Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 46 (10.11.1932)
- Date
- 1932-11-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 Seite 3 10. November 1932 ____ Programme der Regierung bekannt und werben mit so Mandaten im Parlamente dasselbe unterstützen. Wch die 90 Vertreter des Zentrums, der Bayrischen Veilspartei und der Staatspartei werden einer wirklich qesunden Politik, bei einer gewissen Berücksichtigung sbrer Wünsche, nicht im Wege stehen. Zu den st a a t s-- c't haltende n Parteien gehörte aber und gehört seit Gründung der Republik auch die Sozialdemokratie. Gelänge es, was zu hoffen ist, ivciin auch ohne festgelegte Koalition, eine solche a j n i e d e r S t a a t s e r h a l t u n g zu schaffen, dann erst könnte sich die Riederlage der RSDAP. (55 Plätze bleiben in ihren Reihen unbesetzt) zum Zegen auswirken und sogar der naheliegenden Gefahr eines Sichzusammenfindens der rechten und linftn Flügelparteien im Regativen (stehe Berliner verkchrsstreik) ein Uebergewicht entgegenstellen. Mag sich im Aufmarsch der. Parteien im Parlamente nichts geändert haben, so lautet doch die Lotschaft der Rächt zum Montag: Die größte Gefahr ist abgewendet. Die nationalsozialistische Flut I ift im Abebben. Line gesunde Zusammenarbeit zwi- I scheu Regierung und Parlament wäre möglich, wenn »sich alle Fakoren, die gewillt sind, die neue Lage für löas Gesamtwohl aüszunützen, über kleinliches Par- Itcigezänk hinaus zusammenfänden. Sonntag morgen oder Freitag abend — das Theater bleibt. Die Berliner R e f o r m g e m e i n d e hat sich zu ihrem Sonntagsg'ttesdienst eine Freitagabend-Andacht zugelegt. Diese hat eine eigene Liturgie und wird nicht von Theologen, sondern von Künstlern und Männern der Wissenschaft geliefert. >Am ersten Freitagabend, 1. Dezember, wird auf der! Kanzel die berühmte Vortragskünstlerin Irene Tri e sch stehen. Das soll kein verfrühter Fastnachtsscherz sein. Ls ist dies alles schwarz auf weiß in einer Kundgebung der Reformgemeinde zu lesen, die die gute ITA. mit ihrem weiten Herzen für alle Dinge des Judentums, die sich zwischen der Friedberger Anlage in Frankfurt a.M. und der Iohannisstraße in Berlin abspielen, vermittelst der jüdischen Zeitungen brav in die Welt hinausträgt. Warum sich der Sonntag der Iohannisgemeinde eine Stütze im Sabbat und ein wenig neue Blutzufuhr beim Freitagabend sucht, ist ja verständlich, wenn man die Frequenz der Sonntagsg'ttesdienste kennt. Auch die hohe Chrung, die dem Prediger Dr. Joseph Lehmann aus Anlaß seines 60. Geburtstages jetzt mit einer Adresse geworden ist, in der hervorgehoben wird, daß „er sich von der jüdischen Orthodoxie! zum Reformjuöentum durchgerungen und gemäß der! Lehre der Propheten die s o z i a l e T a t als die edelste Form-jüdischer Religiösttät verkündet und geübt * Der Israelit hätte," täuscht nicht über die Tatsache hinweg, daß die Menschen, die diese Reform erfassen wollte und die nicht, wie Dr. Lehmann, dazu bestellt und dafür bezahlt werden, daß „sie sich von der Orthodoxie zur Reform entwickeln," der Meinung waren, daß man, um Sonntags entblößten Hauptes deutsche Festgebete zu verrichten, keine Synagoge brauche, daß für Gesang und Rezitation sich schließlich die Bühne besser eignet als die Kanzel, und daß man, um die soziale Tat als edelste Religiösttät zu erachten und zu üben, gar nicht erst Jude sein muß, sintemalen „soziale" Tat integrierender Teil aller positiven, aus dem Judentum stammenden Religionen ist. Und alle die so dachten, blieben eben dem Reformtempel fern, blieben rechts oder links von der Iohannisstraße. Die Gonntagschöre im Tempel hallten wider in dem leeren Raume. Run soll der Freitagabend helfen! Der Freitagabend mit Krauß, George und Irene Triesch, der Freitagabend mit neuer Liturgie, der Freitagabend mit Albert T i n st e i n, — aber ohneR elativität der Zeit, denn die Andacht beginnt Somrncr wie Winter u m 7 U h r a b e n d s. Für den Sonntag kommt der Sabbat abends um sieben auch im Winter wahrlich noch früh genug. Wer würde sich um die Interna einer kleinen Abfallsgemeinde kümmern, wenn nicht zwei Womente hinzuträten, die die neuen Rcgiekünste der Reformgeineinde unserem Interesse näher bringen. Einmal ift in letzterer Zeit eine Radikalisierung der Reform in Deutschland zu bemerken, wie man sie seit Holdheim und Jacobson nicht erlebt hat. Sodann ist zu beachten, daß die Reform, genannt „Jüdisch-religiöser Liberalismus," im Grunde geleitet von jener radikalen Zelle, seit einiger Zeit auf Troberungszüge ausgeht, Einbrüche in Holland, Oesterreich, Ungarn, auch in die Länder des Ostens, wenn auch zur Zeit noch mit kläglichem Erfolge, unternimmt. Die Radikalisierung in Form vom neuen, außerhalb aller Tradition und allen Kultus stehenden Veranstaltungen, mit Bühneneffekten, wie sie bisher noch keine Kirche irgend einer Konfession zugelassen hat, spekuliert auf die materielle und geistige Rot der Zeit, die in vielen Menschen das Bedürfnis nach Höherem geweckt, das Ringen um einen Halt im Uebersinnlichen ausgelöst hat. Mit Hohlheiten und Halbheiten ist aber kein Halt zu schaffen, darum werden auch die neuen Experimente fehlschlagen. Eine Rückkehr zum Sabbat, zum richtigen Sabbat von Abend bis Abend, könnte heute wirklich Tausenden Heil und Rettung auf dem schwankenden Boden ihres Lebens bieten. Dieser kommt aber nicht von der Iohannis- oder Kleiststraße. Daran müssen, wie schon oft genug ausgeführt, vom Wirtschaftlichen ausgehend, all d i e Instanzen mit gemeinsamer Kraft Zusammenarbeiten, denen am Judentum, und am Sabbat als der Seele des Judentums, etwas gelegen ist. Ihren Liebling'vor Wundsein. Die innere und innige Verbundenheit der heute durch die Lande ziehenden Reforinmission mit dem bislang im Sonntagsfricden so still gelegenen winke! in der Iohannisstraße dokumentiert sich vor allein durch die warmen Begrüßungen und Würdigungen, die dem sechzigjährigen Rcformprediger von der Zentrale des Weltverbandcs in London und ihrer Presse geworden sind. Unter den Gratulanten befindet stch auch die „Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands", der „preußische Landesverband", der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde, Rabbiner Dr. B a e ck u. v. a. Cs wäre interessant, zu erfahren, ob all diese Instanzen und Männer mit der Würdigung und Anerkennung der Lehmann'schen Wirksamkeit auch den Radikalisternngsprozeß in der Reformgemeinde bis zum Freitagabend mit den Stars der Berliner Bühnen, billigen und anerkennen. Solidarisch verantwortlich sind sie für diesen Mißbrauch des Wörter „G'ttesdienst", wie ihn bis jetzt noch keine jupVi nvix gewagt hat, auf alle Fälle, so lange sie nicht abrücken, nicht pro-! testieren, nicht warnen, sondern würdigen und anerkennen . . . Zum Problem der jüdischen Arbeit. Von 3. Raphael in Beckum. Zu Ihrem in dankenswerter Offenheit und mit größtem Ernst vorgetragenen Ausführungen „Jüdische Geschäfte — judenrcin" (Rümmer 44) sei mir gestattet, noch einmal das Wort zu nehmen. Ich glaube, daß das gesamte Fragengebiet hier zunächst einmal in zwei große Hauptteile zu gliedern sein wird: l. Die Frage der Beschäftigung jüdischen Personals überhaupt und die Möglichkeiten der Behebung der speziell jüdischen Aeußerung der Arbcislostgkeit in unsrer Zeit, und 2. die Erziehung zum Sabbat und die Erkämpfung des Sabbats für alle, für Unternehmer und Arbeitnehmer. Zu l. Die „Umschichtung" innerhalb der jungjüdischen Generation ist — leider — in Deutschland noch weit entfernt von irgendwelchen sichtbaren Ergebnissen. 2lndererseits besteht die große Wahrscheinlichkeit wirklich, daß der in Ihrem Aufsatz geschilderte Fall des Frankfurter jüdischen Kaufmanns und seiner gemachten Erfahrungen den Tatsachen entspricht. Hierfür gibt es gegenwärtig — wenn auch keinerlei den Namen des (kinderlos verstorbenen) Bruders in Israel zu erhalten", also beim Eingehen der Schwagerehe sein eigenes Ich und alles Persönliche ganz und gar auszuschalten. Das ist Selbstüberwindung, Liebe in ihrer höchsten Potenz, die hier das G'tteswort fordert, wie sie kaum sonst geübt werden kann. Israels Kinder aber, die Nachkommen Abrahams, tragen im Keime diese Fähigkeit vonihrem Ahn her in sich. Darum sagen auch unsere Weisen: Dieser entsagungsreiche Verzicht unseres Ahns machte Israel würdig, daß es dem Herrn ein pv» die Stiftshütte in der Wüste und später auf Zion den heiligen Tempel erbaute. Hier brachte Israel auf dem Altäre, der durch «ipo bv vin durch einen fadenähnlichen Streifen in eine obere und in eine untere Hälfte geteilt war, Opfer dar zum Zeichen des. daß wir opfern müssen freudig, willig und selbstlos, und nach Zions Heiligtum wallten freudig dreimal Israels Kinder, denen das Wort des Hoheliedes gilt: iw a» „Wie schön sind doch deine Schritte in den Schuhen, du Tochter eines Edlen," wie schön bist du Israel, wenn du deinem G'tte zustrebst und in seinen Spuren der Liebe wandelst und selbstlos überall das Licht deiner Güte erstrahlen läßt! Diese agadischen Erklärungen sollen -aber uns nicht nur ein Qüell der Belehrung und Erbauung fein. Sie wollen auch unfern Willen zum Liebeswirken stärken. »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut." Dieses große Dichterwort ist ganz und gar im Geiste unserer Bibel, die uns in Abraham das Ideal eines in Güte und Reinheitsstreben vollkommenen Menschen aufgestellt bot- Wahrlich, wir dürfen mit freudigem Selbstbewuht- >ein in weihender Selbstläuterung und Selbstveredlung Zu unserm Stammvater aufschauen, eingedenk des jesalanischen Wortes voll Schwung und Kraft , ,1^1^ innij?' pnx mi»ö T»n ’» „Wer hat erweckt vom Osten her den, der mit seiner Fußspur ihn verkünden sollte durch Lebensgerechtigkeit?" npix Gerechtigkeit, echte Menschenliebe und ungefälschte Wahrheit könnten gar wirksame Heilmittel für die Wunden unserer Zeit werden. Wann wird die Menschheit aber dem Abrahamsgeist uneingeschränkte Huldigung zollen? Das Abrahamsvolk darf nimmer aufhören, diesen Geist in seiner Mitte zu pflegen und allenthalben seine leuchtenden Strahlen hinzusenden. Dazu verpflichtet uns das nias jtot das Bewußtsein unserer Herkunft. Nach einer Deutung verdanken wir der Zurückhaltung, die der Patriarch geübt, das Gebot der Tefillin. Diese wollen uns als G'ttes Sendboten charakteristeren und uns eine Mahnung zur Selbstzucht sein, daß wirs in Wort und Handlung, in Tat und Gesinnung es nimmer vergessen: ,q'i>v '*r vv wo in nni „Sehen sollen es alle Völker der Erde, daß der Name G'ttes auf dir (auf deinem Haupte) prangt." Berichtigung. Unsere in Nr. 45 gebrachte Notiz vom „angeschossenen Hund" war nicht, wie irrtümlich bemerkt, vom unterfränkischen Tierschutzverein uns zugegangen. Sie ist vielmehr eine wörtliche Wiedergabe aus Nr. 43 der „Süddeutschen Sonntagspost", die übrigens in der Schächtfrage stets eine loyale.Haltung an den Tag gelegt. Familiennachrichken. Barmizwoh: Joseph Arje, Sohn des Herrn I. v. Norden, Amsterdam, Hortusplantsoen 8.ni'i'sn3V Geburten: Ein Sohn, Julius Weingarten, Lehrer und Frau Hertha, geb. Stiefel, Hanau, Sandeldamm 14. — Eine Tochter: Karl Neuberger und Frau Rosel geb. Cohn, Berlin NW., Agricolastraße 6. Briefkasten. S. O. in D. Wir können Ihnen leider den Namen des Autors nicht nennen. S. S. ffs. 65.— weitergegeben. Wochenkalender. vom 12. — 19. Nov. 1932 13. — 20. Marchefchlvan 5693 ’öi’ rp 7I"1 Samstag 12 13 T> Sonntag 13 14 iv Montag 14 15 w Dienstag 4 15 16 P Mittwoch 16 17 N' Donnerstag 17 18 v' Freitag 18 19 3 Samstag 19 20 K3 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S.Schachnowttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M