Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 17-18 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 17/18 Der Israelit Ma\ 'uckerkrank*: Dann De Fromms _____ diätgerechte Nahrungsmittel! Jnteressantes Preisbuch frei! fhi Wfotcfeuifao&a Frankfurter Hirsclv-Apatheke, Zeil 111 Niederlagen: ReformhausBoermel-Ernst,Schillerslr.27 fierende jüdisch-nationalistische Agitation und durch andere modernistische Strömungen im Gemütsleben und in der Seelenstimmung der jüdischen Frauen und Töchter hervorgerufen werden, mit den Mitteln einer planmäßigen und sachkundigen Erziehung im Sinne der Agudas Jisroel Einhalt geboten werden müsse. In den östlichen Gebieten unserer Republik und namentlich im Podkarpatska Rus ist es in dieser Beziehung furchtbar arg bestellt. In K o s i c e hat vor einigen Monaten ein beherztes und verständnisvolles orthodoxes Damenkomitee nach den Weisungen ihres ehrw. Oberrabbiners den Anfang zur Abhilfe gemacht. Jetzt folgt Munkacs mit einem starken und entschiedenen Ruck vorwärts. Wenn bei der Aufstellung der Lehrprogramme und der Auswahl der Lehrkräfte klug und gewissenhaft vorgegangen und die bei solchen Fragen im Geiste der Agudas Jisroel unbedingt erforderliche Vorsicht und Umsicht geübt wird, so werden zahlreiche andere Gemeinden das gute Beispiel sicherlich nachahmen. Der Weg ist gesunden. Er muh nur beschritten werden. Und dazu müßten sich verständige orthodoxe Männer und Frauen überall entschließen.. Volen. Sensationeller verlauf des wilnaer Pogrom- Prozesses. Wilna, 15. April. Die Kette der kleineren Prozesse vor den Wilnaer Gerichten im Zusammenhang mit dem antisemitischen Pogrom am 10. November 1931, bei denen hauptsächlich Juden angeklagt und zum großen Teil auch verurteilt worden waren, obwohl die Juden die Angegriffenen waren und an diesem Tage Hunderte jüdische Geschäfte geplündert oder zerstört und zahlreiche Juden verletzt wurden, ist nun durch einen Prozeß unterbrochen, der die gespannteste Aufmerksamkeit der polnischen Oeffentlichkeit, insbesondere der jüdischen Bevölkerung, findet. Es handelt sich diesmal um den Tod des polnischen Studenten Stanislaus W a c l a w s k i, der während des Angriffs der nationaldemokratischen auf die jüdischen Studenten vor der Universität durch einen Steinwurf getötet worden war, wobei es anfangs für alle Beteiligten klar war, daß, da nur die Angreifer sich der Pflastersteine als Wurfgeschosse bedienten, Waclawski nicht durch! die sich verteidigenden Juden, sondern durch einen ver-: irrten Steinwurf eines seiner antisemitischen Genossen i getötet worden war. Erst einen Tag später tauchte die | Legende auf, Waclawski sei von Juden ermordet worden. . In ganz Polen veranstalteten die Nationaldemokraten Trauerfeiern für Waclawski, die zu einer beispiellosen Judenhetze ausarteten und an zahlreichen Orten zu schweren Angriffen auf die jüdische Bevölkerung führten. Erst Wochen später wurde auf Grund vager Gerüchte und abenteuerlich klingender Aussagen die Untersuchung gegen einige jüdische junge Leute als den vermeintlichen Tätern eingeleitet. Der Prozeß begann am Freitag, den 15. April. Die Anklage, Waclawski getötet zu haben, richtet sich gegen den 23jährigen Handelsangestellten Leib Z a l k i n d und den ebenfalls 23jährigen Schlosser Baruch Ogus, während der 19jährige Student Samuel W u l f i n nur wegen der Teilnahme an dem Exzeß angeklagt ist. Hauptzeugen der Anklage sind der Chef der Untersuchungspolizei Kommissar W a s i l e w s k i, der Verfasser des den Gerichtsakten beiliegenden Memorials, in welchem den Juden die Hauptschuld an den Novemberereignissen zugeschoben und ihnen Provozierung der christlichen Bevölkerung und der natwnaldemokratycyen Studentenschaft vorgeworfen wird: ferner eine genüge Kazimiera Lep k o w s k a, die behauptet, Augenzeugin der Mordtat gewesen zu sein, und die die Angeklagten als die Täter erkannt haben will. Von der Verteidigung geführte jüdische Entlastungszeugen sind der frühere Sejmdeputierte und Präsident der Jüdischen Gemeinde Dr. W y g o d z k i und das Mitglied des Stadtrates Ingenieur Spiro. Die Verteidigung der Angeklagten haben der berühmte polnische Rechtsanwalt und frühere Justizminister Smiarowski, der Dekan der Wilnaer Advokaten kammer Petrusiewicz und die jüdischen Anwälte M a r g o l i s und Czernichow inne. Je ein Vertreter der Ministerien des Innern und des Aeußern wohnen den Verhandlungen bei. Da die Hauptbelastungszeugin Lepkowska bei Beginn der Verhandlung im Gerichtssaal nicht erschienen war, ordnete der Gerichtsvorsitzende deren polizeiliche Vorführung an. Die Angeklagten Zalkind und Ogus sagen aus, daß sie mit den Vorgängen, in deren Verlauf Waclawski getötet wurde, nichts zu tun hatten, sich gar nicht am Orte der Tat aufgehalten und Waclawski niemals gesehen haben. Ein Antrag des Staatsanwalts, das Protokoll der in der Wohnung von Ogus durchgeführten Haussuchung, bei der 37 Geschoßhülsen und eine Revolverhülle gefunden wurden, zu den Akten zu legen, wird abgelehnt. Die polizeilich herbeigeholte Hauptbelastungszeugin Kazimiera Lepkowska machte derart verwirrte Aussagen, daß sich ihre Unzuverlässigkeit auf den ersten Blick herausstellte. Ihre anfängliche Aussage, sie sei Studentin gewesen, hat sich als Lüge erwiesen, ferner mußte sie zugeben, daß sie vor einiger Zeit in eine Betrugsaffäre verwickelt gewesen war. Schließlich gestand sie, daß sie keineswegs Augenzeugin der Tötung Waclawskis gewesen war, woraufhin der Staatsanwalt die Verhaftung Da gilt die Forderung: ib nns nns, dem mußt du die Zunge lösen. Fange an mit deinem Kinde bei Zeiten zu reden und nicht nur durch Worte, sondern mehr noch durch Zeichen, durch Sinnbilder und Symbole — und, was das wichtigste ist, durch dein Beispiel und Vorbild. Das prägt sich seinem Gemüte voll ein. Die Erinnerungen, die du ihm ins Gedächtnis webst, bleiben Mahnung und Ansporn. Höchst bedeutsam haben viele Ausgaben die Lesart: nns ns du, Mu Her, sollst mit ihm beginnen. Deine Stimme voll Liebe und Milde klingt im Ohre deines Kindes fort und wird nicht erfolglos verhallen. Kann es eine schönere edlere Pflicht geben, als sie hier der Mutter zugewiesen wird? Sind es nicht die frommen Frauen, denen unsere Weisen es nachrühmen:'snv' nvipn? wvi isvs, daß ihr Verdienst es war, wenn Israel in Aegypten trotz Druck und Knechtschaft und sittenloser, dem krassesten Götzendienst verfallener Umgebung erlösungswürdig blieb? Die frommen Frauen ermutigten ihre Männer zum Ausharren und erzählten ihren Kindern von den edlen frommen Taten der Stammväter und Stammutter . . . Jüdische Mutter, du setzest fort die Reihe der „frommen Frauen", wenn du über die Heiligkeit deines Hauses wachst und es als deine edelste, bedeutsamste Pflicht begreifst, deinen Kindern, nicht bloß denen, die noch nicht zu fragen verstehen, Wegweiserin zu einem Leben der G'ttesfurcht und Thoraliebe zu werden. IV. Selb st erlebte Befreiung. Im Talmud stellt Raba die Forderung auf: ,dw» s,'sm invsi nm'v -pix Ein jeder muß bekennen, auch uns hat er von dort herausgeführt. Diese Worte erklärt die Hagada: »rn:mn ss’ sin iVss inxj; ns nisni? dis 2'n uni mn V22 In jedem Geschlecht und Zeitalter ist jeder verpflichtet, sich vorzustellen, als ob er gleichsam selbst aus Aegypten gezogen wäre. Das bedeutsame Ereignis, das Peffach feiert, besitzt Ewigkeitswert. In jener Erlösungsnacht ist der welthistorische Gedanke geboren: G'tt, der Schirmherr der Bedrückten und Hort der Geknechteten, befreit und errettet. Jener Glaube von der erlösenden Liebe G'ttes wird zum Schlüssel, der alle Kerkerpforten öffnet, und zum Eisen, das alle Fesseln sprengt. Was unsere Väter in Aegypten zu ihrem Heile erfahren, das ragt als Hosfnungsanker hinein in aller Zeiten und Geschlechter Nöte und Bedrängnisse. Nicht nur unsere Vorfahren sind befreit worden, wir alle sind mit ihnen erlöst von Kummer und Sorge, von seelischem Druck und Zweifel. Es lebt ein errettender, erlösender G'tt. Diesen Gedanken erleben wir selbst am Sederabend, wenn wir die Hagada unserer Geschichte durchblättern. Was wir selbst erfahren haben, daß vereitelt wurden die Pläne unserer Hasser und Feinde, das ist ein neues Blatt, auf dem der gleiche Gedanke verzeichnet steht. Und wenn die leidende Menschheit, die vor des letzten Winters drohenden Gefahren gebangt und gezittert, schließlich ohne Erschütterung dem neuen Lenz in der Natur mit hoffnungsvoller Seele ins Antlitz schauen kann, so bestärkt auch diese Erkenntnis uns in unserem Glauben: Auch uns hat er aus Aegyptens Druck und Enge befreit .... Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilletor S. Schachnowitz. Frankfurt a. M.; Inserate i. SB.: S. Schach« nowitz, ebenda. — Dür die pädagogische Beilage: Lehrer L Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Ossenbachl. — Verlar des Israelit und Sermon G. m. b. S., Frankfurt a. M. — Druck Sermon-Druckerei, Frankfurt a. M. 20. April > 1932 dieser Zeugin verfügte und die Anklage gegen Zalkind und Ogus zurückzog. Der Prozeß wird nur noch gegen den Studenten W u l f i n wegen Teilnahme an dem Exzeß, bei dem Waclawski getötet wurde, weietrgeführt. Dr. Wygodski gibt eine Darstellung des Pogrom-Verlaufs, bei dem die jüdische Bevölkerung und die jüdischen Studenten die eigentlichen Leidtragenden waren. Wygodski wird mehrmals vom Gerichtsvorsitzenden unterbrochen, Der Chef der Unterfuchungspolizei, Wasilewski, versucht die Sache' so darzustellen, als ob nicht allein von nationaldemokratischer, sondern auch von jüdischer Seite gehetzt wurde. Die Belastungszeugen verwickeln sich fortwährend in Widersprüche betreffend die wesentlichen Umstände bei der Tötu.ng Waclawskis. Die Verteidigung stellt fest, daß die Hauptbelastungszeugin Anna Oponowitz den Studenten Wulfin zwei Wochen nach den blutigen Ereignissen zum erstenmal gesehen hat. Lettland. Starke Kürzung der Staatsfubventionen für das jüdische Schulwerk in Lettland. Riga, 14. April. Der Budget-Ausschuß des lettländischen Sejm nahm eine starke Kürzung der Staatssubventionen für die Berufsschulen der Minderheiten vor. Die Zuschüsse für die jüdischen Elementarschulen wurden von 24.000 auf 10.000, die für jüdische Handwerkerschulen von 64.000 auf 15.000 Lat gesenkt. Der Vertreter der jüdischen Schulverwaltung, Dr. Grünmann, erklärte, die Juden in Lettland seien infolge der scharfen Wirtschaftskrise nicht in der Lage, ihre Fachschulen selbst zu erhalten. Würde die Regierung, was ihre Pflicht wäre, die jüdischen Fachschulen in eigene Verwaltung übernehmen, so würde sie sich noch schwerer belasten, als wenn sie die Subventionen ungekürzt läßt. Der lettländische Deputierte A. E g l i t erklärte, die Regierung müsse die Verbreitung des Handwerks unter den Juden soweit als nur möglich stützen. Der antisemitische Deputierte Stern forderte die , Auflösung der jüdischen Handwerkerschulen und erklärte, man müßte mal wieder die Nagaika über die Rücken der Juden tanzen lassen, sie würden dann ernüchtert und nicht so anspruchsvoll sein. Stern wurde wegen dieses Redeexzesses zur Ordnung gerufen. Litauen. Trauerkundgebungen in Litauen. Kowno, 14. April. Zu einer großen Trauerkundgebung versammelte sich die ganze Gemeinde und auch Vertreter anderer Gemeinden Litauens im Neuen Bes Hamidrasch. In einer geistvollen Rede schilderte Herr Oberrabbiner S ch a - p i r 0 den gewaltigen Verlust, den Israel durch den Heimgang der Großen in Jerusalem und in Kalisch erlitten hat. Rabbi Lipschitz, so sagte der Redner, durfte als Kownoer Raw gelten, denn er war seinerzeit als solcher gewählt und nur äußere widrige Umstände hatten es verhindert, daß er der Berufung folgte. In treffenden Worten schilderte er die schwierige Stellung des rabbinischen Führers in einer Zeit, da einerseits die Autorität des Raw geschwunden ist und auf der anderen Seite man diesen auch für alle geistigen und materiellen Nöte der Gemeinde verantwortlich macht. Noch weitere Redner ergriffen das Wort und ein ergreifendes v»r beschloß die Gedenkfeier. Schweiz. Auch in der Schweiz wird um die jüdischen Wähler geworben. Zürich, 17. April. Anläßlich der am 17. April in Zürich stattfindenden Wahlen zum Züricher Kantonsrat hat eine Gruppe jüdischer Sozialdemokraten an die jüdischen Wähler einen Aufruf veröffentlicht, in dem dieselben ausgefordert werden, für die sozialdemokratischen und nicht für Die bürgerlichen Kandidaten zu stimmen. In dem Ausrufe wird u. a. gesagt, daß die antijüdischen Maßnahmen (betr. Sabbatdispens, Einbürgerung, Praxis gegenüber Fremden bei Niederlassung und Aufenthalt, Ausnahme antijüdischer Artikel in die Presse) von den bürgerlichen Parteien stammen. Die sozialdemokratische Partei sei die einzige, dir alle reaktionären Tendenzen erfolgreich und wirksam bekämpft. In Beantwortung dieses Aufrufes