Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1932)
- Date
- 1932-04-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Am 9. April wurde der jüdische Senator Ascher Mallah, Präsident der Zionistischen Organisation Griechenlands, vernommen. Er schilderte, wie er am Tage vor dem Pogrom den Generalgouverneur von Sa loniki, Gonatas, und den Premierminister Venizelos aul suchte und sie aus die Gefahr heftiger antisemitischer Ausbrüche im Zusammenhang mit der geduldeten anti semitischen Hetze hinwies. Gonatas versicherte Venizelos es würden in Saloniki gewiß keine Unruhen stattfinden Am Tage darauf brach ein Pogrom aus, wie er in der Geschichte der Salonikier Juden kaum zu verzeichnen war. Am Tage nach dem Pogrom, fuhr Senator Mallah fort,' besuchte er mit dem Generalgouverneur Gonatas die Trümmer. Ein Bild grauenvoller Verwüstung bot sich dem Auge dar. Verkohlte und blutbefleckte Fragmente der von den DcMalen aus den Synagogen fortgetrage nen und in den Straßen entweihten .und zerrissenen Thora-Rollen lagen überall umher. Amerika. Fortführung des Zoint-lverkes in Europa. Newyork, 8. April .Gestern fand die Delgeiertentagung des amerikani schon Joint-Dlstribution-Committee in Anwesenheit von 300 Persönlichkeiten aus allen Teilen der Vereinigten Staaten statt. Die von den Direktoren des Joint, Dr Bernhard Kahn und Joseph C. Hyman vorgelegten Berichte ergaben, daß die Lage der Juden in den ost europäischen Ländern heute noch schlimmer sei als wäh rend des Krieges und der Nachkriegszeit. Auf Grund dieser Berichte wurde beschlossen, das Hilfs- und Auf bauwerk des Joint in Europa fortzuführen. Vorsitzender des Joint bleibt Paul V a e r w a l d , ftellv. Vorsitzender James Nosenberg, zum Schatzmeister wurde W. Naumberg und zum Generalsekretär Joseph E Hyman wiedergewählt. Vermischtes. Berlin, 3. April. Der „Hilfsverein der deutschen Ju den" hielt am 31. März seine sehr gut besuchte 31. Jahres Versammlung ab. Anläßlich des 80. Geburtstags des Herrn Generalkonsul Eugen Landau wurde ein Eugen Landau-Fond errichtet. Der James Simon-Fond hat Mk. 182.000 erreicht. Der Vorsitzende, Dr. James S i - m o n, erösfnete die Versammlung mit Nachrufen auf die im letzten Jahre verstorbenen Mitglieder und gedachte auch des in Chicago verstorbenen großen Philantropen Julius Rosenwald. Den Finanzbericht erstattete der Schatzmeister, Dir. M. I o a ch l m s o h n. An Jahresbeiträgen gingen Mk. 55.000, an einmaligen Beiträgen Mk. 41.000 ein, die Jca steuerte Mk. 50.000 bei, die Hafkin-Stiftung Mk. 48.000, Zinsen Mk.. 9000. Demgegenüber wurde verausgabt für Auswandererfürsorge Mk. 90.000, für Jeschiwoth aus der Hafkin-Stiftung Mk. 47.000, für Hilfszwecke in Polen, Litauen, Rumänien und Rußland Mk. 63.000, für diverse Unterstützungszwecke in Deutschland Mk. 29.000, im ganzen Mk. 231.000. Der Generalsekretär des Hilfsvereins, Dr. Mark W i schnitz e r, erstattete einen ausführlichen Tätigkeitsbericht, der sich aus die Auswandererbewegung, insbesondere soweit sie durch Deutschland geht, auf Jugendfürsorge, Studenten Hilfe, Fürsorge für die Ukrainewaisen, polnische Ferienkolonien, Unterstützung von Bildungsanst alten in Rumänien und Palästina erstreckte. Im Sinne seines früher bereits ausführlich veröffentlichten Referates berichtete Dr. Wischnitzer auch über seine Eindrücke bei den Besuchen der Jeschiwoth des Ostens. Die Versammlung schloß mit Dankesworten von Rabbiner Dr. Rosenthal-Köln an die Leitung und einem Vortrage von Rabbiner Dr. Salli Lev i-'Mainz über seine Erlebnisse an der Ostfront. Berlin, 4. April. Seit mehreren Jahren bestehen in Berlin Talmud Thora-Schulen, in denen vor allem ostjüdische Kinder in Bibel, Talmud und Kommentaren unterrichtet werden. Ein Teil dieser Anstalten wird von der Jüdischen Gemeinde unterstützt. Die durch die Finanznot bedingte Herabsetzung der Subventionen hat jetzt den Bestand der Schulen in Frage gestellt. Um auf breiterer Basis Hilfsmaßnahmen vorzubereiten, versammelten sich am 2. April abends Vertreter der Talmud Thorä-Vereine. Protektorat und Vorsitz hatte der Gemeinderabbiner Freimann übernommen. Außer den Nächstbeteiligten waren ferner die Rabbiner Drs. Bleichrode, Frankfurter und Heinrich Cohn, Dr. Nathan Birnbaum und andere Freunde der Anstalten erschienen. Zunächst wurde über die Lage der einzelnen Schulen berichtet. Danach bestehen in verschiedenen Stadtgegenden jetzt 6 Talmud-Thoras mit etwa 1000 Schülern und etwa 20 Lehrern. Die Schulen erfüllen besondere Aufgaben, die von denen der konservativen Religionsschulen verschieden sind. Sie genügen einem starken Bedürfnis der an Limud Hathora interessierten ostjüdischen Kreise Berlins. Unterrichtet wrid von pädagogisch befähigten, im jüdischen Schrifttum besonders beschlagenen Lehrern, u. a. auch von Studenten des Hildesheimer'schen Rabbinerseminars. Rabbiner Dr. Freimann äußert sich lobend über den von ihm inspizier ten Unterricht und seine Erfolge. Von Zeit zu Zeit finden auch öffentliche Prüfungen statt. Da immer weniger Kin der Schulgeld bezahlen ckönpen, die Spenden fast völlig versiegen und auch die Gemeinde, deren grundsätzliche Hilfsbereitschaft und objektive Einstellung von mehreren Seiten ausdrücklich anerkannt wurde, ihre Beiträge zu fammengeftrichen hat, stehen die Schulen vor dem Zu sammenbruch, viele Kinder vor der Gefahr der Verwahr losung und mangelnder jüdischer Erziehung und wert volle Lehrkräfte, die keine andere Betätigungsmöglichkeit haben, vor völliger Brotlosigkeit. Schon jetzt bestehen Miet- und Honorarückstände in bedenklichem Ausmaße Nach längerer Aussprache, in der u. a. hervorgehoben wurde, daß jetzt der lebendige Zustrom an jüdischen Ener gien aus Osteuropa und Ostdeutschland versiegt sei, jü dische Erziehungsaufgaben für den Nachwuchs der jetzt gen Generation der Juden in Deutschland, also h i e gelöst werden müßten, wurde ein „Hilfsoerein der Tal mud Thora-Anstalten Berlin" gegründet, dem sofort alle Talmud Thoras — einige unter Vorbehalt der Zustim mung ihrer Vorstände — beitraten mit der Maßgabe, daß die kulturelle Autonomie der einzelnen Anstalten gewahrt werde. Dem Vorstande gehört je ein Vertreter jeder Talmud Thora und Rabbiner Dr. Freimann, Rab biner .Dr. Bleichrode und Dr. Nathan Birnbaum an Die neue Notgemeinschaft der Talmud Thoras wird be reits in wenigen Wochen vor der Gemeinde und in der Oeffentlichkeit für die von ihr betreuten Anstalten in Aktion treten. Versonalien. Karlsruhe, 4. April. Eine hochherzige Wohltäterin die eine Künstlerin war in diskreter Wohltätigkeit, ist mit Frau Kommerzienrat Betti Strauß geb. Bauer aus dem Leben geschieden. In dankbarer Freude war sie sich stets bewußt, daß Anmut und Glück ihr als Gnadengeschenk verliehen waren. Andere an diesem teil nehmen zu lassen, war das Streben, das ihrem Leben Inhalt gab. Mit aufrichtiger Herzlichkeit und Freund lichkeit kam sie Jedem entgegen, Unterschiede des Stau des kannte sie nicht. An der Spitze jeder Wohlfahrts bestrebung stehend, von ihrem Gatten und den Ihren be reitwilligst unterstützt, bannte sie viele Sorgen, trocknete sie unzählige Tränen. Die Liebe zu ihrem Gatten und den Ihren, die ihr aus den Augen leuchtete, wurde die sen zur Quelle reinsten Glückes. Ueber den Kreis der Ihren hinaus wurde sie Vielen zum Ausdruck edelsten Menschentums. — Trotzdem, dem Wunsche ihrer Beschei denheit entsprechend, die Beerdigung in aller Stille statt ünd, hatte sich eine große Anzahl der Freunde des Haukes und der von ihr Bedachten und Beglückten einge ünden, die den von Herzen kommenden SBortm des Herrn Rabbiners Dr. M i ch a l s k i lauschten, der ihr Leben mit einer leuchtenden Sonne verglich. Nach ihm brachte Herr Prokurist Flegenheimer den Dank der Angestellten zum Ausdruck, denen die Verstorbene eine wahre Mutter gewesen. Das Andenken an diese edle Gönnerin wird in Karlsruhe unvergessen bleiben. küstrin, 10. April. Einen schweren Verlust hat unsere Gemeinde durch das vor einigen Wochen erfolgte Ableben von Adolf Herzog erlitten. Fast drei Jahrzehnte hindurch hat er zunächst als Repräsentant und später zweiter Vorsitzender die Geschicke unserer Gemeinde in uneigennütziger Weise geleitet. Einer echt jüdischen Familie der Prov. Posen entstammend, war der Ver ewigte bestrebt, die Institutionen der Gemeinde in or thodoxem Sinne aufrecht zu erhalten. Vornehmheit des Charakters, Gradheit, das war der Zauber, der seine Persönlichkeit umgab und ihr die anziehende Kraft verlieh, die der Verklärte auf jeden ausllbte, der je mit ihm in Berührung kam. Das zeigte sich auch bei der Beerdigung, die sich zu einer .gewaltigen Trauerkundgebung gestaltete. Im Trauerhause gab Rabb. L e w i n (Hamburg), ein Schwager des Heimgegangenen,' in ergreifenden Worten dem Schmerze der Familie Ausdruck. Auf dem widmete ihm Lehrer L ä w y (Küstrin) warme Worte des Gedenkens, während der Präsident der Hardenberg- Loge (Frankfurt a. O.) dem Logenbruder Abschiedsgrüße in die Ewigkeit nachrief. rrasjuv Tilsit, 8. April. Heute wurde Reb Hirsch N e u m a r k im 69. Lebensjahre zu Grabe getragen. Der Verstorbene war viele Jahre Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde in Kackschen (Kr. Tilsit Ragnit). Er war ein gesetzestreuer Jude, der als Mitinhaber einer großen Firma, streng den Sabbat heiligte und reichlich npn? übte. Herr Rabbiner Dr. R ö s e l widmete ihm einen ehrenvollen Hesped und schilderte den Verlust der Gemeinde. n'oxäfv Soldin 3t. 2!t., 10. April. Im gesegneten patriarchalischen Alter von 90 Jahren ist Kantor S. @ofb nt o n n in die Ewigkeit eingegangen. Mehr als ein Menschenalter hat der Verklärte seiner Gemeinde als und Religionslehrer in vorbildlicher Pflichterfüllung gedient und noch bis vor einem halben Jahr regelmäßig den G'ttesdienft abgehalten. Mit einem tiefgründigen jüdischen Wissen — der Verstorbene war ein großer n"n — verband er, dessen Heimat im Osten gestanden, ein gediegenes Allgemeinwissen, das er, rastlos strebend, sich erarbeitet hatte. Ein gütiges Geschick hat ihn vor den Beschwerden des Alters bewahrt und ihn bis in sein hohes Greisenalter hinein mit einer körperlichen und geistigen Frische ohnegleichen gesegnet. Obwohl während seines langen Lebens mancher Sturm sein Haupt umtoste: Das Leid konnte ihn nicht beugen. In seinem pnv2 ertrug er geduldig alle Widerwärtigkeiten des Lebens. Selbstverständlich, daß dieser Mann in seiner Stadt eine Persönlichkeit war. Das zeigte sich bei den verschiedensten Anlässen. U. a, sei erwähnt, daß der inzwischen verstorbene Superintendent von Soldin ihm anläßlich seines 50jährigen' Ortsjubiläums ein Bild mit einer eigenhändig geschriebenen jüdischen Widmung verehrte. Auch andere Aufmerksamkeiten von seiten der Geistlichkeit seines Ortes wurden ihm zuteil. Cs verdient in unserer Zeit hervorgehoben zu werden, was der Redakteur des „Soldiner Tageblattes" dem Heimgegangenen nachruft: „. . . Kantor Goldmann ist seiner Gemeinde zum Segen geworden. Doch' nicht nur in den Kreisen seiner Glaubensgemeinschaft, auch in der gesamten Bürger- und Bewohnerschaft hat sich, der nunmehr Verewigte im Laufe der 60 Jahre Verehrung und Wertschätzung erworben. Kantor Goldmann hat niemandem ein böses Wort gesagt, in Soldin nicht einen einzigen Feind gehabt. Allseitige herzliche Teilnahme folgen seinem Sarge. . . . Möge er in G'ttes Frieden ruhen. Wie seine Glaubensgenossen, so werden auch alle Soldiner, die ihn kannten, dem langjährigen und ehrwürdigen Mitbürger Goldmann bis über das Grab hinaus ein ehrenvolles Gedenken bewahren." — Bei der Trauerfeier, die im G'tteshause vor sich ging, hielt ihm Bezirksrabbiner Dr. S i l b e r st e i n in beredten Worten einen warmen Nachruf, während Lehrer Löwy - Küstrin dem geschätzten Freund und Nachbarkollegen innige Worte des Gedenkens widmete. -»"asm Amsterdam, 8. April. Die letzte Sitzung der Amsterdamer Gemeindeverwaltung wurde durch eine Dank- und Abschiedskundgebung für das nach 14jähriger Tätigkeit ausscheidende Vorstandsmitglied, Herrn Willy Birnbaum, eingeleitet. Der Vorsitzende richtete warme Worte der Anerkenung, an den scheidenden Kollegen und würdigte seine hingebungsvolle, von, Sachkunde,- Prinzipienfestigkeit und freundschaftlichen Formen getragene Amtstätigkeit. Herr Birnbaum antwortete in kurzen Worten, er habe niemals Dank erwartet und verlangt, da er selber die höchste Befriedigung in seiner Tätigkeit gefunden habe. Eine weitere von Gefühlen warmen Dankes getragene Abschiedskundgebung fand am 13. März in D o r d - recht statt, wo Rabbiner S. Dasberg fen. nach einer reichgesegneten Lebenswirksamkeit in den Ruhestand trat. Nach der früher schon stattgefundenen Abschiedsfeier in der Synagoge, hatte ein interkonfessionelles Komitee unter dem Vorsitze des Bürgermeisters sich zusammengefunden, um den beliebten geistlichen Führer der Gemeinde, der sich auch im kommunalen Leben vielfach betätigte, zu ehren. Die Hauptansprache hielt der Bürgermeister von Dordrecht, Herr F o r t m a n n. Sprechsaal. Purim-Bälle. Unter diesem Stichwort veröffentlicht Herr Lehrer Hermann Kahn, Höchst i. O. einen Artikel, in dem er sich dagegen wandte, daß jüdische Jugendvereine Tanzvergnügen veranstalten. Ohne auf die Form des Angriffs, die unser Befremden erregte, cingehen zu wollen, sehen wir uns doch veranlaßt, wenigstens in unserem Rainen, diese Ausführungen nicht unentgegnet zu lassen. Hätte der Herr Einsender einen Angriff vom religiöen Standpunkt aus begründet, so hätten wir dieser Kritik Verständnis entgegenbringen können, nicht aber seinen anderen Argumenten die wir als vollkommen deplaciert zurückweisen müssen. Wenn versucht wird, der jüdischen Jugend das Recht auf Vergnügen mit derartigen, flachen und oberflächlichen Begründungen streitig zu machen, so lehnen wir dies ganz entschieden ab. Auch wir, die jüdische Jugend in Hanau, kennen und empfinden die Rot der Zeit. Trotzdem, oder gerade deswegen, lassen wir uns nicht alle Lebensfreudigkeit nehmen, sondern wir versuchen, uns zuweilen für einige Stunden von den Sorgen des Alltags freizumachen. Es wundert uns besonders, daß Herr Kahn als Lehrer so wenig Verständnis für die Lage der heutigen Jugend aufbringt, einer Jugend, die vor einer aussichtlosen Zukunft, vor dem Nichts steht uitb der man deshalb um so eher ein wenig Zerstreuung gönnen darf. Es ist selbstverständlich, daß Tanzvergnügen nicht die Hauptaufgabe unseres Bundes ist. Wir sehen seine Aufgabe vielmehr dariu, unseren jungen Menschen in. Heim- und Vortragsabenden, sowie Kursen allgemeines ' und speziell jüdisches geistiges Gut zu vermitteln. Wir brauchen nicht besonders zu betonen, daß unsere Tanzveranstaltungen (die übrigens nur selten stattsinden) tets in kleinstem und bescheidenstem Nahmen gehalten ind und daß von Putz- oder Verschwendungssucht in seiner Weise die Rede sein kann. In Verbindung mit 'olch anspruchslosen Vergnügungen sind Ausdrücke wie protzenhaft, nach außen sich aufblähend", in Wirklichkeit garnicht „vorhandene Reichtumsillussionen" vollständig unangebracht. Wir möchten dem Herrn Einsender empfehlen, nicht über Dinge abfällig zu urteilen, über die er ganz und gar nicht unterrichtet ist. Wir glauben, daß gerade für die jüdische Jugend Purim ein Anlaß zum Feiern sein kann und sein soll. Herr Lehrer Kahn vergißt wohl, daß neben demni>v» ll'tfaub Twnvi invnb vm 7113», ausdrücklich geboten ist, Purim als Tag der Freude und des Genusses zu begehen (nachzulesen Kap. 9, Vers 22).