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Der Israelit · 1932-04-07 · Heft 15 (7.4.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 15 (7.4.1932)
Date
1932-04-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 15 Der Israelit Sabbat geschlossen und dafür am Sonntag geöffnet. Die Beschränkungen, welche die Gemeindevxcovdnungen bezüglich des Hausterens am Sonntag-'bestimmcn, werden . für die jüdischen F? ausi e r e r am dem den jüdischen Feiertagen unmittelbar vorangehenden Sontttag außer Kraft. gesetzt.-- .- ..- - 2luf dem Gebiete des E i s e n b a h'n v e r k e'h r s bestehen ins Einzelne gehende Bestimmungen, die dafür sorgen, das; für die Berechnung der Fristen, innerhalb deren die Güter von dem Absender geladen oder abgeholt sein Kulissen und für die Berechnung von Standgeld Sabbate und jüdische Feiertage nicht mitgerechnet werden. 'Auch der jüdische Beamte hat Anspruch auf die Berücksichtigung seiner religiösen Bedürfnisse. 'Ausdrücklich bestimmt die allgemeine Reichsbeamtenordnung voin 12. Juli 1951 in Artikel 21, der jedem Beamten das Recht auf einen wöchentlichen Ruhetag zuerkennt, das; für sabbathaltende Beamte der Sabbat an die S t e l l e ö e s Sonntags tritt, wenn sie ein diesbezügliches Gesuch an den Di'enstvorfteher gerichtet haben, und soweit die Interessen der betreffenden Dienststelle und der übci- 'vigen Beamten dem nicht inLWege stehbii. In der Praxis is können die jüdischen Beamten-bei.den mittleren und großen Post-, Telegraphen- und Telefon-Betrieben ohne besondere Schmierigkeit am Sabbat dienstfrei bekommen, wenn.sie das Arbeitspensum dieses Tages am Sonntag nachholen. ' Im zweiten Abschnitt der Broschüre werden Auszüge aus den parlamentarischen Reden, wiedergegeben, die anläßlich der Beratung des Ladenschlußgesetzes gehalten worden sind, und die ein besonders ehrenvolles Zeugnis für den in den positiv christlichen Kreisen Hollands lebendigen Geist wahrer Toleranz bilden. So sagt u. a. der Abgeordnete v a n W y nbergen: „Ich bin völlig davon überzeugt, daß unter den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen ohnehin für viele Juden es sehr schwer ist, die Vorschriften der jüdischen Religion zu befolgen. Eben weil ich es in hohem Maße schätze, daß in dieser Zeit, wo das religiöse Leben in jeder Beziehung im argen liegt, gerade die Juden an ihrem Ritus festhalten, darf verlangt werden, daß Ahnen keine unnötigen Hindernisse im Weg stehen." Der Arbeitsminister v e r s ch u u r legt in eindrucksvollen Worten dar, daß es eine rein noininelle Freiheit gebe, die in Wirklichkeit keine Freiheit sei, dann nämlich, wenn man die Freiheit durch wirtschaftliche Schwierigkeiten de facto aufhebt. Dasselbe, so fuhr der Minister fort, erkläre ich in Bezug auf die Religionsfreiheit der Juden, wenn man den Juden ihren Sabbat belassen will und sagt, sie seien nach der Verfassung vollkommeir frei, den Sabbat zu feiern. Denn wenn wir sie dabei in die Rotwendigkeit versetzen, zwei .Tage der Woche für-die Sabbatfeier zu opfern, dann ist das nicht die eigentlich e F r c ih e i t, w e l ch c d i c v c'f'fd f f u n g m e i n t-/.//. . Cs ist.also .eine unabweisliche Forderung /der,Gerechtigkeit/ welche , nahezu direkt auf der Verfassung bal-ert ustv.. ' ' ' - > , , , . :' - Wan kann nur wünschen/ daß..die ganze.Broschüre in alles.Kultursprachen übersetzt.und den Regierungen. 'säMtlirher^ Länder, .der Erde als Wegweiser zu den Höhenwahrer Menschlichkeit und Gerechtigkeit überreicht werde. Gemeinschafksnol und Nokgemeinschafk. Von Rabbiner Dr. Hermann. Klein in Berlin. III.*) Im il'lidrasch Tanchuma zu mips 'Q wird etwas abweichend von der ähnlichen Stelle in im 'Da erzählt, daß gleich nach der. Bildung des Embryos im Mutterleibe ihm zwei Engel an die Seite gegeben werden, von denen der eine ihm ein Licht über sein Haupt anzündet, bei dessen Scheine er die ganze Welt von einem Ende bis zum anderen Ende überblickt, während der andere ihn den Lohn der Gerechten im Gan-Cden und die Strafe der G'ttlosen im Gehinom schauen läßt. Das Kind will den Mutterschoß nicht verlassen, aber die Engel schlagen und drängen es mit *) Vgl. Nr. 45 und 49 dieses Jahrgangs. Gewalt in die Welt, die es weinend betritt. Vorher aber erlischt das Licht über dem Haupte des Kindes und es. vergißtFwas es 'geschaut. - F * ^wenw wir nicht irren, so wollen uns unsere. Lehrer in ihrer weise folgende Wahrheiten vermitteln. Es Ast eiwmralter Streit zwischen den größten Denkern'aller Zeiten, ob der Mensch von Haus aus ein geselliges Wesen ist oder nicht. Rach der Ansicht vieler Denker ist der Mensch von Geburt an selbstsüchtig. Im Raturzustand, wo die Affekte herrschen, herrscht Krieg aller gegen alle. Jeder will für sich Glück und Macht erringen und sucht den anderen, da er ihm nicht trauen darf, zu unterjochen, ja zu töten; jeder erblickt in dem anderen den Wolf, den er lieber fressen, als von ihm gefressen werden will. Eine jede Gemeinschaft ist nach dieser Ansicht ein künstliches Erzeugnis der Furcht und Klugheit. Es ist niemand so schwach, daß er nicht seinem Mitnixgschen das schlimmste Uebel, den Tod, zufügen kögnt?.;.da also selbst der Stärkste nicht .sicher isHFo gebi^M diew c rnunft, im Interesse.,eines Jeden, FrF-edeu zu suchen und eine Gemeinschaft zu gründen. Im Gegensatz zu dieser trostlosen Lehre meinen unsere Weisen, daß der Mensch von Geburt an, oder richtiger^. noch vor.seiner Geburt ein,, geselliges wesen , sei. Schon im Mutterleibe geht ihm ein Licht auf von der Zusammengehörigkeit aller von G'tt .exschasfcncn wesen, sein Blick umfaßt die ganze Welt. Einem jeden werdenden Menschen, der von Schuld und Sünde noch unberührt ist/ leuchtet jenes Licht, ha^ hem Stammvater der ganzen Menschheit, Adam,, ppv, jqttec Sünde geleuchtet hat miD □ViyH Erst die Sünde entfremdet, dsp 2siegsch^n, die Kinder eines Vaters sind, einande/r. Menschen,.Blick, der eine ganze Welt mit Liebe ui^fpgnnen. sollte, ver-> engert sich, man vergißt, daß es, kein wahres Glück für den Einzelnen geben kann, wenzn.her Andere leidet, 'pn yy Tina, wasn isw nyi oViyn «td» Vians so klagt G'tt nach der Sünde Adams um seinen Menschen. Gestern noch trugst du eine ganze Welt im Herzen, und heute kennst du nichts anderes als die Sorge um deine eigene körperliche Existenz, heute erstreckt sich dein Blick nicht weiter als über den Garten, dessen Bäume dich nähren sollen, a^iyn nx £tt va!?a Dem werdenden Menschen wird die Liebe zur Welt ins Herz gepflanzt, ein Engel zündet ihm das Licht an, , das ihn.-die ganze Welt schauen läßt. Der natürliche Zustand soll nicht der Krieg aller gegen alle sein, im Gegenteil,-der natürliche Zustand ist der ewige Friede zwischen allen Geschöpfen G'ttes. Geüihlsmäßig gehören doch alle Menschen zusammen, denn sie sind doch Brüder. Man vergißt leider, so ineinen unsere weisen, beim Eintritt in die wirkliche Welt, all das, was man als natürliches wicgenge- 'chenk G/ttes erhalten hat, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit und Verbundenheit, das Gefühl der allumfassenden Liebe , für alle Wesen, die den Stempel ihrer Abstammung von dem Schöpfer allen Seists tragen, weinend betritt der Mensch eine.solche Welt, die alle diese Gefühle,der Märmf, und.-Liebe, alle Ideale vom Glück durch BegUckung so grausam verböhnt.. Mit einem Herzen <r»o)1 von Enthusiasmus, voller Güte nähert man sich cher Welt, die einen kalt und hart zurückstößt. Man wjrd an sich irre und mstn versteckt sorgfältig alle weicheren Regungen, die do'ch nur verlacht würden, da man nicht als Weichling vcrpottet werden möchte; man verbirgt scheu die Wärme des Gefühls hinter der Maske des Zynikers, des Spötters, deren bitterer Spott seine Schärfe von der Enttäuschung erhält, die. mgn erfahren und. aus.dem-man oftmals das weh zurückgewiesener.Liebe emporzucken acht. . A u ch u n-s e r (? t Iugendha i f i ch die - 'es. G-e f ü hl. b e m ä.ch t i g t. Auch ihr. fehlt der Enthusiasmus für alles Schöne und wahre, auch ihr Echt jene Liebe, die sie als wiegengeschenk erhalten hat,- jene Liebe, die sie ihren Eltern und Führern vertrauen lehrte. Unsere Jugend ist nicht jung, sie ist 'rüh, viel zu. früh gealtert, sie denkt auch schon zu viel mit dem Kopfe, anstatt wie früher mit "dem Herzen zu denken. Hinter dem scheinbaren Selbstgefühl und der Ueberbeblichkeit steckt oftmals ein Gefühl kläglicher Minderwertigkeit, welches man mit aller Macht über- 'chreien will. Jugend i st an sich keine Tugend, aber auch kein Laster und man brauchte sich feiner Jugend nicht zu schämen. Man darf ruhig jung sein, man darf sich ehrlich b c g e i st e r n , anstatt nur so zu . 7. April 1932 üun, als ob man begeistert wäre,.- manmuß nicht schon in der Jugend Führer Fein wollen; da; man selbst noch so dringend der Führung bedarf.: Speziell in wahrhaft jüdischen Kreisen ist dieses. SMjsst mit „Führerschaften" nicht ganz ungFährlich. Flns.er.e..Iugend sollte nicht fremden Kreisen nachahmen, was dort wielleicht verständlich und natürlich' ist, wirkt chci uns unnatürlich und^ lächerlich. - Bei uns hat die Jugend keine^and.erekMufga^ettuWtz.H).f-lichAn als das^Alter, wie alle/ob alt oder jung, sind Lernende ünd Geführte. Rnsere Führecin rst einzig und allein.irnnin nsnipri' und uiHexezIsigend FollsÄuücheir^sucheii, von dem Gelehrte behaupten, daß er sie etwas lehren kann. Wenn mau von einer Rot der Jugend auch in unseren Kreisen spricht, so erblicke ich diese Rqt einzig und allein in dem Rmstande, d a ß u n s e r e I u g e n d n ich t m e h r I u n g s e i n w i l l. Aufgabe aller ernsten Iugendführec muß cs daher sein, unsere Jugend wieder jung wexden zu lassen. Das kann aber keineswegs in der Weise geschehen, daß man ihrer Großmannssucht entgegenkommt, ihres Eitelkeit schmeichelt und sie zu „Führer"-Manieren und dergleichen Rarreteien mehr ermünteri/' sondern indem man sie wieder m i tud'eRn-H e ez ecki de tt k e N k'e hF't. D i e R o t d e r I'tNg'en d i st e i n e G e m e i'n.sch a f t önot d es g an z'e n j ü d i's ch e n v o l k e s , das diese Scheidung, was jüdische Pflichten und Rechte betrifft, gar nicht kennt und daher 'inuß diese Gemeinschaftsnot zu einer Rotgemeinschaft aller öenkendenn 'Iehudim führen, damit' die Rot' überwunden werde. "--vr;:': ' r;- Ein zweiter Engel wird dem noch' ungeborenen Kinde beigesellt, der ihm d e n L o h n d e r G e r e cht e n u n d d i e S t r aF e d e r G ' t t l o s e n z e i g L. Kinder haben ein natürliches Gefühl, so meinen unsere Weisen, für 2lecht- und Unrecht und sie halten es für selbstverständlich, daß das Gute belohnt und das Schlechte bestraft werde. Bevor noch Kinder lernen und zwischen dem, was die Menschen als gerecht undungerecht bezeichnen, unterscheiden können, sagt ihnen ein untrügliches Gefühl, was gut ist und was böfe und es steckt in ihnen der gewaltige Optimismus, daß das Gute seinen Lohn und das Böse seine Strafe finden werde. Dieser Optimismus ziemt der Jugend und soll der Jugend erhalten bleiben, denn ohne diese Gewißheit kann man seines Lebens nicht froh werden und nicht den Mut zum Leben aufbringen. Leidcv vergißt man auch diese einem eingeborene Gewißheit, meinen die weisen, wenn das größere Licht, das einem im Mutterschoße geleuchtet hat, erlischt und man das viel kleinere und trübere Licht dieser Welt erblickt. Diese Wahrheit, die einem G'tt einpflanzt, er- 'cheint verdunkelt im Getriebe dieser Welt, wo ja oftmals das Böse zu triumphieren scheint und das Gute unterdrückt wird. Aber wir sollen und müssen dem uns angeborenen Gefühl vertrauen, daß das Gute nicht nir. die Ewigkeit unterdrückt werden kann und das Böse .'nicht, für - immeb herrschen ^darfF . ' " / Zwei-- Engel 'ebscheinen' -dem noch nngeboreüen Kinde, das sind die zwei Gefühfe-/did der Mensch von 'einer. .Geburt! her- Mitbringt.' Mälr^- kaim - diese Gcmhle; vorübergehend Ai'ntR'drücken, man kann die angeborenen -Ideen zAtweMg^ vbrKssen, aber nicht für immer verlieren. Das eine Gefühl ist däs Gefühl .der Zusammengehörigkeit aller Menschen, zfln'6e'r Blick idid nsn tidd und das andere ist das Gefühl und die Sicherheit, daß das Gute siegen und. belohnt werden müsse. Zurveilen erlischt das Licht, das uns von einem Ende der Welt bis zum anderen sehen läßt und auch die Idee des Rechtes sowie die Gewißheit unserer Reb'erzeugung von der Belohnung'/des Guten und Bestrafung des Böstn erfahren eine Erschütterung, dann kommt aber eine solche Rot über die Menschheit, die das Ende der Menschheit befürchten läßt. Diese Rot wird zu einer Gemeinschäftsnot, unter der alle wefenckeiden und langsam erwächst aus der Gemeinschäftsnot eine 21otgemeinschafi, in der das alte Licht aufstrahlt, mit dessen Hife rvir schon einmal hje ganze Welt umfassen konnten und die uns wieder ö.ie Liebe zur ganzen Welt ins Herz' senkt. Das ist vielleicht der liefe Sinn der Worte i unserer weisen ritt Midrasch, wenn sie uns am Schluffe sagen, daß derselbe Engel, der einem das Licht über das Haupt auzüudete, bevor man noch geboren war, dem Men- 'chen auch in seiner Sterbestunde naht und ihn fragt: „Erkennst du mich?" und den Menschen hinüberbeglci-

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