Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 14 (31.3.1932)
- Date
- 1932-03-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 14^ Rabbiner Mayer verfaßtes Exposee über die religiöse Lage der Landgemeinden gelangte zur Verteilung und wurde eingehend besprochen. Das Exposee soll auch weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden. Herr Dr. Isaak Breuer referierte über den Entwurf des preußischen Judengesetzes und betonte hierbei die bereits in der Presse besprochenen Gesichtspunkte, speziell in Bezug auf die selbständige Orthodoxie, welche von einigen weniger ins Gewicht fallender Punkte abgesehen, im großen Ganzen es begrüßen werde, wenn der Entwurf die Genehmigung des preußischen Landtages finden würde. Ein außerordentlich interessantes Referat von Herrn Dr. Willy H o f m a n n , Frankfurt a. M. über den gegenwärtigen Stand der Schächtangelegenheiten, befaßte sich nicht nur mit den bisher bekannten antisemitischen Vorstößen der Schüchtgegner, sondern zeigte auch im einzelnen Gesichtspunkte aus der neuesten wissenschaftlichen Literatur, bezüglich der Unzulänglichkeit einer elektrischen Betäubung. Es ist zu hoffen, daß dieses Referat auch einem weiteren Publikum zugänglich gemacht wird. Herr Leo Wrefchner, Frankfurt a. M., berichtet über die vor dem Abschluß stehenden Vertragsverhandlungen der „Freien Bereinigung" mit der Phönix Lebensversicherungsgesellschaft, bei" welcher den Mitgliedern der „Freien Vereinigung" wesentliche Vorteile erzielt werden. Im Anschluß hieran wurde von Herrn Rabbiner Dr. Auerbach, Halberstadt und Herrn Leo Wrefchner, die Notwendigkeit betont, auch von Seiten der „Freien Vereinigung" solche soziale Maßnahmen gemeinsam mit anderen gesinnungsgenössischen Organisationen tatkräftig zu fördern, die geeignet sind, etwas von dem ungemeinen Elend zu lindern, das heute auch ganz besonders in den Kreisen der Orthodoxie durch die Ueberhandnahme der Erwerbslosigkeit verursacht wird. (Randsieüelungen, Darlehenskassen, Kreditgenossenschaften). Es wurde vom Vorstand zugesagt, eine Sachverständigenkommission hierfür einzusetzen. Herr Rabbiner Dr. Ansbacher. Wiesbaden, spricht namens des Ausschusses dem Vorstand der „Freien Vereinigung" warme Anerkennung für die geleistete Arbeit aus, verbunden mit der Hoffnung, daß im kommenden Geschäftsjahr die Ausschußmitglieder durch persönliche Werbung und durch Anregungen an den Vorstand beitragen werden, die segensreiche Tätigkeit der Organisationen für die Ideale des orthodoxen Judentums in immer höherem Maße zu fördern. Bund gesetzestreuer Gemeinden Bayerns. Würzburg, 25. März. Der Bund gesetzestreuer israelitischer Gemeinden Bayerns hielt feine diesjährige Generalversammlung am 20. März hier ab. Der 1. Vorsitzende, Bezirksrabbiner Dr. Stein, Schweinfurt, eröffnete die Tagung mit einem ehrenvollen Nachruf auf den langjährigen verdienten Kassier des Bundes, Herrn Max N e u b e r g e r f. A. Hierauf erstattete er Bericht über das abgelaufene Jahr, das dem Bunde wieder oft Gelegenheit gegeben hat, die Interessen der gesetzestreuen Juden Bayerns wirksam zu vertreten. Der Sofer des Bundes wurde von einer großen Zahl von Bundesgemeinden in Anspruch genommen und, obwohl die Mittel des Bundes naturgemäß heute sehr beschränkt sind, wurden verschiedenen Gemeinden zur Errichtung oder Erhaltung von Mikwoaus Subventionen gewährt. Die Generalversammlung quittierte den interessanten Geschäftsbericht mit aufrichtigem Dank an den Vorsitzenden, dessen vorbildliche und aufopfernde Tätigkeit erst dem Bunde seine bedeutsame und segensreiche Position geschaffen hat. Bei der anschließenden Besprechung der heutigen Verhältnisse wurde besonders daraus hingewiesen, wie vielerorts leider alle Gemeindeangelegenheiten nur unter dem Gesichtspunkt einer allzu engherzigen Sparpolitik ohne Rücksicht auf die Lebensnotwendigkeiten betrachtet werden. In diesem Zusammenhänge wurde auch eine Notiz aus Miltenberg im Hamburger Israelitischen Familienblatt erwähnt, welche ohne Kenntnis der tatsächlichen Verhältnisse — insbesondere der großen Anzahl der Gemeinden — und ohne Einsicht in die Erfordernisse der rabbinatlichen Betreuung der Landgemeinden eine Zusammenlegung der 6 unterfränkischen Rabbinate auf drei Vorschlags — Wieder fjat die Tagung das Bewußtsein gestärkt,, daß der Bund gesetzestreuer israelitischer Gemeinden Bayerns - auf seinem Posten steht und den Willen vertieft, mit Kraft und Energie den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolget Der Jsraetil Leichensteine in Bayern. München, 29. März. Leichensteine! So möchte man die aus der wirtschaftlichen Not erzeugten Maßnahmen nennen. Man denkt jetzt in den leitenden Kreisen des Bayerischen Gemeindeoerbandes sehr ernst daran, die Inhaber der Rabbinate Jchenhausen und Schwabach in den Ruhestand zu versetzen. Das Kräfteverhältnis verschiebt sich dann stark. Von allen Rabbinen Bayerns werden dann noch 11 Konservative sein, 10 zu den Liberalen gehören. Dabei sind die „nichtoffiziellen" Rabbiner eingerechnet. Nicht nur daß einen tiefe Wehmut beschleicht, wenn man daran denkt, welch gute Betreuer des konservativen Gedankens diese nun zum Tode bestimmten Rabbinate noch im 20. Jahrhundert waren, welche wunderbare Tradition sie in sich verkörperten, ist es auch ein Zeichen des stetig schwindenden Idealismus. Früher wurden, besonders im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, ja auch Rabbinate aufgelöst, aber' immer nur nach dem Heimgang des jeweiligen Rabbiners. So hörten auf die Rabbinate: Fellheim, Jllereichen, Hürben, Binswangen, Fischach, Buttenwiesen, Wallerstein, Pfersee, Kriegshaber, Burgkundstadt, Günzenhausen, Schopfloch, Treuchtlingen, Welbhausen, Schnaittach, Oettingen, Wassertrüdingen u. a. Stabil blieben nur Unterfranken und Pfalz. Aber daß nun ausschließlich der Sparsinn maßgebend wird, das kränkt. Es werden geographisch ungesund groß ausgedehnte Rabbinate geschaffen, die einem gewissenhaften Inhaber die Wahrnehmung seiner Funktionen außerordentlich erschweren. Eine Kontinuität von Jahrhunderten wird unterbrochen und es ist nicht anzunehmen, daß auch eine neue Welle des wirtschaftlichen Aufstiegs jemals wieder diese Rabbinate eine Auferstehung erleben läßt. Es ist halt so, daß alleweil zuerst das Konto „G'tt" gestrichen wird. Wir müssen dabei immer an das Beispiel von G a i l i n g e n in unserem Nachbarstaate Baden denken, das sich durch zu setzen verstand und sein Rabbinat zu erhalten wußte. Sollten in Jchenhausen und Filialgemeinden (insgesamt mindestens 250 Haushaltungen) weniger Opfersinn und Idealismus vorhanden sein? Und wäre es nicht vom historischen Stndpunkte aus die vornehmste Ausgabe des Verbandes, diesen Opsersinn zu pflegen und zu wecken? Um rascher zu st e r b e n, bedürften die Landgemeinden, für deren Erhaltung ja der ganze Verband in seiner Maienblüte inszeniert wurde, des Verbandes nicht. Hoffen wir auf den geschichtlichen Sinn der Gemeinden. Gräber von Kriegsgefangenen. Hamburg, 27. März. Im Interesse der Agunoth dürfte es sich empfehlen, in gewissen Zeitabständen bekannt zu geben, an welchen Orten Kriegsgefangene begraben sind. Um weiteste Verbreitung solcher Bekanntmachungen wird gebeten. Der Verband der jüdischen Gemeinden Schleswig- Holsteins sowie die Gemeinden Hamburg, Altona und Wandsbek geben im folgenden Verzeichnisse der in ihren Bezirken befindlichen Gräber der Kriegsgefangenen: Hamburg: Benjamin Braunstein russ. Zivilgesangener, gest. 17. 4. 1918; Moses Moufche Fisch, russ. Kriegsgefangener, gest. 6. 7. 1915; Wandsbek: Wolf Gordon, Bialistok, gest. 14. 7. 1917; Segeberg: 1. Isaak ben Jehudo Ziporim aus Minsk in Litauen 1. Jjar in Wieüenborstel, beerdigt Segeberg. 2. Meilech Jerusalsky aus Mogelnica, gest. Gefangenenlager Wasbeck bei Neumünster, überführt 11. Kislow 1918 nach Segeberg. 3. Juda Silbermänn aus Lublin, gest. im Krankenhaus Neumünster. Aus Wittorferfelde überführt nach Segeberg 4. Xemet 1919. 4. Josef Bachmann, Gefangenenlager Wittorferfelde, gest. im Krankenhaus Neumünster 14. Schewat 1919. Beerdigt Segeberg.' 5. Alex Anschel Furmansky, Warschau, Werft Blohm u. Voß> Hamburg, gest. im Krastkenhäus und che-, erdigt Altona 14.' Juni 1918." : ._ 31. Mär? 1932 6. Elija Schenderow, gest .Jdftedt bei Schleswig, begraben 16. 4. 1915 in Rendsburg. 7. Hanon Chone Bliachmann aus Wonerawsky, gest. Gefangenenlager bei Niebüll 20. Juni 1915, überführt nach Friedrichstadt. Doch ist das Grabzeichen nicht mehr zu finden. Tschechoslowakei. Organisation der orthodoxen jüdischen Gemeinden in Rarpathorußland. Bratislava, 17. März. Bekanntlich entbehren die jüdischen Gemeinden in der Ostslovakei der sogenannten Podkarpatska Rus seit Jahren jeder Organisation. Diese Gemeinden hatten im alten Ungarn der staatlich organisierten, von der Budapester Landeskanzlei geleiteten Orthodoxie angehört und sie waren, mit Ausnahme von Munkacz, dann auch bei der Neugestaltung der Verhältnisse der slooakischen in Bratislava domizilierenden Organisation angeschlossen. Zur Führung der Geschäfte war von Bratislava aus für diese Gebiete in Ungvar eine sogenannte Expositur der Landeskanzlei eingerichtet worden.. Diese Form der Organisation konnte sich jedoch nicht halten, so daß, wie gesagt, seit Jahren in diesem Gebiete völlige Anarchie mit den traurigsten Folgen für das ganze öffentliche Leben herrscht. Einer Wiedervereinigung mit der Gesamtheit der slovakischen Orthodoxie setzte der Munkaczer Rabbiner schärfsten Widerstand entgegen und sie ist infolgedessen aussichtslos. Die Verhältnisse haben sich aber nachgerade so trostlos gestaltet, daß selbst die in Munkacz erscheinende „Jüdische Zeitung" sich über die Lage wie folgt äußert: „Unsere Jugend ist im Laufe von 10 Jahren ganz und gar der Orthodoxie entfremdet worden. Unser ganzes Gebiet wird von einer Kefiro- Atmofphäre beherrscht und die religiöse Gleichgültigkeit und Zuchtlosigkeit richtet von Tag zu Tag größere Verheerungen an. Ganz Karpathorußland ist die Beute von freidenkerischen Rednern, denen es bald gelungen fein wird, die junge Generation der Ueberlieferung gänzlich zu entfremden . . ." Angesichts dieser Zustände sind auf Anregung des Döerraöötnßrs von Kaschau, Rabbiner Brach, von einem vorbereitenden Komitee eine Anzahl interessierter Laien, zunächst ohne Teilnahme von Rabbinern, nach Selvjus einberufen worden, um die Schaffung einer Kommission der ostslovakischen Orthodoxie ins Auge zu fassen. Ueber die Notwendigkeit einer solchen Gründung herrscht volle Uebereinstimmung. Die Ansichten differieren nur in der Frage, ob man sich an Bratislava anlehnen, oder ganz selbständig Vorgehen solle. Bei der Stellungnahme von Munkacz wird ersteres wohl kaum denkbar fein. Man will zunächst die Rückkehr von Oberrabbiner Dufchinsky aus Huft von seiner Palästinareise abwarten, um die Angelegenheit alsdann weiter zu fördern. Eine Delegation sprach bei dem Munkaczer Rabbi vor, der versprach, seine ganze Kraft in den Dienst des Unternehmens zu stellen, vorausgesetzt, daß man eine ganz selbständige Organisation für das karpathorufsifche Gebiet der Slovakei schaffe. Zum Aufsichtsrecht der Rultusgemeinden über rituelle Bedarfsartikel. B r a t i s l a v a, 25. März. Der oberste Verwaltungsgerichtshof der Tschechoslowakei hat nach öffenlticher mündlicher Verhandlung am 19. März dahin entschieden, daß die Herstellung und Verbreitung ritueller Bedarfsartikel wie Mazzos, Koscherfleisch usw. ohne Bevollmächtigung seitens der zuständigen Kultusgemeinde unzulässig und strafbar ist. Die durch Gesetz zugesicherte Gewerbefreiheit gelte nur insoweit, als keine sie einschränkenden positiven Normen vorhanden sind. Die Entscheidung ist für die Sicherung des Kafchrus im ganzen Lande selbstverständlich von der größten Bedeutung. Polen. Rabbi Zecheskel Libfchiitz> der Aalifcher Raw V'XT- * W a r f ch a u , 21.'' März." Heute mittag um 2 Uhr ist der in der ganzen jüdischen Welt hochverehrte Kalrscher Raw, Rabbi Jecheskel'L i bs ch ü tz der Präsident des polnischen'- Rabbinerverbandes, im Alter wärt 70 Jahren' plötzlich verschieden. Der Heimgegangene hatte noch in den letztest Tagest räbbinische Funktionen ausgeübt und in voller Geistässrische öffentlich gesprochen.