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Der Israelit · 1932-03-31 · Heft 14 (31.3.1932) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 14 (31.3.1932)
Date
1932-03-31
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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31. März 1932 Der 3 s t a e I i t Nr. 14 Seite 13 tnch! Ich geh' „übern Draht"; denn ich hielt das improvisierte Armband für ein Erfordernis. Was Originale sind, kann man nur im engen Kreis einer Dorfgemeinde erfahren. Mir find einige in Erinnerung: Da ist zunächst der alte Schimme. Er brummte, wenn er uns Kinder sah, zog einen großen Schlüssel aus der Tasche und drohte: „Halt, wenn ich kumm", was uns Kleine zur scheuer Flucht veranlagte. Von einem anderen Alten, der auch Schimme hieß, weiß ich nur noch, daß er stets ein grünes Blatt zwischen den blauen Lippen seines zahnlosen Mundes hielt. Am lebhaftesten aber ist die Erinnerung an Iiddel. Sie war eine untersetzte Frau mit dunklem „Scheitel", die stets in blendend sauberer Kleidung erschien. Blinkend war aber auch alles, was sie umgab. Zunächst das weiß getünchte Haus mit den blanken Fenstern und grünen Läden. Betrat man über die mit Sand bestreute Eingangstreppe das Häuschen, so putzte man schon ungeheißen die Schuhe sauber ab. Der Fußboden der Wohnstube war schneeweiß gescheuert. In regelmäßigen Abständen unterbrachen schwarz geölte Streifen diese schimmernden Dielen. Die gute Frau war eine Kinderfreundin, versammelte stets die kleinen Mädchen um sich und unterwies sie im Stricken. Ihre eigene Strickarbeit aber fand nie den Beifall meiner tüchtigen Mutter und oft tadelte diese die Lückenreihen, die sich zwischen den einzelnen Nadeln gebildet hatten. Unsere heutigen Damen würden diese „Leiter" für eine Laufmasche halten. Iiddel aber ließ sich nicht irre machen. Sie strickte zu Dutzenden weiße baumwollene Strümpfe für ihren Sohn, ihren Machnel, den Stolz und das ganze Glück der alten Frau. Dieser Sohn wohnte in der .Stadt, war als Kaufmann viel auf Reisen, besuchte aber die Mutter in regelmäßigen Abständen. An diese Besuche dachte die Gute stets. Stand das Kommen des Sohnes in Aussicht, so rühmte sich die Alte in meinem Elternhause, daß sn nun wieder „milchding geputzt, fleischding geputzt, trefes geputzt" und so „wieder Iomtof" habe. Und „wenn mein Machnel kumme tut, tu ich mei guts Kannapee runter". Was das heißt, wird jeder zu würdigen wissen, der in seiner Jugend eine „gute Stub" oben hatte. Immer nähte die Alte ihrem geliebten Einzigen auch ein neues Arba-kanfans aus weißem Schirting, das er stets gerührt annahm und, wie ich annehmen will, auch trug. Da ich in früher Kindheit schon das Dorf verließ, verschwanden die eigenarligen Gestalten aus meinem Gesichtskreis. Ob wohl noch sonst jemand ihrer gedenkt? O. R. Rinderecke. W Eine Palästmareise. Es mar einmal ein kleiner Junge, der hieß Benjamin, er wurde aber nur Benni genannt. 'Bennr hatte einen Freund, mit dem er täglich von der Schule nach Hause ging. Und dieser Freund hatte einen Onkel, der war dieses Frühjahr mit vielen anderen Leuten zusammen nach Palästina gefahren. Da könnt ihr euch wohl vorstellen, daß Benni und sein Freund auf dem Schulwege nur noch von Erez Iisroel sprachen und sich ausmalten, was es dort alUzu sehen gäbe. Aber nicht nur auf dem Heimweg von der Schule dachte Benni an Palästina, auch zwischen dem Spielen und dem Ausgabenmachen, zwischen Abendessen und Ausziehen, immer wieder wandelten Bennis Gedanken nach Erez Iisroel. Vor dem Schlafengehen stellte sich Benni immer vor, wie es in Erez Iisroel aussehen möge; er hoffte, er werde dann vielleicht davon träumen. Aber es gelang ihm nie. Immer kamen ganze dumme Träume zu ihm und niemals durfte er im Traum nach dem heiligen Lande reisen. Einmal wachte Benni ganz früh am Morgen auf. Natürlich habe ich wieder nichts von Erez Iisroel geträumt, dachte er ärgerlich, wenn ich nur jemanden wüßte, der mir recht viel von Palästina erzählen kann! Frcdls Onkel kommt noch lange nicht zurück und wer weiß, ob er sich dann überhaupt die Zeit nimmt, einem kleinen Jungen so viel zu berichten. Während Benni noch darüber nachgrübelte, hörte er plötzlich, wie das Rotschwänzchen, das am Hause nistete, fröhlich zu zwitschern begann und einem anderen Vogel, den Benni nicht sehen konnte, laute Töne zurief. Und wie merkwürdig, (jetzt wußte Benni gar nicht mehr, ob er wache oder träume) Benni verstand aus einmal, was das Vöglein sang! „Guten Tag", rief das Rotschwänzchen bist du auch wieder hier! Du bist aber lange ausgeblieben." „Ja, endlich bin ich wieder .heimgekehrt", antwortete der fremde Vogel, „ich habe auch eine weite Reise hinter mir!" — — „Wo warst du denn diesen Winter, Zippzerlipp?" „Wo ich war? das kannst du nie erräien! Ich war in Palästina! Und außerdem heiße ich nicht mehr Zippzerlipp, ich nenne mich jetzt Zippora, das habe ich dort gelernt und das klingt viel besser." Zippora! Das ist ja furchtbar interessant! Das mußt du mir alles erzählen. Wie bist du denn da überhaupt hingekommen?" — „Das hat sich ganz zufällig ergeben. Ich konnte, wie du weißt, wegen des gebrochenen Flügels meines Jüngsten im Herbst erst spät sortziehen; als ich dann endlich in meinem gewohnten Winterquartier in Afrika ankam, war es dort schon so überfüllt, daß es mir absolut nicht gefiel. Ich hörte mich um, wohin man sich wenden könnte und da wurde mir von unsrer Auskunftstelle sehr empfohlen, doch, mal nach Palästina zu gehen. Es jetzt dort gar nicht mehr öde und wüst, es wäre viele Bäume dort gepflanzt und schöne Sträucher. Es gäbe Getreive dort und Vieh und Menschen und es sei dort recht gut zu überwintern. Na, unö ich zögerte nicht lange, 'ließ mir den Weg beschreiben und machte mich auf den Flug nach Palästina!" Aufgeregt lauschte Benni. Beinahe wäre er aus dem Bett gefallen, so beugte er sich vor, um ja nicht ein Wort zu verlieren. „Das muß doch wundervoll gewesen sein", sagte das Rotschwänzchen, „wie siehts denn in diesem Lande aus?" „Zunächst gefiel mir die Reise gar nicht besonders. Es war nur Sand und Wüste unter mir. Die Gegend sah sehr unwirtlich aus und die Luft war nicht besser. Aber plötzlich ging ein merkwürdiger Wandel mit der Luft vor sich. Sie wurde ganz rein und ganz klar und war das Komischste war, je mehr man sie einatmete, desto klüger schien man zu werden. Es war fo, als ob die die Luft des Landes direkt weiser machen würde. Hast du schon mal so was gehört? Und außerdem war es ein Vergnügen, wie weit inan dort in die Ferne sehen konnte. Unsereiner hat ja immer einen scharfen Blick, aber dort kann man ganz weit wegliegende Dinge ganz genau erkennen! Als ich z. B. auf dem Davids-Turm in Jerusalem saß — —" „Nein, Zippora, so geht das nicht," sagte das Rotschwänzchen, „ich bitte dich, fange vom Anfang an zu erzählen, sonst erfahre ich nicht alles. Also die Luft wurde plötzlich besser und dann — —" „Ja, dann wurde es auch auf der Erde interessanter. Es gab ein paar Felder unter mir und vereinzelte Bäume und Hütten. Auf einmal sah ich eine Reihe von tiefen, ausgemauerten Löchern, die so wie ganz alte Brunnen aussahen. Ich flog tiefer und erkundigte mich bei einer Ammer, deren Familie schon lange dort wohnte, nach dem Ursprung dieser allen Brunnen. Sie erzählte mir, daß schon Abraham vor fast 4000 Jahren diese Brunnen gegraben habe; dann seien sie verschüttet worden, bis sie sein Sohn wieder habe ausgraben lassen. Der Sohn, Isaak, habe auch lange an diesem Orte gewohnt; er heißt übrigens Beer Schema, weil Abraham dort mit deni Philisterkönig Abimelech einen Bund geschlossen habe und sie geschworen hätten. Die kleine Stadt, bei der die Brunnen liegen, heißt noch heute Beer schewa, sagte die Ammer, aber von den Nachkommen Isaaks wohnen nur wenige dort. Ich bedankte mich sehr für die freundliche Auskunft und flog weiter nach Nordosten. Rechts von mir lag die Wüste Juda, die wollte ich aus Angst vor den Adlern und Geiern, die dort wohnen sollen, lieber nicht überfliegen. Dahinter schimmerte das Tote Meer." „Ist da alles tot?" fragte das Rotschwänzchen. „Nicht alles, nur Fische können dort nicht leben, weil das Wasser so entsetzlich salzig ist, aber es wohnen Menschen dort, die das Salz aus dem Meerwasscr gewinnen. Es sind auch nicht ringsum öde Gegenden, z. D. an der Mündung des Jordan in das Tote Meer, in den Sümpfen leben viele Vögel, auch die Ammer aus Beer Schewa hatte Verwandte dort wohnen. "Ich selbst aber wollte nicht dorthin. Nordöstlich von Beer Schema trennten sich einige Nachtigallen von mir, die zum Jordan fliegen wollten, um da zu brüten; ich flog gerade weiter zur nächsten größeren Stadt. Das Land unter mir, wurde immer schöner. Weinberge und Oelbaumhaine wurden sichtbar, Feigen- und Mandelbäume konnte ich erkennen. Mitten in einem großen Kranz von fruchtbaren Anpflanzungen erhob sich die Stadt Hebron mit ihren Türmen und Kuppeln. Ich ließ mich nieder und kehrte bet einer gastfreundlichen Taubenfamilie ein, die mir eine Menge aus der Geschichte dieser uralten Stadt erzählte. Als ich am nächsten Morgen auf der Straße erschien, wurde ich von allen Vögeln, selbst von den Spatzen, die es auch dort gibt, besonders geehrt und gegrüßt. Ich konnte mir gar nicht erklären, warum sie das täten und fragte schließlich einer der Vögel. Da erfuhr ich denn, bei was für Be* rühmten Leuten ich eingekehrt war! Bei der vornehmsten Vogelfamilie der Welt nämlich, bek 'den Nachkommen lener Taube, die einst dem Noah das Oelblatt. gebrächt hatte! Das war wirklich eine feine Familie und man hatte mich für einen entfernten Verwandten gehalten! Am Abend fragte ich meine Wirte, warum sie sich gerade stier niedergelassen hätten. Und dann erzählten sie mir, daß hier bei Hebron, der höchstgelegenen Stadt des Westjordanlands, auch dieser hochragende Oelbaum gestanden hätte, von dem der Tauben-Urahn sein Blatt geholt habe. Der Täuberich wußte auch die Stelle in der Nähe von Hebron, wo die Kundschafter die riesige Rebe abgepslückt hatten. Die Taube aber erzählte mir davon, wie der fromme Kaleb zuerst zu den Gräbern der Erz^ väter gegangen sei-dafür hatte er später auch die Stadt Hebron zum Besitz bekommen. Die Gräber in der Höhle Machpelä wollte ich mir natürlich auch ansehen. Als niemand der arabischen Wächter hersah, schlüpfte ich verstohlen in das Loch und stieg in die Höhle hinab. Dort sah ich auch die vier Doppelgräber, aber die Tauben sagten, ich solle lieber nichts davon weiter erzählen. „Schade"Z sagte das Rotschwänzchen, „aber von deinem weiteren Flug mußt du mir noch erzählen, Zippora!" „Aber nicht mehr heute", antwortete Zippora, „ich babe mich schon viel zu lange verschwätzt. Morgen besuche ich dich wieder und erzähle dir weiter." l Fortsetzung folgt.) Aus meinen Kindertagen. Von David Wallersteiner in Ansbach. (Einer größeren Schilderung entnommen.) ... Gleich nach Purim wurde ein großer Raum im Gemeindehaus (wohl eine Seltenheit), das jüdische Gemeindewaschhaus. ausgeräumt, frisch ausgeweißt, die Bodensteine gerötelt, dann die Mazzenmaschine, die damals noch mit Handbetrieb eingerichtet war, mit den zur Mazzothbereitung nötigen Geräten aufgestellt. Ein langer Tisch, auf den die Maschine den dünnen Teig brachte, war mit Zink belegt. Alles half zusammen, damit der Teig schnellstens in den Ofen kam und nicht zur Gärung kommen konnte. Der Backofen, der ausschließlich nur zum Mazzenbacken diente, ward vorher in Stand gesetzt. Daß wir Kinder bei diesen Vorbereitungen unsere Neugierde zu befriedigen suchten, werdet Ihr begreifen. Jede Hausfrau nahm von ihrem zu verbackenden Mehl eine kleine Handvoll und gab es in ein an der Wand hängendes neues Leinensäckchen, und wenn das allgemeine Backen vorüber war, ward aus diesem Mehl von den Frauen der rrns gemacht, sie verzierten ihn mit dem Mögen David und mit dem Stupfeleisen, mit dem man auch die rma bv nix» für die beiden Sedernächte als brrnv'i »ib znv bezeichnete, wurden ringsherum Rosen gestochen. Diesen ans legte man am nvv ris auf den Almemor und nach nnrv wurde rvmn ’Tny damit gemacht. Von den großen Freuden, die wir empfanden, wenn wir dem Bäcker, aus reingewaschenen Händen, den ausgestochenen, gestupfelten dünnen Mazzothteig hinreichen durften, könnt Ihr heutigen Kinder, Euch keinen Begriff mehr machen, nachdem das Herstellen der Mazzoth jetzt fabrikmäßig geschieht und die Kinder deshalb nicht mehr mithelfen können. Acht Tage vor Pessach fuhren wir Knaben mit einem Handwägelchen vor jedes jüdische Haus und riefen: „Chomezholz!" und das gespendete Holz brachten wir einstweilen in einem Schopf unter. Am Vorabend des nos ms halsen wir getreulich und voller Freuden Chomezbateln, hielten die Kerze, eine große Feder aus einem Gänseflügel und einem Lössel, in welchem das kleine Chomez mit der Feder eingestrichen wurde; außerdem kam noch der vom vergangenen Jahr ausbewahrte Afikaumen, ein Stück Brot oder Berches und die gebrauchte Hafdolo-Kerze hinzu. Alles zusammen wurde in einen Lappen, in Papier oder auch in ein Schächtelchen eingebunden und bis zum Verbrennen an einen sicheren Ort gelegt, daß nicht Mäuse etwas davon verschleppen konnten. Ein besonderer Reiz war es, wenn wir an Erev Pesach schon sehr früh erwachten und die frischen Gardinen sahen, welche die Mutter noch in der Nacht aufgesteckt hatte; die ganze Wohnung atmete schon echte Jom- | tow-Stimmmung. Erev Pesach morgens ging man schon früher als sonst in die Synagoge, nachher versammmelten j wir uns wieder, fuhren das aufbewahrte Holz in den Schulhof, dort bauten wir einen Holzstoß auf und legten das aus jedem Hags gebrachte Chomez darauf. Am halb 10 Uhr zündeten wir den Holzstoß an, das gab ein hell-loderndes Feuer. Um 10 Uhr kamen die Männer um zu sagen. Wir bildeten uns auf unsere Geschäftigkeit nicht wenig ein, freuten uns aber auch herzlich, wenn die Männer uns lobten, daß wir ein so - schönes Feuer zusammengebracht hätten. Die Asche kehrten wir fein säuberlich zusammen und trugen sie in einem Blechgesäß in den Bach. Auf Pesach bekamen wir neue Kleider, Schuhe und Mützen, die wir schon Erev Pesach nachmittags anziehen dursten und die wir gegenseitig mit Stolz betrachteten. Wenn diese Schau vorüber war. gingen wir spazieren, suchten Veilchen und wenn wir welche fanden, banden wir sie zu Sträußchen für den Sedertisch. Jüdische Spiele. Zweiter Spielvorschlag. Wir spielen am Freitagabend ein sehr schönes hebräisches Wortspiel. In diesem dürfen nur Worte mit zwei Buchstaben genannt werden. Der Erste' fängt mit einem Wort an, das mit beginnt, und der Nächste sagt dann ein Wort, das mit dem Buchstaben ansängt, mit dem das vorhergehende Wort aufgehört hat. Z, B. ij gx >2» Jedes Wort darf nur einmal gesagt werden. Mit "v* dürfen nur drei Worte gesagt werden und zwar: r-n und 12 ,i> Wenn die drei Worte genannt sind, und es kommt ein neues Wort mit so muß der Betreffende ausscheiden. Wer zuletzt übrig bleibt, hat gewonnen. Das Spiel ist sehr schön, weil wir dabei '-us lernen. Kela Ettling er, HVs Jahre. Amn. d. Redaktion: Eine andre Abart dieses Spieles schlägt Rahe! Meyer, Düsseldorf vor. Hierbei darf das genannte -Wort beliebig viele Buchstaben haben. Diese Art ist natürlich leichter, aber auch dabei gibt es Schwierigkeiten, weil z. B. so viele Wörter im Hebräischen mit ft aufhören und Ihr nicht ebenso viele kennen werdet, die mit fi beginnen. Da heißt es, gut Nachdenken!

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