Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 17-18 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 17/18 Der Israelit 20. April 1932 J.G. Heuser jr.seel.WIÜNBCIif. Liebfrauenstrasse 5 über 150 Jahren führendes Haus für Wäsche-Ausstattungen leider ist die kriegerische Selbstzerfleischung der gelben Hasse eilt in viel höherem Grade zutreffendes Symptom für den Untergang des M o r g e n l a n - des, als die von Oswald Spengler geistreich zusammengestellten Kennzeichen für den angeblichen „Untergang des Abendlandes". Die Moral eines Volkes ist der Ausfluß seiner Religion. Die Japaner, deren Staatsreligion offenbar im selben Verfallsstadium liegt, wie der altrömische Götterglaube zur Zeit des Urchristentums, fielen zuerst um und zeigten sich bereit, den mephistophelischen Pakt mit der europäischen Mentalität mit der blutigen Schrift des Krieges zu besiegeln. Sie wurden nicht nur ein Kultur-, sondern vor allem ein M i l i t ä r st a a t im westlichen Sinne. China braucht zu solcher Umstellung sichtlich länger. Die Religion, aus der es seine eminente Sittlichkeit schöpft, der Konfuzianismus, ist eben geistig noch ungebrochen. Aber der Konfuzianismus stirbt, weil ihm feine materiellen Fundamente entzogen wurden. Seltsames Schicksal einer Religion l Um es zu verstehen, muß man wissen, daß die Lehre des Konfu-Tfe (Konfuzius) eine rein rationalistische Religion ohne G ' t t e s g l a u - b e n ist. Sie bildete die geistige Fundierung der altchinesischen Volksgliederung in Familien, Sippen, Klans usw., gipfelnd im obersten Familien-, Sippen- und Klanoberhaupt, dem Kaiser. Mit dem Ende dieser patriarchalischen vrefassung, mit dem Sturze des chinesischen Kaisertums, war dem Konfuzianismus der Loden entzogen und folgerichtig wurde in den Tempeln das Bild des Konfuzius durch das des Präsidenten Sunyatsen, der China zur Republik gemacht, ersetzt. Die neuen Verhältnisse in China bedingten für die 2lnhängcr des Glaubens ohne G'tt ein neues Idol ihrer Verehrung. Pier drängt sich der Gegensatz zum Judentum von selbst auf. Wie viele Veränderungen haben die Kinder Israels feit den ägyptischen wundern öurchgemachtl Crst Sklaven in Mizraim, dann äußerlich, noch nicht innerlich freie in der Wüste, dann Eroberer und Besitzer eines eigenen Landes, das abwechselnd Republik und Monarchie war, und schließlich zerstreut über die ganze Welt. 2lber niemals hat die Grundlage ihrer.sittlichen Weltanschauung gewechselt, denn das unverrückbare Fundament dieser Cthik war der Bund mit dem Cwigen. Cr ist „der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht." Und die Flucht der Erscheinungen ist nicht auf Israels Schulökonto zu buchen. Denn auch das Judentum ist im Westen pazifistisch. Aber als kleines Volk, solange es noch ein eigenes Land hatte, konnte sich das jüdische Volk, eingebettet zwischen imperialistische Großtaten, seinen friedfertigen Ueigungen nicht so ungestört hingeben, wie das Riesenvolk der Chinesen. Und später waren die Ghettomauern um die zersprengten jüdischen Splitter kein ebenbürtiges Gegenstück zur chinesischen Mauer, die ein gewaltiges, dicht von einer einheitlichen Menschenmasse bewohntes Reich umspannte. Doch die Juden blieben, wo immer sie wohnten, eingesponnen in ihre Geistigkeit, die ihre Prägung auf dem Sinai erhalten hat. Und während die Konfuzianer jetzt ihre dreitausendjährige Religion politischen Reformen opfern, dürfen wir Juden hoffen, daß wir unseren Glauben durch alle politischen Veränderungen hindurch bewahren können, bis er einst selbst das große politische Reformwerk vollbringt: die sittliche Läuterung der ganzen Menschheit im. Sinne der messianischen Weissagungen unserer Propheten. PH»F Nahm a schinen Bequeme Zahluiigsweise Martin Decker £.1 6r. Friedbergerstr. 18/20 Korrespondenzen « Bacbricbien. Deutsches Reich. Der Sabbat im Frachtverkehr. Berlin, 14. April. Die am Sabbat geschlossenen Geschäfte sind im Frachtgutverkehr der Reichsbahn dadurch benachteiligt, daß sie die für sie eintreffenden Frachten am Sonnabend nicht abzuholen in der Lage sind. Sie sind dadurch in der Regel mit zuzüglichen Stand- und Lagerspesen belastet, die um so schwerer wiegen, als auch der Sonntag, an dem die Reichsbahn ihrerseits die Auslieferung der Frachtgüter ablehnen muß, mit in Rechnung gestellt wird. Der Weltverband Schomre Schabbos hat daher am 1. Februar .d I. an die Reichsbahngesellschaft das Gesuch gerichtet, daß den am Sabbat geschlossenen Geschäften diesbezüglich ein größeres Entgegenkommen gezeigt werde. Daraufhin fand am 21. März eine Besprechung statt, an der von der Reichsbahngesellschaft Herr Geheimrat Sommerlatte und vom Weltoerband Schomre Schabbos die Herren Alfred Marcus und Dr. Josef Stern teilnahmen. In dieser Besprechung erörterte der Reichsbahndirektor Sommerlatte die Schwierigkeiten, die einer unterschiedlichen Behandlung der am Sabbat geschlossenen Geschäfte entgegenstehen. Er erklärte, daß, wenngleich es aus prinzipiellen Gründen nicht angängig sei, Standgeld für die am Sonnabend nicht entladenen Wagen überhaupt nicht in Ansatz zu bringen, die Reichsbahndirektionen doch auf Grund der ihnen gegebenen allgemeinen Richtlinien in der Läge wären, bei der Behandlung von Anträgen auf Rückerstattung von Standgeldern solche Fälle als wichtigen Grund anzuerkennen, in denen Firmen, die aus religiöser Ueberzeugung am Sonnabend regelmäßig schließen und auch Andersgläubige nicht arbeiten lassen, standgeldpflichtig geworden sind. — Diesen Entscheid hat nunmehr die Reichsbahngesellschaft auch schriftlich bestätigt. Zu den Landtagswahlen. Berlin, 14. April. Bon rabbinischer Seite wird uns geschrieben: „Es ist selbstverständliche Pflicht jedes jüdischen Bürgers, sein Wahlrecht bei den bevorstehenden Landtagswahlen auszullben. Auch diejenigen, die sonst am Ehaul-hamoed sich des Schreibens gänzlich enthalten, können dieser Pflicht unbedenklich genügen, da es sich in ausgesprochener Form um ein nsm *m handelt. Soweit die Wahllokale sich in Restaurationen befinden, die man am Pessach sonst nicht zu betreten pflegt, empfiehlt es sich, immer zu zweien in das Wahllokal hineinzugehen." Tagung des „Verein zur Wahrung". Mannheim, 18. April. Die beginnende Omerzeit gibt dem „Verein zur Wahrung" Veranlassung, im badischen Hinterlande, in Tauberbischofsheim, am Donnerstag, den 5. M a i (Himmelfahrt) eine Tagung zu veranstalten, bei der durch Referate und Aussprache über Probleme der Gegenwart Wichtiges gesagt werden soll. Nach einleitenden Worten von Herrn Bez.-Rabb. Greils heim er (Mosbach) wird Herr Kons. Rabb. Dr. Unna (Mannheim) über „Die Gefahren der gegenwärtigen Lage" sprechen. Im Anschluß hieran werden Gemeinde und Gemeinschaft in Baden" Gegenstand eines kurzen Berichtes sein (Prof. Darruft ädt er, Mannheim). Nach etwa einstündiger Aussprache wird Herr Rabbiner Dr. B o h r er, Gailingen, erzählen von seiner diesjährigen „Reife durch Erez I i s r o e l ". Die Tagung, die in den Gemeinden des Hinterlandes großem Interesse begegnet, soll den Auftakt bilden zu ähnlichen Zusammenkünften in den verschiedenen Gegenden des badischen Landes. (Die Veranstaltung beginnt um 1.30 Uhr.) sammenhang ein Bericht über das Buch von Dr. Karl Kindermann: „Zwei Jahre in Moskaus Totenhäusern". Den Schluß macht eine ausführliche Besprechung von Goldbergs „Wirklichkeit der Hebräer" aus der Feder Nathan Birnbaums. Der Schädel des Negerhaupklings Makua. Ein Kriegsroman für die junge Generation von Rudolf Frank und Georg Lichey. Verlag Müller und Kiepenhauer, Potsdam. 235 Seiten. Kart. M. 2,35. Jan Kubitzki, ein 14jähriger polnischer Dorfjungc, gerät im September 1914 in den Weltkrieg. Deutsche Soldaten besetzen das Nest Koptschowka. Fan, den der Hunger und außerdem die Verlassenheit treibt, schließt sich den Truppen an. Der Widersinn der Kriegsgeschehnisse stürmt auf den Jungen ein. Seine Seele, — eigentlich unverbildet und völlig unkompliziert, — erleidet eine seltsame Formung. Aber er bleibt. Er geht schließlich an die Westfront, wird ein Talisman für die Koinpanie, fast eine Jeanne d'Arc, wird restlos unentbehrlich. Erst in dem Augenblick, wo er in die Maschinerie des Krieges regelrecht „eingeordnet" werden soll (er soll Staatsbürger werden), scheitert seine Mission und er verschwindet spurlos. Jau erfaßt langsam aber sicher die Sinnlosigkeit der Situation. Weshalb Krieg? Eine zugkräftige Parole, ein Stichwort, eine Alarmmcldung, — und die Hölle verschlingt das Gerede von der Zivilisation. Furchtbar einfach scheint die menschliche Vernunft. Darum auch: einfach furchtbar. Immer geht es uni „heilige Güter". In Ostafrika mobilisiert man die Neger, indem man. den Kampf für die Wiedererlangung eines von den Weißen geraubten heiligen Schädels predigt. Das Motto zieht.! Eine Relique, — und fei sie auch bloß der gebleichte Schädelknochen eines längst vergessenen Sultans, — macht aus harmlosen Menschen Wüteriche. Jan, der polnische Dorfjunge, zerbricht an den diversen Schädel-Parolen der auseinander losgelassenen europäischen Völker. Außerdem erinnert er sich zuletzt an sein Kriegserlebnis in Eradicz, in Russisch-Polen. Dort hat ein alter polnischer Jude gesagt, man müsse erst das Gesetz G'ttes halten. Dieses Gesetz ist höherer Befehl, als ein menschlicher Ausruf zur Schlacht. Der alte Jude hatte Recht. Jan sieht das ein. Dieses Buch ist unentbehrliche Warum ist es. nicht schon vor einem Jahrzehnt gekommen? Denn es ist etn typisches Jugendbuch und mehr wert, als der große Haufe Kriegsliteratur. Auf kemeu Fall darf es der jüdischen Jugend vorenthalten werden. _ I. Raphael. (König Georg von England vor 50 Jahren Seder- Gast in Jerusalem). „Iewish Ehronicle" erinnert in einem Artikel daran, daß König Georg von England vor genau 50 Jahren, als er noch Prinz Georg war, in Begleitung seines Bruders, des verstorbenen Prinzen Albert Victor, in der Seder-Nacht Gast des Reverend Raphael Meyer Panigel in Jerusalem war. Rev. Pauigel berichtete darüber in dem folgenden an Sir Moses Montefiore adressierten Telegramm. „Ihre Königlichen Hohheiten, Albert Victor und George, samt Gefolge haben mir die Ehre erwiesen, am Passah-Abend dem Seder- Dienft "in meinem Hause beizuwohnen. Sie zeigten große Freude an der Zeremonie und an dem Absingen der Hymne, die ihnen zu Ehren von Ehacham Elyashar komponiert worden war. Ich sprach dann den Segen über Ihre Majestät die Königin Victoria, Prinz und Prinzessin von Wales (die verstorbenen König Eduard und Königin Alerandra). Unsere königlichen Gäste äußerten ihre große Freude, dem Pessach-Fest beigewohnt zu haben." (Die Juden in den größeren bayrischen Städten). Die „Bayerische Israelitische Gemeindezeituug" gibt eine Uebersicht über die jüdische Bevölkerungsbewegung in den acht größeren bayrischen Städten, München, Nürnberg, Augsburg, Ludwigshafen a. Rh., Würzburg, Regeusburg, Fürth und Bamberg. Die Zahl der Juden in Bayern ist bekanntlich seit längerer Zeit rückläufig. Bei der Volkszählung von 1925 wurden 49145 Juden in Bayern ermittelt, das waren 10,8 Proz. weniger als 1910 (55 063) und 1,4 Proz. weniger als 1667 (49 840). Ihren Höchstand erreichten die Juden i. I. 1905 mit 55 341. Gemessen an der Gesamtbevölkerung ist die Quote der Juden von 1,0 Proz. i. I. 1867 auf 0,8 Proz. i. I. 1910 und 0,7 Proz. i. I. 1925 gefunken In den acht größeren Städten Bayerns, welche zusammen 53,5 Proz. der jüdischen Bevölkerung umfassen (1925), verlief diese Entwicklung ähnlich. In den vier Großstädten, München, Nürnberg, Augsburg, Ludwigs- Hafen e. Rh. hat zwischen 1867 und 1910 die jüdische Bevölkerung von einer Zählung zur anderen mehr oder weniger zugenommen; nur in Augsburg ergab sich von 1900* auf 1905 ein geringer Rückgang von 6,0 Proz. Das ursprünglich „judenreiche" Fürth hat seit 1330 fortgesetzte Einbußen zu verzeichnen. Auch. in Würzburg Regensburg und Bamberg ging die jüdische Bevölkerung zurück. München zählte i. I. 1867, 2097 jüdische Seelen (1,2 Proz. der Eesamtbevölkerung); i. I. 1910, 11083 jüdische Seelen (1,9 Proz. der Eesamtbevölkerung(: i. 'I. 1925 10 063 jüdische Seelen (1,5 Proz. der Gesamtbevölkerung). Bei den übrigen Städten waren 'die entsprechenden .Zahlen: Nürnberg 1254 (1,6 Proz); 7815 (2,3 Proz.); 6603 (2,2 Proz.). Augsburg 449 (0,9 Proz.); 1217 (1,0 Proz); 1203 (0,7 Proz). Ludwigshafen a. Rh. 115 (2,4 Proz); 754 (0,9 Proz); 1211 (0,2 Proz. Würzburg 1099 (2,6 Proz.); 2514 (3,0 Proz.); 2261 (2,4 Proz.). Regensburg 359 (1,2 Proz.); 493 (0,9