Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 14 (31.3.1932)
- Date
- 1932-03-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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31. März 1932 De r I s taelU Nr. 14 Seite 5 1850 gab es in -er Provinz noch 71.600 Juden, vor der! Jahrhundertwende noch begann der große Zug nach dem Westen, 1910 gab es in der Provinz nur noch 25.600 Juden — heute gibt es in der Provinz ckaum noch 3000 Juden. Von der kulturellen Seite: 1847 amtierten an den jüdischen Schulen posens (die von mehr als 10.000 Lindern besucht wurden) , 172, drei Jahre später 156 jüdische Lehrer, 1910 kaum 50, und heute gibt es noch eine jüdische Schule in/der ganzen Provinz; das Schicksal der Kultur- und Kultusinstitutionen entspricht diesen Ziffern: es gibt heute in der Provinz keinen. Rabbiner mehr. Die S t a d t p o s e n hatte im Kriege noch eine Gemeinde von etwa 5000 Juden, heute: 2200, davon 405 Steuerzahler. Die Steuersumme ergibt sich folgendermaßen: 294 früher russische Juden zahlen -41.400 Zloty, die 109 ehemals deutschen Juden zahlen 26.000 Zloty Steuer. Dabei tritt klarer als je ein Umschwung in der sozialen Schichtung zutage, die .Proletarisierung der Juden. Die deutschen Juden werden nicht zur deutschen, sondern zur jüdischen Minderheit gezählt wie die kongreßpolnischen. Cs gibt eine jüdische Schule, Unterrichtssprache polnisch. Das große jüdische Krankenhaus ist geteilt worden, von den achtzig Letten belegt die polnische Krankenkasse jetzt sechzig. Das 2lltersheim und das Siechenheim sind noch besetzt. Im übrigen ist diese noch vor kurzer Zeit große und früher berühmte Gemeinde in jeder Einsicht dezimiert. Man findet ihren Ruhm und ihre meisten Mitglieder auf dem schönen, großen Friedhof. Wie sieht es in der Provinz aus? viele Gemeinden, besonders in Uordposen, existieren überhaupt nicht mehr. Aus einer Synagoge ist ein Kino geworden. In einer anderen werden Häute getrocknet. Roch trauriger als die restlose Auflösung wirkt die Dezimierung der Gemeinden in Süd- und Westposen. Eine Gemeinde, die 1914 noch etwa 120 Familien mit 460 Seelen hatte, besteht heute aus 7 Familien, von denen 5 aus Kongreßpolen zugewanöert sind. Cs ist den Uebriggebliebenen nicht mehr möglich, ihre G'ttesdienste abzuhalten, rituell zu leben und zu sterben. Cs ist ihnen nicht mehr möglich, Rabbiner, Kantor, Kultusbeamte zu halten. Die Friedhöfe verkommen. Cs ist ihnen nicht mehr möglich, eine jüdische Schule zu erhalten, sie müssen ihre Kinder in die katholische, polnische Schule schicken. Aber die Synagoge, fast der größte und stolzeste Lau der Stadt, steht wie ein Wahrzeichen über ihnen, man sieht ihre Kuppeltürme überall, sie steht dunkel, mächtig und leer, eine Ruine aus jüngster Zeit, ein trauriges Paradox. N Die aus Kongreßpolen Zugewandertcn werden von den ehemals deutschen Juden (leider!) nicht weniger mißtrauisch angesehen als von den früher deutschen Polen. Die ehemals deutschen Juden leben wie Cinsieöler auf verlorenem Posten, aber noch aus deutsche Art, im Büro, im Sprechzimmer, im Geschäft, zu Hause. Die polnischen Juden leben auf der Straße, sie handeln mit allem und. jedem, sind die rührigsten Arbeitslosen der Welt, ein-einzigartiges Proletariat der ungelerntesten Arbeiter, die alles machen und nichts tun, mit Frau und Kindern in einer Stube hocken und doch immer wieder ein paar Groschen für Fisch und Fleisch nach Hause bringen. Werden die wenigen, früher deutschen posener Juden in 20 Jahren LuftmenscheN sein? — Man könnte sich die Lösung des Problems auch im umgekehrten Sinne, als es der Lerichterstatter des „Berliner Tageblattes" hier andeutet, denken. In zwanzig Jahren könnten die aus Kongreßpolen zugewanderten, heute noch auf der Straße und von der Luft lebenden Juden so weit materiell und geistig bodenständig sein, daß das jüdische Posen in Stadt und Land eine neue wirtschaftliche und religiöse Blüte erlebt. Darum scheint uns das Verhalten der wenigen eingesessenen Juden gegen die Cingewanderten ganz verfehlt. S i e s o l l t e n sich l i e b e r zusammen tun, um mit gemeinsamem Kräften am-.Wiederaufbau der z erst o r t e n p o s e n e r G cm e inöen zu arbeit en. Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. '/TL-Xy Konferenz gesetzestreuer Gemeinden. Frankfurt a. M., 28. März. Auf Anregung des Vorstandes der Synagogengemeinde „Israelitische Religionsgesellschaft" hatte der Reichs verband gesetzestreuer Synagoge ngeme lüden (Sitz Halberstadt) eine Konferenz gesetzestreüer. Gemeinden hierher berufen, um über die besonderen Aufgaben, welche die gegenwärtige Wirtschaftslage den Gemeinden stellt, Rat zu pflegen und Erfahrungen auszutauschen. Den Gemeinden war im voraus von Seiten der Verbandsleitung ein Fragebogen zugegangen, dessen Beantwortung der Versammlung vorlag, so daß auch aus den Erfahrungen derjenigen Gemeinden, welche Vertreter nicht entsandt hatten, Nutzen gezogen werden konnte. Der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Auerbach, Halberstadt, eröffnete die Konferenz mit einem warm empfundenen Nachruf auf dH soeben abberufenen großen Führer der Orthodoxie, Oberrabbiner Sonnenfeld in Jerusalem, der von den Versammelten stehend angehört wurde. Das einleitende Referat erstattete der Finanzreferent des Vorstandes der^ Frankfurter Religionsgesellschaft, Herr Siegfried A. Löwenthal. Er ließ alle einzelnen Positionen des hiesigen Gemeinde-Etats in Einnahmen und Ausgaben Revue passieren und skizzierte die besonderen Schwierigkeiten, die sich mehr oder minder für jede Gemeindeverwaltung aus der gegenwärtigen Zeitlage ergeben. Insbesondere wurde die Frage des Ausbaus des S t e u e r s y st e m s, die Heranziehung der Vermögenssteuer, die Beitreibbarkeit von Sesselgebühren usw., die Sch ulgelderfrage sowie Fragen des Begräbnis wefens, der M i k - waoth-Gebühren und der Umschuldung erörtert. An das gründliche Referat schloß sich eine lebhafte Aussprache, die sich bis in die Nachmittagsstunden hinzog und aus der wohl alle anwesenden Gemeindevorsteher und Gemeindevertreter wertvolle Anregungen geschöpft haben werden. Ausschußsitzung der Freien Vereinigung. F r a n k f u r t a. M., 29. März. Montag, den 28. März (20. Adar) fand im Hörsaal der Israelitischen Religionsgesellschaft Frankfurt a. M. eine gut besuchte Ausschuß-Tagung der „ FreienVe re i n i g u n g " statt. Neben den Frankfurter Mitgliedern waren Teilnehmer aus Preußen, Bayern, Hessen, Württemberg und Baden erschienen. Der Leiter der Tagung, Herr Leo W r eschn er, begrüßte den Ausschuß und gedachte in warm empfundenen Worten zweier um die „Freie Vereinigung" hoch verdienter Heimgegangener Ausschußmitglieder, der Herren Distriktsrabbiner Dr. Raphael Breuer, Aschaffenburg und Jakob Strauß, Frankfurt, deren Andenken in den Annalen der „Freien Vereinigung" unvergeßlich bleiben wird. Herr Dr. S. Ehrmann erstattete namens des Vorstandes einen Tätigkeitsbericht über die Leistungen der „Freien Vereinigung" seit dem letzten Vereinstag (im Februar 1931), in der Einleitung hervorhebend, daß die „Freie Vereinigung" in harmonischer Zusammenarbeit mit gesinnungsgenöfsischen Organisationen, sich vor allem diejenigen Zweige jüdischer Tätigkeit aussuchte, welche bisher von anderer Seite nicht bearbeitet werden konnten, zunächst die Betreuung der kleinen Landgemeinden durch Wort und Schrift, in erster Linie im abgelaufenen Jahr in den Rabbinatsbezirken A s ch a f f e n b u r g, Fulda, Ansbach, Hanau, Gießen und Kitzinge n. Im Mittelpunkt dieser Tätigkeit standen 5 Vezirkstagungen und zwar in Hersfeld (17. Mai 1931), in Alzenau (14. Juni 1931), M i ch e l st a d t (28. Juni 1931),' Gunz enh ansen (8. November 1931) und Schlüchtern (10. Januar 1932). — Die zuständigen Herren Rabbinen hatten jeweils die Liebenswürdigkeit, das Hauptreferat zu übernehmen. Die Herren Lehrer, Mitglieder des Vorstandes und Ausschusses der „Freien Vereinigung" hielten weitere Referate. Gesellige Veranstaltungen durch die Jugend der betreffenden Orte dargeboten, erhöhte die Anziehungskraft der Tagungen. Bei der Bezirkstagung in Hersfeld nahmen 14, in Alzenau 38, in Michelstadt 30, in Gunzenhausen 21 und in Schlüchtern 20 Nachbargemeinden teil. Es waren bei den Veranstaltungen regelmäßig 250 bis j400 Teilnehmer zu verzeichnen. Die starken Impulse, die von den Bezirkstagungen ausgingen, wurden jeweils durch Besuche, vor allem von Seiten des Herrn Rabbiner Mayer, aber auch von einer Reihe jüngerer Gesinnungsgenossen, zumeist Hörer der Frankfurter Jeschiwa, ausgewertet. Es fanden im Laufe der Berichtszeit 86 Vorträge statt. An die Vorträge schlossen sich vielfach Schiurim, Aussprachen mit der Jugend des betreffenden Ortes usw. an. Von einigen Gemeinden wurde der Wunsch geäußert, an Sonntag Nachmittagen, anstelle des nicht vorhandenen Lehrers, Herren zu entsenden, um Kinder in jüdischen Disziplinen zu unterrichten. Diesem Wunsche konnte in mehreren Fällen stattgegeben werden. Neben der mündlichen Propaganda entfaltete die „Freie Vereinigung" eine schriftliche, zunächst durch Versendung von Merkblättern über M i n j a n in Z w e r g g e m e i n d e n, Vorschriften über Tef i 1I i n, 3 i 3 3 i s und M e ssusoth. Es wurden an lehrerlose Gemeinden jeweils auf die Feiertage Predigten zum Beriefen durch hierzu geeignete Gemeindemitglieder versandt. Als ein wertvolles.Mittel zur Hebung des religiösen Niveaus erwies sich die wieder . neu eingerichtete Volksbücherei der „Freien Vereinigung". Sie umfaßt eine große Anzahl von Werken belehrenden und religiösen Inhalts, die zu außergewöhnlich billigen Preisen abgegeben werden. Im letzten Monat wurde der Volksbücherei eine T e f i l l o h eingefügt, die zum Preise von NM. 0.80 abgegeben werden kann und von der bereits 1000 Stück bezogen wurden. Für die nächsten Wochen wird beabsichtigt, ein Merkblatt über die PessachVorschriften herauszubringen. Von speziellen Zweigen des jüdischen Pflichtlebens, welche von der „Freien Vereinigung" bearbeitet wurden, 'ist vor allem auf die M a z z o t h - A k t i o n hinzuweisen. Ueber 120 Zentner Mazzoth wurden im vergangenen Jahr zu billigen Preisen, teilweise unentgeltlich versandt. Auch in diesem Jahre wird es dank der Munifizenz zahlreicher Gönner der „Freien Vereinigung" möglich fein, diese segensreiche Tätigkeit in erweitertem Maße fortzusetzen. Der Preis der Tefilin und Mefsusoth, welche von der „Freien Vereinigung" abgegeben werden, konnte herabgesetzt werden. An Subventionen wurden im abgelaufenen Jahre für Ausbildung junger Leute auf Jeschiwoth und Seminare an Unterstützung kleinerer Gemeinden zur Renovation von Synagogen, Mikwaoth, Sifre Thora usw. RM. 4000.— bewilligt. — Aus dem Kassenbericht, den Herr Emil Lehman n erstattete, konnte zwar mit Befriedigung konstatiert werden, daß der Etat mit etwa RM. 6000.— balanciert, daß aber trotzdem zahlreiche Mitglieder ihren Beitrag nicht gezahlt haben, und daß es im Interesse einer weiteren gedeihlichen Tätigkeit unbedingt nötig sei, neue Mitglieder für die „Freie Vereinigung" zu gewinnen und die bisherigen zu veranlassen,! bei jeder Gelegenheit durch tatkräftige Hilfe die „Freie Vereinigung" zu stärken. — In der Besprechung des Reche nfchaftsberichtes wurden von Seiten der Herren Rabbiner Dr. Auerbach, Halberstadt, und Rabbiner Dr. K o h n, Marburg, verschiedene Anregungen gegeben: so u. a. eine Ausdehnung der „Freien Vereinigung" auf Mittel- und Norddeutschland, Abhaltung von Bezirkstagungen dort, ferner Neudruck einer Broschüre, über die jüdischen Frauenpflichten, weitere Maßnahmen zur Verbilligung der Mazzoth. Diese Anregungen sollen dem Vorstand als Material unterbreitet werdend — Drei Referate behandelten die Lage der Orthodoxie in verschiedenen Landesteilen. Herr Rabbiner Dr. Klein, Nürnberg, berichtete über die jüdischen Verhältnisse in Bayern und sprach dabei den Wunsch aus, im engsten Einvernehmen von „Freier Vereinigung" und Aguda, die Tätigkeit in den bayerischen Gemeinden weiterzuführen. Herr Simon Epstein, Freiburg, schilderte die vielfach im jüdischen Sinne traurigen Verhältnisse in den badischen Gemeinden, welche dringend einer starken Aktion der „Freien Vereinigung" bedürfen. Herr Moses Herz, Schwäb. Hall, berichtete über die Lage in Württemberg und schlug vor, eine Vezirkstagung zunächst in Bad Mergentheim vorzusehen. Ein von Herrn