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Der Israelit · 1932-03-31 · Heft 14 (31.3.1932) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 14 (31.3.1932)
Date
1932-03-31
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton Beilage nr.i4 i-rr Brudergrab. . Lin Rriegserlebnis. Von M. Mosler. (Schluß.) „Macht-nichts// schüttelte er mit dem Kopf» „es ist alles schon im .Hjmmel voransbestimmt. kann uns nie, ohne Tefillin treffen." „Alles gut und richtig» Kamerad Ioffel» und dennoch glaube ich, das; die Religion selbst zur Vorsicht mahnt und davorwarnt» sich leichtfertig in Gefahren zu begeben. Hörst -du jetzt das Summen?" Ich hatte den Satz noch nicht ausgesprochen» als knapp hundert Weter von uns der Loden erzitterte. Line Granate war geplatzt. Line Wolke von Staub und Lrde» untermischt mit Holz- und Cisenstücken» erhob sich und flog nach allen Seiten. Alles warf sich flach zu Boden. Rur Ioffel stand da mit seinen Tesillin» als wäre nichts geschehen. Auf dem Boden liegend winkte ich ihn an mich heran» ec kam langsam ohne Spur von Angst und Aufregung. „Ra, Artillerist Ioffel» was sagst du jetzt dazu?" „Richts," fing er an» als säße er am warmen Ofen im Beshamidrasch. „Ich will dir die Sache mit einem Gleichnis erklären. Rach der Ansicht von Abraham Lben Lsra» der auch Rambam zustimmt . . „Höre einmal» tapferer Held," fiel ich ihm ins Wort» „wie nannte man dich eigentlich in deinen; Städtchen?" „Wan nannte mich glattweg Ioffel oder I o s s c l der Lhakran (Forscher). Das bleibt sich doch gleich. Hauptsache ist» das; ich Nachweisen kann» wie berechtigt die Ansicht von Rambam ist ..." Lr konnte die Beweisführung für den Rambam leider nicht beenden. Lin Platzregen von Bomben und Granaten ergoß sich über das Gelände. Lin ganzes Geschwader von Flugzeugen arbeitete mit ohrenbetäubendem Getöse. Die Lrde erbebte und Brand- und Gasgeruch erfüllte die Luft. Häuserruinen wankten und wackelten und fielen mit Gekrach vollends zu Boden. Wir konnten bereits das Summen uns er er Flugzeuge unterscheiden, die sich zur Abwehr der Italiener in die Luft erhoben. Wie Silberpunkte hoben sich die Propeller von den roten Sonnenstrahlen ab. vorschriftswidrig hoben wir den Kopf» um die Luftschlacht zu verfolgen, warfen uns aber gleich wieder in Deckung zu Boden. Dicht neben uns schlug es ein und ein brennender Wenfchenkörpeo stürzte wie eine Fackel zu Boden. Schwarze deutsche Flugzeuge flogen wie die Raben hinter den Italienern her. Roch einer aus unserer Batterie fiel bin und stand nicht mehr auf. Cin dritter blieb liegen» wie er auf dem Bauche flach gelegen hatte. 'Als der Sturm vorbei war und ich inich erhob, legte Ioffel gerade seine Tefillin zusammen, als stände er im Stübel nach dem Worgeng'ttesdienst. Nachmittag kam der Kommandant zu uns und hielt Appell ab. Als er Ioffel erblickte» nahm er ihn scharf ins Auge und fragte ihn» ob er deutsch sprechen und lesen könne?" „Warum nicht» Herr Oberleutnant? Zu Hause pflegte ich alle neuen deutschen Bücher zu lesen. Haben vielleicht Herr Oberleutnant die „Reue Freie Presse" bei sich?" Der Offizier lachte» setzte Kleinkopf die schiefsitzende Wütze zurecht und sagte» zu mir gewendet, der Artillerist Kleinkopf werde zu den Telefonisten abkommanöiert. Ich hätte ihm die Verbindungen und die Zeichen in kürzester Zeit beizubringen. Roch am selben Tage fing ich mit dem Unterricht an. Den theoretischen Teil beherrschte er bald spielend» die praktische Ausführung der Verbindungen machte ihm aber große Schwierigkeiten. Wit dem einen schielenden Auge sah er den Draht immer ganz anderswo» als er war. Wiederholt blieb er auch an Aesten hängen und wir mußten ihn herunterholen. An einem Worgen» als wir den Graben verließenwusch Ioffel die Hände am taufeuchten Gras» holte sein Gebetbuch heraus und fing gleich mit dem Gebete an. „Ra, Kamerad, wo bleiben die Tefillin? Sie schon als Ballast abgeworfen?" „Behüte," sagte er mit leisem Vorwurf» „weißt du nicht» daß heute der erste Tag S ch w u a u s ist." Ich schämte mich. Crst gestern sprachen wir davon» und heute hatte ich es in; Drange der Arbeit und Aufregungen wieder vergessen. Mit höchster Achtung sah ich zu dem kleinen Ioffel hinauf, der, ein wahrer Held» in Rot und Tod die Heimat und seinen G'tt in seinen; Herzen trug. Heute Schwuaus! In hunderttausend Svnagogen auf den; Lröenrunde ertönt heute das „Du sollst nicht nwrden!" Und hier sausten und donnerten Kanonen gegen das ewige gütliche Gebot. Und mitten im Kriegsgetümmel stand das kleine Wännchen» das das G'ttesgebot in seiner ganzen Reinheit in; Herzen trug. Der WenschheLL ganzer Jammer schrie in seinen Gebeten zun; blauen italienischen Himmel hinauf. Witleid erfüllte mein Herz mit diese»; Junge», mit den; ich jetzt zu den vordersten Schützengräben hinaussollte. wie wird sich sein junges Herz zufammenkrampfen beim Anblick der Leichenhügel» die die Gräben umsäumen? Roch hörte und sah man nichts. Blau leuchtete der Hinrmel, festlich in seiner Reinheit winkte der frische Schnee von den Alpenhöben. Da ein Ruf: „Telefonist Kleinkopf!" Ich eilte an den Apparat. Line nötige Verbindung mit den vordersten Reihen, und Kleinkopf sollte sie ansführen. Ich freute inich für Ioffel, daß er eine Zeitlang der Hölle entrissen unter Deckung bleiben konnte. Ich fand ihi; unter eine»; Baun; in sein Wachsor vertieft. Sofort begab ich »;ich mit ihn; und noch eine»; nach der betreffenden Stelle. Zudritt bahntei; wir uns einen Weg durch das Geröll verwüsteter Weinberge. Plötzlich cin Geräusch, eine Welodie» die wir schon gut kannten. Schon sahen wir ein kleines Flugzeug mit vollendeter Eleganz über unserem Kopfe kreisen. Fast mechanisch warfen wir uns hinter einen; Zaune zu Boden und ich rief Ioffel zu, daß er es mir nachmache. Seine Antwort konnte ich i»; Höllenspektakel, der in der Luft entstand, nicht hören. Ich sah nur» wie er, etwas spät, Laufschritt nah»; und kopfüber zu Boden stürzte. Cr stand nicht auf, lag ganz still. Lähmendes Entsetzen erfaßte mich. Rach einigen Wniuten» die kurze Luftschlacht war zu Ende» eilte ich zu ihm bin. „Ioffel!" schrie ich. „Was ist los? Stehe auf." Keine Antworte Ich wandte ihn um und sah in sein Gesicht. Die Augen waren weit, geöffnet und aus de»; Wunde floß in dünne»; Strome schwarzes Blut. Ich riß ihm den Wantel auf. Die Brust war durchlöchert. Cr hatte keinen Ton von sich gegeben. Das Gesicht war so ruhig und friedlich, als hätte sein Auge nie den Tod geschaut. In der Hand eingekrainpft war der Verbindungsdraht. Ich wandte das Gesicht ab und weinte. Ich glaube, es waren meine ersten Tränen während des ganzen Weltkrieges. Cine neue Luftschlacht entwickelte sich in unserer Rähe. Line italienische Waschine, dieselbe, die auf uns geschossen hatte, wurde getroffen und stürzte zu Boden. Wit schwerer Wühe schälten wir den italienischen Flieger aus der brennenden Waffe heraus. Der Pilot öffnete noch einmal seine schwarzen Augen, als wollte er uns fein letztes Geheimnis offenbaren» und schloß sie für immer. Schon nach kurzer Weile wurde ein Waffengrab geschaufelt. Ich bat» mir zu erlauben» Ioffel in einem Cinzelgrabe zu betten. „Nichts da," schrie mich der Leutnant Wiriheim an» im Tode sind alle gleich." Den italienischen Offizier hatten wir ebenfalls zu bestatten. Als wir seine Taschen durchsuchten, fanden wir seinen Paß. Der Leutnant reichte mir den Paß. „Da, steh »;al her! auch ein Jude! Hier steht das Zeichen „Cbreo". Leide kanren in ein Grab. Ich sagte Kaööisch. Ich setzte tags darauf ein Brettchen an den Hügel und zeichnete darauf mit Farbe die beiden Bundestafeln» wollte mit je fünf römifrficit Zahlen die „Zehn Gebote" darauf audeuten ... Als ich an das sechste Gebot kam, warf ich den Stift aus der Hand und wandte mich ab . . . Tlachklänge zum Goelhe-Tag. '1 In einem schönen Goethe-Artikel, den Dr. Leo D e u t s ch l ü n d e r in der Wiener „Wahrheit" veröffentlicht, erinnert er zum Schluß an ein dieser Tage tut Verlage C. Barth in Wien erschienenes Buch von Landesgerichtsrat N a i) m tut b Ebe r h a r d : „Goethe und das Alte Testament", ein Buch, das eine „Rettung" im Lessingschen Sinne sein und aufzeigen soll, wie die Religiosität Goethes bis in die letzten Fasern seines. Wesens» in der Bibel verankert war. Der Verfasser, ein deutscher Richter, der schon wiederholt in Wort und Schrift als überzeugter Christ gegeit die Schmach des Antisemitismus aufgetreten ist, hat aus Liebe zum Alten Testament und in gleicher Weise auch aus Liebe, zu Goethe das umfassende Material zu dem Buche husammengetragen. Cr führt in der Vorrede aus, daß, ebenso wie Goethe, das ganze deutsche Volk viele Jahrhunderte hindurch durch das Alte Testament hindurchgegangen ist und daß der Einfluß alttestamentlicher Religiosität aus der Geistesgeschichte des deutschen Volkes niemals herauszustreichen sein wird, wie sehr auch unsere modernen nationalistischen Heiden sich dagegen sträuben mögen. II. Einen insbesondere für die Frankfurter Juden interessanten Goethe-Brief hat Rabbiner Dr. I o s e f - s o h n aus den 1910 im Verlage von Langewiesche, Ebenhausen bei München erschienenen Goethe-Briefen aüsgegraben. Er ist im Interesse des Frankfurter Schuhjuden Elias L ö b Reiß, des Stifters der „Löb-Reiß'schen- Schul' " am Hermesweg, geschrieben, und an Goethes Onkel, den Frankfurter Advokaten und Ratsherrn Dr. Tertor, gerichtet. Der 'Brief lautet: Weimar, den 3. August 1782. Wn Dr. jur. Ioh. Jost. Tertor, Schöff und Rat zu Frankfurt. Wohlgebohrner Insonders .Hochzuehrender Herr Oheim! Es hat der Frankfurter Schuz-Iude Elias Löb Reifs, der schon seit 1766 von Durchlaucht dem Herzog meinem gnädigsten Herrn des Prädicat eines Hoffactors erhalten, neuerdings um das Prädicat eines Hofagenten und um Vermittelung bei dem dasigen Magistrat nachgesucht, dass, ihm die Lrlaubniss, Soun- und Festtags ausser der Gasse zu gehen, mögte mitgetheilet werden. Run hat sich dieser Mann um die Angelegenheiten der Eisenachischen und Apoldischen Kaufleute jederzeit besonders bemühet, so dnsl Durchlaucht der Herzog ihm wohl einige Distinction und Gnadenbezeugung von ihrer Seite mögten widerfahren lassen; da sie aber auch nicht gerne durch ihre Intercession etwas gegen die Verfassung der Stadt verlangen und so sich entweder. einer abschlägigen' Anwort ausstellen ober einen ansehnlichen Magistrat etwas wiewohl ungerne zu gewähren in die Verlegenheit sehen wollen, so habe ich den Auftrag erhalten, bei Ew. Wohlgebohren privatim anzufragen, in wie fern Sie glauben, dass und auf was Art für gedachteit Juden etwas günstiges zu thun fein mögte. Haben Sie die Gefälligkeit nich mit einer baldigen Antwort zu beehren, mich der Frau Großmutter, der Frau Tante und allen werthen Angehörigen zu empfehlen und Sich überzeugt zu halten, dass ich mit der vollkommensten Hochachtung sey Ew. Wohlgebohren ergebenster Diener I. W. von Goethe. Es ist anzunehmen, daß Herr Elias Löb Reiß hiernach an Sonn- und Feiertageit außerhalb des Ghettos spazieren gehen durfte. Zugendeindrücke. Ob auf dem Lande oder in der Stadt, die heutige Jugend kennt nur Wanderit und Sport. Höre ich sie von ihrer Beschäftigung plaudern, so lasse ich gern »reine Gedanken zurückschweifen in die eigene Kindheit, die sich auf einem kleinen süddeutschen Dorfe abspielte. Schließe ich die klugen, so sehe ich innerlich zunächst vor mir die hohen Pappeln anr Eingang des Dorfes, die ihre Häupter leise bewegten und Ja und Rein zu sagen schienen. An einem dieser Bäume war der Eruw- Draht befestigt. Lächelnd denke ich da an ein drolliges kindliches Mißverständnis. Ich hätte beobachtet, daß Schulkinder und juitge Leute sich das Taschentuch ums .Handgelenk wickelten, wenn sie am Sabbath den Spaziergang „vor den Toren" machen wollten. Sv lief ich an einem Sabbath zur Mutter: „Gib mir ein Taschen-

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