet als Oberin mit einem Stabe von Helferinnen fast unsichtbar. Und über dem Ganzen der Mann, der zu den treuesten Zionswächtern gehört, der Mann, der mit dem Feuer in seinem Herzen alles belebt und Vas ganze Personal bis zum letzten Portier und dein tresslichen Reb Pinchos, der in seinem etwas baufälligen Vehikel, mehr durch Thillim als durch Benzin angetrieben, feinen Doktor durch die krummen Straßen fährt, im Betrieb und im Schwünge hält. So geht es Tag für Tag, schon bald vierzig Jahre lang. 1896 kam dieser Arzt und Menschenfreund mit der ganzen Begeisterung seiner Jugend als Beauftragter eines frommen Menschenkreises in Deutschland nach Jerusalem, um sich an die Spitze des Feldzuges gegen Krankheit und Unglück zu stellen. 1902 entstand das monumentale Haus, ein Stück gesetzestreues deutsches Judentum im edelsten Sinne; Jahre des Hungers und der Not kamen, Epidemien fegten über das Land; der Weltkrieg schickte seine Schrecken über das Mittelmeer in die heilige Stadt; die türkische Fahne mit dem Halbmond mußte vom Tore heruntergeholt und der Adler des britischen Imperiums angebracht werden. Im Ehrenbuch des Hauses, wo alle führenden Männer eingetragen sind, kann man diese Geschichtsperioden an Namen und Daten an sich vorüberziehen lassen. Ausbau und Zerstörung, Mandatstaumel und Nationalheim, Klagelieder, Hatikwah, Jubel, Kampf, Pogrome, Ruhe. Unverwandelt und unwandelbar blieb der Mann auf feinem Posten, unerschütterlich „wie der Berg Zion, der nicht wankt." Jugend und Kraft haben in den vierzig Jahren nicht abgenommen, sondern häufen sich durch die Jahre an. Wie damals steht der Doktor an seinem Werke, im weißen Kittel, mit dem leuchtenden Gesichte, im Kampfe gegen Not, Krankheit, Hunger . . . Das bescheidenste Zimmer im Parterre ist die Privatwohnung des Doktors, der über der Arbeit im Dienste Jerusalems keine Zeit gefunden hatte, sich selbst ein Haus zu gründen. In diesem Zimmerchen ist stets ein Tisch gedeckt für alle, die kommen oder nur am Hause vorübergehen. Der Doktor lädt nicht seine Gäste ein, wenn er Feste feiert, sondern er feiert Feste, wenn G äste da sind. Wir, mein jüngerer Freund und ich, haben unser Quartier in diesem Hause klassischer Gastlichkeit. Die Haushälterin (sie hört auf den schönen Namen S i m ch a, stammt aus Ur Kasdim, der Heimat Abrahams, und spricht neben Arabisch nur Hebräisch), steht morgens wohl schon eine Stunde vor Tag aus, um uns alle Gerichte Mesopotamiens zu bereiten und den Frühstückstisch zu einem kleinen „Lande, das von Milch und Honig überfließt", zu gestalten . . . Die Krise in Europa und Amerika rüttelt heftig an den Mauern dieses Hauses. Wie eine düstere Wolke huscht es über das Gesicht des Leiters, wenn man davon spricht. Wer aber den Mann bei der Arbeit sieht, wer die kranken Menschen in den weißen Zimmern, die glücklichen Kinder auf dem Rasen im Garten spielen sieht, kann nicht glauben, daß der jüdische Quell der Liebe gerade in diesem Punkte — wie die Regierungszisterne — einmal versagen und versiegen könnte! Und noch eine. Ein paar hundert Schritte weiter durch die Jaffastraße, und wir gelangen durch eine schmale Pforte in ein Gärtchen, das ein sauberes längliches Haus umsäumt. Man ist im B e t h H a j e s s o m o t h h a kl a l i, dem einzigen Mädchenwaisenhause in Palästina, das über 200 Waisenmädchen aus allen Stämmen und Ländern des jüdischen Galuth ein Heim bietet. Es ist keine deutsche Institution. Das Haus wurde 1902 als Ergänzung zum Diskin'schen Waisenhause für Knaben von Rabbi Weingarten und anderen ins Leben gerufen und nennt sich heute noch das Weingarten'sche Waisenhaus. Etwas klein und primitiv die Baulichkeiten, in sich geschlossen. Krieg und Nachkrieg haben dem Hause ihren Stempel ausgedrückt, die Krise hat es schwarz gefärbt. Die Not bringt immer neue Waisenkinder, und im gleichen Maße bleiben die Geldeingänge aus. Die Zeit drückt sich im Aussehen und Kleidung der Kinder aus. Seit einiger Zeit ist mit Frau Anna Feuchtwanger-Steinnitz eine deutsche Leiterin ins Haus eingezogen. Auch sie kann aus dem Boden kein Brot und Kleid zaubern. Aber wie sieht jetzt das Haus aus! Kein Eckchen im Garten ungepflegt, kein Stein und kein Papierschnitzel stört die Harmonie, kein Winkel im Hause, der nicht blitzsauber wäre. Die Kinder, etwas bleich und dünn angezogen, lachen aus blanken Augen. Wir sahen Schlafsäle von hundert Bettchen in strahlendem Weiß, wie wir sie m keinem Kinderspital Europas schöner gesehen haben. Das Brot ist heute noch oft knapp und die Piaster in der Kasse spärlich. Aber wie es die Leiterin erfinderisch versteht, tagtäglich die kleinen Mündchen zu stopfen, ist eins der Jerusalemer Wunder. Es mangelt an Wäsche, an Schuhwerk, an warmen Kleidern. Und in Jerusalem wehen, was die meisten in Europa nicht wissen, nachts schneidend kalte Winde, die Regenperiode bringt Kälteschauer mit sich. Da sollten Sie sehen, wie die deutsche Verwalterin halbe Nächte hindurch bei schlechtem Lichte das fadenscheinige Zeug zusammenflickt, alles ist dünn und ärmlich, aber ganz und sauber. Ihre eigenen bescheidenen Zimmer gab sie für einen Jsolierraum her, bis dieser nicht mehr nötig war, da die ansteckenden Hautkrankheiten aufhörten und die Kinder gesund und munter sich ihres Lebens freuen konnten. Wie sie dabei noch Zeit und Muße findet, die Kinder in so vollendeter Weise geistig und religiös zu beeinflussen, ist wiederum ihr Geheimnis. Wenn ich mit ihr durch den Garten wandele, fliegen von allen Ecken die Kindlein ihr in die Arme. Und wie sie mit allen Nuancen der hingebenden Kindesliebe „Doda Channah" aussprechen und sich an sie schmiegen, glaubt man zweihundert Mutteraugen aus dem lachenden Auge dieser einzigen Frau, die nie Mutter war, strahlen zu sehen ... Not des Kindes und eigene Sorgen. Aber die Leiterin jubelt unter Tränen: „Mein ganzes Leben, fünfzig Jahre lang, war nur Vorbereitung und Rüstung für diese Mutteraufgabe auf heiligem Boden, und ich wußte nicht, wieviel Glück das Leben noch für mich in Vorrat hatte . . ." Rabbi Dowid Weingarten und den anderen bärtigen Gabaim war es erst etwas unheimlich vor der deutschen Ordnungsdiktatorin. Stuß! Heute noch kann man zuweilen das Wort hören: „ein wenig deutsch meschugge!" Aber es liegt schon wie eine Kosung in dieser Räiewendung, Dank, Anerkennung und Hochachtung. Eine starke deutsche Hand ruht über dem Ganzen. Wahrlich, wenn man von den Heldentaten der Chaluzim spricht, von den Pionieren in En Charod und D e g a n i a, die mit eigenen Händen Sümpfe ausgetrocknet, Not und Tod auf sich nahmen und aus Malariaherden blühende Siedlungen hervorzauberten — wobei aber leider manch andere, geistige Giftherde entstanden — so sprechen wir nicht weniger stolz von jenen tapferen deutschen Chaluzim aus dem Kreise der Gesetzestreue; von jenem Arzt, der keinen Tag noch Nacht kennt, keine Rast noch Ruhe sich gönnt und am Sabbat die schwierigsten stundenlangen Fußwege durch die alte Stadt macht, um in Hütten der Armut und des Elends Heil und Hilfe zu bringen. Sprechen wir von jener Frau, die die kummervollen Nächte zur Hälfte bei der Arbeit sitzt, um die Jäckchen und Hemdchen und all die dünnen Lumpen zusammenzustopfen, während ihre kleinen Schutzbefohlenen in ihrem Bettchen schlafen und von der guten „Doda Channah" träumen, und den Rest der Nacht in ihrem Bette darüber nachbrütet, wie morgen das Brot und die Milch für die Kleinen zu beschaffen sei. Denn traurig, wenn auch nicht anklagend, würde das „Doda Channah" aus dem Munde der Kleinen klingen, wenn die Milch ausbliebe . . . Vergessen wir, wenn wir von heldenhaften Chaluzim sprechen, nicht jenes blonden jungen Fräulens aus München in Tiberias, die ganz isoliert, ganz auf sich gestellt, weitweg vom Licht und Leben der heimatlichen Großstadt, unter Verzicht auf Gesellschaft und Anregung und alles, was das natürliche Recht eines jungen Menschen, eines jungen Mädchens ausmacht, kleine Mädels zu guten jüdischen Töchtern erzieht und auf schwierigem fremden Gelände, oft unter widrigsten Umständen, sich Schritt für Schritt erkämpfen muh . . . Neben ihr werden wir natürlich auch der großen Schar der anderen Lehrer und Lehrerinnen gedenken müssen, die, unabhängig von Gehalt und Einkommen, mit ungebrochener Liebe und unvergleichlicher Aufopferung auf ihrem Posten ausharren, um den unschuldigen Kindlein das geistige Brot nicht zu entziehen, wie ihnen der Bäcker schon längst das leibliche versagt . . . Ja, wir haben Chaluzim im alten und im altneuen Jischuw, mindestens so viel und von gleicher Qualität wie im neuen. Mit dem Unterschiede nur, daß, während jene von aller Welt gekannt und genannt, gelobt und bewundert, und auch unterstützt werden, unsere Pioniere ganz lautlos auf ihrem Posten ausharren, von keinem beachtet, oft von uns ganz im Stiche gelassen. Darf das sein? —tz. <Fortsetzung folgt.) (Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler.) Das neueste Heft, das die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler, Frankfurt a. M., Fahrgasse 146, soeben an ihre Mitglieder versendet, verrät schon äußerlich durch den veränderten Umschlug und den moderneren Satz, daß hier frische Kräfte am Werke sind. Das Vorwort der Herausgeberin läßt jeden Leser gespannt auf die Ausführung der neuen Pläne hoffen. Es ist keine kleine Aufgabe, die sich die nunmehr bereits sünfunddreitzig Jahre tätige Gesellschaft jetzt gestellt hat, um einem längst empfundenen Mangel abzuhelfen, wenn sie durch Veröffentlichungen wie die vorliegende über „Die Mainzer Thoraschreinvorhänge" systematisch die Vorarbeit für die schon lang erstrebte jüdische Kulturgeschichte allgemein zugängig machen will. Es ist nur zu hoffen, daß die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler von allen Seiten in diesem Streben unterstützt wird. Die jetzt erschienene Publikation beweist, wie viel Interessantes auf einem verhältnismäßig geringen Raum zutage gefördert werden kann. Selbstverständlich ist es, daß der künstlerisch Interessierte sowohl durch den Text als auch durch die Abbildungen hier die von ihm gesuchte Anregung erhält. In gleichem Maße findet aber auch jeder, der kultur- und familiengeschichtliche Forschungen pflegt, hier wertvolles Material, da von Mainz so viele Beziehungen zu anderen jüdischen Zentren bestehen und durch die Inschriften der Vorhänge vielfach dokumentarisch belegt werden. Mögen noch recht viele Sammlungen sich nach dem Mainzer. Vorbild zu fruchtbarer Arbeit mit der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler vereinen. (Loche koscher und kräftig) unter Berücksichtigung sparsamer Haushaltsführung und neuzeitlicher Ernährungsgrundsätze ... So heißt die kleine, inhaltreiche Broschüre, die der Jüdische Frauenbund soeben herausgegeben hat. Aus dem bekannten Kochbuch, das von der gleichen Organisation vor sechs Jahren erschien und das damals im „Israelit" kritisch besprochen wurde, — es ist seit einiger Zeit vergriffen — wurden die wesentlichsten Rezepte, etwa 300, übernommen. Bei Auswahl und Ergänzungen wurden die heute in allen Familien notwendig gewordenen Einsparungen berücksichtagt. Die Speisezettel für Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter sind ebenfalls noch diesem Grundsaß zusammengestellt. In einleitenden Artikeln werden „die jüdischen Speisegesetze" und „Richtlinien für die Ernährung" behandelt. Für das ganze Jahr wird die jüdische Hausfrau viel Anregung aus dem Büchlein schöpfen können. Die damals beanstandete „religionsgeschichtliche" Einleitung fehlt diesmal erfreulicherweise. Die Broschüre kostet nur 60 Pfg. und ist vom Jüdischen Frauenbund, Berlin N. 24, Monbijouplatz 10, zu beziehen. Rinderecke. Eine Palästinareise. (Fortsetzung.) Am nächsten Morgen erwachte Benni wieder ganz frühzeitig und wartete auf die kleine Zippora, die dem Rotschwänzchen von ihren weiteren Erlebnissen erzählen wollte. Da kam sie auch schon angeflattert. „Guten Morgen, Zippora," rief das Rotschwänzchen, „ich freue mich, daß du schon kommst; ich bin so gespannt auf deinen heutigen Bericht. Du warst stehen geblieben, wie du dir die Gräber der alten Erzväter angesehen hast." „Ja, und danach blieb ich nicht mehr lange in Hebron. Ich verabschiedete mich von den freundlichen Tauben, ließ mir noch den Weg nach Jerusalem beschreiben und flog dann nordwärts weiter Nach kurzer Zeit erblickte

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