Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1932)
- Date
- 1932-05-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 19 Der Israelit 4. Mai 1932 Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge, Berlin, führt aus: Die großen Ziele der Wanderfürforge konnten int vergangenen Jahre nicht erheblich gefördert werden, man mußte sich darauf beschränken, die Organisation aufrechtzuerhalten und auszubauen. Gezählt wurden im ganzen Reich einige Zwanzigtausend Wanderer. Da sich unsere jüdischen Wanderer doch sehr wesentlich von den Andersgläubigen unterscheiden, so könne man nicht ohne weiteres den Versuch, den Leipzig mit der Werkplatzbeschäftigung unternommen hat, aus das ganze Reich ausdehnen. Man solle aber, wo immer es angehe, die öffentlichen Stellen und öffentlichen Mittel in Anspruch nehmen. Jeder Ausländer müsse genau wie jeder Deutsche unterstützt werden. Eine Ausweisung drohe nur bei dauernder Hilfsbedürftigkeit. — Mit der Tschechoslowakei hoffe man in absehbarer Zeit wieder zur Zusammenarbeit zu kommen. Erfreulich sei, daß die französischen jüdischen Verbände bei der jetzt notwendig gewordenen Rückwanderung hilfsbereit Mitwirken. — Die Arbeiterkolonie konnte noch nicht errichtet werden, doch wird sie trotz der Schwierigkeiten entstehen. Die zur Verfügung stehenden Mittel sind hinreichend, so daß 2 Jahre lang kein Zuschuß von dritter Seite gebraucht wird. Man dürfe vor dieser großen Aufgabe nicht deshalb zurückschrecken, weil es schwer fällt, die bestehenden Wohlfahrtseinrichtungen zu erhalten. Notwendig fei eine neue Bewertung der jüdisch-sozialen Arbeit. Manche bisherige Einrichtung müsse zurücktreten zu Gunsten dringlicherer. Insbesondere müsse , man dafür sorgen, daß die schulentlassene Jugend in geeigneten Lehrstellen Unterkommen findet. England. Einwanderung von Zeschiwah-Studenten in Palästina. London, 29. April. Der politische Sekretär der Weltorganisation Agudas I i s r o e l hat vom Kolonienminister die Verständigung erhalten, daß der High Commissioner für Palästina, Sir Arthur Wauchope, dem Ansuchen der Agudas Jisroel stattgegeben und Einwanderungszertifikate für 26 Hörer der Or Soreach- Ieschiwah in Tel-Awiw bewilligt hat. Sobald die Jeschiwah für Unterkunftsmöglichkeiten gesorgt haben wird, werden weitere Zertifikate für Jefchiwah-Studenten bewilligt werden. Das Ansuchen der Agudas Jisroel an das Colonial Office wurde vom Oberrabbinat der United Synagogue, dem Oberrabbiner von Irland, dem Rabbiner der Union orthodoxer Kongregationen und den Rabbinern der jüdischen Gemeinden in Leeds, Manchester, Liverpool und Belfast befürwortet. Palästinafragen im englischen Parlamente. London, 1. Mai. Am 22. April kam es im U n t e r h a u f e zu einer zweistündigen Aussprache über das Palästina- Problem, die Colonel Wedgwood mit einer längeren Rede eröffnete. Er kritisierte die Haltung der englischen Beamten in Palästina, die das jüdische Aufbauwerk aufhielten. Wo es gilt, erweise sich die Polizei als unzuverlässig. Die Gegenseite protestierte und forderte Beweise. Schließlich griff der Mniister für die Kolonien, Sir Philip E u n l i f f e - L i st e r, ein und erklärte, die Vorwürfe gegen die Beamten seien unberechtigt, worauf ihn Wedgwood einlud, selbst einmal nach Palästina zu gehen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Wedgewood besteht darauf, daß die jetzige ungeeignete Beamtenschaft aus Palästina herausgeholt und durch gute, echt englische Kolonialbeamte' ersetzt werde. . Im weiteren Verlauf der Debatte fordert Sir John Buch an Freigabe der jüdischen Einwanderung in Palästina. England habe Palästina in Obhut genommen für das gesamte jüdische Volk, nicht für eine kleine beschränkte Anzahl van Juden. Die Juden haben in den letzten Jahren viele 'Millionen in Palästina hineingesteckt und dadurch den englischen Steuerzahler wesentlich entlastet. Versäume England seine Pflicht, so würden die jüdischen Gelder bald ausbleiben. Die Forderungen Buchans wurden von Wedgewood kräftig unterstützt. Darauf ergriff der Unterstaatssekretär für die Kolonien, Sir Robert Hamilton, das Wort, um ein Situationsbild von Palästina zu entwerfen. Die gegenwärtigen Beschränkungen rechtfertigte er mit der wirtschaftlichen Lage. Man überlasse die Regelung der Einwanderung am besten dem Hochkommissar im Einvernehmen mit der Jewish Agency. Am 28. wurde die Debatte fortgesetzt. Dawid Adams fragte den Unterstaatssekretär, ob er etwas Genaues über die Zähl der Arbeitslosen im Palästina angeben könne, ferner, was die Regierung zu tun gedenke, um den Touristenverkehr in Palästina zu heben und schließlich, wie es um ein Wahlrecht auf demokratischer Grundlage für den Jerusalemer Stadtrat stehe. Auf all diese Fragen konnte Hamilton keine definitive Antwort geben. Für die Statistik und Registrierung der Arbeiter und Arbeitslosen seien die Einwanderungsbeamten verantwortlich. Der Fremdenverkehr in Palästina liege der Regierung sehr am Herzen. Für die Stadtratswahlen ist in Kürze eine Verordnung der Regierung zu erwarten. Er zweifle nicht, daß diese Wahlordnung allen demokratischen Ansprüchen genügen werde. __ Griechenland. Der Freispruch in verria. Saloniki, 29. April. Rach mehrstündiger Beratung sprach das Schwurgericht in Verria, das gegen die Anstifter des Pogroms in Saloniki im Juli v. I. zu urteilen hatte, gegen 1 Uhr morgens das Verdikt: Der Vorsitzende der Geschworenen teilte mit, daß die Mehrheit der Geschworenen bei 8 der Angeklagten eine Schuld für nicht erwiesen erachtete und nur drei der Angeklagten, Vellissaridis, Abadjidis und Bouffolidis, der direkten Teilnahme an der Brandstiftung, durch die das jüdische Wohnviertel Campbell in- Flammen aufging, für schuldig befunden habe. Daraufhin zog sich das Gericht zur Beratung zurück und verkündete in den Moregnftunden den Freispruch sämtlicher elf Angeklagten, auch der drei direkt der Brandstiftung überführten. In Saloniki und in ganz Griechenland hat das Urteil des Gerichtes, das sich während des ganzen Prozesses sehr loyal verhielt und dessen Vorsitzender bei verschiedenen Gelegenheiten den Pogrom und die Brandstiftung scharf verurteilte, tiefes Befremden hervorgerufen. Man erklärt sich das freisprechende Urteil nur dadurch, daß sich das Gericht der Auffassung der Verteidigung anschloß, wonach nur ein vollständiger Freispruch eine Versöhnung zwischen dem jüdischen und dem griechischen Element in Saloniki anbahnen könne. Polen. Das Ende der Pogrom-Prozesse. Wilna, 29. April. Nach mehrtägiger Verhandlung hat das Wilnaer Gericht das Urteil gegen drei jüdische junge Leute gesprochen, die der Mitschuld an dem Tode des nationaldemokratischen Studenten Waclawski angeklagt waren. Der 23jährige Handelsangestellte Leib Z a l k i n d und der 23jährige Schlosser Baruch O g u s, in deren Fall der Staatsanwalt wegen Entlarvung der einzigen Belastungszeugin Lepkowska als Betrügerin und nach Widerruf der Zeugenschaft durch die Lepkowska selbst und ihrer Verhaftung wegen betrügerischer Zeugenaussage die Anklage zurückgezogen hatte, wurden vom Gericht f r e i - gesprochen. Dagegen wurde der Student Samuel Wulfin wegen Teilnahme an! dem Exzeß, bei dem Waclawski getötet worden ist, zu Hwei M onaten Kerkers verurteilt. i.:,- Das Urteil gegen Wulfin ybt nicht nur unter Per jüdischen Oeffentlichkeit, sondern auch unter allen gerecht denkenden Polen Erstaunen und Tadel hervorgerusen. Einen noch tieferen Eindruck als das Urteil selbst machte auf die Oeffentlichkeit die antisemitische Begründung des Urteils, in der es u. a. heißt: Der Angeklagte Wulfin hat in seiner Verteidigungsrede betont, daß die polnischen Juden keinerlei Rassenhaß gegen die Polen hegen und hegen können, er belegte diese Behauptung mit einer Reihe historischer Tatsachen, die die menschlichen Ve- Ziehungen zwischen Polen und Juden kennzeichnen sollen. Demgegenüber sei festzustellen, daß unter den Juden nicht nur ein Widerwille, sondern sogar ein Haß gegen die Polen herrscht; denn wie anders könnte man sich die Haltung der jüdischen Menge erklären, die.Steine schleuderte auf die Droschke, in der der schwerverwundete Waclawski in das Hospital geführt worden war; wie anders kann man es sich erklären, daß durch die jüdischen Viertel marschierende polnische Akademiker von jüdischen Gruppen angegriffen wurden. Dies geschah in Wilna, der Wiege von Myckiewicz, dem Schöpfer der Gestalt des jüdischen Patrioten Jankel Zymbalist. Vielleicht ist dieser Haß gegen die Polen bloß ein Reflex des Haffes der Juden gegen die christlichen Völker überhaupt, ein Haß, der in der jüdischen Seele verwurzelt ist seit undenklichen Zeiten bis auf den heutigen Tag und der auf die Scheiterhaufen und anderen Torturen der früheren Jahrhunderte zurückzuführen ist. Für die angegriffenen Juden und gegen die Pogromhelden hat die Begründung kein Wort. -- Verarmung in Lodz. Lodz, 1. Mai. In der einstmals so reichen Industriestadt Lodz haben dieses Jahr über 19 000 Juden von der Pessachhilfsaktion Gebrauch gemacht. Das ist eine erschreckende Zahl. Mit Hinblick auf die katastrophale Lage und die . ansteigende Not sind große Hilfsaktionen eingeleitet worden. Erfreulich und erhebend, wie aktiv die A g u d a - Jugend sich in dieser schweren Krisenzeit erweist. Der Monat Nissan wurde zu einem Werbemonat für die Zeire Agudas Jisroel proklamiert und hat als solcher gute Erfolge gebracht. Von den Sammlungen konnte eine M e n s a für die Schüler der Jeschiwoth errichtet werden. _ Rumänien. hinter den geschändeten Thorarollen. Jassy, 1. Mai. Das rumänische Judentum steht unter dem erschütternden Eindruck der geschändeten heiligen Thorarollen. Das geschah in der Nacht zu Donnerstag, den 16.. Adar II.. Huligans drangen in die Tapezierschule ein und zerrissen die heiligen Rollen, nachdem sie die ganze Inneneinrichtung demoliert hatten. Der Montag darauf wurde zum Zeichen der Trauer zu einem F a st't a g ausgerufen, an dem in allen Synagogen Slichaus gebetet wurden. Die Synagogen waren alle überfüllt. Für die ganze kommende Woche wurden zum Zeichen der Trauer alle Festlichkeiten und gesellschaftliche Veranstaltungen abgesagt. Dies hatte zur Folge, daß die ganze Woche die Theater, Kinos und Cafes leer waren und zum Teile schließen mußten. Am Fasttage gegen 5 Uhr nachmittags ging die Bestattung der geschändeten Rollen unter einer Trauerseierlichkeit, wie sie die Stadt noch nie gesehen, vor sich. Tausende waren auch von auswärts gekommen. Auch die intellektuelle Schicht, wie die Arbeitermassen waren, vollzählig vertreten. Etwa 40 000 Menschen gingen hinter der Bahre, die die heiligen Ueberreste barg, her. Viele Hespedim wurden gehalten. Verstärkte Polizeiaufgebote und Militärpatrouillen waren auf der Straße, brauchten aber nicht in Funktion zu treten. Man sah auch tausende Christen im Trauerzuge. Die Militärverwaltung sowie der Metropolit von Jassy haben dem Vorstand der jüdischen Gemeinde ihre tiefe Trauer über den Vorfall zum Ausdruck gebracht. PalSstirm. Ls wird weiter gespielt. Jerusalem, 1. Mai. Allen Verhandlungen und allen Versprechungen zum Trotze, wurden am letzten Sabbat in Erez Israeli sieben Fußballmatchs zum Austrage gebracht; um ganz genau zu fein: vier von diesen öffentlichen . Spielen fanden in Jerusalem statt, und zwar zwei auf'dem Makk a b i p l a tz und zwei auf,dem Platze! -vor dem Arbeiter- Haus. Die anderen Spiele gingen in Tel-Awiw, Haifa und Pethach Tikwa vor sich. Wie man weiß, hatten die Verhandlungen mit Dr. Grünberg, dem Präsidenten des Schomre Schabbos- Weltverbandes, damit geendet, daß man versprach, vorläufig die Spiele s inzu stellen. Man wollte in der Folge nach Mitteln und Wegen suchen, durch Freigabe eines Wochennachmittags die .Sabbatspiele zu vermeiden. Wie eine Verhöhnung dieser Abmachungen mutet nun die Kunde von dersiebenfachen Sabbatentweihung am letzten Sabbat an. Man ist allgemein der Meinung, daß die Führer des Makkabi es ganz ehrlich meinen, aber ihre Massen nicht in der Hand haben unb daß schon aus diesem Grunde den Verhandlungen und Beschlüssen jeder praktische Wert abgeht. Die vielfach ausgesprochene Vermutung, daß Dr. Grünberg für eine Komödie von Seiten zionistischer Führer in Palästina mißbraucht wurde, die Interesse daran haben, in der. Gola den Schein zu erwecken, als arbeiteten sie auf eine Erziehung der Jugend zum Sabbat hin, bedarf freilich noch der Bestätigung. Wie dem auch fei, die Spiels, gehen weiter!