Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1932)
- Date
- 1932-05-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 20 Seite 3 12. Mai 1932 __ k bodenlose Arroganz und rüde Verleumdung als legitime wissenschaftliche Anschauungen dahinstellten. Das kann nach der neuesten Verordnung nicht mehr länger so bleiben; denn das religiöse Gewissensgut der Bekenner der ältesten Kulturreligion darf eben so wenig vogelfrei sein wie der G'ttesglaube der zivilisierten Menschheit. Der Evangelische Bund beklagt sich ... Das Organ des Evangelischen Bundes, „Die Deutsch-Evangelische Korrespondenz", die sich genau so ehrlich bemüht, die Nationalsozialisten für die Evangelische Front zu gewinnen, wie andererseits die Hitlerpartei bestrebt ist, die evangelischen Geistlichen in ihren Dienst zu stellen, beschwert sich in einem „Zentrum und Juden" überschriebenen Artikel bitter über die von den Juden bei den letzten preußcnwahlen dem Zentrum geleistete Wahlhilse. Woher bei der Heiligkeit des Wahlgeheimnisses das Blatt es wissen kann, daß dem preußischen Zentrum ausgerechnet 200 000 jüdische Stimmen zugeflossen sind? Geheiinnisse können nur auf dem geheimen Wege von Ahnungen erraten werden. So ahnt eben das Blatt, daß die in Frankfurt a. M. den Demokraten verloren gegangenen und dem Zentrum zugefallenen neuen l 0 000 Stimmen von jüdischer Seite kamen. Aehnliches habe man in Berlin und in Kölnwahrgenommen. Und überhaupt . . . Wanches spräche für eine „starke Zufuhr jüdischen Blutes" ins Zentrum. Also knüpft der Wahlzettel gar Blutbande . . . Als weitere Indizien gelten natürlich dem Blatte Aufrufe jüdischer Persönlichkeiten und diverse Glossen in führenden jüdischen Blättern, wobei sicherlich in erster Reihe an die Auslassungen im „Israelit" gedacht ist. Das offizielle Organ des Evangelischen Bundes fühlt sich nach all dem verpflichtet, alle Parteien, die etwa an eine Koalition mit dem Zentrum denken sollten, darauf aufmerksam zu machen, daß das Zentrum heute stark verjudet sei und daß eine Verständigung mit dieser Partei gleichbedeutend sei mit einer Verständigung mit all den angeblich in ihr waltenden jüdischen Kräften. Sollte diese Warnung an die Adresse der U a - tionalsozialisten gerichtet sein, so wollen wir nur wünschen, daß sie von dieser Seite beachtet wird. Im Uebrigen muß bemerkt werden, daß die „Deutsch-Evangelische Korrespondenz", die G.s.D. nicht das Sprachrohr der evangelischen Kirche Deutschlands in ihrer Gesamtheit ist, sondern nur das eines Bundes innerhalb derselben, hier die Rollen vertauscht und die Dinge vollkommen verschiebt. Dicht haben der Evangelische Bund und sein Organ das Verhalten der Juden bei den Wahlen abgewartet, um die Kon- . sequenzen daraus zu ziehen, sondern das Blatt weiß ganz gut, daß das Verhalten der Juden umgekehrt die natürliche Folge der von einer Reihe dem Bunde nahestehender evangelischer Geistlicher erstrebten Verbrüderung mit den Wotan-Wännern unter dem Zeichen des Hakenkreuzes ist. Hätte die evangelische Landeskirche je als solche so offen und eindeutig die Stimme gegen das nationalsozialistische Treiben erhoben, wie es die katholische Kirche wiederholt getan, die „Deutsch-Evangelische Korrespondenz" hätte vielleicht heute keinen Grund, sich zu beklagen. Zurück zur eigenen Wunschwelt. Von Dr. Nathan Birnbaum in Berlin. H. In der Rachbemerkung zu meinem in der letzten Rümmer veröffentlichten Artikel „Zurück zur eigenen Wunschwelt" äußert sich die Redaktion des „Israelit" dahin, daß meine in dem Artikel erhobenen positiven Forderungen, denen sie sich zu meiner Freude anschließt, sich nur dann verwirklichen lassen, wenn zwar keine Klassen, wohl aber eine stattliche Schicht zur vorbildlichen Führung berufener Persönlichkeiten einwandern und für diese Einwanderung die organisatorischen und finanziellen Vorbedingungen drinnen und draußen geschaffen sind. Ich bin ganz damit einverstanden, daß für den uns vorschwebenden Zweck in absehbarer Zeit keine Klassen, sondern vorbildliche Führerpersönlichkeiten notwendig sind. Ich glaube auch, daß diese einwandern müssen, — allerdings nur soweit sie nicht in: Lande vorhanden sind. Ich sehe auch ein, daß für eine solche Einwanderung bezw. für die inländische Auslese organisatorische und finanzielle Vorbedingungen geschaffen werden müssen. Aber diese Vorbedingungen können eben nicht geschaffen werden, wenn nicht die Forderungen zu einem Gemeingut des Volkes gemacht und immer und immer wieder mit nicht nachlassender Energie und mit sieghafter Begeisterung in voller Klarheit und Ausdrücklichkeit erhoben werden. Und davon kann ja bis jetzt keine Rede sein. In der Beilage „Blätter" Rr. 5 wird in der Rachbemerkung der Redaktion zu dem Artikel „verländlichung" von Kalman Kahan ausgesührt, daß es mit dem Schlagwort der „verländlichung" allein noch nicht geschehen ist; daß es kaum leichter sein dürfte, jüdische Landstedlungen einzurichten als jüdische Fabriken. Rnd daß die Aussichten jüdischer Bauern kaum größer sein dürften als die jüdischer Handwerker. Ohne mich in eine Diskussion darüber einzulassen, was leichter einznrichten ist und welche Aussichten größer sind, möchte ich nur darauf verweisen, daß die Redaktion mit der Aufwerfung dieser Frage das Thema auf eine Ebene schiebt, die sie eigentlich mei- Zigarren ..q Wolf 2e|| m£i Tel. Hansa 27930 den sollte. Denn sie erklärt ja einige Zeilen weiter die Zurückhaltung mancher agudistischer Kreise gegenüber den Aulim mit deren Glauben, „daß die Aulim in der Verländlichung nicht nur, was gewiß richtig ist, ein Klittel zur Förderung jüdischer Sittlichkeit erblicken, sondern wirklich ein soziales und durchgreifendes und dabei leicht zu verwirklichendes Heilmittel". In Wahrheit lassen sich die beiden Klomerrte in der Forderung nach verländlichung nicht gut trennen. Daß es den Aulim in erster und letzter Linie auf das ankommt, was die Redaktion „Förderung jüdischer Sittlichkeit" nennt und was man noch bester als Grundlegung zu neuen sittlich-religiösen Aufstiegsmöglichkeiten des jüdischen Volkes bezeichnen könnte, ist selbstverständlich. Rach dieser Richtung hin wäre sie, durchgeführt, sicherlich durchgreifend. Daß sie den vollkommen derouten sozialen und ökonomischen Zustand der heutigen Iudenheit mit einem Schlage oder auch nur schnell bessern könnte, haben die Aulim nie behauptet.,/von einer leichten Verwirklichung haben die Aulim nie gesprochen, konnten nie davon sprechen, weil das dem wesen ihres Strebens widerspräche. Für sie handelt es sich ja gerade darum, der Orthodoxie zu zeigen, daß alle Dinge, die rasch und leicht und „jeweilig" gemacht werden, den Juden in ihrer beispiellosen materiellen und geistigen Rot nicht helfen können und daß nur durch geeignete Maßnahmen auf weite Sicht geholfen werden könne. Die Verländlichung ist eine dieser Klaßnahmen auf weite Sicht. Große Anfangserfolge und rasche Cnderfolge sind ausgeschlossen. Aber das Heil liegt doch in ihr, ebenso wie in der „Organisation eines autoritativen Rabbinats" und ebenso wie „vor allem in dem Streben nach individueller Gelbstvervollkommnung, während „die Ergreifung derjenigen sozialen Aufgaben, die sich aus der Konstellation ergeben", niemals zu einem auch nur halbwegs befriedigenden Ergebnis führen werden. Wer trotzdem darauf verweist, daß die Verhältnisse rasche Lösungen erheischen, demgegenüber möchte ich mich auf die Zionisten berufen, die ihren weg mit einem so unendlich fernen Ziel begannen, das in keiner Weise momentane Lösungen versprach, aber mit einer gewaltigen Energie ausharrten, bis sie schließlich doch Millionen Anhänger gewannen. Die Frage ist also nur die, ob es möglich sein wird, den orthodoxen Waffen eine ähnlich starke Energie mjtzuteilen, ö. h. vor allem, ob sich orthodoxe Persönlichkeiten finden werden, die von dieser Energie beseelt, das Volk vorwärts treiben werden. Schlafzimmer. Wir lassen das alle 4—5 Jahre in Stand setzen und die Küche überhaupt jedes Jahr. Daran kann man nicht sparen, wenn man irgendwie auf Ordnung, Sauberkeit und gefälliges Aussehen hält . . ." Die Unterhaltung der beiden Freunde ging noch lange hinüber und herüber: aus eines kamen sie nicht, daß auch ninrvund n’s’s dem Zahn der Zeit unterliegen, daß auch sie von Zeit zu Zeit erneuert, mindestens aber nachgesehen werden müssen; ■pV’sr, beispielsweise zweimal in sieben Jahren, desgleichen sind Mesussaus in acht zu nehmen. Die Tefillingehäuse werden abgerieben, weiß oder grau, ebenso die Riemen, oft zeigen sich sogar Löchlein an den Kanten, rr>x’x sind täglich nachzusehen, ehe man das Tallis umhüllt, da die Fäden leicht abreißen, mitunter auch abgetreten werden, nrmn leiden Schaden durch feuchte Witterung, auch durch Abwaschen der Pfosten, Buchstaben springen ab, verwischen und verwittern usw. Das find freilich Binsenwahrheiten. Warum spricht man hier nicht vom Zahn der Zeit? Beim rmn oy trifft man weiße pVan und schwarze Tallesim, sagt ein altjüdisches Sprichwort. Wer Tefillin legt, die i"vs sind, hat nicht nur seiner Pflicht nicht genügt: er hat obendrein die Sünde einer vergeblichen nmn auf sich geladen. Man sollte sich — wie beim schäbigen Anzug — einfach genieren, heilige Ktensilien in derartigem Zustande öffentlich zu benützen. Man verwendet alte obwohl solche nur pnin nsvi koscher sind, int Notfälle. Aber — wir müssen sagen — die v"'-Gans für 5 und 6 Mark ist nicht zu teuer. Ein neues 2^ könnte man schon für 3—4 Mark erstehen. Und es bekommt doch eine .1212 sogar eine vt'tinp, aber — b'iarii- — die Gans nicht. Es gibt schon einen Schönheitssinn auch im Jüdischen. Jede niL» ist nicht nur in korrekter Form auszuführen, sondern auch in schöner Art inmi 's nr. „Dieses ist mein G'tt und ich will Ihn verherrlichen." i->ix»2 vasi» ntonn Zeige dich schön vor Ihm in Mizwaus: nto ,nru ,1210 aViV ,nsa jt'X’x schöne Zizis, schönes Tallis, schöne Sukkoh, schönes Lulof usw. Auf das nix» »iin für die Schönheit einer Mizwoh soll man den Anschaffungspreis bis zu einem Drittel steigern. Die „Freie Vereinigung" und andere .orthodoxe Verbände haben sich auf dem oben behandelten Gebiete schon viele Mühe gegeben zur Abstellung von offenen Mißbräuchen; leider nicht mit dem zu wünschenden Erfolge. Es ist Sache jedes Einzelnen, hier beobachtend und mahnend einzutreten. Wer offenes Auge und offenen jüdischen Sinn hat, findet leicht Gelegenheit, mit belehrenden Vergleichen manchen zu. überzeugen, manches Gute zu erreichen. naVtp imwra Kleines Feuilleton. Peffach im Friedrich Luisen Hospiz in Bad Dürrheim. In stürmischen Vorfrühlingstagen werden auf Schwarzwaldhöhen die Vorbereitungen für das Pessachfest im Kinderheim getroffen. Bei unserer Ankunft im Hospiz blinkt das Haus von unten bis oben in festtäglicher Reinheit. Hier wird noch eine Gardine ausgesteckt, dort der Gang zum letzten Mal geblockt, im Speisesaal der Sedertifch gedeckt. Die Heimkinder ziehen ihre Festkleider an und schon ertönt der Gongschlag zum Zeichen, daß der G'ttesdienst beginnt. In musterhafter Ruhe folgen die Kinder dem von Herrn Paul Mayer vorgetragenen Gebet. Mit freudigem Eifer singen sie zum Schluß den Jigdal und Adon olom nach eigener Melodie des Vorbeters. Beim Sedermahl lauschen Kinder, Schwestern und Gäste, unter denen sich die für das Hospiz rastlos tätige Frau Geheimrat Mayer aus Karlsruhe befindet, den mit voller Hingabe gesungenen Melodien der Hagada, die Herr Mayer zu einem Erlebnis gestaltet. Ringsum strahlende Kinderaugen, rosige und gebräunte Wangen, und selig lächelt das Sonnenkind des Heims in feinem Bettchen, das den Seder bei der Gesellschaft verbringen darf. In umsichtiger Führung waltet Frau Oberin als Hausmutter ihres' Amtes. Sie gestaltet die traditionelle Feier zu einem harmonischen Fest. Manches Kind erlebt hier zum ersten Mal einen Sederabend und wird so ergriffen, daß es zu Haufe darum bittet, diese Tradition zu pflegen. Die Kinder empfangen nicht nur körperliche Kräftigung und Gesundung durch Solbäder, Höhensonne und Tannenlust, sondern sie bringen auch tief wirkende religiöse Eindrücke als seelischen Gewinn mit nach Hause. Jede Mutter, die um ein zartes oder schwächliches Kind besorgt ist, kann ihren Liebling der Obhut des Heims anoertrauen. Mit intuitiver Einfühlung erkennt die Leiterin die Eigenart des Kindes und in wahrhaft mütterlicher Fürsorge wacht sie über den ihr anvertrauten Pflegling. R. M. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Sch achnowitz,' Frankfurt a. M.; Inserate t. B.: S. Schach« nowttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen lKr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M- — Druck: Hermon-Druckerei» Frankfurt a. M.