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Der Israelit · 1932-05-04 · Heft 19 (4.5.1932) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 19 (4.5.1932)
Date
1932-05-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 19 Der Zsraeti! 4. Mai 1932 diesen: „<£ Krise*) sollen je sich tragen und schneiden vor sechzig oder siebzig Jahren sein Werk damit anfing,' Hirtenknabe auf dem Rücken im Grase liegt, die Augen die Fischoker**) de Kumpetabel und die Omniputzen. daß er die verlassenen Waisenkinder in der Altstadt von zum blauen Himmel gerichtet, und auf der, wahrschein- Ls ift fdiott Nit mehr auf der TOelt in eriüieren Jptrt?er Straße auslas und sie in einem kleinen Häuschen f.r&w««.?«.««*.». «fss*- - r8 l'M/° n 3“ e£lltierenüeBt bei Brot und Buch sammelte, hätte sich dieses Wachsen senn schon mehr Twagers wie Leut!" seines. Werkes nicht träumen lassen. Aber sein Geist Es ging mit unserem armen Klendel immer mehr wandelt auch durch diese modernen Räume. Es wird in «bw«r.s, so daß-r schließlich da-, imponierend- Ab- Ä" gf’SST'ÄÄ * S'Ä'd£ Zeichen seines schweren Leruses, den Strick, den er beinahe dreißig Jahre in Ehren getragen, wegen Beschäftigungslosigkeit ablegen mußte. Nun blieb ihm nichts Anderes übrig, als durch „Fechten" seine Lebensbedürfnisse zu decken, und Kiendel machte als „Fechtmeister" Karriere, denn er focht gerade so eifrig wie er betete, und er erwarb sich in einigen Jahren ein nettes Sümmchen Geldes. Nebenbei betrieb er auch zum Zeitvertreib ein eigentümliches Geschäft, nämlich das Aufklauben aller Papierschnitzel auf der Straße, was sich bei seinen Streifzügen in den Gassen sehr rentierte. Da er durch das veräußern dieser „Papiere" an die tzadecnhändler ein lukratives Geschäft machte, ersparte er sich ein kleines Vermögen. Dieses veranlaßte einige spekulative Schadchomm, ihn zum verlassen seines Iunggesellenstandes zu bewegen. Doch gelang es diesen nicht, unfern Mendel zum Einlaufen in den Hafen der Che zu veranlassen. So blieb Mendel Zeit seines Lebens Junggeselle und machte auch nie Bemühungen, sein Aeußeres durch irgendwelche Toilettenkünste zu verschönern. Einige Aufschlüsse über die Physiognomie Mendels seien hier gegeben: Man stelle, sich vor, ein kleines Männlein mit einem vom Wetter verbrannten Gesicht,e mit fortwährend kauendem Munde, zwinkernden, immer zur Erde gerichteten Aeuglein, bekleidet mit 'einem breiten verwitterten Hute, mit einem in allen Farben des Regenbogens schillernden Frack, und mit Schuhen, die eher einem Rachen als einer Fußbekleidung ähnlich sahen, und man hat das vollkommen gelungene Porträt Mendels. Nachdem wir nun durch die Schilderung der interessanten Visage Mendels ein wenig abgeschweift, wollen wir wieder zur Beschreibung seiner Lebensereignisse zu'cückkehren. (Fortsetzung folgt.) Mt der Agudas Zisroel in Palästina. Hl. Ein Morgen des Kindes. Nach den tiefen Eindrücken des ersten Tages bei Rabbi Ehajim und an der Westmauer dürstete das Herz am Morgen des zweiten Tages nach etwas Leben, nach Aufbau, nach einem Gegenwartserlebnis, das aus der heiligen Vergangenheit uns wieder zu uns selbst bringt. Es erblüht uns dieses Leben buchstäblich aus Ruinen. In den Agudaschulen „B ne Zion" im Bucharenviertel finden wir in einfachen, niederen, aber sauberen und leidlich hellen Räumen einige hundert Bucharen- und Perferkinder vor ihren sefardischen Lehrern, wie sie in ihrem eigenen Singsang die Bibel in der Ursprache, die auch ihre Muttersprache ist, lernen. Wie da Lehrer und Schüler in den höheren Klassen in reinem Hebräisch, in einer Terminologie, die ganz von der der Jeschiwo abweicht, eine Gemorostelle, einen Tosfos ausreden, wie sie im Chore ihre orientalischen Lieder fingen, das alles prägt sich einem für ewige Zeiten ein. Die Bes Jaakauw-Mädchenschule, die wir anschließend in Mea Shearim besuchen, ist ganz aschkenasisch, einschließlich der jiddischen Unterrichtssprache, ganz nach dem Muster der Bes Jakauwschulen in Polen und Galizien gebildet, also so gut wie eine jüdische Schule für Töchter, ein Novum im Osten und im Orient, nur sein kann. In der ersteren, wie in der letzteren Schule wird den Kindern ein einfaches, aber gutes und schmackhaftes Mittagessen bereitet. Es ist nicht viel, dieses ganze Schulunternehmen, wenn man bedenkt, daß tausende Kinder in Erez Jisroel geistig heimatlos sind. Aber ein Anfang und ein Ansatz ists, der die schönsten Hoffnungen in uns weckt — der uns aber zugleich auch die größten Verpflichtungen auferlegt. Hier ist die Wurzel für Geulath Haarez im geistigen Sinne. Zum Programm dieses Vormittags gehörte noch ein Besuch des Diskin'schen Waisenhauses. Dieses stattliche Haus, das als erstes von Jerusalem das Auge des von Jaffa kommenden Touristen vom Hügel herab grüßt, hat seine feste Position im alten Jischuw und in der jüdischen Bruderliebe der Diaspora. Der Aufstieg zu dieser. Höhe der . Liebe in .ihrer , höchsten Blüte: - der Liebe zum verlassenen Kinde, wird reichlich gelohnt. Schöne Räume, komfortable Einrichtungen nach allen Gesetzen der modernen Hygiene, von den Schlafsälen bis zu den Bädern und Waschräumen. Ser alte Rabbi Jerucham Diskin, einer der ersten Chaluzim, der *) jsluch. hiaker, Omnibus. wendig hersagten und andere Kinder, weniger fürs Lernen geboren, bei handwerklicher Betätigung und Ausbildung. Das scheint uns eine gesunde Mischung. Und das Typische dieses Hauses: das bunte Vielerlei, seiner kleinen Insassen nach Sprache, Abstammung und Wesensart. Ein Geist und ein Wille hält dieses kleine.Kinderdorf auf einem Geleise, für unsere Begriffe zu sehr schabloniert, zusammen. Folgendes Bildchen spricht für die Bedeutung des Hauses vielleicht mehr als alle Prospekte, Berichte und Ausrufe, die das Haus in etwas verschwenderischer Fülle hinausschickt. Da sitzt ein kleiner Junge, zehn- oder elfjährig, scheu und verschüchtert an die Ecke gedrückt. Hohle, eingefallene Backen, tiefliegende, pechschwarze Augen, ebenso pechschwarz das gekräuselte Haar über der unverhältnismäßig breiten und schon etwas gerunzelten Stirn. Er fällt mit seinem scheuen stillen Wesen ganz aus dem Rahmen der bunten wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm sich munter um uns tummelnden Schar. Wer ist der Junge? Eins Krndestragödie, wie man sie nur hier, in der Stadt, in der alle Fäden des jüdischen Golüs zusammenlaufen, erleben kann, tut sich mir aus. Er stammt aus Jemen, aus' dieser südarabischen Provinz des grimmigsten Judenhasses, aus der Gegend, aus der sich der Strom der Jemeniten anhaltend nach Palästina ergießt. Vor einem Jahre etwa schlugen dort die Religionsverfolgungen neue Wellen. Man sah es auf die schutzlosen jüdischen Kinder ab, fing sie unter dem Vorwand, sie versorgen zu müssen, auf der Straße auf, schleppte sie in die Moschee und führte sie zwangsweise dem Islam zu. Die Zahl der schutzlosen Waisenkinder im armen Jemen ist groß genug, um diesem Moloch reichliche Nahrung zu bieten. Viele dieser Kinder sind uns auf diese Weise verloren gegangen, aber viele entrannen der Gefahr, fanden irgendwo Schutz oder gingen zugrunde. Dieser Junge lief, als er die Häscher hinter sich wahrnahm, in den Wald, von dort in die Wüste, lag in der Gluthitze und war dem Verschmachten nahe. Ein Jsmaelknabe der Bibel, nur daß keine Mutter da war, die in einiger Entfernung um ihn weinte . . . Kein Engel und kein Wasserquell! Aber horch. Stimmen und menschliche Schritte! Sind es die Häscher, die Diener Allahs, die ihn in die Moschee schleppen und auf den Gebetteppich zwingen wollen?- Mit letzter Kraftaufbietung erhebt sich das todmüde, halb verhungerte Kind. Es kann nicht weiter laufen und möchte sterben, mit dem Schma im Munde, mit dem Abschnitt aus der Thora, den er, schon lang« her, beim Vater, zuletzt bei dem Chacham gelernt hatte, im Herzen, bevor die bösen Derwische ihm dieses genommen hatten. Aber halt! Jüdische Gesichter lachen und weinen ihm entgegen. Eine halbverhüllte Frau beugt sich zu ihm herab, mit Augen, wie sie ihn vor vielen, vielen Jahren aus Mutters Gesicht angesehen hatten. Die Leute fragen nicht viel, sie wissen Bescheid, nehmen ihn in ihr Wägelchen, das mit einem Esel bespannt ist, geben ihm Milch und Wasser zu trinken und das halbweiße, tellerartige Brot in den Mund, da seine Händchen zu müde und zu schlaff sind, um danach zu greifen. Und sie fahren Tage und Nächte bis zu einem rauchenden Wagen, den sie Eisenbahn nennen. Und er kommt statt in die Moschee in die heilige Stadt Jerusalem und findet Aufnahme in diesem Hause, wo Thoraworte an sein Ohr schlagen, wie er sie einmal bei Vater und Mutter und beim Chacham zu Hause gehört hatte ... Das ist die Geschichte des kleinen Glauben'shelden aus Jemen, eines der vielen im Diskin'schen Waisenhause-. Keine Hagar hatte geweint, als das Kind in der Wüste dem Verschmachten nahe war. Aber der Engel mit dem Brunnen ist dennoch gekommen — in der Gestalt einer kleinen Jemenitenfamilie, die auf dem Weg nach Palästina diese Stelle passierte und ihn mitnahm in das Haus der jüdischen Liebe ... Es geschehen noch Wunder in diesem Lande der G'tteswunder . .! Auf den Feldern von Bes Lechem. Vom Jaffatore senkt sich die Straße ins Hinomtal, das sich gar. nicht unlieblich vor unseren Füßen ausbreitet. An der sauberen Montefiorekolonie vorbei geht der Weg, links streift der Blick die flachen Dächer der neuentstandenen modernen Vorstadt Tal- , ijoth. Was vor uns in der sonnigen Tiefe — scheinbar greifbar nahe — spiegelt, ist das Tote Meer und dahinter, in bläulichen Dunst gehüllt, die Berge Moabs. Die Straße steigt an und läuft zwischen gutbestellten Kornfeldern, die den Namen Bethlehem (Haus des Brotes) verständlich machen. Ueber diesen Weizenacker könnte Boas gegangen sein, als er der kleinen Ruth, bescheiden hinter den Arbeitern geduckt, wahrnahm. Diesen schmalen Pfad ist gewiß Samuel gewandelt, als er sich zu I s a j begab, um unter seinen leben Söhnen Ausschau nach dem späteren Kronenräger. zu Halten. Wo war denn nur der jüngste, der kleine rotwangige David?' Sicher da hinten, aus dieser Wiese, auf der zwischen Kakteen inr Schatten eines Olivenhaines jetzt noch wie damals schwarze Ziegenherden und graue Lämmer weiden, davor ein schwarzäugiger lich selbstversertigten Flöte, hurtige arabische Lieder in die sonnenvergoldete Luft schmettert; indes die Schafe und Ziegen, als verständen sie die Sprache der Töne/ einen lustigen Reigen im jungen Grase um den -wassergefüllten Graben ausführen ... Und die schwarz verhüllten Frauen, an der Felszisterne mit den Tonkrügen auf dem Kopfe! Ein Ausschnitt aus dem Bilderbogen der Vätererzählungen in der Bibel. Ich bin sicher, es bedürfte nur eines Wortes, und das zierliche, halbvermummte Mädchen würde, ganz wie am Brunnen vor Haran, uns den Krug zuneigen und sagen: „Trinke, mein Herr, und auch..." Und der würdige, dickliche Scheich mit den pfiffigen Augen und den vielen bunten Bändern um den weißen Turban vor der Türe seines Zeltes: „Guten Tag, nein Schalom, Herr Laban!" Wahrhaftig, er beantwortet den Gruß mit gemäßigtem Kopfnicken, obwohl es gar nicht sicher steht, daß er wirklich Laban heißt. Nimm, lieber Freund, der du durch die Landschaft Palästinas fährst, keinen Baedeker mit, laß den Preß beiseite, behalte die kleine Bibel in der Hand, schlage die zum Landschaftsbilde gehörigen Blätter auf und du erlebst Palästina, erlebst das Land der Väter, der Richter, der Könige, und Propheten! ... Bethlehem selbst hat wenig vom alten biblischen Gesichte beibehalten. Wir fahren durch die weiße, wellige Hauptstraße des sauberen Städtchens. Hinter der Häuserfront ragen Türme und Zinnen von Kirchen und Klöstern in die Höhe. Die vielen 'Menschen auf der Straße sind in Kleidung und Sprache arabisch wie überall, aber es liegt etwas in ihrem Zuge, in ihrem Wesen, das sie zu anderen macht. Hier herrscht das Kreuz, richtiger: die Kreuze aller Kirchen und Konoentikel, die sich oft genug im anderen Sinne gegenseitig die Wege kreuzen. Menschen drängen sich an uns heran, bieten sich als Führer an für die verschiedenen Kirchen, suchen, uns allerlei Schnitzereien, heilige .Andenken, anzuhängen, überschreien, überbieten sich. Weiter, weiter, lieber Hausmann, Kinder wollen zur Mutter! ... B e i M u t t e r R a h e l. Vor einem kleinen Rundbau mit rötlichem Kuppeldache hält der Wagen. Hat man das nicht schon einmal gesehen, im Traume oder im Bild? Wann war man zum letzten Male hier, an Rahels Grab? Vielleicht am letzten Rosch Haschana, als wir in der Synagoge aus Jirme- . ahu lasen: „Eine Stimme ist in Rama zu Hören, ein bitteres Klagen und Weinen, Rahel weint um ihre Kinder ..." Wir steigen durch die Oesfnung. Noch runder erscheint das Rund im Innern. In der Mitte das Grabdenkmal, rings herum die Wände, ausgestattet mit bunten Vorhängen, Teppichen und kostbaren Geweben, die hebräische Inschriften tragen, fromme Spenden reicher Touristen. Im Gestein des Denkmales selbst sind Namen und Worte eingekritzelt, alle Namen, auf die Juden auf dem Globus des Golus hören, Worte in allen Zungen, die sie auf dem Erdenrunde sprechen; Bitten und Wünsche, oft-intimster Natur, über und unter dem Namen, — die Stein gewordenen Tranen und Gebete von Jahrhunderten. Ein unglückliches Volk streckt hilfesuchend die Hände nach der Mutter aus ... Und Leben, sprechendes Leben bekommen die versteinerten Gebete und Tränen im Lichte der hundert Oelflämmchen, die da zittern und blinken, wie Feueraugen in einem Tränenbehälter. Jeder, der herkommt, zündet ein Licht der Liebe an. Gebetbücher liegen auf, in denen Gebete eigens für diese geweihte Stätte enthalten sind, Gebete am Grabe der Mutter ... Ich lege das Buch aus der Hand und bete meine eigenen Gebete. Jeder betet hier fein eigenes Gebet. Das Weinen rings herum, verhalten, abebbend und wieder ansteigend, als würden sich immer neue Quellen, neue Wildbäche vom Gesteine losreißen, hat gar nichts Drückendes an sich. Wer gesenkten Hauptes am Steine steht, kann die Menchen, die im Rundbau hinten weinen, nicht sehen. Das Schluchzen kommt wie aus unsichtbaren Tiefen oder Höhen. Als das Volk aus der Heimat ins Exil zog, warf es sich hier hilfeheischend an Mutters Grab. Und leises Weinen erhob sich aus dem Gestein. Es weint jetzt noch aus Mutter Rahels Grabe ... Und es ist kein Weinen des neunten Aw, wie an der Westmauer, eher das Weinen am V e r s ö hnungstage, da die Seele steigt, höher und höher, bis zum oberen Lichte ... „Und so spricht G'tt: Halte deine Stimme im Weinen ein, und deine Augen enthalte sich der Träne, denn Lohn winkt deinem Werke, so spricht G'tt... denn es kehren Söhne ins Heimatgebiet wieder ..." Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß das Erlebnis bei der Westmauer noch eine Steigerung erfahren Nassen Auges, das Herz voll froher Zuversicht, wie ein Kind, das den Kopf in Mutters Schoß gelegt, verlassen wir den Rundraum. Vor der Türe bekommen wir Ansichtskarten, auch in weißen Säckchen mit bunter Anschrift fertig verpackte Erez Israel-Erde ange-!ivten. Konservierte Pietät, in Säckchen abgesülltes religiöses Erleben — für drei Piaster. „Werft die Händler aus dem. Tempel hinaus! . . ." —ß- (Fortsetzung folgt.)

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