Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 46 (10.11.1932)
- Date
- 1932-11-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 46 üder 28 Jahre altbewihrtes Hausunb EinrerbemkU rl bei Rheuma, ISchios, Kc Pf-, >»' Nerven u. Erkültungsschmerzeu «A Ermüdung, Strapazen, Sport. » Karmelitergeist Amol ■ , in allen Apotheken und Drogerien. I saaasaaBBaaBaaBBSBaBaa „Entschuldigungen" —r doch zahlreiche psychologisch wichtige Gründe, die uns direkt warnen sollten. Ich habe in meiner aktiven Tätigkeit innerhalb der jüdischen Jugendarbeit Deutschlands da recht bedenkliche Entwicklungen feststellen müssen. Die seelische Verfassung unsrer jungjüdischen Rienschen ist (wenn man von, ganz bestimmten Kreisen, die sich um eine gefestigte, gesetzestreue Gesinnung gruppieren, absteht . . .) geradezu katastrophal. Man übersieht, daß zumeist die Not der Arbeitslosigkeit bereits längere Zeit den jungen Menschen (und hier ist die jüdische Einstellung von besonderer psychologischer Bedeutung!) zermürbt, und in vielen Fällen schon mutlos gemacht hat. Man „erwartet" nichts mehr. Man lätzt sich und sein Schicksal treiben. Man hat jedes Vertrauen verloren. Man riskiert nicht inehr ein Bewerbungsschreiben. Man muff sich einmal mit dem Gros dieser völlig „entwurzelten" Existenzen ganz privat aussprechen, — und man wird über das Ausmaß der Enttäuschungen erschrecken. Zudem unterschätzt man (ich glaube gerade in den orthodoxen Reihen, die von ihrer Festigkeit leicht aus andere, weite jüdische Kreise zu schließen gewohnt sind!) die indessen erngerissene jüdisch-kommunistische Verwüstung innerhalb der jungjüdischen, beschäftigungslosen Masse. Hinzu kommt eine (ebenfalls nicht zu unterschätzende!) Aktivität katholischer Misstonstätigkeit! Das sind leider keine Rebertreibungen. In dieser Verwüstung sehe ich nicht zuletzt auch die Schuld derer, die seit langem hätten laut und eindringlich reden müssen, und die trotzdem geschwiegen haben. Run ist es unendlich schwer, gutzumachen. Cs wird eine sehr lange jüdische Erziehungsarbeit nötig sein, über viele Mißerfolge und Illusionen wird man hinweggehen müssen, — und trotzdem wird man, vor allem im Lager der gesetzestreuen Führerschaft, sich dieser Pflicht eines grundlegenden Reu-Aufbauens nicht entziehen dürfen. Denn von anderen Lagern allein ist gewiß nicht alles Heil mehr zu erhoffen, Man muß die Situation unsrer jüdischen Angestelltenschaft erst mal grünölichst zu begreifen suchen, und zwar ausgehend von den seelischen Schäden dieser Krise. Gewiß muß da eine bestimmte Initiative des Begreifens vonseiten der Unternehmer ausgehen, doch auch vonseiten der religiösen Führer. Inwieweit hier überhaupt eine „jüdische Aktion" zu arrangieren sein wird, und in welchem Umfang gerade die gesetzestreuen Führer ihren besonderen Beitrag in dieser Aktion organisieren werden müssen, — das sind Fragen, die wert sind, schleunigst und eingehend überlegt zu werden. In bestimmtem Sinne dürfte man sich die katholischen Aktionen, die das Gebiet des Aufbauens seelischer Trümmer angehen, zum Vorbild nehmen können. Ich nehme die Angestelltenschaft aber nicht in „Schutz". Jede Einseitigkeit liegt mir fern. Ich kenne die Tatsachen einer unzeitgemäßen „Chuzpe", mit der viele unsrer jungen Leute sich jede Anstellung erschweren. Ich weiß, daß der unsinnige „Zug nach der Großstadt" viele unsrer jungen Leute lieber hungern und verelenden läßt, als daß sie mit Freude und Interesse ihren Wirkungsbereich in der Kleinstadt aufsuchen. Gerade unter den jüdischen Akademikern grassiert diese Sucht. Aber es ist gefährlich, — und wohl auch nicht im Sinn unsrer Thora! — wegen aller möglichen Ausartungen selbst bloß einen einzigen unsrer fähigen und bereiten jungen Menschen einfach preiszugeben. Das ist ähnlich der Gesinnung zahlreicher Juden, die keine Zedokoh den Armen gegenüber ausüben unter dem vcrwand, es seien „zumeist" Schwindler darunter! wie dem auch sei und welche schlechten Erfahrungen auch gemacht werden, — die Initiative muß erfolgen seitens der Unternehmer! Hier liegt ja letzten Endes auch die Kraft, überhaupt noch den willen zur Hilfe und zur Rettung anzukurbeln. Cs gilt, einer seelisch durcheinander gekommenen und verwirrten Jugend wieder Mul zum Leben und zur Bejahung zu geben. ._ Der Israelit Des weiteren glaube ich, daß noch nicht alle.Möglichkeiten zur Unterbringung jüdischer Menscheix erschöpft sind.. Man mache nur eine Statistik) wifviel nichtjüöisches Personal; noch in den jüdischenFGemeindesekretariaien-beschäftigt wird! ' SeltsamF'däß immer gerade jüdische Kreise an dem jüdischen Personal Anlaß zu Beanstandungen herausfinden, — und daß man von christlichen Arbeitgebern sehr oft das Lob über die Zuverlässigkeit jüdischer Angestellter (auch der Büros und der Sekretariate) singen hört! Möglicherweise muß auch hierbei der jüdischen Unternehmerschaft die jüdische Erkenntnis werden, daß die Beschäftigung jüdischer junger Leute nicht einer antisemitischen Zeitgesinnung und einer Opposition gegen den judenfeindlichen Boykott zu entspringen hat, sondern ausschließlich der jüdischen Pflichterfüllung! Das dürfte ebenfalls erzieherisch-jüdisch auf die Angestellten zurückwicken. Au 2.: Das von Ihnen gebrachte traurige Lodzcr Beispiel hat unzählige parallelen in Deutschland. Bloß hier in Deutschland wirken derartige Methoden noch viel zerstörender, weil unser jüdischer Kern an sich nicht so widerstandsfähig ist. Mir selbst sind solche Fälle bekannt, — und deren verheerende Wirkungen auf junge Juden. „Fromme" jüdische üaufleute assoziieren sich, das Geschäft bleibt am Sabbat offen, der jüdische Inhaber bleibt aber fern, lieft den „Israelit" und feiert Schabbos, — und nimmt kein jüdisches Personal: er kann Ja am Sabbat keine Juden arbeiten lassen! Aehnliche Fälle gibt es bei jüdischen Rechtsanwälten, die mit Richtjuden assoziiert sind. Man muß dann mal die verbitterten jüdischen, stellungslosen Menschen reden hören, wenn sie eine solche Verhöhnung aller heiligen Güter erleben! Möglich, daß halachisch derartige „Dissoziationen" gestattet sind. Aber heute dienen sie der Unterminierung und Zerstörung des Sabbatgedankens und bewirken genau das Gegenteil von dem, was ihre großen Meister einst mit ihnen bezwecken wollten! Meiner Auffassung nach müßte ein befugtes rabbinifches Gremium heute die Anwendung jener halachischen Bestimmungen grundsätzlich untersagen! Das würde erzieherisch und auch klärend und reinigend wirken, wie es jetzt aber gehandhabt wird, ist es eine einseitige Möglichkeit zugunsten der Unternehmer und zuungunsten der Angestellten und fördert die Einsicht, die jüdische Religion stehe auch „bloß" auf Seiten der Arbeitgeber. Allen diesen Dingen muß man ehrlich und ohne jede Beschönigung in' die Augen sehen, um zunächst einmal die Hintergründe für alle Arten unsres jüdisch-religiösen Zusammenbruchs zu erkennen. Der Weg, den Ihre Zeitung mit den Ausführungen zu dieser Sache beschritten hat, verdient konsequenterweise die größte Beachtung seitens aller gesetzestreuen Führer, die mit ihren jüdischen Kräften und mit einer großen Vpferbereitschaft nunmehr das werden müssen, worauf unsere jüdische Situation brennend wartet: Kämpfer! Korrespondenzen « ßacbricbte«. Deutsches Reich. Die Situation der deutschen Juden nach dem 6. Nov. Berlin,?. Nov. Der Pressedienst des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veröffentlicht nach den Wahlen zum Reichstag am 6. November eine Mitteilung, der zu entnehmen ist, baß der Vorabend des Wahltages mit einem grellen antisemitischen Sch/ußakkord geendet hat. Als die NSDAP, merkte, daß die Skepsis in ihren alten Wählerschichten gegenüber der Partei stark geworden sei, versuchte sie noch einmal, alle Zweifler, alle Schwankenden durch die alte Rattenfängermelodie des Judenhasses wieder hinter die Parteifahne'zu bringen. Riesenplakate in allen Farben schrieen von den Anschlagsäulen herab: „Popen verjudet!" „Stahlhelm verludet!" In Massenauflagen trugen Sonderzeitungen, Flugblätter, - » _ 10. November 1932 8 Flugzettel die antisemitische; Verletzung durch Straßen- und Hauspropaganda ln Millionen Familien. Dann, jäh abbrechend, die Stille des Wahltages, und nun — dar Ergebnis: ein starker Einhftäch^M^lemaÜonalsozialistisch Phalanx. Nach Jahren unaufhörlichen Anstiegs mehr alr nur ein Stillstand:"eine Nrederläge. Eine Schlacht gegen den Nationalsozialismus ist gewonnen aber der Seg gegen ihn ist noch nicht errungen. Der Stimmenrückgang der Nationalsozialisten, heißt es in der Mitteilung weiter, beweist, daß eine große Zahl von Menschen, die unter Verleugnung ihrer sozialen Herkunft urrö politischen Gesinnung zum Nationalsozialismus gekommen waren, kritisch und hellhörig geworden ist. Diese Entwicklung wird mit dem 6. November keineswegs abgeschlossen sein. Die Menschen, deren Widerspruch sich an dem Mißverhältnis von Versprechen und Verwirklichung im Nationalsozialismus entzündet haben mag, sind von der unausgesetzten antisemitischen Verhetzung, der sie zur Vernebelung ihres Bewußtseins und zur Einschläferung ihres kritischen Geistes ausgesetzt waren, nicht unbeeinflußt geblieben. Sie stellen einen starken Gefahrenherd für alle Gruppen dar, in die sie sich jetzt eingliedern. Mit welcher Mehrheit das Kabinett auch gebildet werden wird, an dem politischen Kurs der gegenwärtigen Regierung dürfte sich nach der Zusammensetzung des neuen Reichstags kaum etwas ändern. Für die deutschen Juden ist deshalb die allgemeinpolitische Situaton unverändert. Eines kann aber unter staatspolitischen Gesichtspunkten auch an dieser. Stelle gesagt werden: Die Regierung der. Autorität erhält ihre Autorität nur, wenn sie gegen alle die Autorität untergrabenden Vorgänge gleichmäßig stark bleibt. Das Judentum kann deswegen erwarten, daß alle gegen die Existenz, Leben, Ehre, Eigentum des einzelnen Juden gerichteten Tendenzen an Ordnungsmaßnahmen der Regierung ihre Schranken finden werden. Das Kabinet, dessen Führung so oft zum Ausdruck brachte, daß es sich in seinen Maßnahmen auf den unterbewußten Willen des Volkes stütze, kann diesmal sogar in seinem Verhalten gegenüber dem Judenhaß sich auf die tatsächlichen Ergebnisse des Wahlkampfes stützen; denn es gibt auch auf weitest gehender Mandatsarithmetik keine Mehrheit von Gruppen und Parteien, die den Antisemitismus, die staatsbürgerliche Entrechtung der deutschen Juden aus ihre Fahne geschrieben hätten. (Siehe Wochenrundschau.) Arbeitslosigkeit und Austritt aus dem Judentum. - B.e r l i n, 4. Nov. Das Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin bringt in seinem November-Heft einen Aussatz von S. Adler-Rudel, der unter der Ueberschrift „Unser Recht auf Arbeit" über den Vernichtungsfeldzug gegen die jüdische Angestelltenschaft berichtet und auf den Zusammenhang zwischen jüdischer Massenarbeitslosigkeit und Austritt aus dem Judentum hinweist. Immer größer wird die Zahl derer, schreibt Adler - Rudel, die in ihrem Kampfe um den Arbeitsplatz scheitern, weil sie Juden sind, und die glauben, durch den Austrtt aus dem Judentum sich diesem Schicksal entziehen zu können. Wie falsch diese Auffassung ist, braucht nicht mehr dargelegt zu werden. Es traten aus dem Judentum aus 1927: 559, 1928: 556, 1929: 579, 1930: 586, 1931: 722: ' Im Geschäftsjahr 1931 wären hier 14 561 männliche und weibliche Arbeitsuchende eingetragen, u. z. 1450 Akademiker und Angehörige der freien Berufe, 7343 kaufmännische Angestellte, 4203 gewerbliche Arbeitskräfte aller Art, 1565 Hausangestellte und Pflegepersonal. Von diesen konnten 4550 Arbeitsstellen vermittelt werden, und zwar 298 Akademikern und Angehörigen der freien Berufe, 1905 kaufmännischen Angestellten, 581 gewerblichen Arbeitern, 1766 ungelernten Arbeitern und Hauspersonal. Diese' Zahlen zeigen, daß auch in Zeiten großer Arbeitslosigkeit Arbeitsbeschaffung möglich ist, und daß es trotz der Schwere der Zeit gefährlich ist, zu verzweifeln. Jüdische Schulentlassene werden in Palästina untergebracht. Berlin, 1. Nov. Im Rahmen der Bestrebungen zur Linderung der Arbeitsnot unter den schulentlassenen jüdischen Jugendlichen in Deutschland ist gegenwärtig, wie der ITA. mitgeteilt wird, in Berlin und anderen deutschen Städten eine Aktion im Gange mit dem Ziele, auch die A rb e i tsmöglich keiten in Palästina dieser immer stei-