Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1932)
- Date
- 1932-05-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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12. Mai 1932 Der Israelit , Von Seiten des Verwaltungsrates wurde ausdrücklich ffestgestellt, daß dieser Ueberschuß erzielt wurde, ohne daß die Ansprüche der Mitglieder, denen selbstverständlich die volle Dividende zur Erhöhung ihrer Versicherungssumme zufließt, im Geringsten geschmälert worden wären. Für landwirtschaftlich Interessierte. Berlin, 10. Mai Von Herrn Dr. Nathan Birnbaum wird uns geschrieben: In Vertretung der Agudas-Jisröel-Landesorganisation 'in Deutschland, im besonderen Aufträge namhafter überlieferungstreuer Persönlichkeiten und als Vorsitzender der Aulim-Gemeinfchaft bringe ich folgendes zur Kenntnis: Auf dem Siedlungsgut Groß-Gaglow bei Kottbus ist eine Siedlerstelle für einen orthodoxen Siedler offen. Anwärter müssen einige landwirtschaftlichen und gärtnerischen Kenntnisse besitzen, verheiratet sein und die Führung der Küche für die ledigen orthodoxen Siedler übernehmen. Probezeit ungefähr sechs Wochen. Eigenkapital von Mk. 4—5000.—nötig.—Bewerberwollen sich unter Beibringung eines Ausweises über ihre religiöse Verläßlichkeit zunächst be dem Unterzeichneten melden. Dr. Nathan Birnbaum, Berlin-Charlottenburg 4, s Sybelstr. 35, Telefon E2 Blekbtreu 3133. Frankreich. Aufruf des Weltverbandes der fephardifchen Juden. Paris, 6. Mai. Die in Paris bestehende Exekutive des Weltoerbandes der sephardischen Juden veröffentlichve einen Aufruf an die Sephardim in der ganzen Welt, in welchem es u. a. heißt: Die 1.500.000 Sephardim bilden innerhalb des jüdischen Volkes eine große Familie, die in allen Weltteilen und Ländern verstreut lebt und Persönlichkeiten hervorgebracht hat, die der Stolz des jüdischen Volkes gewesen waren bezw. sind. Individuell betätigen sich zahlreiche Sephardim innerhalb der großen Bewegungen des jüdischen Volkes, aber als Gesamtheit spielt das fephardifche Judentum nicht diejenige Rolle, die ihm nach Zahl und geistiger Bedeutung zukommt. Der Weltverband der sephardischen Juden verfolgt folgende Ziele: 1. Vereinigung der Sephardim zu einem großen Verband, der die kollektiven Interessen der Sephardim auf materiellem, geistigem und religiösem Gebiet wahrnehmen soll. 2. Erhaltung und Verteidigung der Traditionen, sowie der religiösen und moralischen Physiognomie der Sephardim-Familie. 3. Verstärkung des Anteils des sephardischen Elements an dem Werke der jüdischen Renaissance, das seinen Mittelpunkt im. Lande der Väter hat. In dem Aufruf wird über die kulturelle und politische Lage der sephardischen Gemeinschaften in den verschiedenen Ländern Aufschluß gegeben. Sämtliche Sephardim werden aufgesordert, sich dem Weltverband anzuschließen. Antisemitische Ausnutzung des Attentats auf Präsident Doumer. Paris, 8. Mai, Obwohl es sich herausgestellt hat, daß der Mörder des Präsidenten der französischen Republik Doumer, der Russe Pawel Gargulow, Antisemit ist und antisemitischen Verkehr gepflogen hat, nutzt die monarchistisch-antisemitische Tageszeitung „Action Francaife" die Tatsache des Mordattentats zur Erregung antisemitischer Stimmungen in Frankreich aus. Die Zeitung schreibt in auffälliger Aufmachung auf der ersten Seite, daß in dem Attentäter Gargulow ein neuer Klient für den jüdischen Advokaten Henry Torres, den Verteidiger des Attentäters auf den ukrainischen Hetman Petljura, Schalom Schwarzbart, erwachsen sei. Pawel Gargulow hat vor kurzem eine Broschüre herausgegeben, in der er das Programm des „nationalen christlichen Rußland" entwickelt. Es heißt da: „Wir werden denjenigen Juden kein Haar krümmen, die an der nationalen russischen Renaissance mitbauen wollen, ja, wir werden sie sogar darin unterstützen, einen jüdischen Staat in Palästina zu errichten. Aber kein Jude wird in dem kommenden Rußland ein Amt bekleiden, ja nicht einmal Dienst in der Postadministration tun dürfen. Sollte durch Irrtum oder durch Betrug ein Jude oder Kommunist zum Präsidenten Rußlands gewählt werden, dann wird die Armee nationaler russischer Bauern, deren Führer ich bin, ihn absetzen." Die Woche. Berlin. Unter der Losung „Helfet dem jüdischen Kinde" wurde vom 5. bis 11 Mai eine .Werbeaktion der Jüdischen Gemeinde Berlin für das jüdische Kind eingeleitet. — Die Berliner nationalsozialistische Zeitung „Der Angriff" schreibt: „Das Strandbad Wannsee wird in diesem Jahr sein 25. Jubiläum feiern. Unter der Aera des verflossenen Bürgermeisters Böß wurden hier großzügige und kostspielige Anlagen geschaffen, die heute zum Tummelplatz der Berliner Judenjungs geworden sind. Unter einem nationalsozialistischen Magistrat wird hier einst eine ryahre Erholungsstätte für die Berliner Arbeiter, entstehen. Prozentnorm für Luft! — Das Reichsfinanzministerium hat eine Verfügung über die Regelung des Urlaubs erlassen, wonach Dienstbefreiung an hohen religiösen Feiertagen, auch an jüdischen für Juden, nicht aus den Urlaub angerechnet wird. — Im Alter von 85 Jahren starb der bekannte Philantrop Hermann Abraham.. Er war der Gründer und i Förderer zahlreicher Kinderheime und Volksküchen. In fünf Heimen, die auf seine Initiative entstanden sind, wurden 80 000 Kinder verpflegt und betreut. Amsterdam. Der Präsident der jüdischen Gemeinde im Haag, 2t. Simons, wurde anläßlich der Einweihung des neuen jüdischen Waisenhauses in Haag mit einem hohen Orden ausgezeichnet. Bukarest. Eine neue Ueberfchwemmung in der vielgeprüften beßarabischen Stadt S o r o k a hat wiederum hunderte von jüdischen Bewohnern um all ihr Hab und Gut gebracht. INoskau. Ein Jerusalemer Rabbiner, der nach Rußland kam, um die Gräber seiner Väter zu besuchen, wurde dort, angeblich wegen Mangels eines Einreisevisums, verhaftet. Durch Vermittlung der englischen Botschaft in Moskau wurde nun eine Intervention des Oberrabbiner Kukbei der Regierung in Moskua eingeleitet, und man hofft, daß dem Rabbiner der Rückweg über Odessa nach Palästina freigemacht wird. — Im Alter von 60 Jahren starb der bekannte Literaturforscher P. S. K o g a n. Er war Präsident der Sowjetrussischen Akademie der Wissenschaft. Jerusalem. Der 1. M a i ist in diesem Jahre in Palästina so ruhig v er laufen wie kein 1. Mai seit der englischen Okkupation. Die jüdische Arbeiterschaft des Landes ließ die Arbeit ruhen und feierte das Arbeiterfest durch öffentliche Kundgebungen. — Unter den im März 1932 in Palästina eingewanderten 1538 Personen waren 1355 Juden; unter den im gleichen Monat Ausgewanderten 136 Personen waren 51 Juden. Unter den eingewanderten Juden waren 1086, die als Touristen ins Land gekommen waren und nachträglich die Erlaubnis zu dauerndem Aufenthalt erhielten. — Herr Moses Schelousch wurde zum bulgarischen Konsul in Tel-Awiw ernannt. Damit erreicht die Zahl der jüdischen Konsuln in Palästina zehn. — In Anwesenheit vieler Rabbiner und von Negierungsoertretern wurde in der King George-Street der Grundstein zum neuen Gebäudes der Jeschiwa „Chaje Olam" gelegt. — Der Führer der Landespartei der Revisionisten, Achimeiir, wurde mit zehn anderen jungen Revisionisten, die seinerzeit die Vorlesungen von Norman Ventwich an der Unipersität gestört haben, zu Geldstrafen verurteilt. Alle erklärten sie, die Geldbußen nicht leisten zu wollen und lieber die Gefängnisstrafe anzutreten. — Folgender Vorfall gibt Anlaß zu einer neuen Hetze: In einem Jerusalemer Gefängnis hatte ein jüdischer Polizist einem widersetzlichen arabischen Gefangenen einen Stoß versetzt, wobei diesem der Koran aus der Hand gefallen ist. Flugs wußten die arabischen Blätter von einer „Schändung des heiligen Koran" durch einen Juden zu berichten. Von amtlicher Seite wird mitgeteilt, daß der jüdische Polizist vom Araber stark provoziert wurde und daß der Polizist nicht wußte, daß der Araber einen Koran in der Hand hatte. Trotzdem erhielt der Polizist einen Verweis und wurde strafversetzt. Jtemyork. Im Alter, von 74 Jahren verstarb in £ Newyork Cyrus L. Sulzberger. Er gehörte 8 mit Jacob H. Schiff, Oscar Strauß, Louis Marshall, Nathan Strauß und Mayer Sulzberger zu der berühmten amerikanischen Führergruppe. Cyrus L. Sulzberger war Präsident der Jüdischen Landwirtschaftlichen Hilfsgesellschaft, der Vereinigten Jüdischen Wohlfahrtsanstalten, der Nationalkonferenz der jüdischen Fürsorgeänstalten und zahlreicher anderer Organisationen. Das Attentat gegen Doumer geschah kurz vor Sabbat-Eingang. Bereits während des ersten Sabbat-G'ttesdienstes am Freitagabend wurden in allen Pariser Synagogen Gebete für die Wiedergenesung des tödlich verletzten, aber damals noch lebenden Präsidenten Doumer gesprochen. Tschecho-Slowakei. Um die Oandeskanzlei für ttarpathorußlanü. Bratislava, 5. Mai. Am letzten Sonntag im Nissan fand in S e v l j u s die bereits früher in Aussicht genommene Delegiertenversammlung der jüdischen Gemeinden Karpathoruhlands statt, um im Sinne der Vorkonferenz im März, über die wir seinerzeit an dieser Stelle berichteten, endgültig darüber zu beschließen, ob die Gemeindeorganisation der Orthodoxie wiederum wie früher in Form des Anschlusses an die Landeskanzlei in Bratislava mit einer besonderen Expositur in der Ostslovakei gebildet werden solle, oder ob sich diese, wie es Rabbinat und Vorstand der Gemeinde Munkacz fordern, ganz selbständig konstituieren solle.- Von den 26 Muttergemeinden in Karpathorußland hatten 22 der Einladung Folge geleistet und Delegierte gesandt. Außerdem waren 10 Rabbiner, darunter diejenigen von Hust, Beregszacz u. a. m. anwesend. Die Gemeinde Munkacz hatte Beobachter entsandt, während Ungoar nicht vertreten war. Letzteres ist wohl darauf zurückzuführen, daß das Landesamt die Gemeinde Ungvar unmittelbar vorher amtlich aufgefordert hatte, dafür zu sorgen, daß bis spätestens Ende Juli eine Organisation geschaffen sei und daß Ungvar daher sich von vornherein als Sitz der künftigen Organisation betrachtet. Nach einer ziemlich erregten aber sachlichen Diskussion stimmten von den 22 vertretenen Gemeinden 15 für den Anschluß an Bratislava, 5 Gemeinden enthielten sich der Abstimmung und zwei wollen ihren Anschluß schriftlich bekannt geben. Unter den 5 Gemeinden, die sich der Abstimmung enthielten, sind natürlich die beiden größten Munkacz und Ungvar. Es wurde ein aus 5 Rabbinen und 10 Laien bestehender Landesausschuß mit dem provisorischen Sitz in H u st gewählt. Zum Vorsitzenden wählte man Herrn Oberrabbiner D u s ch i n s k i in H u st, zum Sekretär Herrn Jul. Holländer in Sevljus. Es ist dringend zu wünschen, daß es gelingt, mit Munkacz und Ungvar zu einer Verständigung zu kommen und daß die lang entbehrte einheitliche Organisation der Orthodoxie in Karpathoruhland endlich zustande kommt. Polen. Zwei jüdische Pfadfinder wegen angeblicher Zertrümmerung von Uirchenfenstern zu Gefängnis verurteilt. Krakau, 3. Mai. Während der im November vorigen Jahres in Krakau stattgefundenen sehr ausgedehnten antisemitischen Exzesse, an denen sich Studentenschaft und Mob in gleicher Weise beteiligten, und die um das Cafe Royal kulminierten — das Cafe wurde damals demoliert, die jüdischen Gäste wurden mißhandelt und zum Teil verletzt —, wurden, wie erinnerlich, zwei jüdische Jugendliche, Bernhard Johannes und Eugen Windisch, unter der Beschuldigung verhaftet, daß sie zwei Fenster in der dem Cafe Royal benachbart gelegenen Kirche St. Bernhard eingeschlagen hätten. Die Verhaftung erfolgte auf Grund ganz vager Angaben eines christlichen Chauffeurs, der selber bei den antisemitischen Unruhen eine Rolle spielte. Am 2. Mai hatten sich die beiden jüdischen Jugendlichen wegen dieser Beschuldigung vor Gericht zu verantworten. Sie leugneten jede Schuld und erklärten, nichts mit den Exzessen zu tun gehabt zu haben und sehr überrascht gewesen zu sein, als man sie in ihrem der Kirche benachbart gelegenen Pfaöfinderheim verhaftete. Ihr Verteidiger Dr. Feldblum erklärte in seinem Plädoyer, beide Angeklagten seien in orthodoxen jüdischen Familien ausgewachsen, wo man Achtung vor jeder religiösen Einrichtung hegt; unmöglich können diese in der Pfadfinderbewegung ausgebildeten und disziplinierten jungen Leute sich eines Kirchenvandalismus schuldig gemacht haben. Sicherlich seien die Kirchenfenster von dem rings um das Cafe Royal tobenden Mob, der nach allen Seiten hin mit Steinen geworfen hatte, eingeschlagen worden.