Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 14 (31.3.1932)
- Date
- 1932-03-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 14 Der Israelit 31: März 1932 pedim wurde durch einen erschütternden Nachruf . des Chufter Raw, Oberrabbiner D u f ch i n s k i, eröffnet. Als letzter sprach Redakteur S ch a ch n o w i tz aus Frankfurt a. M. für die Weltorganisation Agudas Iisroel und die Palästina-Zentrale. Jerusalem und die deutschen Rerchspräsidentenwahlen. Jerusalem, 20. März. Anläßlich der letzten Reichspräsidentenwahl in Deutschland und der mit der Hitler-Bewegung verknüpften Gefahren für das Wohl und Wehe der deutschen Juden hatte das Besdin des Waad hair Afchkenasi durch Maueranschlag allgemeine Bittg'ttesdienste für den Wahltag angeordnet, bei denen Tehilim und Selichaus gesagt wurden. Erez Zisroel entgegen. Bor Cypern, Sonntag, den 13. März. Als wir Freitag Abend im Speisesaal 2. Klasse bei Tisch saßen, weltenfern von den Lieben, auf hoher, etwas unruhiger See, winkten die Lichter von Athen zu uns herüber. Auf unserem Tisch zitterten die Flämmchen zweier Sabbatkerzen in niedrigen weißen Leuchtern, sie hoben und senkten sich in den letzten Zügen. Die Lichter non Athen und zitterndes Sabbatlicht? Sturm fegt über nachtblaues schäumendes Gewässer. Ein Schifflein schaukelt und trotzt den wilden Wogen, es trägt Sabbatlicht — Sablatlicht in einigen fyunbert jüdischen Herzen — an den Lichtern von Athen vorbei, weit von ihnen weg, ins Land des Sabbats. „Jaum je lejisroel, oroh . . stimmen Einzelne an. Es wird kein Gesang daraus, es ist jeder zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Windbewegte Wogen in der Nacht haben die Eigenschaft einem alle Klänge der lieben, fernen Heimat zuzutragen, zumal wenn auf schaukelndem Tische Sabbatlichter zittern.-- Sabbatmorgen ist im Rauchsalon G'ttesdienst. Klall Iisroel en miniature hält Sabbat-G'ttesdienft. Ein Herr aus Ungarn betet Schacharith, ein Spaniole aus irgendwoher leient in der Melodie seiner Heimat aus der Thora, ein Jemenite näselt mit arabischem Akzent Kaddisch und ein Deutscher sagt mit Frankfurter Schneid die Haftora. Der feudale Rauchsalon in der 2. Klasse ist von der Sabbatgemeinde für den ganzen Tag annektiert. Thora, Gebet und Sabbat haben den Klassenunterschied völlig aufgehoben, da nützen alle Instruktionen des Kommissars, — der übrigens vom ersten Tage an unser Freund ist — nichts. Nachmittags ist Zusammenkunft mit 4 Vorträgen, Thoraworten und politischen Gesprächen. In seiner Kabine hält der Chuster Raw mit seinen Getreuen regelrecht Scholosch S'udoth. Der Gang ist für das Schiffspersona! so gut wie gesperrt. Das Erlebnis von Sonntag, dem letzten Reisetag, ist die Insel Cypern. vor der unsere „Eanaro" mehrere Stunden vor Anker liegt. Wir lassen uns an Land booten und werden von ganzen Horden verwegener, wilder, bunt gekleideter Gestalten mit Massenangeboten von Orangen, Bananen und Feigen empfangen. Ein Zufall fügt, daß Davis Triefch, der große Cypern-Kenner, der einmal die Insel zu einem neuen Erez Iisroel machen wollte, bei uns auf dem Schiffe ist. Er führt uns. Er macht zwar keine Versuche, uns auf Cypern anzusiedeln, weiß uns aber viel Schönes zu zeigen. Steppen, Felder,- Palmenhaine, Dünen und Salzseen. Wir fassen Salz, als wären wir Anbeter Gandhis, und wallfahren in die Moschee zum Grabe irgend eines großen Mohammedaners. Wir staunen pflichtgemäß und sehen — nichts, machen Brocho über blühende Orangenbäume und zahlen Backschisch, noch mehr Backschisch. Unser griechischer Fuhrmann treibt sein Gäulchen an, das Griechisch versteht, wie ein Kamel Arabisch, und es geht weiter im Trab über Rasen, Sumpf und Geröll. Im Hafen gibt es natürlich Krach, da der würdige Nachkomme von Hektar und Patroklos das Dreifache vom ausgemachten Preis verlangt. Seine Genossen nehmen für ihn Partei. Ein Polizist in riesiger Bärenmütze nähert sich. Unser Cypernforscher, der gute Triesch, bleibt im Hintergründe. Als wir uns auf den unter diesen Umständen sicheren Boden unserer so lieb gewordenen „Canaro" retten, herrscht starke „Unruhe auf Cypern" — zum zweiten Male in einem Vierteljahr. In der Nacht zum Montag will der Schlaf nicht kommen. Schon um 4 Uhr beten im Zwischendeck Jemeniten aus dem Sohar, singen Chaluzim ihre Lieder, weinen polnische und litauische Auswanderer Psalmen, die von Zion sprechen. Gegen 6 Uhr ist alles auf Deck. In der ersten Morgenstunde leuchten auf Deck die Zinnen und Minaretts von Jaffa, die flachen Dächer von Tel-Awiw. Die Motore halten still. Wir sind in Erez Iisroel. Ein Stück ruhiges, im Morgendämmer schillerndes Wasser trennt noch vom Lande. Araber balancieren mit ihren Booten und schreien Iallah (weiter). Wir beten unser Morgengebet, die Augen naß und gebannt auf den Hügel, aus dem sich die Zinnen von Jaffa erheben, aus die roten Dächer der weißen Häuser der neuen Stadt links. Ein Ziel, dem man fünf Tage zugestrebt und nach dem man sich jahrzehntelang gesehnt hat, ist erreicht, steht sichtbar vor uns. Langes Warten, Ausbooten, allerlei Zollformalitäten, stören für Stunden die Illusion bei der ersten Berührung mit dem heiligen Boden. Wie aber die Sonne — für uns eine August-Sonne — von einem Himmel, wie wir ihn so klar, so weit und so blau nie gesehen, herableuchtet, fahren wir durch das Basargewimmel des alten Jaffa, den Asphalt von Tel-Awiw auf der spiegelglatten Landstraße zwischen Zedern, Feldern und Orangenhainen gen Jerusalem. Ein Frohlocken entringt sich der Brust. Wir sind in Erez Iisroel! -tz. Amerika. Die Einwanderungsbeschränkungen in Amerika. N e w q o r f, 22. März. Vor der Einwanderungskommission des Kongresses, die beschlossen hat, die Einwanherungsquoten für sämtliche Länder auf 10 Proz. des bisherigen Satzes zu vermindern, haben sich die jüdischen Organisationen und eine ganze Reihe angesehener Führer des amerikanischen Judentums geradezu verzweifelt bemüht, den unheilvollen Beschluß abzuwenden. Die Kommission hat alle diese lebhaften Plaidoyers ruhig angehört, jedoch sich vollständig ablehnend gegen sie verhalten. Personalien. Rabbiner Dr. Moritz Silbcrberg Berlin, 23. Mürz. Rabbiner Dr. Silberberg ist diese Woche im 65. Lebensjahre dahingegangen. Der Verstorbene entstammte einer bekannten altposener Familie nnd war der Sohn des unter Rabbiner Dr. Feilchenfeld . amtierenden hochverehrten ehrenamtlichen Dajans der Posener Gemeinde. Dr. Silberberg selbst übte dann in Posen eine gesegnete Lehrtätigkeit aus und gehörte zu dem vertrautesten Kreise Rabbiner Feilchenfelds V'xt. Nach kurzer Amtstätigkeit in Grätz und Königsberg wurde Rabbiner Silberberg zum Gemeinderabbiner in S ch r i in m gewühlt, ein Amt, das er jahrelang bekleidete. Der Auflösungsprozeß der Posener Provinzgemeinden mtf> der großen Gemeinde Posen selbst, innerhalb deren Rabbiner Silberberg zuletzt an der Königsberger Synagoge amtierte, zwang ihn, wie so viele andere, nach kurzer Tätigkeit in Westfalen nach Berlin zu ziehen, wo er das Rabbinat des Synagogenvereins Adaß Jakauw übernahm. Von Anbeginn an gehörte Rabbiner Silberberg zu denjenigen, die die Bedeutung des A g u d o - G e - dankens erfaßten und sich mit Begeisterung in deren Dienst stellten. Auch im Bund jüdischer Akademiker betätigte sich der Verstorbene, eifrig. Dr. Silberberg war eine liebenswerte Persönlichkeit von natürlicher Herzensgüte, die mit gewissenhafter Eesehestreue und einer überquellenden Liebe zum Lernen und Forschen im G'ttesgesetze die Fähigkeit verband, alle, die in seinen Kreis traten, für das G'ttesgesetz zu gewinnen und er Hai auf einen weiten Kreis segenspendend gewirkt. Die Bestattung, die am 22. März aus dem v"n,n der Adaß Iisroel stattfand, gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Trauerkundgebung seiner zahlreichen Freunde und Schüler. Groningen, 21. März. Gestern fand die feierliche Amtseinführung des Herrn Oberrabbiner S. D a s'b er g bisher in Leuwarden, als Oberrabbrner des Bezirkes Qo't oningcn statt. Dre Einführung war, wie hier üblich, mit großen Feierlichkeiten verbunden und o7e ganze Stadt befand sich .in Feststimmung. Vermischtes. Berlin, 26. März. Der Verein Machsike T ha uro in Berlin hält jeden Sabbath Nachmittag pünktlich 15.30 Uhr Midraschvortrag zur Sidro und Gesetzeserklärungen nrit Diskussion, Rabbiner Dr. Weiß, im Hörsaake des Ves Hamidrasch, Heidereutergasse 4, 2. Gäste stets erwünscht. Mincha vor dem Vortrag. Berlin, 22. März. Wie alljährlich beging auch an dem jüngst vergangenen 7. Adar (II) die Chewra Kadischa Groß-Berlin den Geburtstag und Todestag unseres Lehrers Moscheh in traditioneller Weise. Am Morgen des 15. März versammelten sich die Mißaskim auf dem Eemeindefriedhofe in Weißensee und besuchten die Gräber der im letzten Jahre dort bestatteten Mitglieder sowie anderer Persönlichkeiten des jüdischen geistigen und öffentlichen Lebens. 'Am Grabe ihrer treuesten Mitarbeiterin und Gattin des Gründers der Chewra, Frau Rabbiner Dr. Eschelbacher b"r, fand eine schlichte .Gedenkfeier "statt bei der der Direktor der Chewra, Rabbiner Dr. Link, die Gedenkrede hielt. Nachmittags hielt Herr Dr. Link einen Schiur. Alsdann wurde für die fastenden Mißakim in der Alten Synagoge, Heidereutergasse gelarent. Am Abend versammelten sich die Missaskim und Missaskaus sonne mehrere hundert andere Mitglieder und Freunde der Chewra 'Kadischah im Festsaäle des Brudervereinshauses zu einem'mit Rücksicht auf die Not der Zeit ganz schlicht gehaltenen Vrüdermahl. Rabbmer Dr.. Eick begrüßte^ die Gäste. Rabbmer Dr. Weiße würdigte ore zoziar-elhyche. Bedeutung des Chewra-Gedankens und teilte interessante Jugendermnerungen aus >emer ungarischen Heimat im Zusammenhänge mit Sajim Adar mit.. Rabbiner Dr. Freimann betonte die 'historische Bedeutung der Chewros für das jüdische Leben. Sie hätten vielfach, so in Königsberg und Stettim eher bestanden als die Kehillaus, glechsam als Wahrzeichen für jüdische Bruder- und Menschenliebe. Dr. Jsmar Freund begrüßte die Chewra als den Boden' für die Zusammenarbeit aller Juden im Geiste jüdischer Pflichterfüllung. Pros. Mittwoch, Direktor des Orientalischen Seminars der Berliner Universität, weist darauf hin, daß, während das Christentum von Sajim Adar nichts übernommen habe, auch der Islam Geburts¬ und Todestag seines Propheten feit etwa 850 auf einen Tag annehme und diesen Tag, hierbei jüdischen Midrasch- Quellen bis ins, einzelne folgend, in ähnlicher Weise begehe wie wir, vor allem auch in der eigenartigen Verbindung als Gedenk- und Freudentag. Rabbiner Dr. Singermann mahnt die Chewra, die Fürsorge für die Lebenden, vor allem für Kanrke, noch mehr als bisher in den Vordergrund der Arbeit zu stellen. Alfred Scheck dankte Dr. Link namens der Missaskim und Mißaskaus für seine hingebungsvolle Führerarbeit und gelobte Weiterarbeit im Sinne jüdischer Bruderliebe. Rach Eesangsvorträgen der Oberkantoren und angeregter Aussprache über Probleme jüdisch-sozialer Arbeit fand die Feier erst lange nach Mitternacht in Psalmgesang und Birkas hamosaun ihren Ausklang. 'Berlin, 26. März. Zu dem Berichte über die Schlußfeier der Adaß Iisroel-Schulen wird uns von kompetenter Seite geschrieben, daß die Wiedergabe der Anprache des Herrn Rabbmer Dr. Munk dem Inhalt seiner Worte und ihrer Tendenz nicht in vollem Umfange entsprochen habe. Der 'Rabbiner huldigte dem Genius Goethes und betonte unter Hinweis auf den Segensspruch jnjp jna mnan» daß in den ewigen Gedanken Goethes die ihn zum Großen gemacht haben, der Niederschlag des E'ttlichen in der Seele eines Menschen erkennbar sei."Darüber hmaus;eboch ermähnte er die Hörer und vor allem die von der Schule scheidende Jugend, daß letzten Endes Gradmesser für alles Tun und Lassen des Juden die mm sei, und daß man kritisch zu prüfen zu habe, ob das, was uns an Lehren und Geistesblüten aus dem Kreise der Menschen geboten wird, und sei es auch von dem erlesensten der Geister, auch vor dem G'ttesworte der jüdischen Lehre zu bestehen vermag. Sprechsaal. Purim-Bälle. H ö ch st i. O., 18. März. An die Redaktion des „Israelit" Frankfurt a. M. Als ich am Montag mit der Durchsicht der Reichspräsidentenwahlergebnisse beschäftigt war und mit tiefem Schmerze die hohe Zahl der abgegebenen antijüdischen Stimmen (fast //» der gesamten Wählerschaft) zur Kenntnis nehmen mußte, flogen mir zwei Einladungen, auf den Schreibtisch, die man sicherlich in vielen jüdischen Häusern alsgroben Unfug bezeichnen wird und die ^2»->->vv^zur öffentlichen Kenntnis gebracht werden müssen. Es waren die Einladung des Jüdischen Iugendbundes Hanau zu einem Purimballe auf den 19. undeine solche des J.-B. Groß-Krotzenburg auf den 26. März. Wenn man in jüdischen Kreisen schon früher die Veranstaltung besonderer jüdischer Tanzveranstaltungen abgesehen von der religiösen Frage, aus die ich hier nichk näher eingheen möchte, mindestens in Anbetracht dessen, daß unsere jüdische Jugend auch bei allgemeinen Veranstaltungen anderer Konfessionen ebenfalls in vorderster Front zu finden ist, als-überflüssig erachtete, muß ein derartiges Hervortreten in jetziger Zeit, in her Abneigung gegen Juden und Judentum sich allenthalben unangenehm bemerkbar macht, besonders schmerzlich empfunden werden, namentlich im Hinblick auf die nichtjüdische Bevölkerung auf dem Lande (oder ist Groh-Krotzenburg Großstadt?). Allgemein herrscht Wirtschaftsnot und Lebenssorge und nicht zuletzt in jüdischen Häusern und hier wird durch Abhaltung überflüssiger Vergnügungen der Schein erweckt, als hätten die Juden noch Geld in Hülle und Fülle. Die oft wiederholte Behauptung der Antisemiten, die Juden seien putz- und vergügungssüchtig, erhält neue Nahrung, da unsere weibliche Jugend bei derartigen Schaustellungen ihrer Reize bezüglich Kleidung, Haartracht usw. doch auf der Höhe sein muß. Bielen Eltern fällt es schwer, die mitunter kostspieligen Toiletten ihrer Kinder zu beschaffen, aber darnach fragt ja die heutige Jugend-nicht. „Nach uns die Sintflut" ist die^Lojung moderner Jugendbewegung. Wenn die Herr-, schäften in Hanau und Groß-Krotzenburg überflüssiges .Geld zur Verfügung haben, bin ich gerne bereit, Adressen