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Der Israelit · 1932-03-24 · Heft 13 (24.3.1932) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 13 (24.3.1932)
Date
1932-03-24
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Der Israeli Blätter Nr. 4 Seite 3 24. März 1932 Uns verbleiben — wenn wir für diese Betrachtungen von der indifferenten Jugend abstrahieren — nur die orthodox agudistifchen Menschen, die aus zwei verschiedenen Judentum gebildet werden. Cs läßt sich differenzieren nach Jugend, die sich den deutsch-jüdischen Verhältnissen angepaßt hat und das Hirsch'sche Prinzip von pK asr.fmn vertritt und solcher Jugend, die nur min fordert und pK p7 als Assimilationserscheinung negiert. Durch diese verschiedene weltanschauliche Linstelstung wird das Verhältnis zur Gemeinde und zum Beruf bestimmt'. Mährend der zum Deutschtum positiv eingestellte Teil sich gern in ein größeres Gemeinöewesen einordnet und den Berus so wählt, daß er seiner jüdischen Persönlichkeit adäquat ist, d. h. ihn als Beruf auch ausfüllt, wird der rr-7 rr'.i n*nn proklamierende Teil sich auf sich selbst zurückziehen, Kritik am deutsch-jüdischen Gemeindewesen üben, den bürgerlichen Beruf nur als aufgezwungenes Mittel zur Erlangung finanziellen Besitzes für die Erfüllung der jüdischen Aufgaben ansehen. Hieraus resultieren beruflicher Dilettantismus, oftmaliger Berufs- und Ortswechsel, alles typische Erscheinungen. — Reber den weltanschaulichen wert dieser beiden Typen läßt sich diskutieren, es scheint aber, daß diese Betrachtungsweise den Rahmen des Themas überschreitet. - Die Ostjuöen kamen, ohne wirschaftliches Bedürfnis zu sein; daher konnten sie nur schwer Fuß fasten, und hieraus erklären sich die geringen und schwierigen Aufstiegsmöglichkeiten. Da bei den.meisten keine finanzielle Basis vorhanden, also nichts zu verlieren war, konnte der Risikofaktor gering eingesetzt werden. Die Inflation brachte eine Scheinblüte. Zn dieser Zeit suchte sich ein Teil durch Erwerb von Grundbesitz wirtschaftlich zu verankern. Heute ist ein großer Prozentsatz verarmt, */«—4/s sind falliert. Die meisten kämpfen buchstäblich ums tägliche Brot., Da die Ostjuden ohne festen Beruf und ohne kaufmännische Ausbildung — als Luftmenschen — kamen, mußten sie Hanöelsberufe ergreifen, die keine oder nur geringe fachliche Ausbildung verlangen, in Wäsche, Textil und Abfallprodukten reisen, Abzahlungsgeschäfte, tätigen. Da aber der Antisemitismus mit seiner ganzen Schärfe nur die Ostjuden trifft, leiden sie in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung stärker, ebenso durch den allgemeinen Riedergang des Mittelstandes, durch den sie in erster Linie ihr Brot fanden, wichtig ist auch noch, daß sich der orthodoxe Ostjude zur proletarischen Lebensführung schlecht eignet, obwohl er ihr -kaum ausweichen können wird. ' In vielen jüdischen Kreisen kursiert die irrige Ansicht, daß die Ostjuden eine überwiegend unproduktive Tätigkeit ausüben. Die Berufszählung zeigt aber ein Verhältnis zwischen Ost- und Westjuden in bezug auf Handwerker und Arbeiter wie l 0 : 4. würde man allerdings diese Statistik nur auf Gesetzestreue beschränken oder die Gesetzestreuen mit den Anderen in Relation setzen, so würden sich wesentlich andere Proportionen ergeben. Derartige Untersuchungen existieren, aber noch''nicht. 1 Aus Heinrich Silbergleits: „Die Bevölkerungs¬ und Berufsverhältnisse der' Juden im Deutschen Reich", Akademie-Verlag Berlin 1950 sind nachstehende charakteristische Zahlen zu entnehmen, die bei der letzten Zählung 1925 ermittelt wurden: In Preußen leben 400 000 Juden, darunter 76 000 Ausländer, ein Verhältnis von 4: l. In Berlin leben 172 600 Juden, darunter 44 000 Ausländer, ein Verhältnis 4: 1. In Frankfurt a. M. 29 580 Juden, darunter ,5753 Ausländer, ebenfalls ein Verhältnis 4: l. Dieses Verhältnis besteht an allen Orten öeutschjüöischer und ostjüdischer Ansiedlung,' außer in Altona, wo ein Verhältnis von 5: 1 ermittelt wurde. Statastisch läßt sich weiter feststellen, daß die Abnahme der Zahl der deutschen Juden durch den perennierenden Geburtenrückgang unvermeidlich ist. Da aber die Ostjuden wenigstens in der ersten und zweiten eingewanderten Generation noch nicht oder nur unwesentlich davon betroffen sind, wird das prozentuale Verhältnis zu Gunsten der, Ostjuöen selbst ohne weitere Einwanderung eine scharfe Korrektur erfahren. Der deutsche orthodoxe Jude ist durch seine ..splendid isolation“ un& fortgesetzte Inzucht in Gefahr, geistig und körperlich zu degenerieren. Cr braucht einen Schuß östlicher Injektion. Zu realisieren ist dies nur durch Ueberbrückung der Kluft, die in erster Linie durch unsere eigene starke Assimilation hervorgerufen ist, deren Erweiterung und Verewigung ein negatives Kriterium unserer westlichen Gemeinschaft darstellen würde. Die einwandernden Ostjuden hätten restlos Anschluß an die orthodoxe Gemeinschaft, an Austritts-- gemeinden, an agudistische Kreise finden müssen. Wir gingen aber an ihnen vorüber, weil wir selbst stark assimiliert, ihre Eigenart nicht verstanden, ostjüdisch gesprochen „jäckisch" waren. Die Devise unserer Führer war, daß die einzigen Beziehungen über dem aufgeschlagenen ivv unterhalten werden könnten, wir legten wenig Wert auf Werbung, ihre Anziehungskraft wurde durch die selten genügende Finanzpotenz stark reduziert, war es unter diesen Umständen, ein Wunder, daß die zionistische Organisation, der Misrachi, die liberale Großgemeinde, die von uns Abgewiesenen erfaßte und bei sich einorönete. wir trieben Politik der verpaßten Möglichkeiten, gaben große Chancen ungenutzt aus der Hand, und haben von brüderlicher Liebe keinen Hauch verspüren lassen, oder aber erst zu einer Zeit Interesse gezeigt, als bereits abgesteckte Grenzen gezogen und nur noch ein geringer Teil erfaßt werden konnte. wenn wir daher jetzt ernstlich daran gehen, die Institutionen unserer Gemeinschaft, also Schulen, mp» Krankenhaus, Horte und Vereine, die Landgemeinden auf die persönliche Eignung sämtlicher Verwaltungsorgane in der Behandlung von Ostjuden nachzuprüfen, so liegt hierin nur eine Bestätigung unserer Behauptung. wenn die deutschen Juden in den letzten Jahren schon zum Objekt des Wirtschaftsgeschehens geworden sind, so wurden die Ostjuden zum Spielball. Nimmt man das derzeitige, kapitalistische System als gegeben und stellt Wertungen auf dieser Grundlage auf, so muß man feststellen, daß die Ostjnden, so weit sie sich nicht anglichen, der deutschen Wirtschaft nichts zu geben hatten, und nichts gegeben haben; denn ist ein Faktor, der, kapitalistisch ausgeörückt, mit Leichtsinn oder Verantwortungslosigkeit zu übersetzen ist. Es fragt sich aber, ob diese Betrachtungsweise nicht dazu führt, eine Umkehrung in unserer seitherigen Einstellung herbeizuführen. Und hier scheint es, haben sich die Ostjuden insofern überlegen gezeigt, als sie hk D’Kn in kluger Voraussicht in der Lage waren, sich von dem gegenwärtigen System geistig und materiell mehr oder weniger zu emanzipieren, indem sie sich dieser Wirtschaftsordnung niemals verbunden gefühlt und daher das ganze System nie so tragisch ernst wie wir deutsche Juden genommen haben. Der'Zusammenbruch unserer Wirtschaftsordnung würde sie daher im Innersten unberührt tafR der e^en Sette stand vor 30—40 Jahren der arme Ostjude ^k heißem jüdischem Herzen, auf ^der anderen Seite der festgegründete, bürgerlich gesicherte, Faturierte deutsche Ditze, der seine Lebensaufgabe sogar als gesetzestreuev fcarin sah, persönliche materielle wacht zu erweitern., -ry^nn auch ün gewisser Beziehung eine leichte Osmose sta^saaöen hat, indem nämlich das jüdische Herz des juden etwas gekühlt, und das des deutschen Inden etwas erwärmt worden ist, so sind doch letzten Cndse Beide von entgegengesetzten Ausgangspunkten herkommend, bald auf der gleichen Ebene gelandet. Der deutsche Jude hat mit seinem Lerechtigu^zeugnis, Abitur, 10—16jähriger kaufmännischer Ausbildung eben auch keine Kraftmittel gegen den wirtschaftlichen Zusammenbruch gewonnen. Diese Ueberlegungen zwingen zum Nachdenken: Entweder ist das System im Niedergang oder aber wir deutsche Juden haben das Wirtschaftsleben falsch angepackt, und der Keqeljunge hatte recht. Beides ist der Fall. “ während wir früher in geordneten Verhältnissen lebten, demgemäß die Lebensfragen unserer ostjüöischen Brüder erfahrungsgemäß nicht mitfühlten und dadurch alle unsere Projekte nur philantropischen Charakter hatten, befinden wir uns jetzt in der zweifelhaft angenehmen, gleichen Lage, die es uns ermöglicht, die Dinge aus der Psyche des Ostjuden heraus zu sehen, und in ihm nicht nur den Konfesstons-. sondern auch den Schicksalsgenossen zu erblicken wir müssen uns darüber klar sein, daß wir uns eigenen Kräften nichts, oder so gut wie nichts zur Verbesserung unserer wirtschaftlichen Lage in Deutsch land tun können. Deshalb worden alle Stellenvermittlungen, Berufsberatungen und verwandten Institutionen nur relative Erfolge aufweisen können, wir stehen vor der Tatsache, daß es zu Ostern kaum noch jüdische Lehrstellen gibt, weil ein hoher Prozentsatz der deutschen Juden durch die wirtschaftliche Rot veranlaßt, entweder selbst dem Valet gesagt hat, oder aber seine Angestellten und damit naw naiE abbauen mußte. Die Betriebe mit größerer orthodoxer Angestelltenschaft in Deutschland lassen sich an den Fingern einer Hand errechnen. Da nun nach der Theorie vom Grenznutzen, die sich an den Ramen Löhm-Lawerk knüpft, der beste Arbeitnehmer den wirtschaftlichen wert des Arbeiters bestimmt, so kann unter Bezugnahme auf den großen Prozentsatz deutsch-jüdischer und ostjüdischer Arbeitslosigkeit nur der äußerste Pessimismus für Berufsfragen und deren wirtschaftliche Lösung vertreten werden. So sehr wir uns auch dagegen sträuben und mit letzter Kraft uns selbst und unsere Institutionen zu halten suchen, so müssen wir uns doch darüber klar sein, daß. uns die Rot zur proletarischen Lebensführung zwingen wird. Auf diesem Boden haben wir Juden uns aber noch nicht bewährt. — wir, unsere und die vorige Generation verfügen bis jetzt noch über keine Erfahrung, eben so wenig die in Deutschland lebenden Ostjuöen; denn arm werden, in Rot geraten, ist nicht mit proletarisierung identisch. wenn es uns möglich ist, vonden akuten Gefahren, die den Juden in Deutschland überhaupt drohen, zu abtrahieren, so wären hier Vorschläge in einer bestimmten Richtung zu machen: 1. Größte Vereinfachung in allen Lebensbedürfnissen, Wohnung, Kleidung, Nahrung, Allgemeinbildungsansprüchon. Diese Umstellung müßte sich auch auf die erstrecken, die bis jetzt noch nicht wirtschaftlich dazu gezwungen sind: denn das Gelingen des russischen Experimentes wir'» nur dadurch erwartet, daß alle die gleichen Einschränkungen treffen. 2. Ansiedlung von deutschen und östlichen Jude?, am Rande der Großstädte in nur von Juden bewohnten Seiölungen und Straßenblöcken; dort wieder durch die Gemeinschaft Vereinfachung und Verbilligung der Lebensweise. Gleichzeitig erzieherische Wirkungen: Körperliche und seelische Gesundung. Um in einer Zeit wie in der jetzigen überhaupt bestehen zu können, ist ein dnrchgebildetes Milieu unbedingt erforderlich, wie das Kriterium einer Stadt durch das Vorhandensein von '■» bedingt ist, so kann im Goluth ein positives Judentum nur im Rahmen einer Iudcngasse im engeren oder weiteren Sinne fortgebildet werden': Diese Iudengasse übernimmt einen großen Teil der Erziehung und ordnet wesensfremde Teile stillschweigend ein. Hier könnte die Verschmelzung zwischen Ost und West unbewußt und ohne Zwangsmaßnahmen durchgeführt werden. Diese Iudengasse, die in allen deutschen Städten mit ^lter jüdischer Bevölkerung in irgend einer Form ''^banden ist, befindet sich aber-im Begriff, sich v. ’6ct' gug O'om Osten nach dem West-" der ,e5. B. In Frankfnr,?• M bemerkbar M, „ielmebr als Fluch! des Westens vor dem Osten dar. u In diesen Siedlungen sott der frühem t( erster Linie beibehalten werden, was durch o. der Großstadt ermöglicht wird; daneben soll lu,^ wirtschaftliche und handwerkliche Betätigung geübt werden, von einer gcoßländlichen, rein landwirtschaftlichen Siedlung möchte man deshalb abfehen, weil die Aussichten der Landwirtschaft sehr schlecht sind, und selbst der darnieöerliegende Handel eher als die Landwirtschaft gesunden kann. Wan muß letzten Endes diese praktischen probleme auch psychologisch erfaßt haben. All die artigen Züge, die dem Außenstehenden als u ^astänölich heftige Reaktionen einer Volkspsyche et scheinen, müssen bei eindringlicher Betrachtung dahin gedeutet werden, daß in der Tiefe der oftjüdischen Seele

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