Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 46 (10.11.1932)
- Date
- 1932-11-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. - (Fortsetzung.) In die vorderen Reihen gehörten schließlich auch noch andere Männer, die in den weitaus meisten Fällen weniger Bosheit und Spottsucht, als vielmehr Liebe und Achtung mit Spitz- oder Kosenamen nach Wesen, Charakter und Eigenart gezeichnet hatten. So der treffliche Beer Faß, den die Gasse wegen seiner sehr rundlichen Gestalt einfach das „Bierfaß" nannte. Dem „Schnappermohl" neben ihm wurde dieser Raine gewiß nicht als Schimpf auferlegt, denn es war der vielverehrte Levi Schnapper, der bewährteste und meistbefchäftigte Klohel in der Gemeinde. Dieser Beruf in Verbindung mit dem Familiennamen ergab den „Schnappermohl". Mosche Trier dankte seinen Namen „der Dreicrmosche" den „Wochengehern" in der Gasse, die jeden Freitag von Tür zu Tür um ihr Almosen gingen. Er pflegte jedem einen Dreier zu geben, nicht mehr und nicht weniger, darum war er nicht der Trier, sondern der „Dreier" — der Dreiermosche. . Als zum Schluß nochIoneSichel („OhneSechel" sagte die Gasse, wenn ihr eine Anregung Sichels im Vorstande nicht paßte) sich durch die Reihen an seinen Platz schob, von den anderen leise mit „Bald Zeit!" begrüßt, waren die „vornehmen Bänke" hüben und drüben komplett besetzt. Auf der linken Seite stand nur ein wenig hinter dem Oberrabbiner Rabbi Abraham, Iossef Triw e s, dessen Name von der Spottsucht unberührt blieb. Cr hatte auf seinem Ständer vor sich ein foliantengroßes, handgeschriebenes Pergamentgebetbuch in Holzeinband mit Klesstngfpangen aufgeschlagen. Sein Auge war an eines der Blätter gebannt. Aber erstand unbeweglich, seine Stimme war unhörbar. Rabbi Iossef Triwes hätte man für stumm halten können, wenn nicht Sabbat für Sabbat und Festtag für Festtag feine nicht allzustarke, aber volle und goldreine Stimme fast mit dem sprechenden und weinenden Schmelz einer alten Violine sich in die Herzen aller geschlichen hätte, um sie aufzuwühlen und all das aus ihnen herauszuholen, was in ihren dunkelsten Kammern an verhaltener Andacht, an Weihe, an Sehnsucht und Sorge, an Angst und Freude, ihnen selbst unbewußt, saß. Iossef Triwes, der Ehasan der Gemeinde, pflegte nämlich, außer wenn er am vorbeterpult für seine Gemeinde vor seinem G'tte stand, nicht den Wund aufzutun, kein Wort über seine Lippen zu bringen. Er zeigte Freundlichkeit und Höflichkeit nur durch verbindliches Lächeln, stummes Ricken, mit Alle? nen und Gesten, wenns hoch kam, durch bewegten Händedruck. Cr war ein Sänger G'ttes, und fein Instrument, fein Sprechorgan, dem Heiligen geweiht, war ihm eben zu heilig, zu wertvoll, um es zu profanen Zwecken zu mißbrauchen. Im übrigen sagte man diesem Rabbi Joffes Triwes nach, daß er ein Heiliger fei, einer der „Sechsllnööreißig", daß er sich nächtlicherweife mit der Kabbalah befasse, aber nur insgeheim, so ganz für sich, dieweil man in Frankfurt von solchen Dingen nicht gern sprach. Cr höre, so sagte man, die Cngel in den Sphären mit dem Sonnenaufgänge singen und lerne ihre Weisen, um sie seiner Gemeinde vorzusingen ... Obwohl er in der Schul gar keine anderen Melodien anstimmen durfte, als die feit Jahrhunderten üblichen und gegebenen; obwohl in der von ihm selbst auf Pergament geschriebenen Gebeteorönung sich kein Gebet kabbalistischen Inhalts befand, selbst die Cngelnamen in den Schofargebeten fehlten. Cs war eben die eigene Art und Kraft dieses Mannes und Sängers, daß man aus seinen nicht gesprochenen Worten so vieles heraushörte, hinter den von ihm gesungenen Melodien mit feinem Ohre noch andere, noch schönere und höhere Sänge und Klänge zu vernehmen glaubte . . . Draußen verdunkelte sich die Crde unvermittelt, obwohl die Sonne noch hoch am Himmel stehen mußte, vom Westen her eilten die rissigen Wolkenmassen herbei und übergossen den Himmel mit flüssigem Blei. Ueber die Bleidecke zog ein geheimer Pinsel, wie aus einem Pechtopf, schwarze Striche und unförmliche Kleckse, ungleichmäßig über den Horizont verteilt. Ganz im Westen sank mählich die Sonne hinter der dunkelgrauen Decke, die helle Lücken und Löcher hatte. Diese wurden von Riesenhand in fliegender Eile geflickt, und der Schleier zog sich immer dicker und dichter zusammen. Ein Wind kam zugleich von oben und von unten, die beiden Winde prallten mächtig aufeinander, fielen wild übereinander her und ließen im harten Ringen gewaltige Staub- und Sandwolken im Schulhofe aufwirbeln. Cs klatschten die ersten Tropfen und es krachte der Donner unter Flammen aus gespaltenem Himmel. Die spielenden Kinder liefen, wie die verängstigten Vögel, ungestüm in die Schul. Die letzten Beter jagten eiligen Schrittes über den Hof. Drinnen in der Schul funkelten jetzt, da nächtliches Dunkel durch die hohen farbigen Fenster starrte, die Lichter wie Sterne in der Nacht. Zwischen ihnen auf dem Almemor stand Iokew Schammes, -ganz klein jetzt, in stch zusammcngckauert, der kleine Kleister hinter seinem großen, ewigen Werke . . . Seine Rechte lag gespreizt auf dem Pult, bereit, mit Aufschlag das Signal zum Beginn des G'ttesdienstes zu geben. Hinter der Rabbinerreihe den ersten Platz nahm Schmuel S o f e r f der Thoraschreibcr der Gemeinde, ein. Ts war ein großgewachsener, breitschultriger Wann, mit Hellem schönem Gesicht in vollem, rabenschwarzem Bartrahmen. Klan achtete in der Gemeinde diesen Thoraschreiber wie einen Funktionärheiliger Handlungen, auch wegen seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit, nicht zuletzt aber auch seiner imposanten und angenehmen Erscheinung halber, sehr hoch. Wie Iokew Schammes Herr der Lichter, Iossef Triwes Herr der Gesänge war, so war Rabbi Schmuel Sofer Herr der T h o r a r o l l e n im heiligen Schrein. Cr hatte über ihre Reinheit und Unversehrtheit zu wachen, sic aufznrollcn, auszubesscr-n und instand zu setzen, wo es nottat. Zudem schrieb er Jahr für Jahr im Aufträge der Gemeinde oder von privaten neue T h o r a r o l l e n. Wiewohl er oft ganze Tage, in Talith gehüllt wie beim G'ttesdienste, daheim tief über die Pergamente gebeugt faß, blieb feine Gestalt, wenn er sich am Sabbat oder zu den Gebetzeiten an Wochentagen auf der Straße zeigte, so gerade und in ihrer sauberen Gewandung so fürstlich aufgerichtet, daß ihm jeder nachschauen mußte. Alle Welt kannte die Sorgen, die Rabbi Schmuel und seine treffliche, fromme R e i s e l bedrückten, sowie das große Glück, das sie feit den letzten Klonaten entzückte. Zwei Jahrzehnte war der Che der Kindersegen versagt. Klan wußte, wie die Eheleute in Gebet, Fasten und Wohltun die Geister der großen Ahnen — Rabbi Schmuel Krakauer von seiner und Rabbi Schmuel Schotten von ihrer Seite — anriefen. Klan wußte in der Gasse, daß im letzten Winter Rabbi Schmuel mit dem.Schreiben einer Thorarolle aus eigenen Mitteln für die Schul begann, weil ihm sowohl der Oberrabbiner, Rabbi Abraham,'wie Rabbi Iossef Triwes, der Chafan, dazu rieten. Klan wußte, obwohl sie es keinem erzählten, daß an jenen: Wintertage, da er das Kapitel im ersten Buche zu schreiben hatte, wie G'kt Sarah bedachte, er, der Sofer, wie seine Frau Reisel von Abend bis Abend fasteten und beteten. Alan wußte noch mehr, freute -stch seines Glückes und ahnte vielleicht, warum Rabbi Schmuel Sofer jetzt, gerade jetzt, noch lange vor Beginn des G'ttesdienstes, ganz vom Gebete ausgefüllt war. Cr hatte wohl fein eigenes Gebet in dieser Stunde, Angegeben von Hoffnung und Glück, von nahendcr Crfüllung. Als der erste Blitzstrahl durch das . Fenster leuchtete, schrak er zusammen, sah wie aus einem tiefen Traume auf, dann aber bewegten sich feine Lippen weiter und weiter. Endlich schlug Iokew Schammes mit der flachen Hand auf das Pult, just im Klomente, als Rabbi Abraham, der Oberrabbiner, halblaut, etwas brummig das Kapitel des „Räuchorwerkos" zu Cndo gelesen hatte. Der Geiger-Salme fing mit dünner, seiner Fistelstimme „Aschre" an. „Heil denen, die in deinem Hause weilen!" Im Beten schritt er langsam, den Gebetmantel über die Schultern gezogen, ans vorbeterpult, auf dessen oberem Rande dicke Wachskerzen brannten. Stille in der stehenden, sich leicht bewegenden Gemeinde, und in die Stille lärmte zweimal in größeren Abständen der Donner hinein. Ein verspäteter Beter stürzte atemlos in die Schul, wie von Wind und Fluten ins Haus gefegt. Der Sturm jagte ihn durch die jäh aufgerissene Türe und riß auf der Gegenseite ein Fenster auf. Cine Regendusche prasselte hinein, und an einer Stelle erlosch ein Licht. Iokew Schammes warf dem Nachzügler einen wütenden Blick zu, als hätte er mit roher Hand ein Leben ausgelöscht. Seine Lichter, die er der Gemeinde, dem Sabbat entzündet hatte . . . Kommt davon, daß die Leute nicht genug haben können vom Wochentag. Schul und Schabbos können warten. Reue Zeiten! . . . Der Nachzügler postierte sich beschämt und schuldbewußt in der hintersten Bank, vom volksmunde „ plcitcbank " genannt. Aeltcrc Mitglieder erinnerten sich noch, wie diese Bank für Leute üblen Rufes, auch solche, die in nachweislich böswilliger Weife ihre S ch ü l'd e n z a h l u n g einstellten, oder Ladung und Entscheidung des Besdin nicht folgten, bestimmt war. Aus dieser degradierenden Reihe wurde dainals keiner zur Thora aufgerufen oder mit sonstigen Chrenfunktionm betraut. Die neue Zeit hatte den Pranger abgeschafft und die Bank blieb für Spätlinge, die zu ihrem Platze nicht mehr gelangen konnten, namenlose Wanderarme und sonst niederes Volk reserviert. Aus dieser Reihe kamen heute noch keine Steuern ein ... Zu dieser Stunde war die Bank von „Turn und Taxis" besetzt, den zwei Briefträgern der Gemeinde, denen die Gasse ihres Berufes wegen diese klingenden Rainen gegeben, obwohl sie in Wahrheit A r o n und Tobias hießen. Klan sagte von ihnen, sie nähmen es mit manchem Brauche nicht mehr so genau, versäumten auch mehr denn einmal die Schul. Das machte vielleicht ihr Verkehr mit Richtjuden und Beamten. Waren ja selber Beamte und hatten ihre eigenen bunten Klützen mit Schärpe um den blauen Rock mit den Klessingknöpfen, der dem des König Ach a f ch w e r o s ch im Purimspiele der Gasse nicht ganz unähnlich sah. Heute aber war Sabbat, Sabbat Schuwoh, und „Turn" und „Taxis" waren -in ihren Sabbatkleidern Juden unter Juden. Zu ihnen stellte sich der Neuankömmling. Aber kaum hatte ihn Iokew Schammes näher erkannt, als sich sein Groll völlig legte. Klit freundlichem Zunicken lud er ihn ein, weiter vorzukommcn. Cs war ja der angesehene I e ch i e l, der G e m e i n d c a r z t, dessen Zuspätkommen gewiß seinen triftigen Grund hatte. . . Als letzter trat Rabbi Abraham unter tiefen Verbeugungen die „drei Schritte" zurück. Diese leisen Schritte lösten ein Instrument in der dünnen Kehle des Geiger-Salme aus, daß es darin zu orgeln begann. Daß zuweilen der Donner mit Getöse mittendrin seine Schnörkel übertönte, ärgerte ihn sichtlich. Cr hätte zurechtweisenö „Ch!" rufen können,' wäre nicht die ungebührliche Störung von oben, von höherer Stelle, gekommen. Der Geiger-Salme war fertig, aber er blieb noch eine Weile am Gmud. Klan konnte nie wissen. Rabbi Iossef Triwes konnte heiser oder unpäßlich sein . . . Cs war ja zwischen Fest und Fest .... Klan sah, wie schwer ihm der Abschied von dieser Stelle fiel. Da aber von der Ccke her, wo Rabbi Iossef Triwes stand, ein Räuspern und leises Hüsteln kam. war das ein Zeichen, daß er, der bestellte und berufene Chafan,'die eigentlichen Sabbatgebete zu verrichten gedenke. Rabbi Triwes schritt gesenkten Hauptes zum Vorbeterpulte und sah nicht, mit welch bösen, beinahe feindlichen Augen ihm Salme den Platz räumte. Sei-