Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 13 (24.3.1932)
- Date
- 1932-03-24
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 4 D « r Jsrae l i t Blätter 24. März 1932 < vieren, und wir wollen es auch ruhig aussprechen, aus ihrem lethargischen Schlaf zu erwecken, der durch die Wirtschaftsnot und Asstmilationserscheinungen auf geistigem Gebiet bedingt ist, sie zu neuer begeisterter Mitarbeit in Selbsterziehung und Eingliederung in den thoratreuen klall zu erziehen. Und nun müssen wir gestehen, daß uns eine kleine Enttäuschung befallen hat, das Programm sieht ein wenig nach der Partei der Unzufriedenen aus,. Unzufriedenheit aus Idealismus selbstverständlich, es bietet aber wenig positives. Und selbst die Ciß'schen Ausführungen vermögen das nicht zu ändern, wir wollen nur einige Fragen aufwerfen, die das im Ganzen leider Negative des Programms dartun. was heißt es, wenn man sagt, „einheitliches Vorgehen in allen agudiflifchen Angelegenheiten"? Soll das eine Kampfansage nach innen bedeuten, nun, wir sind weit davon entfernt, behaupten zu wollen, daß alles innerhalb der A. I. so ist, wie es sein sollte, und wir meinen mit LH. I. CLß, jeder soll seine Meinung innerhalb der A. I. sagen, aber kann man diese Kritik alleine schon Aktivismus nennen? Der zweite Punkt (lb) ist doch die zentrale Aufgabe der gesamten aguöistischen Organisation, und besagt nur mit anderen Worten, was schon seit einem Jahrzehnt zur Berechtigung der Organisation auf Grund ihrer Ideologie, in Wort und Schrift, betont worden ist. Die Punkte l c und ld sind dem Kenner der Arbeiten der palästinazentrale und der politischen Exekutive der A. I. längst vertraute Klänge, und schließlich 1 e ist eine Frage, zu der gerade von den größten Führern der deutschen A. I. wiederholt Stellung genommen worden ist. Also ist das Ganze nur eine Wiederholung. Nun haben Wiederholungen zwar ihre volle Berechtigung, wir glauben sogar, daß man in der A. I. gar nichts anderes tun sollte, als immer wieder „wiederholen", bis es endlich allen eingegangen ist, was A. I. will. Aber der Name Aktivist ist doch so lange unberechtigt, und schafft, gewollt oder nicht, eine Gegensätzlichkeit, es entsteht ein künstlich geschaffener Unterschied, der um so weniger berechtigt ist, als der sehr magere Arbeitsweg doch kaum die Hoffnung läßt, daß der Schwung der durch die Aktivisten geleisteten Arbeit so mitreißend wirken wird, daß das Gemeinsame durch diese Arbeit wieder hergestellt werden wird. Lin eignes Organ zu schaffen, einen Iournalisten- und Publizistenverband zu gründen, ist gewiß sehr löblich und notwendig, aber dazu bedarf es doch innerhalb der A. I. gewiß keines eignen Verbandes der Aktivisten, der fast wie ein Staat im Staate anmutet, zumal wenn man die sehr gefährliche Formulierung von Liß liest, daß es ihm „egal ist, ob der Name des organisierten Klall-Iisroel, „Agudas Iisroel" oder ein anderer ist, denn nicht der Name ist die Hauptsache, sondern die „Ideologie", wenn wir nicht wüßten, welche großen Verdienste gerade Lh. I. Liß-um die „Agudas Iisroel" hat, wir würden.in ihm jenen Utopisten sehen, der von ihm doch gerade mit Recht so scharf bekämpft wird, weil er unter der Flagge der Neutralität, glaubt den Klall Iisroel gestalten zu müssen. „Agudas Iisroel" ist doch wohl viel mehr - als ein Name! Aber nicht um dieser Kritik willen, schreiben wir diese Zeilen, denn das wäre nicht mehr als im Sinne des Akivistenverbanöcs „aktiv" sein, sondern wir meinen noch etwas anderes: Ist es wirklich nötig, daß man um dieser wenigen Dinge willen, einen verband, innerhalb der 2l I. schafft, der gar schon von einer Tagung spricht? Hat man in der Tat so wenig aus dem wiener agudiflifchen „Weltjugendtag" gelernt? warum muß das sein? Der Wille der Gründer ist durchaus gut, er ist mehr als anerkennenswert, wir brauchen in der Tat einen wohlverstandenen Aktivismus, aber eben darum fordern wir mehr Konzentration auf den vorgezeichneten Aufgabenkreis der aguöistischen Ideologie und der ihr adäquaten Organisation. Jeder Vorschlag zur Hebung der Stagnation wird bei der Leitung und in den Kreisen der Mitglieder begrüßt werden, jede Anregung dankbar hingenommen werden, aber dieser weg bedeutet doch zumindest eine üräftezer splittern ng, gar nicht zu 'sprechen von Anderem, und das sollte in heutiger Zeit, insbesondere in der A. I., vermieden werden, wir können uns trotz mancher verschiedener Auffassungen, sowohl in der Theorie wie auch in der Arbeitsgestaltung, nur dann bewußt und kraftvoll all dem mit Recht vom Aktivistenverband Geforderten widmen, wenn wir in uns einig darin sind, daß jeder Agudist 2lktivist ist, und zur Erreichung des Zieles nicht ein besonderer verband nötig ist. Schließlich aber hoffen wir, daß der Aktivistenverband, wenn ec auch als solcher unter den bisherigen Auspizien, wie wir sie sehen, wenig Lebensberechtigung hat, doch dazu beitragen wird, daß in unserer Agudas Iisroel die Selbstbesinnung wieder eintritt, die dann bei allen Agudiften einen niemals mehr ermüdenden Aktivismus entfacht. Aus der agudistifchen Presse. Nach zweijähriger pause grüßt uns mit dem Aöarmonat wiederum ein lieber alter Bekannter: das hebräische politisch-wissenschaftliche Organ der polnischen Jugendorganisation der Agudas Iisroel, D i g - l e n u. Herausgeber ist Alexander Susche Friedmann. Das uns vorliegende Schwächest zeichnet sich durch einen ungemein vielseitigen und wertvollen Inhalt aus. Nach den Bemerkungen zur politischen Lage werden in einer Reche von Aufsätzen Crziehungsprobleme behandelt, der bekannte Rabbiner Gutentag in Sochaczin setzt seine gründlichen Untersuchungen zur Wissenschaft des Judentums fort, Crez Iisroel sind eine Reihe von Aufsätzen gewidmet und ein reicher poetischer und belletristischer Teil genügt dem legitimen Bedürfnis nach guter jüdischer Unterhaltung. Anregend ist eine Sprechsaaltribüne und den Schluß machen Buchbesprechungen und literarische Notizen. Cs ist ein besonders erfreuliches Zeichen von Mut und Lebensfrische, daß unsere polnischen jungen Agudiflen es wagen und es fertig gebracht haben, mitten in einer wirtschaftlichen Krise von nie gekanntem Ausmaße ihr stattliches Organ wieder auf die Füße zu stellen! Nicht minder erfreulich ist das erstmalige Erscheinen eines aguöistischen Organs in E e r n a u t i (Czernowitz), das unter dem Titel „DerIüdische weg" in jiddischer Sprache zum l. Aöar herausgckommen ist und wöchentlich erscheinen soll. Die erste Nummer enthält u. a. 2lufsätze von Jacob Landau, Frankfurt a. M. und von Chajim Iisroel Ciß, Zürich, wenn es der Raum gestattet, werden wir letzteren 2lufsatz wegen seiner Originalität und volkstümlichen Lebendigkeit demnächst in den „Blättern" wieöergeben. Herausgebet' ist p. Sonnenschein in Czernowitz. Die neueste Nummer der „Mitteilungsblätter der Wiener, Agudas Iisroel - Jugendg r u pp e " , enthält wieder mancherlei Interessantes. In einer Betrachtung über „unser Verhältnis zu den Änderen", in der die Möglichkeit und Notwendigkeit eines Zusammenarbeitens der orthodoxen Organisationen als solcher mit anderen Parteien durchaus anerkannt wird, warnt der Vorstand der Iugendgruppe dennoch besonders die jugendlichen Mitglieder, sich ihrerseits in gesinnungsfremdc Organisationen hineinzubegeben. Cs fei, so wird ausgeführt, für Jugendliche, die es mit ihrer orthodoxen Gesinnung und Lebensführung ernst meinen, unmöglich jüdischen Organisationen anzugehören, deren Anschauungen, denen der Orthodoxie widersprechen. Zu solchen- Organisationen müssen sowohl die zionistischen als die unionistischen gezählt werden. Das erstmals gedruckt vorliegende Organ der Agudas Iisroel-Iugendgruppen der S l o v a k e i: „Iugendblätter" wird durch einen überaus beachtenswerten Aufsatz von Abraham Juda Licht in presov zur Psychologie des Ieschiwa- Bochurs eingcleitet. Ueber das brennende Problem der Weiterentwicklung der Aguöo in der Ostslovakei schreibt Emil H e r c z l. Cr führt eine Fülle von Tatsachen an, die die Notwendigkeit der aguöistischen Gruppenbildungen in der Ostslovakei schlagend beweisen und die unheilvollen Folgen der gegenwärtig in der Ostslovakei vor orthodoxer Seite verfolgten Vogelstrauß-Politik vor Augen führen. . Im Czernowitz er Morgen bl att vom. 27. Februar weist Dr. Samuel Josef S ch u l s o h n in, kräftigen Worten die Angriffe zurück, die der bekannte bukowinisch-jüöische Politiker, Dr. Mayer-Cbner anläßlich der Gründung der C z e r n o w i tz e r Leth Jacob-Schule gegen Agudas Iisroel in der Tagespresse gerichtet hat. Cs ist bedauerlich, daß uns die Raumknapphcit verbietet, die treffsicheren Ausführungen an dieser Stelle wörtlich wieöerzugeben. Cs ist zu hoffen, daß in Czernowitz, wie anderwärts, Beth Jacob, diese köstliche Blüte und Frucht am Baume der Agudas Iisroel, dazu beitragen wird, daß auch der Baum selber, an dem allein diese Früchte reifen konnten, in dem bisher unfruchtbaren Boden bald empfängliches Erdreich finden wird. Die neueste Ausgabe des von Mr. Harry A. G o o dm a n herausgegebenen L o n d o n-I e w i f h-B u! letin bringt nach einer Monatsbotschaft von Dr. M. Auerbach Nachrichten über die in den verschiedenen Ländern vom Keren Hathora eingeleiteten Aktionen zu Gunsten der Ieschiwos, sowie über die Ereignisse und Konsequenzen der Jerusalemer Wahlen zur Asefathhaniwcharim. Cs wird das Begrüßungsschreiben der Ägudo an die Abrüstungskonferenz mitgeteilt, worauf englische Nachrichten über die Jahresversammlung der Union orthodoxer Gemeinden und öle neue- Schlachthofbill folgen. Eine scharfe Auseinandersetzung führt das Blatt mit Prof. Broöetzky wegen feister unbegründeten Angriffe auf die Aguöo. Wirtschaftliche und geistige Probleme der Ostjuden in Deutschland. Referat, erstattet am 3. Januar bei der Ostjudenkonferenz, in Berlin von Berthold Straus in Frankfurt a. 2R. Ordnet man die in Deutschland lebenden Ostjuden zunächst rein formal nach Siedlungsgestchtspunktcn, so muß man zwischen solchen unterscheiden, die an Orten mit deutsch-jüdischer Gemeinde, also Großgemeinde unter liberaler Führung, orthodoxer Cinheitsoöcr 2lustrittsgemeinöe ansässig sind, und Ostjuden, die m^np ausschließlich aus eigenem Clement bilden. In diesem Falle vegetieren nebenher meist noch ganz, assimilierte deutsche Juden. Zwischen beiden Gruppen bestehen keine Beziehungen. Schichtet man nach landsmannschaftlichen und jüdischen Gesichtspunkten, so teilt man nach Vorkriegsverhältnissen ein in: ungarische, russischlitauische, polnische und galizische Juden. Die ungarischen, russischen und litauischen Juden haben sich den Westjuden stark angeschlossen, sie bilden nirgends eigene Gemeinwesen. Infolge ihrer starken seelischen Anpassungsbereitschaft und Assimilationsfähigkeit sind sie im Begriff und bemüht, im deutschen Kulturkreis unter vorläufiger Wahrung einer besonderen Note aufzugehen. Nur die polnischen und galizischen Juden haben ihre Eigenarten gewahrt; sie leben von den Westjuden getrennt, sind zu ihnen fast beziehungslos. Die alte Generation ist noch unbedingt iTnrn t^eu, soweit sie in Form jüdischer Persönlichkeiten nach Deutschland einwanöerte, dort in ein jüdisches Milieu eintrat, und durch diesen Halt widerstandsfähig wurde. Bei der Jugend, der die starken Eindrücke den Ostens n5cht mehr zur Verfügung stehen, ist leider eine andere Einstellung vorherrschend. Man kann die ostjüdische Jugend einteilen in 1. orthoöox-agudistische Jugend (zahlenmäßig ihr kleinster Teil); 2. zionistisch und misrachistisch gesinnte Jugend (politisch festgelegt, gemeindeorthodox und volksparteilich eingestellt); 3. kommunistische Jugend, hierzu gehören alle marxistisch-doktrinären Gruppen; ' 4. Sportjugend; 6. indifferente Jugend (jüdisch-passiv). Die marxistisch eingestellten Menschen fallen für uns bei diesen Betrachtungen aus, weil sie ideologisch entfremdet sind. Sportliche Einstellung ist nicht nur eine auf körperliche Ertüchtigung hinarbeitende Kategorie,sondern drückt eine neue seelische Haltung aus, die der min vollkommen fremd ist.