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Der Israelit · 1932-05-04 · Heft 19 (4.5.1932) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 19 (4.5.1932)
Date
1932-05-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mendel mit der Gewure. Von Hermann Löwinger. Der Held unserer Schilderung erblickte das Licht der Welt im alten Iudenghetto der noch älteren ungarischen Krönungsstadt preßburg. Wohl selten in einer Stadt des damaligen Ungarn gab es so viele -Spottnamen, wie in der alten Iuöenstaöt preßburg. Deren Träger waren in der Regel teils wirkliche blöde, größtenteils aber nur geistig beschränkte Menschen, welche durch das eifrige Bemühen einiger Müßiggänger, im Vereine mit der lieben Straße'njugenö, zu „Verrückten" gemacht werden. Da-wurden Spitznamen erdichtet, Hetzjagden arrangiert, die boshaftesten Streiche mit den armen bedauernswerten Menschen gespielt, ganz dazu geeignet, diesen bemitleidenswerten Menschen das ihnen ohnehin kümmerlich von der Vorsehung zugeteilte Fünkchen Verstand vollständig auszublasen. Tin solches Opfer der Ppottsucht war unser Mendel, oder wie ihn der Volksmunö nannte: „Mendel mit der Gewure".*) Wieso er zu diesem. Attribute der Kraft kam, wozu seine schwächliche Konstitution keineswegs Veranlassung gab, wollen wir im ^folgenden erzählen: Vor ungefähr fünfzig Jahren als armer Leute Kind geboren und ein wenig beschränkten Verstandes, genoß er keine besonders sorgfältige Erziehung. Cs wurde ihm von seinem Vater weder ein Maitre für die französische Sprache noch ein Musiklehrer gehalten, und da er auch für andere profane Wissenschaften weder Sinn noch verstand hatte, so sollte nach dem frommen Wunsche seines Vaters das „Dawenen" fein Hauptstuöium bilden, und so blieb es auch in späteren Iähren seine liebste Beschäftigung. Dem Cheöer entwachsen, war er noch ein kleiner schwächlicher Junge von 16 Jahren. Zum Geschäfte hatte er keine besondere Lust und besaß auch nicht die Vorkenntnisse hierzu, da ec mit dem Deutsch, Lesen und Schreiben, auf feindlichem Fuße stand. Tin Handwerker wollte er auch nicht werden, und da unserem Mendel die Hünengestalten der damaligen „jüdischen Lastträgergilde" sehr imponierten, so wählte er den gewichtigen Beruf eines Lastträgers, wonach er schon länge Zeit im Geheimen Gelüste trug. Und so fand sich, auch eines schönen Tages unser Mendel auf dem Standplatze -der Träger vor dem sogenannten „Wachihüttel" ein, empfangen von den teils spöttischen und teils mißtrauischen Blicken der ob ihrer Riesenkraft gefürchteten Berufsgenossen. Doch wie oben erwähnt, war Mendel damals noch ein zu kleiner Knirps, als daß seine titanenhaften Kollegeü seine Konkurrenz gefürchtet hätten und sie begnügten sich, ihn zur Zielscheibe ihrer rohen Spässc zu machen. Doch ließ sich Mendel dadurch nicht abhalten, seinem selbst gewählten Berufe treu zu bleiben, und so konnte man Mendel von nun an schon in der frühesten Morgenstunde am Standplatze vor dem wachthüttel stehen sehen, natürlich ein wenig abseits vom Bereiche der gewaltigen Hände seiner riesenhaften Kollegen, vor denen er großen Respekt hatte. ' So vergingen Jahre, und-Mendel hatte sich Tn feinen'bescheidenen Beruf tüchtig eingearbeitet. Doch mußte er sich aus gewissen „schlagenden Gründen" nur mit dem Ueberbleibsel der Geschäfte seiner Kollegen begnügen. Da diese sehr teuer waren und sich mit dem Tragen kleinerer Pakete nicht abgaben, so war Mendel ein sehr gesuchter Mann, um so mehr, als er sich mit der kleinsten Entlohnung begnügte, Durch diese Vielbeschäftigung kam er zu dem pompösen Ramen der „Gewure", welches Attribut ihm von seinen, ihn an Kraft weit überragenden Genossen spottweise beigelegt wurde. *) Stärke. Es vergingen Jahre und Jahrzehnte , und Mendel war in seinem vierzigsten Jahre schon grau geworden. .Von den vielen Arbeiten und Plackereien war. er früh gealtert, war er kein. „Schimschon Hagibor" in seiner fügend, so war er dies noch weniger im Alter, zu welcher Zeit er mit d«n Epiteton der „Gewure" benamset wurde. Mendel war daher schon mit vierzig Jahren ein schwächliches, kleines zusammengeschrumpftes. Männlein und doch Tonnte man ihn vom frühesten Morgen bis zum spätesten Abend schwere Lasten, wie Koffer und anderes Reisegepäck, zum Schiffe oder zur Bahn befördern sehen, Lasten, die ihn unter ihrer Wucht zu begraben schienen, was ganz geeignet war, seinen Ruf . der „Gewure" noch mehr zu befestigen. So blieb ihm der Spottname „Mendel mit der Gewure". Sobald ihn die liebe Straßenjugend, mit einer Last beladen durch die Gasse gehen sah, ertönte von allen Seiten der Spottruf:. „Mendel mit der eisernen Gewure". Er durfte sich wohin immer wenden, er wurde mit diesem Rufe begrüßt. Wie Kobolde hefteten -sich seine Verfolger an seine Fersen, bis er oft, zum Aeußersten gebracht, die schwere Last niedersetzte, in blinder Wut den erstbesten Stein ergriff, um ihn gegen seine Peiniger zu schleudern, doch diese waren schon längst um die Straßenecke verschwunden. Mendel, außer sich vor Zorn, sandte ihnen noch den bösesten Fluch nach, welchen er in seiner Rüstkammer bewahrte, und da er anstatt des „r" (welches er nicht gut aussprechen konnte) ein „w" setzte, so rief er seinen Verfolgern die Worte zu: .„Wards beschwien und bewuppt und bezuppt!" So glaubte er. sich zu rächen. Seine Last wieder auf die Schultern nehmend, setzte er seinen Weg fort, vor sich herbrummend: „Solche Skozzim, ezach Kinder, beschwien und bewuppt und bezuppt sollen se warn!" Wenn Mendel am „Schabbes" das „Scholet" trug und manchmal mit einem Riesenscholettopf in beiden Händen die Iuöengasse daherkeuchte, so rief ihm mancher Spaßvogel zu: „Mendel, hast e Gewure, dies alles wirst Du allein aufessen?" Da gab es keinen ergötzlicheren Anblick als unseren Mendel mit rollenden Augen und hochgerötetem Gesicht, wie er ans Furcht, daß diese „süße Götterspeise", abkühlen könnte, den Topf desto krampfhafter haltend, seinen Spöttern voll Wut entgegendonnerte: „Wards beschwien usw." und diese Worte mit den dazu passenden Schwingungen des Scholettopfes begleitete. Aber, nicht nur durch seine „Gewure" im Lasttragen war Mendel die Zielscheibe der spottsüchtigen Jugend, sondern auch durch sein höchst komisches Benehmen beim „Dawenen" in der Synagoge. Cr hatte nämlich die Gewohnheit, sehr laut zu beten und das letzte Wort eines jeden Satzes drei- bis viermal zu wiederholen. So stand er am unteren Ende . der „Schul" nächst der Türe, mit der linken Seite an die Wand gelehnt, die -Augen zur Erde gerichtet, und verrichtete unter Gestikulationen mit' volltönender Stimme sein Gebet, und es mußte den andächtigsten Beter zum Lachen bringen, wie die liebe. Jugend, ihn umringend, bei jeder Rezitation im Chorus. einfiel. Doch ließ er sich in der „Schul" nicht aus dem Texte bringen und harrte wacker ans, bis sich alle Betenden schon längst entfernt und der Tempelöiener ihn durch Absperen der Synagoge zum Nachhausegehen zwang. Trotz seines langen Betens wurde er nie mit dem „Dawenen" fertig und konnte man ihn oftmals noch nachmittags hinter. einem Haustör oder auf einer Stiege sitzen und noch ein Stück vom Schachrisgebet dawenen sehen. An den „Iomim tauwim", am Rosch-haschono und gar an Jom Kippur da hatte es gar feine Schwierigkeiten mit dem Beten. Cr konnte den großen „Iauzer" nicht überwältigen und wollte dennoch kein Iota preisgeben. Doch unser Mendel wußte sich zu helfen. Schreiber dieses hat ihn einmal die ersten Tage Sukkoth auf der Boöenstiege nächst seiner Wohnung angetroffen, wo er den nicht fertig gebrachten „Jom Kippur-Iauzer" in größter Andacht zu Ende betete. An einem Sukkottäge war es auch,, als in der Synagoge, die Mendel gewöhnlich mit seiner Anwesenheit beehrte, sich folgende komische Episode abspielte. An diesem Tage brachte nämlich unser Held durch sein Lulowschütteln das andächtige Publikum derart zum Lachen, daß man ihn aus seinem Eden, der Schul, verwies. Mendels Lulowschütteln war aber auch dazu geeignet, die Lachlust zu erregen. Cr hielt das Lulow wagrecht vor sich hin, machte Bewegungen,, als stünde er auf dem Schlachtfelds in Reih und Glied und stürmte gegen eine feindliche Batterie. Vier Ellen im Umkreise war man. vor seinen heftigen Stößen nicht sicher, und als er nach „oben" und „unten" schütteln sollte, machte er solche komischen Luftsprünge, daß Viele vor Lachen schier bersten wollten. Doch da von dem spaßigen Lulowschütteln nur die zunächst Stehenden berührt, wurden, so wäre, da sich , diese komische Szene im Hintergründe der Synagoge abspielte, die Affäre anstandslos abgelaufen. Die Sache nahm eine ernstere Wendung, als sich ein Witzbold einmal den unverantwortlichen Spaß erlaubte, Mendel mit der „Amida"**) zu beehren, wie gebräuchlich, stellte sich Mendel an die Seite des Vorbeters und begann, anfangs sachte, dann aber stürmischer, mit dem wagrecht vor sich hingehaltenen Lulow zu schütteln, daß einerseits der Vorbeter, auf der andern Seite der daneben stehende Vorsteher Hieb- und. Stichwunden erlitten, und, um weiteren Attacken zu entgehen, eiligst die Flucht ergreifen mußten. Als nun Mendel gerade seine Luftsprünge wiederholte und durch das Anstoßen mit dem Lulow an dem über, ihm hängenden Rertomid zwei Andächtige mit Gel übergoß, wurde er von diesen in ihrem gerechten Zorne mit kräftiger Faust ergriffen und an die Luft gesetzt, mit der Warnung, sich nie mehr in dieser Schul blicken zu lassen. Eiu ähnlich heiteres Intermezzo, das freilich nicht in die Synagoge, die Stätte der 2lnöacht paßte, spielte sich regelmäßig zum Gaudium der Gassenjungen am Purim in der „Bergelschul" während des Vorlesens, der Megilla ab. Mendel kam gewöhnlich, in der purimnacht mit einem kolossalen Zuckexhammec in die Schul. Wohlweislich hatte er denselben hinter dem Rocke verborgen. Mit großer 2lndacht Hörle er das Vorlesen der Megilla, doch als die für ihn bedeutsamen Worte: „Haman Ben Hamdatha Haagogi" aus dem Munde des Vorbeters zum ersten Male ertönten, zog Mendel vom Leder oder bester gesagt: vom Rocke; da gab es keinen ergötzlicheren Anblick, als unfern Mendel wütend den ihm zunächst stehenden Ständer mit dem großen Hammer bearbeiten zu sehen. Alles war an ihm in Bewegung, Hände, Füße und auch der Mund. Denn während er mit den Füßen wie ein Pferd stampfte, so daß die Staubwolken aufwirbelten, fielen die Hiebe mit dem Hammer hageldicht auf den Ständer, und er brüllte wütend den Namen des größten Judenfressers, Haman, vor sich hin. Dieses Schauspiel wiederholte sich jedes Mal bei der Nennung von „Haman Ben Hamdatha Haagogi". Da aber bekanntlich am Purim alles frei ist, so ließ man ihn gewähren, zum Gaudium der Gassenjungen. So floß denn das Leben Ulendels, von den zahlreichen Schikanen der großen und kleinen Spottvögel abgesehen, ziemlich ruhig unter „Beten und Arbeiten" dahin. Doch sollten auch für Mendel mit der sprichwörtlich „eisernen Gewure" schwere Zeiten kommen, die Zeit der schnelleren Kommunikation, der Fiaker, Trambahn und Omnibusse. Diese modernen Vehikel machten jede persönliche. Hilfeleistung der alten Lastträger überflüssig. Mendel bekam kein „Geschäft" mehr zur Bahn und zum Schiff, da die neu eingeführten Fuhrwerke bei bezahlter Fahrt das Gepäck umsonst Mitnahmen. Dazu kam noch' das neue Institut der städtischen Dienstmänner oder „Expresse", wie man sie nannte, die ihm gar das Leben sauer machten. Nicht allein, daß er täglich ohne Geschäft vom Standplatz heimkehrte, mußte er noch obendrein das Gespötte der übermütigen Kutscher und Dienstmänner ertragen. Um dem tiefen Groll in seinem gekränkten Herzen Luft zu machen, schleuderte er seinen Gegnern die schwersten Flüche zu. So sagte er zu **) Eine in Ungarn übliche Ehrung, neben dem Vorbeter mit dem Lulow stehen zu dürfen.

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