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Der Israelit · 1932-05-04 · Heft 19 (4.5.1932) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 19 (4.5.1932)
Date
1932-05-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 19 Der Israelit 4. Mai 1932 nicht, statt daß Ihr es zu erleichtern sucht! packt das Golus im Golus*) — in jedem Lande und so besonders auch in Crez Iisroel! Stemmt Luch gegen das materielle Llend des Golus, sowie gegen seine seelische und geistige Not! Erhebt Luch mit Leidenschaft gegen das fast ausschließliche Städtertum und Händlertum des Juden, gebt ihn der Naturnähe zurück, die auch die G'ttesnähe sichert, — aber überall, überall, wo nur eine Ansatzmöglichkeit ist! Besser ein Bauerngolus als ein Krämergolus*) — selbst vom Standpunkte der „Verneiner" des Golus. Spannt Euren Willen an gegen die Anarchie in unserem Volke! Sie zehrt an seinem Marke, sie macht es schwach gegen die Mächte des Unglaubens. Wir brauchen eine über die ganze Diaspora hin gegliederte autoritative geistliche Leitung, damit unsere Masse wieder Volk, G'ttesvolk werde. Geht hin und kämpfet dafür! Wir sind mit unserem alten Judentum des Sinai, des Gesetzes, des kommenden Moschiach in einen Winkel gedrängt und da hocken wir scheu und es schiert uns nicht mehr, daß unsere Brüder und Schwestern in die Irre gegangen sind. Ihr vermißt Ziele? Da habt Ihr eines, noch eines, — eines, für das Ihr nichts als die Glut des wahren Glaubens nötig habt. Gehet hin, arbeitet an Cuch selbst, überwindet das Schlimmste des Golus, jeder im Cinzelkampfe mit sich selber! Doch rüstet auch zum Geisteskampfe und überrennt dann die Stellungen der Andern mit der Stoßkraft Cures Cnthusiasmus! Arbeit genug: Arbeit aus dem Vollen heraus, für das Ganze, für ein Ganzes, in dem ein jeder Teil den ganzen Gewinn des Ganzen genießt. Arbeit, die, überall getan, auch für Crez Iisroel mitgetan ist. Arbeit in Crez Iisroel selbst, gemäß seinen besonderen Notwendigkeiten und entsprechend der Rolle, die es in der Oekonomie unseres religiösen Lebens einnimmt. Cs ist wahrlich nicht nötig, Zion zu einem Faktor religiöser Verarmung werden zu lassen. In Cure Hand ist gegeben, es zu einer Stätte religiöser Verinnerlichung und sittlicher Erneuerung zu machen. Sorgen die Anderen bloß dafür, daß nur ja keine durchschnittseuropäische „Errungenschaft" dem Lande fremd bleibe, haben sie keinen größeren kulturellen Ehrgeiz, als die Juden Crez Iisroels in allen Belanglosigkeiten der internationalen Kulturmode vervollkommnet zu sehen und zerbrechen sie sich vergebens die Köpfe über politische Formulierungen ihres Staatsstrebens und über dessen Aussichten, — so müßt Ihr für das Erstehen einer feierlichen, einer geläuterten Iudenschaft in Crez Iisroel arbeiten. Wachet darüber, daß die verlänölichung auch in Crez Iisroel siege und nicht gerade im Gegenteil ein neues Städtertum! Und sorgt dafür, daß vor allem unsere *) Selbstzitat des Verfassers aus dessen Schrift: „Im Dienste der Verheißung." Getreuen in Crez Iisroel den Weg zur Scholle finden und sich auf ihr behaupten! Seht nach dem Rechten in der Orthodoxie des heiligen Landes. Kämpft — es wird kein leichter Kampf sein — daß sie dastehe geeint, geschloffen, unbeugsam, aber auch ausgestattet mit Einsicht, Takt, Waß, würde, Großzügigkeit und in ernster Schönheit: ein bewundertes Vorbild in Israel und achtunggebietend nach außen! Ruhet nicht, bis in der Stadt der Städte, im heiligen Jerusalem, die oberste Leitung der jüdischen Allgemeinde residiert und bis dort die Akademie der Wahrheit als Schule und Arsenal für den Kampf des Judentums um die Rückeroberung verlorener Positionen sich erhebt. Wirket, daß aus den Ieschiwaus und Schulen des Landes die jungen Rlenfchen nicht nur mit Wissen, sondern auch mit heißester Hingebung an den Schöpfer, mit Leidenschaft für die Thora und mit wahrhaft verstehender Liebe zu Crez Iisroel entlassen werden! Rlit einem Worte: Seht, daß Ihr aus fremder zu eigener Wunschwelt zurückkehrt! Holt dann aus Euren Seelen die Energien hervor, die nötig sind, um diese eigene Wunschwelt zu einer Welt der Tatsachen zu machen! Schaffet öle Vorbedingungen dafür, daß Crez Iisroel durch jüdische Selbstheiligung der gütlichen Erlösung entgegenreife! (Die im letzten Teile der Ausführungen unsres verehrten Mitarbeiters erhobenen positiven Forderungen, denen wir uns anfchließen, lassen sich nur dann verwirklichen, wenn zwar keine Massen, wohl aber eine stattliche Schicht zur vorbildlichen Führung berufener Persönlichkeiten einwanöern, und für ö i e s e Einwanderung die organisatorischen und finanziellen Vorbedingungen drinnen und draußen geschaffen sind. Red.). Wochenrundschau. Der neue Preußische Landtag. Die preußischen Landtagswahlen gingen so aus, wie man es vorausgesehen und befürchtet hat. Die nationalsozialistische Welle stieg wieder mächtig an. Sie wird jetzt das preußische Parlament überfluten und die Regierung Braun—Severing, die Preußen zu der großen Ordnungszelle im Reiche machten, wegschwemmen. Was nun? Die Nationalsozialisten, die im preußischen Landtag bis jetzt mit neun Mandaten so ziemlich an letzter Stelle standen, rücken jetzt mit ihren 162 Stimmen in die vordersten Reihen ein. 162 nationalsozialistische Kehlen können mehrere tausend überschreien, und erst gar in diesem Parlamente, in dem die bürgerliche Mitte rechts und links vom Zentrum zu einem Nichts zusammengeschrumpft ist und auch der Sozialdemokratie die Führung aus der Hand gerissen ist! Aller Auge sind nun auf das Zentrum gerichtet, das seine Positionen nicht nur gehalten, sondern sogar mit gesteigerter Kraft (dazu werden die tausende jüdischer Stimmen beigetragen haben) aus den letzten Wahlen vorgegangen ist und heute mehr denn je als Schlüsselpartei den Ausschlag für den Kurs der preußischen, und im weiteren Sinne auch der deutschen Politik geben wird. Noch hat die sogenannte Harzburgfront von Hugenberg bis Hitler nicht die absolute Majorität, so daß ein Zusammengehen des Zentrums mit der Sozialdemokratie und den dezimierten demokratischen Mittelparteien zur Bekämpfung der zersetzenden Hitlerei denkbar wäre. Sollte aber, was wir selbstverständlich nicht wünschen und hoffen, im Zwange der Verhältnisse an eine Verständigung der klugen Zentrumsführer mit dem von allen Bischöfen abgelehnten Hakenkreuz gedacht werden, so muß man sich dabei, wie wir bereits ausführten, mit dem Gedanken trösten, daß in einer solchen Regierung dem Zentrum erst recht die Aufgabe erwachsen wird, nach Tradition und wiederholt gegebenem Versprechen, im Strudel der politischen Verworrenheiten, wie sie in allen anderen Ländern den nationalsozialistischen „Siegern" das Regieren unmöglich machten, das Gleichgewicht dem Staatsschiffe zu erhalten und das- Lanö vor dem Abgrund zu bewahren. Eine gleich nach den Wahlen veröffentlichte Kundgebung des Zentrums hält sich zwar den weg nach rechts und links offen, läßt aber nicht den geringsten Zweifel darüber zu, daß die Partei zu ihrem Worte steht und über Grundlagen der republikanischen Politik mit sich nicht reden noch paktieren läßt. Zu diesen Grundlagen gehört in erster Linie die Sicherheit von Person und Eigentum eines jeden Bürgers ohne Unterschied von Religion und Konfession, sein Anspruch auf unbeschränkten Rechtsschutz. An dem festen Willen des Zentrums, diese heiligen Güter der Menschheit, in der deutschen Geschichte mit Blut und Tränen errungen, unter allen Umständen zu hüten, werden alle Haß- und Rachepläne der von Sieg zu Sieg taumelnden Hakenkreuzzügler scheitern. Ankisemikismus in Frankreich. Der bekannte Parfümfabrikant und Multimilliönär Francois C o t y beschäftigt sich seit einigen Wochen in seinem leider viel gelesenen Organ L'ami du peuple damit, seinen gläubigen Lesern Schauergeschichten über die „jüdische Weltherrschaft" im Stile der „Weisen von Zion" aufzutischen. Belehrende Vergleiche. Von A. Mannheimer in Dettelbach. Vorbemerkung. — Ein Vergleich ist die Nebeneinanderstellung von zwei äußerlich verschiedenen Dingen oder Tatsachen, die aber eine innere Beziehung zueinander ausweisen. Je leichter und natürlicher sich diese innere Beziehung ergibt, desto treffender der Vergleich und desto wirkungsvoller. Logisch gesehen, geht der Vergleich vom Bekannten und somit Naheliegenden aus und stellt das Unbekannte, Fernliegende in Parallele. So dient. der Vergleich als Veranschaulichungsmittel. Von jeher bediente man sich dieses Mittels; tausendfach sind die Bilder nachzuweisen in der Bibel, insbesondere bei den Propheten, die in ihrer Bildersprache eher den Weg zum Herzen der breiten Massen zu finden hofften. Wenn der Psalmist ausruft: ns'i'v a'tiv nvir. Er spannt den Himmel gleich einem Teppich aus, oder P nwn fsa ,i'w T>xm «?m der Mensch — dem Grase gleich sind seine Tage, wie die Blume des Feldes verblüht er, so ist das von starker Wirkung. Wird in einer Parallele fortgesetzt Bild an Bild gereiht, um eine im Zusammenhang fließende Handlung oder Geschichte zu symbolisieren, so wird der Vergleich zur Allegorie, wie sie insbesondere im Midrasch oft zutage tritt. Hier fei auch an den bekannten Eleichnisredner Jakob Dubno, den Dubnoer Maggid, erinnert. Seine Gleichnisse zur Erklärung biblischer Terte und talmudischer bezw. midraschischec Stellen sind bekannt und waren im Volke sehr beliebt. Jesajas Gleichnis vom Weinberge, an den man Kraft und Mühe gewandt und der doch nur Herlinge brachte, spiegelt Israels Undankbarkeit trefstich wieder. (Jesaja 5) — Und wie fein eingefädelt war des Propheten Natan Erzählung vom reichen Mann, der des Armen einziges, geliebtes Schäfchen wegnahm, wodurch König David über sich selbst das harte Urteil sprach bei der Sünde gegen Urijaha. Wie wuchtig und niederschmetternd wirkten dann aus des Propheten Mund die Worte: „Der Mann bist du!" Vergleiche wirken eben stärker und überzeugender als dies oft sonstige längere Darlegungen vermöchten. Familie Gerson Mayer empfängt den Besuch der ihr befreundeten Familie Hermann Cohn. Man spricht von allem möglichen, die Unterhaltung ist in bestem Fluß die Zeit geht rasch dahin. Da stürmte das neunlahrige Söhnchen Cohns ins Zimmer herein, die Türe weit aufreißend. Ohne einen Gruß zu bieten, eilt er auf die Eltern zu, richtet ihnen in hastiger Sprache Verschiedenes aus und verläßt dann ebenso rücksichtslos das Zimmer, die Türe kräftig hinter sich zuschlagend. Die schamroten Eltern stammeln Entschuldigungen. Zu Hause aber wird der Junge ob seines Verhalten scharf ins Gebet genommen und ihm eingeprägt, was gute Sitte und Anstand beim Betreten und Verlassen eines fremden Heims verlangen. Ist nicht unser Gt'teshaus auch eine Stätte, die man mit Würde und Anstand betreten und verlassen sollte? Was aber sehen wir oft statt dessen? Man tritt ein ohne Gruß des Heiligtums, vielleicht noch laut im Gespräch mit dem Freunde begriffen oder lachend und scherzend. Der Weggang entspricht dem Eintritt. Schon vor dem eigentlichen Ende des G'ttesdienstes Geplauder. Verlassen seines Platzes, Hinausgehen ohne Form und Rücksicht, vielleicht noch kräftiges Zuschlägen der Türe. Solches Gebühren ist gewiß schon vom allgemein menschlichen Standpunkt aus unbegreiflich und tadelnswert. Man weiß nicht, daß unsere.Altvordern eigens Gebete für Eintritt und Verlassen des wa uns reichten, ja, es wäre zu verwundern, wenn sie solches nicht getan hätten. Wer kennt nicht das i'>nrr iaiv na. wie es am Anfang jedes Gebetbuches steht? Es ist ein würdiger Gruß des Heiligtums, eine würdige. Sammlung des Geistes zum Gebet. Man wende das Angesicht dabei zur heiligen Lade, verbeuge sich dreimal, gehe gemessenen Schrittes an seinen Platz. Beim Weggehen wieder langsam gehen, womöglich bei dem Verse ns ans’ iav-> ’jntfb iin t=rp>’nx *;« noch einen Moment Platz nehmen und unter nochmaliger Verbeugung zum Mlerheiligsten das Beihaus verlassen, die Türe küssend. Braucht sich die „Judenschul" ihrer alten Formen zu schämen? Wo wahrer rnm-Geist, da *]Ti. 2. Im Städtchen K. ist Feststimmung. Ein Krankenhaus soll eingerichtet werden, das Kommerzienrat B. der Stadt stiftete. Fahnen, Guirlanden, Musik geben den äußeren Rahmen des Festes. Ein tüchtiger Redner wird vorgeschickt, den Edelmut, die Hochherzigkeit des Stifters zu preisen, ihn als. wahre Wohtäter zu feiern.- In einem Hoch auf den Stifter klingt die Rede aus. Aber siehe da — keiner reagierte auf die Aufforderung zum Hochruf. Peinliche Stille, peinliche Verlegenheit, peinliches Erröten des Redners. Die Feier ist in eine Blamage ausgelaufen. Der jüdische Gemeindeg'ttesdienst ist aus der Wechselbeziehung zwischen Vorbeter und Versammlung gegründet.

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