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Der Israelit · 1932-05-12 · Heft 20 (12.5.1932) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 20 (12.5.1932)
Date
1932-05-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mendel mit der Gewure. Von Hermann Löwinger. (Schluß.) Mendel würde ein recht sorgenfreies Leben verbracht haben, wenn nicht fein Verhängnis in der Person einer in Wien lebenden verwandten genaht wäre. Diese hatte sich zwar nie viel um unseren armen Mendel bekümmert. Doch als sie vernahm, daß er ein kleiner „Auscher" (reicher Mann) geworden, war sie plötzlich voll Liebe und Zärtlichkeit für ihn. Sie schrieb ihm unzählige Briefe, in welchen sie ihn einlud, zu ihr nach Wien zu kommen, das ersparte Geld ihr in Verwahrung zu geben, (Quartier und Verpflegung würde er bei ihr haben, so daß ers viel besser haben werde, als in Preßburg, wo er so viel von der Spottsucht der bösen Leute zu leiden habe. Mendel sträubte sich wohl kurze Zeit, aus diese verlockenden Anträge einzugehen. Doch schließlich gab er dem vielen Zureden und den Versprechungen seiner Verwandten nach, und eines schönen Tages war die alte Stadt Preßburg um ein Original ärmer; Mendel war mit dem ersten Frühzuge nach Wien abgedampft. Die Herren Gassenbuben waren im Anfang untröstlich über den herben Verlust. Doch die Zeit heilt alle Wunden, und so wurde wieder ein anderes bedauernswertes Individuum in die Arbeit genommen und zum „Meschuggenen" präpariert. Anfangs ging es ' unserem Mendel recht gut in der Residenzstadt Wien. Cr tat nichts anderes als essen, trinken, öawenen und schlafen, Doch dieses Schlaraffenleben sollte bald ein Ende nehmen, denn kaum war er einen Monat in Wien, als seine liebenswürdige verwandte ihm die Eröffnung machte, daß sie ihm nicht mehr umsonst Verpflegung und «Quartier geben könne. Da sie ihm aber das herausgelockte Geld nicht zurückgeben wollte, war er gezwungen, fein in Preßburg mit Erfolg betriebenes Metier in Wien wieder aufzunehmen. Das war leichter gedacht, als getan, wie sollte sich unser armer Mendel in den weiten unbekannten Straßen der Residenz zurechtfinden? Zu diesen Schwierigkeiten gesellte sich noch die Furcht vor der Polizei, vor welcher er gewaltigen Respekt hatte. Mit Groll im Herzen und einem Fluch gegen die betrügerische Menschheit, ergriff Mendel, wenn auch mit Widerwillen, den Bettelstab. Denn „Rot bricht Cisen". Unter mannigfachen Schrecknissen entging ec ein halbes Jahr dem wachsamen Auge der Polizei. Auch hatte er schon ein wenig Platzkenntnis in den weitläufigen Straßen der Metropole. „Doch der Krug geht solange zum Brunnen, bis er endlich bricht." So ging es auch dem Helden unserer Schilderung. Cines Tages, es war gerade ein Tag vor „Hoschanna Rabba", wurde er beim Geschäfte des „Schnallenöruckens" von einem eifrigen Polizeiorgan' beim Kragen erfaßt und von dieser „Ehrenwache" nach dem bekannten Hause im „Sterngassel" transportiert, von wo er nach zweitägigem Sitzen im Kühlen nüt der Warnung, nie mehr zu betteln, entlasten wurde. Seine Abenteuer im Gefangenenhause erzählte Mendel mit folgenden komischen Worten: „Mit Gewalt haben sie mir gewollt trefene Suppe ins Maul hereinschitten, ich Hab se aber die Suppen ins Ponim hineingeschpieen und Hab zu se gesagt: „Fize Kapore sollt ez warn." Cs war ungeheuer amüsant, seine Schilderung zu hören, wie er Freitag Rachts der Polizei Lehachles, „Lecho öauöi", „bekol rom"*) gesungen, und es ihm nur leid tue, daß er am Hoschanna Rabba keine Hafchanoth gehabt, sonst hätte er sie drinnen „ongeschlagen, daß Alles gewettert hätte." Cs dauerte aber nicht lange, und wir treffen ihn wieder beim „Schnallenörucken", natür- *) Mit lauter Stimme. lich nach allen Seiten ausspähend, bevor er eine Tür öffnete. So gelang es ihm, der feinen Spürnase der Polizei zu entgehen. Doch „nichts ist so fein gesponnen, was nicht kommt an die Sonnen", und „mit des Geschickes Mächten ist-kein ewiger Bund zu flechten". Das wachsame Auge der Polizei entdeckte ihn wieder einmal beim „Geldausteilen", und da diese nicht mit sich spaßen läßt, wurde er arretiert und dann per Schub nach seinem Geburtsorte Preßburg zurückexpediert. Der Jubel der spottlufligen Straßenjugend über das plötzliche Wiedererscheinen Mendels wollte kein Ende nehmen. Ueberall, wo er sich blicken ließ, wurde er mit dem Freudenrufe: „Mendel mit der Gewure ist wieder hier, Scholem alechem Mendel!" empfangen und begrüßt. Doch blieb er ihnen auch den Dank nicht schuldig und rief den ihn so stürmisch Begrüßenden seine denkwürdigen Worte: „Wards beschwieen, bewuppt und bezuppt!" zu. Kaum war er aber zwei Tage in preßburg, als er seine Fechtproduktionen wieder begann. Man konnte ihn wieder täglich in der „Schul" früh und Abend sein Gebet unter unzähligen Repetitionen verrichten hören, umringt von den Gassenjungen, welche die oftmals wiederholten Worte im Chorus mitsangen. Bald hätten wir eine Eigentümlichkeit, oder richtiger gesagt, einen der Vorzüge Mendels zu erwähnen vergessen. Er war ein lebender Kalender, denn er wußte auf ein Jahr hinaus alle Festtage und guten Schaboßim anzugeben und durch fleißiges Sidralesen konnte er jeden Wochenabschnitt, von welchem man ihm nur die Anfangsworte zu sagen brauchte, mit dem Tropp weiter leinen. Für diese Belesenheit in der Thora wurde ihm alljährlich am Simchat Thora eine besondere Ehre zuteil, da sich die Gaboim,öer Bergelschul den Spaß erlaubten, ihm an diesem Festtage im Kol Hanearim mit dem Morenutitel zur Thora rufen zu lassen. Mendel erschien gewöhnlich an diesen! Tag als Morenu, mit dem Talis über den Kopf geworfen, vor der Thora. Von hunderten von Kindern umringt, sprach er die „Baracha", von dem ohrenzerreißenden Geschrei derselben übertönt, und begann dann die ganze Parscha selbst zu leinen. Nachdem er noch einen Mischeberach bekam, bei welchem er gewöhnlich zwei „Lekach" schnoderte, verließ er den Almemor unter hundertstimmigem ohrenbetäubenden Iejascher Koach. An diesem Tage würde er gewiß mit keinem Fürsten getauscht haben. So bewandert aber Mendel in dem jüdischen Kalender war, so konnte er sich in dem christlichen Datum nie zurechtfinden. So antwortete er z. B. auf die Frage, an welchem Tage er in Wien eingesperrt war: „Am 36., 37. und 38. Oktober hat mich die Polizei in Wien, im Sterngässel eingekastelt. Zerschmettert soll ganz Wien warn." Diese Unkenntnis des deutschen Datums beseitigte er später auf eine originelle Weise; er studierte täglich die an den Straßenecken affichierten Theaterzettel und las sie mit Aufmerksamkeit, wodurch er dann das jeweilige Datum anzugeben wußte. Da er bei seinen Rnnögängen von den ihm Almosen spendenden Leuten zum Spaß nach dem Datum des betreffenden Tages befragt wurde, so blieb der Theaterzettel sein tägliches Studium bis an sein Lebensende. Auf die Residenzstadt Wien war er, wie oben erwähnt, nicht gut zu sprechen, da er dort, wie wir gesehen, üble Erfahrungen gemacht. Doch sollte unserem Mendel wieder einmal die Sonne des Glückes zulächeln und seine sprichwörtliche „Gewure" in Wirklichkeit zu Ehren kommen. Ein in entfernter Gegend wohnender vermögender Bruder, der lange Zeit kein Lebenszeichen von sich gab, starb und hatte unserem Mendel eine Summe von mehreren tausend Gulden testamentarisch hinterlaffen. Diese plötzlich wie vom Himmel gefallene „Ieruscha" brachte unseren Mendel ganz aus dem Häuschen, so daß auf Ansuchen der Israelitischen Kultusgemeinöe zu Preßburg, das königliche Gericht ihn unter Kuratel der Gemeinde stellte, die das ihm von seinem Bruder hinterlassene Vermögen gewissenhaft verwaltete und ihm wöchentlich eine seinem Lebensbedürfnisse entsprechende Summe verabfolgte. Ungeachtet dessen konnte Mendel die alte Gewohnheit des „Schnallendruckens" nicht unterlassen, und wenn er auch mit der Bemerkung, daß ec jetzt ein Auscher sei, abgewiesen wurde, so ließ er sich doch dadurch nicht abschrecken, und klagte, daß er mit dem von Kohol ihm zugewiesenen „Gehalt" nicht auskomme. Da er, wie er behauptet, jetzt noch ärger daran sei, als früher, da ihm Rieinand mehr etwas gebe, so kehrte sich sein ganzer Zorn gegen den Preßburger Gerneindevorstand, der ihn, wie er sagte, so gekürzt, und er schleuderte die ärgsten Flüche gegen denselben. Aus die Frage, wie es ihm als „Auscher" gehe, donnerte er Jedem die Worte entgegen: „Czach Koholsleut, ezach koholsleut!" So konnte man Mendel noch bis vor einigen Jahren auf einen Stock gestützt straßauf, straßab, die Papierschnitzeln zusammenklaubend, wandern sehen, von der Straßenjugend mit dem Spottrufe: „Mendel mit der Gewure" verfolgt. Mendel war alt und grau geworden, und als sich an ihm die Altersschwäche bemerkbar machte, wurde er von der Gemeinde ins jüdische Versorgungshaus gegeben, wo er mehrere Jahre von den Schikanen der Menschen und den vielen Plackereien, die er im Leben auszustehen hatte, ausruhen konnte. Erst vor kurzem haben sie ihn hinausgetragen nach dern „guten Ort", nach dem Bezirk, von wo kein Wanderer wiederkehrt, und aus ists jetzt mit „Mendels eiserner Gewure". Mk der Agudas Zisroel in Palästina'). IV. Pioniere. An jenem unvergeßlichen Sonntag, da wir mit sinkender Sonne aus dem Oelberg den großen Rabbi, der sechzig Jahre von seinem Wachtposten den Blick vom heiligen Berge nicht verwandte, in die heilige Erde betteten, war ich Zeuge eines Vorganges, der als Erlebnis im Erlebnis mir unvergeßlich in der Erinnerung bleiben wird. Zehntausende, aufgeregt, innerlich aufgewühlt, müde und gereizt vom langen schwierigen Wege, drängten sich um das Grab, um noch einen Abschiedsblick in die letzte Ruhestätte des Heiligen zu werfen, bevor sie sich schloß, noch eine Schaufel Erde ihm als letzten Gruß nachzuschicken. Man lieferte sich kleine Schlachten, es kam zu wirklichen Tätlichkeiten, ohne irgendwelche nachhaltige Folgen, denn jeder erkannte innerlich den Anspruch eines jeden an. Rabbi Ehajim stand allen gleich nahe. Oft schien die Situation bedrohlich. Wurde einer mit Gewalt zurückgestoßen, so stürzte er, und wenn er stürzte, riß er Dutzende mit sich hinunter auf und in die harten, terrassenartig auf dem welligen Gelände aufgepflanzten Steine. Der Europäer, solche wilde Ausbrüche heiliger Begeisterung nicht gewöhnt, stand abseits hinter Deckung und fragte sich besorgt, wie das ausgehen sollte. Unnötige Sorge. In Wahrheit gehörten diese Szenen samt den kleinen Exzessen und den stürzenden Menschen mit zur heiligen Handlung. Und mitten im Chaos ein kleines Wunder. Hinter einem Steine, etwas abseits der Menschenwelle, steht der ältere korpulente Mann im kurzen hellen europäischen Rock, mit dem stark ergrauten Rundbärtchen, still und müde die Hände auf den Stein gestützt. Die scharfen, durchdringenden Augen geradeaus gerichtet, als schauten sie hellseherisch durch die bewegliche Menschenmasse ins offenen Grab hinein. Vierzig Jahre seines Lebens gingen mit dem Rabbi dahin, und er konnte nicht einmal ans offene Grab. Da erblickt ihn plötzlich jemand und ruft: „Dr. Wallach, hier steht er! . . ." Und im Chore trägt es sich über die Köpfe der drängenden Menschen: „Dr. Wallach! Hinten steht er! Platz gemacht! Laßt den Doktor heran! ..." Der „Doktor" winkt abwehrend und klammert sich wie zum Schutz an den Stein. Aber schon haben ihn kräftige Arme. Er wird gehoben. Mit Stößen und Püffen ist durch die Menschenmauer eine Gasse gebahnt. Der Doktor fliegt, der Doktor schwebt, Volk tritt scheu zurück, der Doktor steht ganz am Rande des offenen Grabes, bei seinem Meister . . . Wie vielsagend und bezeichnend ist dieser Vorgang! Wenn man von Rabbi Chajim Sonnenfeld spricht, muß man unwillkürlich auch jenes Mannes gedenken, der, wie dieser, auf seine eigene Art, ein Menschenalter schon in einer Burg der Menschenhilfe treu und unerschütterlich _ % *) Diese Skizze ist der Teil eines Vortrages über „Das deutsche gesetzestreue Element in Erez Israel".

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