Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 46 (10.11.1932)
- Date
- 1932-11-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 46 Der Israelit 10. November 1932 berücksichtigt werden. Die derzeitige Vodengesstzgebung diene der jüdischen Vodenentwicklung nicht. In der ®in; Wanderungspolitik sei eine Besserung zu konstatieren, doch müßten die Einwanderungsgesetze noch milder gehandhabt werden. Auch die öffentliche Sicherheit im Lande habe sich wesentlich gebessert, zu beklagen sei aber, daß der Prozentsatz der.Juden in der Verwaltung und bei der Polizei ein sehr geringer ist. Die Situation in Trans j o r d a n i e n sei-für die Juden nicht befriedigend, sowohl in Bezug aus die Gleichheit wie auf die Sicherheit. Weiter wird größerer Zuschuß für das Schulwesen gewünscht. Zum Schluß wird noch darauf hingewiesen, daß Palästina am wenigsten von der Weltkrisis erfaßt ist, woraus sich neue Möglichkeiten zur landwirtschaftlichen und kulturellen Hebung des Landes ergeben. Spaltung im holländischen Misrachi. Amsterdam, 6. Nov. Die Delegiertenversammlung des holländischen Misrachi lehnte mit 25 gegen 21 Stimmen den Antrag der Exekutive, aus dem Weltmisrachi auszuscheiden, ab. Nach der Abstimmung traten die Mitglieder der Exekutive, die Misrachi-Leitungen in Amsterdam und im Haag und eine größere Zahl Delegierter aus dem holländischen Misrachi aus und bildeten eine Unabhängige Misrachi-Partei unter dem Vorsitz von Z. Mossel. Die Rumpftagung des Misrachi wählte ihrerseits eine neue Exekutive unter dem provisorischen Vorsitz von More B. de Vries in Amsterdam. holländische Juden für die jüdischen Notleidenden in Deutschland und in Osteuropa. Amsterdam, 1. Nov. Die Gesellschaft „Israel", die holländisch-jüdische Zentralorganisatkon für Hilfe an notleidende Juden im Ausland, hat eine Winter-Kampagne zur Aufbringung von Mitteln zugunsten bedürftiger Juden in Deutschland und den osteuropäischen Ländern eingeleitet. Dabei ist die wirtschaftliche Lage der holländischen Juden auch nicht sehr günstig. Wohl hat sich die Zahl der Arbeitslosen in der Amsterdamer Diamanten-Jndustrie, die zu einem großen Teil jüdische Domäne ist, infolge der Durchführung des Arbeitsbeschaffungsprogramms vermindert, aber die Zukunft dieser Industrie bleibt weiter im Dunkeln. Der Präsident des holländischen Diamantenarbeiterverbandes, Senator Henri Polak, äußerte sich sehr pessimistisch hinsichtlich der Aussichten dieser Industrie. Hörigkeit erlangen, was zur Folge hätte, daß sie der wenn er bestehen soll, und der Zusammenbruch des Steuerzahlers bedeutet Schaden für den Staat." Noch Herrschaft des Sultans und der moslemrtischen Gesetzgebung entzogen werden. Als besonders hart empfinden es die Juden Tunesiens, daß sie der arabischen Gerichts barkeit unterworfen sind. Mehrere Juden, die während der letzten antijüdischen Unruhen in Tunesien an der Selbstverteidigung teilnahmen, wurden von arabischen Gerichten zu harten Gefängnisstrafen verurteilt. Polen. Zentralratssitzung des polnischen Rabbinerverbandes. Warf ch a u, 8. Nov Am Mittwoch trat die Agudas Harabbonim zu einer Sitzung zusammen, an der die rabbinischen Mitglieder aus allen größeren Gemeinden teilnahmen. Auf Anregung des Präsidenten des Rabbinischen Rates der Agudas Jisroel wurde beschlossen, einen Aufruf an die jüdische Oeffentlichkeit zu erlassen, in dem auf die vielen Winkelrabbiner, die ohne jegliche Berechtigung Trauungen und Ehescheidungen vornehmen, warnend hingewiesen wird. Es wird von der Agudas Harabbonim -no'Kai cnna untersagt, solche rabbimsche Handlungen in Ehesachen ohne Wissen und Genehmigung des zuständigen Ortsrabüiners vorzunehmen oder jemand anzutragen. Es soll auch eine Verbilligung der Gebühren für Trauungen eintreten. Ferner sollen die Zentralen für Beth Jakow- Schulen und für Wohlfahrt unterstützt werden. Alle jüdischen Deputierten, unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit werden verpflichtet, gegen das Gesetz zur Einführung der Zwangssonntagsruhe einzutreten. Eine große Aktion zur Hebung der Sabbatruh e, des K a s ch r u s und aller anderen religiösen Belange ’ott eingeleitet werden. Aus der Mitte der Agudas Harabbonim werden Mitglieder zur Durchführung dieser Aktionen delegiert. Frankreich. Die antisemitischen Unruhen in Tunesien. Paris, 5. Nov. Die französische Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus hielt in Paris eine Kundgebung ab, die sehr stark besucht war und in der gegen die Duldung der antisemitischen Hetze in Tunesien seitens der französischen Zivilbehörden scharf protestiert wurde. Bernard Lecache, der Vorsitzende der Liga, schilderte den Verlauf der antisemitischen Unruhen, die eine Folge der Hetze arabischer Agitatoren aus Palästina waren und wandte sich auch gegen die Ausführungen des Ministerpräsidenten Herriot, Ehrenpräsidenten der Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus, die dieser in einem Schreiben an die Liga gemacht hat. Herriot, sagte Lecache, hatte keinen Anlaß, die Liga aufzusordern, ihren Einfluß bei den Juden in Tunis dahin geltend zu machen, daß jede Unklugheit, die fälschlich als gegen die Moslem-Religion gerichtet gedeutet werden könnte, vermieden werde. Herriot mußte wissen, datz die Juden Tunesiens niemals etwas getan haben, das die Gefühle der Moslems hätte verletzen können. Jetzt aber müsse die französische Regierung die energischsten Maßnahmen ergreifen, um antijüdische Unruhen in Tunesien nicht mehr zum Ausbruch kommen zu lassen. Die Juden Marokkos sollen der arabischen Gerichtsbarkeit entzogen werden. Paris, 5. Nov. Wie die ITA. erfährt, beabsichtigt die französische Regierung eine durchgreifende Aenderung im Status der Juden ganz Marokkos platzgreifen zu lassen. Wie in Algerien so soll auch in Tunis eine Aktionär Französterung des jüdischen Elements durchgeführt werden. Die Juden sollen in Massen die französische Staatszuge- Fortschritte in der Umschichtung der polnischen Judenheit. Warschau, 7. Nov. Einem interessanten Berichte, den der Korrespondent des Londoner „Jewish Chronicle" seinem Blatte über die Entwicklung der polnischen Judenheit im abgelaufenen Jahre erstattet, entnehmen wir die bisher nicht allgemein bekannte Tatsache, daß der Uebergang der polnischen Juden in die Landwirtschaft in diesem Jahre bemerkenswerte Fortschritte gemacht hat. Ein Jahr vorher waren ungefähr 4000 jüdische Familien in Polen in der Landwirtschaft tätig. Jetzt sind es über 6000. Die Ziffer mag an sich nicht imposant ausfehen, aber in Polen ist die Tatsache, daß wiederum 2000 jüdische Familien, ü. h. also ungefähr 6—7000 jüdische Seelen, ihren Weg aufs Land gefunden haben und damit doch immerhin dem langsamen Hungertode in den Städten zu entgehen Aussicht schlimmer als das Steuersystem selbst ist Hessen rigorose Handhabung durch die Behörden und Beamten. Hierbei, werden sogar Methoden angewandt, die gegen die Bestimmungen des Gesetzes sind. Während es strengstens untersagt ist, Eintreibungen am Sonntag vorzunehmen, geschieht das bei Juden am S a bb a t und an Feiertagen sogar mit Vorliebe. Selbst am. J o m Kippur drangen Finanzbeamte in Häuser, deren Bewohner sich beim Gebete in der Synagoge befanden, um dort den Hausrat zu pfänden oder fortzuschaffen. Redner appelliert an den Finanzminister in dieser Angelegenheit. Mit einer erstaunlichen Summe von Kenntnissen der Materie bespricht Oberrabbner Lewin alle Schäden des Monopolgesetzes und seine Gefahren für den Handel, diswiederum in erster Rethe den kleinen, jüdischen Händler treffen. Man darf hoffen, daß diese ruhige, aber in der Sache scharfe Auseinandersetzung nicht ohne Wirkung bleibt. Eine orthodoxe Handwerkerkooperativgenossenschaft. Lodz, 1. Nov. Die Stadt Lodz, die vor 8—10 Jahren noch an der Spitze der orthodoxen Bewegung in unserem Lande stand, ist in den letzten Jahren hinsichtlich ihrer Aktivität aus religiösem und sozialem Gebiete hinter den kleineren Städten in der Provinz einigermaßen zurückgeblieben. Auch die Lodzer Agudas Jisroel, die früher in wunderbarer Blüte stand, ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Um so erfreulicher ist die Nachricht, daß nunmehr einige Lodzer orthodoxe Persönlichkeiten ein soziales Werk ergriffen haben, das der Lage der jüdischen Massen in Polen zugute kommen soll. Die letzte Krise hat im ökonomischen Leben einen vollkommenen Umsturz heraufbeschworen. Der Mittelstand, vor allen Dingen der kaufmännische, ist verarmt. Größere, mittlere und kleinere Firmen sind zugrunde gegangen. Die ganze Vermittlertätigkeit innerhalb der Writschaft wird immer mehv ausgeschaltet, was dem Ruin speziell des orthodoxen Mittelstandes gleich kommt. Um so stärker ist die Abwanderung aus dem übersetzten Handel und seinen Hilfsgewerben in das Handwerk. Tausende orthodoxe junge Leuteaus guten Familien, die früher mit einer gewissen Geringchätzung aus den Handwerkerstand herabgeblickt hatten, haben sich handwerklicher Arbeit gewidmet. Gewöhnlich haben diese Leute eine oder einige kleine Maschinen und arbeiten auf eigene Rechnung, kaufen den Rohstoff sebev ein und widmen sich dann auch selbst dem Verkauf dev 'abrizierten Ware. Es fehlt nun aber an einer Kredittütze, um diesen Kreisen zu Hilfe zu kommen. Aus Mangel an Geld wird dieser kleine Handwerker schon beim Einkauf des Rohstoffes benachteiligt, weil er nicht an dieersten Quellen gehen kann und beim Verkauf steht ev wiederum in Gefahr, von kleinen Händlern ausgenutzb zu werden, nur um rasch zu seinem Gelde zu kommen. haben, von äußerster Bedeutung. Allerdings ist ein.Teil dl-ftr Familien In den Stadien wahnen g-b,leben und g0 i(,n, >r sich schon kleine »Irdienst'auf beiden h°b°n einstweilen nur vorst-wtlsq-- Selände gekauft Seiten fo ftar( 6eM)11itten, 4a6 nichts übrig bleibt. Um oder gepachtet. Aber der größte Teil ist doch wirklich aufs Land abgewandert und wird dort wohl auch bleiben. Die Zahl der rein jüdischen Dörfer im östlichen und mittleren Polen hat sich im abgelaufenen Jahre von 45 auf 70 vermehrt. Sie liegen hauptsächlich in der Gegend von Wilna, Brahawice, Grodno, Bialystok, Rowna und Brest-Litowsk. Auch in den Lebensbedingungen dieser jüdischen Bauern soll sich ein bemerkenswerter Fortschritt vollzogen haben. Eine große Sejmrede von Gberrabbiner Lewin. Warschau, 8. Nov. In einer vielbeachteten Rede des Dep. Oberrabbiner Ahron L e w i n wurde der ganze Komplex der Juöensrage und der jüdischen Lage in Polen aufgerollt. Redner schildert die allgemeine Not in Polen und geht dann auf die besondere spezifische Not der Juden ein, bedingt durch Gesetze, die zwar nicht als Ausnahmegesetze gedacht sind, sich aber als solche auswirken. So das S t e u e r s y st e m, das schwer auf den Handel- und Gewerbetreibenden, fast durchwegs Juden, lastet und unzählige kleinere und größere Kaufleute an den Ruin gebracht hat. Ein schönes Wort fiel dabei, das in der gesamten polnischen Presse wiedergegeben und kommentiert wird: „Das Verhältnis des Staates zum Steuerzahler darf nicht das des Gläubigers zum Schuldner sein. Der Gläubiger denkt nur daran, sein Geld zu bekommen, ohne sich weiter um das Schicksal des Schuldners zu kümmern. Der Staat braucht daran sein Geld zu bekommen, ohne sich weiter um das hier helfend einzugreifen, ist von den erwähnten Persönlichkeiten, die über einiges Kapital verfügen, eine Kooperative für Handwerker gegründet worden, bei der 25 Handwerker aus 5 verschiedenen Handwerkszweigen und 25 Kapitalisten Zusammenwirken. Das Kapital ist vorläufig Zl. 50.000. Die Rohstoffe werden gemeinsam eingekauft und für den Verkauf wird ein gemeinsames Geschäft errichtet. Man hofft, daß die Kooperative prosperieren und den Anlaß geben wird zu einer Folge ähnlicher Gründungen, die dann allmählich große Bedeutung für die Linderung der furchtbaren Wirtschaftskrisis, unter der insbesondere der orthodoxe Mittelstand leidet, bieten könnte. Rumänien. Kongreß der jüdischen Gemeinden Altrumäniens. Bukarest, 6. Nov. Der Kongreß der Jüdischen Gemeinden Altrumäniens hat seine Arbeiten nach dreitägiger Tagungsdauer abgeschlossen. Das ihm vorgelegte von Dr. W. Fild ermann entworfene Projekt von Durchführungsbestimmungen zum Kultusgesetz wurde mit unwesentlichen Abänderungen angenommen. Als zentrale Organe des gesamten jüdischen Kultus sind vorgesehen: der Generalkongreß, bestehend aus den Delegierten der Einzelverbände und der rabbinischen Räte bei diesen Verbänden, und der Zentralrat, bestehend aus dem Repräsentanten des jüdischen Kultus im Senat, den Präsidenten der drei