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Der Israelit · 1932-05-12 · Heft 20 (12.5.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 20 (12.5.1932)
Date
1932-05-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 20 Biedermeiers Ende. Von V. C. Im achtzehnten der Neunzehn Briefe spricht San: son Raphael Hirsch folgendes „Wort über Methode der craurohforfchung": „Zwei Offenbarungen liegen vor dir: Natur — und Tauroh Für beide gibts nur eine Methode der Forschung. Wie in der Natur die Erscheinungen dir als Fakta dastehen, und du nur rückwärts Gesetz jeder einzelnen und Zusammenhang aller zu erspähen strebst; Beweis der Wahrheit oder vielmehr der Wahrscheinlichkeit deiner Annahmen nur wieder die Natur selber ist, an deren Erscheinungen du deine Annahmen auf Probe zu nehmen hast und dir der höchste von dir zu erzielende Grad von Gewißheit bleibt, sagen zu können: es verhält sich alles so, als ob deine Annahme wahr wäre, d. h. alle beobachteten Erscheinungen lassen sich nach deiner Annahme erklären; — wie darum auch nur eine widerstrebende Erscheinung deine Annahme unhaltbar macht und du deshalb zuvor alle dir nur mögliche Erfahrung über die deiner Forschung vorliegende Erscheinung zu machen hast, damit sie dir, wo möglich, in ihrer Totalität vorliege; wie endlich, auch wo und solange du noch nicht Gesetz und Zusammenhang irgend einer als Faktum vorliegenden Erscheinung erspähen konntest, die Erscheinung selber doch als Faktum bleibt; — ganz so die Forschung der Taproh. Faktum ist sie uns wie Himmel und Erde; als Fakta liegen ihre Bestimmungen vor uns . . . Ihre Bestimmungen darum zuvor in ihrem ganzen Umfange als Erscheinungen aufzunehmen und nach ihnen ihren Zusammenhang untereinander und mit dem von ihnen bestimmten Gegenstände zu ermitteln; deine Annahmen wiederum an ihren Bestimmungen zu prüfen, und deine höchste Gewißheit auch hier: es verhält sich alles so, als ob deine Annahme wahr wäre. Wie aber in der Natur dir die Erscheinung als Faktum dasteht, wenn du sie auch nicht nach Grund und Zusammenhang erkannt hast, ihre Existenz nicht durch deine Forschung bedingt ist, sondern umgekehrt, so stehen dir auch die Bestimmungen der Tauroh als Gesetz da, hättest du auch von keiner Grund und Zusammenhang erforscht, und deine Erfüllung ist nicht durch deine Forschung bedingt ..." Was in dieser Rote des Achtzehnten Brieses ver> langt wird: objektive, gegen sich selbst kritische Begrenzung alles Theoretisierens und Hypothesenbaucns durch unbeschrankten Respekt vor den Tatsachen, das war zur Zeit, als es geschrieben wurde, weder in der Raturforschung, noch im Judentum eine Selbst Verständlichkeit, vor einem Jahrhundert wurde im Judentum reformiert, modernisiert und harmonisiert. Ethische Grundbegriffe fremder Religionen und Kulturen wurden zum wertmaßstabe für jüdisches Ueberlieferungsgut. Dabei leugnete man meist gar nicht die g'ttliche Herkunft der Thora. Alan sah sie in Re formerkreisen wohl als Wort G'ttes an und trennte sie auch nicht nach (Quellen und Schichten, wie etwa später die wellhausen'sche Schule es machte. Son dern man sagte etwa: G'tt kann nur das verboten haben, was die ethischen Begriffe des Menschen verletzt und kann nur das geboten haben, was der Mensch für eine Notwendigkeit seines Sollens ansieht. wer der Mensch sein solle, nach dessen Begriffen man dem Höchsten selber das ethische a priori zu stellen bat, darüber machten sich Biedermeiers keine besonderen Gedanken und erklärten sich liebenswürdigerweise bereit, vorläufig selber diese Vorbild- Rollen zu übernehmen. Man versuchte, ein „geläutertes", — ö. h. durch die protestantische Brille gesehenes Judentum zu schaffen, das nachÄbschneidung alles Ungefügen ebenso glänzend wie sein wohl uniformiertes und ordenbehangenes Vorbild an der Festtafel eines europäischen Kleinfürsten sich sehen lassen konnte; man erkannte die G'ttesoffenbarung an, glaubte aber, die zeremonialen Gesetze eben — „zeremonial" wie andere Zöpfe wegstutzen zu dürfen. Denn man hatte nur auf die „ewigen ethischen werte" der Propheten zu schwören, die man mit den Andersgläubigen ja reibungslos gemeinsam verehren durfte. Allzuernst mochte man es aber auch mit Propheteniöealen nicht nehmen, denn der Kleinfürst wollte für seine Kanonen und Moröwerkzeuge den Segen keiner Konfession misten. So stutzte man auch vom Prophetengeiste alles Bedenkliche weg und hielt fulminante Felöpreöigten. Doch mit alledem waren diese gesinnungstüchtigen Neuerer nur Kinder ihrer immer noch aufklärungstrunkenen Zeit und kannten nur deshalb keinen Respekt vor dem ewig gültigen Inhalt der Offenbarung, weil auch die Gelehrten ihrer Zeit keinen Respekt vor dem Der 12. Mai 1932 gegebenen Inhalte der Natur kannten. Man hatte es noch nicht gelernt, ehrfürchtig vordenGegebenheiten der Schöpfung dazustehen und sie in Zahl und Maß auf sich wirken zu lasten. Man fragte mehr, als es für die damalige völlig unpsycholo gische Denkweise gut sein konnte, nach dem warum und Woher der Naturerscheinungen und nicht genügend nach dem w i e und wieviel. In den Kinderschuhen stak auch die eigentliche Lhemie. Die Gase, aus denen die Atmosphäre besteht, wurden gerade entdeckt. Statt sie nun einfach auf ihre Eigenschaften in Maß, Zahl und Gewicht zu untersuchen, versuchte die Schelling-Hegel'sche Naturphilosophie sie in das Schema ihrer noch luftigeren Begriffe zu zwängen und gelangte dabei zu so sinnlosen Definitionen wie die des Sauerstoffes als Luft in ihrem An-sich-sein, des Stickstoffes als Luft in ihrem Fürsich-sein und des Wasserstoffs als Luft in ihrem An- und-für-flch-fein. von den Definitionen und Theorieen, in welche man damals die noch viel unbekanntere Seele und ihre Funktionen zwängte, sollte man lieber schweigen und es vielleicht als ein Glück bezeichnen, daß ein Teil jener rein spekulativ deduzierenden Forscher an die Existenz einer Seele nicht glaubten und daß vollends ein Unbewußtes-Seelisches von ihnen allen als undenkbar angesehen wurde. Ein solches Zeitalter kannte nicht die Ehrfurcht vor dem Objekt in der Schöpfung; wie konnte es die Offenbarung in ihrer Vollständigkeit und Unversehrtheit ehrfürchten? Es baute in der Naturwissenschaft Theorie auf Theorie und Hypothese auf Hypothese, und was nicht in die Kartenhäuser der Theorie sich zwängen ließ, verstand es zu übersehen oder noch abwegiger zu „deuten", was in seine Gegenwartsethik paßte, das fand Gnade in den Augen seiner Prediger. Der sonstige Offenbarungsinhalt sank zur Zeremonie, für die man in den Zeremonien des Kleinfücstenhofs keinen Platz fand. wie aber, wenn die neuentöeckten chemischen Elemente andere Eigenschaften zeigten, als die Theorie voraussagte? Und wie, wenn die Einzelgesetze der Thora gleichfalls bei näherem Betrachten ihrer Teilbestimmungen den ihnen unterlegten Sinn nicht hatten? Die Natur ist da, und fragt nicht danach, wie sie gesehen wird. Die Gesetze sind gegeben, und nicht alle sind vom g'ttlichen Gesetzgeber „begründet" worden. Aber nichts war Biedermeiers so fremd wie solche erkenntniskritische, schweigende Ehrfurcht und Selbstbescheiöung. Un d wir? wir haben das Glück, in einer Zeit zu leben, in der die Kleinfürsten, aber ebenso radikal die Spekulierphilosophen und Hypothesenschmieöe reelleren Größen Platz machen mußten. Sogar den aben teuerlichen Radikalismus einer aller Selbstkritik ba ren Bibelkritik, die in das Schema der Entwicklung^ lehre auch die Vorgeschichte Israels zwingen wollte, hat einer Anerkennung der unvergleichlichen Heilsentwicklung unserer Ahnen das' Feld geräumt, wenngleich sie geradezu noch wert darauf legt, nicht als bibelgläubig angesehen zu werden. Endlich aber, und das vor allem, ist auch die Seelen lehre unserer Tage über den Negativismus des früheren Zeitalters hinaus, und es ist als Glück für uns anzufehn, daß erst heute in einer Zeit, die nichts Erträumtes mehr gelten läßt, die Gelehrten sich wieder mit der Seele befassen. Sie reden und phantasieren nicht mehr über sie, sondern sie erforschen sie unvoreingenommen, nehmen sie als existent hin und müssen somit schneller als bisher an die Pforten gelangen, vor denen Selbstbescheiöung und G'tteserkenntnis aufzudämmern pflegen, nämlich den Anzeichen des freien Willens, dem Herrschbereich des Sollens, in welchem der Mensch alles Irdische überragt. Alles, was dazu dienen kann, diesen weg der Forschung zu beschleunigen, — muß uns willkommen fein. Auch wenn Ausgleich des äußeren Geschickes der Menschen dazu beitragen sollte, daß alsdann die wahren wesenhaften Unterschiede ihrer Seelen zutage treten, ist unser Platz in den Reihen derer, die den Ausgleich fördern, damit der wahre Abrahamsstamm ungehindert sich entfalte und die Zeiten überdaure. Horrespondenzet! * Krcdricdiev. Deutsches Reich. Semestereröffnung der Frankfurter Ieschiwa. Frankfurt a. M., 10. Mai. Das Sommersemester der Ieschiwa wurde in herkömmlicher Weise durch eine Begrüßungsansprache ' des Rektors Rabbiner Dr. Breuer über das Thema „Jeschiwabesuch und Berufswahl" eröffnet. Wieder hat eintz stattliche Zahl von Hörern vor allem aus allen Gegenden Deutschlands den Weg zur Ieschiwa gefunden. Neben Abiturienten der verschiedensten Schulgattungen, die sich dem kaufmännischen Beruf zuwenden wollen, sind es vor allem junge Akademiker und seminaristische Lehrer, die sich durch den Jeschiwabesuch das notwendige Rüstzeug für ihren künftigen jüdischen Lebensberuf erwerben wollen. Bei einer über hundertköpfigen Hörerzahl mit ungleicher Vorbildung muß das Lehrprogramm, das zudem auch den verschiedenen künftigen Berufen Rechnung zu tragen hat, ein stark differenziertes sein. Es, trotz schwerer Wirtschafts not, auf der Höhe zu erhalten und weiter auszubauen, bildet die angelegentliche Sorge der Leitung. Die hingebungsvolle Tätigkeit der hauptamtlichen Dozenten wird durch eine stattliche Zahl von außerordentlichen Dozenten wirkungsvoll ergänzt. Die Herren Direktor Dr. Elias, Redakteur S. Schachnorvitz, Dr. Jsaac Breuer, Dr. S. Ehrmann, Studienrat Dr. M. Breuer, Studienrat M. Munk haben auch in diesem Semester in dankenswerter Weife Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften über jüdische Weltanschauung, Religionsphilosophie, Homiletik, hebräische Sprache und jüdische Geschichte übernommen. Auch die besonderen Lehrgänge sowie theoretischen und praktischen Uebungen für künftige Rabbiner, Religionslehrer und Kultusbeamten werden von berufenen Dozenten erteilt. Auch die der Ieschiwa angegliederten Schiurim für Schüler, in denen in zehn Gruppen Unterricht in Mischna und Talmud erteilt werden, erfreuen sich reger Teilnahme. Zentralstelle der Staatenlosen in Deutschland. Berlin, 3. Mai. In Zusammenarbeit mit dem Verband der Staatenlosen in Breslau ist beim Zentralverband ostjüdischer Organisationen Berlins eine Zentralstelle der Staatenlosen in Deutschland <Sitz Berlin, Berlin N. 54, Nosenthalerstr. 55, Tel. D. 1, Norden 5514) gegründet worden. Aufgabe dieser Zentralstelle ist es, alle in Berlin und in Deutschland lebenden Staatenlosen organisatorisch wahrzunehmen. Es soll der Versuch gemacht werden, Personen, die zu Unrecht staatenlos geworden sind, wieder die ihnen zukommenden Staatsbürgerrechte zu beschaffen. Die Einberufung einer Konferenz der Staatenlosen in Deutschland ist in Vorbereitung. Alle in Deutschland lebenden Staatenlosen und alle Ortsgruppen der Staatenlosen werden gebeten, sich unverzüglich mit der Zentralstelle in Verbindung zu setzen, um eine restlose Registrierung der Staatenlosen durchzuführen. Ueberschußverteilung zu Gunsten der Jüdischen Wohlfahrtspflege. B e r l i n, 10. Mai. In der am 1. Mai stattgefundenen Generalversammlung des Familienschutz, gemeinnütziger Verein für Hinterbliebenenfürsorge der Mitglieder jüdischer Gemeinden e. V. wurde statutengemäß der Verwaltungskostenüberschuß aus dem Geschäftsjahr 1931 der jüdischen Wohlfahrtspflege zur Verfügung gestellt. Obwohl der Verein erst am 1. September 1931 seine Tätigkeit aufnahm, konnten bereits RM. 4.220,73 der jüdischen Wohlfahrtspflege überwiesen werden. Ein erheblicher Teil wurde für allgemeine Wohlfahrtszwecke der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden überwiesen. Der Rest wurde.der Jüdischen Tuberkulosenfürsorge, dem Jüdischen Frauenbund für sein Heim in Isenburg und der neu errichteten Arbeiterkolonie, der Hauptstelle für Jüdische Wanderfürsorge zugeteilt.

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