Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 13 (24.3.1932)
- Date
- 1932-03-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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»r».!r.l) \m Vrudergrab. Ein Kriegserlebnis. Von M. Mosler. Cin herrlicher Morgen in der schönsten Cbene Norditaliens. Mit Morgengrauen verließen wir für eine Weile unseren Schützengraben, um etwas Luft zu schnappen. Auf den Gräslein leuchteten und glitzerten die Tauperlen und eine würzige Luft wehte aus den Bergen, der die letzten bösen Träume der Schreckensnacht in der Crdkluft verjagte. Auf den Alpenhöhen und zur Rechten stieg und sank der gewaltige graue Nebelschleier. Wo er sich lüftete, zeigten sich die weißen Spitzen der Schneefelder in edelster Reinheit. Im Wäldchen zur Linken war ein Vogel erwacht und er sang stch ein Lied, als müßte er sich beeilen, um nachher vom Donner der Geschütze nicht übertönt zu werden. Einzeln stiegen die Soldaten wie aus den Gräbern heraus, schauten mit trüben Augen um sich. - Stille Seufzer entrangen stch aus enger Brust. Wozu? Wie lange noch? Als wir unseren dünnen, schwarzbraunen Kaffee faßten und unsere Ration matschigen Brotes dazu aßen, kam ein kleiner Trupp auf uns zumarschiert. Direkt vor unserer Batterie machten die Leute halt. Wir sahen uns die neuen Gesichter an. Betagte Soldaten mit wildstruppigen Bärten, ausgemergelten Gesichtern, Stumpfsinn oder Verzweiflung in den Augen. Darunter aber auch ganz junge, halbe Kinder. Cs war Nachwuchs, Nachlese aus den Büros und Werkstätten der Etappe frisch herausgeholt und zur Feuertaufe an die Front geschickt. Die Kanonen schrieen nach neuem Futter, das alte war so gut wie aufgezehrt. Unsagbares Mitleid ergriff uns beim Anblick dieser Allen und Jungen, die wie lebendige Leichen öaherwankten. Mit ängstlichen Augen sahen sie nach den Ritzen und Spalten im Boden, die die letzten Granaten aufgerissen hatten. Es waren genau zwanzig Mann, also hatte jedes der vier Geschütze unserer Batterie fünf Mann aufzunchmen. Inzwischen kam der Leutnant mit dem Verzeichnis in der Hand und übergab jedem Geschützführer seine neuen Leute. Ich batte Geschütz Nr. 4. Ich zählte ineine Leute, es waren nur viere statt fünf. Wo war der fünfte. Wir suchten und forschten. Aus meiner Liste war zu ersehen, .daß der vermißte Josef Klein köpf hieß. Alter: 19 Jahre; Beruf: unbekannt; besonderes Kennzeichen: schielt mit dem rechten Auge; ausgehoben: im Februar 1918; Bildungsgrad: liest und schreibt deutsch, polnisch, englisch und cuthenisch. Der Leutnant, namens Wirtheim, also auch cin Glaubensgenosse, wandte sich zu mir mit spöttischem Lächeln. „Ich denke, wir werden cs verschmerzen, daß sich dieser Jüngling verdrückte, bevor er noch Pulver gerochen hat. Begreiflich! Heißt Josef Kleinkopf und kommt aus Galizien, wozu sollte er sich auch die Mühe nehmen, den Weltkrieg gegen die Italiener zu gewinnen?" Dieser Leutnant Wirtheim haßte die galizischen Juden viel mehr als die Italiener und alle Feinde auf den Gegenfronten. Cr ließ sich keine Gelegenheit entgehen, sie mit seinen bissigen Bemerkungen zu bedenken. Der Grund wurde mir später klar. Cr selbst stammte aus einem galizischen Städtchen und kam in jungen Jahren mit seinen Eltern nach Wien. Mit die- , fern Haß und Spott wollte er möglichst die Schuld seiner Geburt von sich abwaschen. „Herr Leutnant," konnte ich mich nicht enthalten, „ich stamme selber aus Galizien und muß sagen, daß die Kugeln und Granaten gar keinen Unterschied machen zwischen Galiziern und Wienern. Und wenn wir zurückweichen, so sind es oft die arischen Oesterreicher, die die längsten Beine machen . . ." Der Herr Leutnant nahm den Gegenhieb schweigend hin. Nach einer Stunde brachte die Feldgendarmerie ein kleines Soldätchen ein. Kaum hatte ich ihn erblickt, wußte ich schon, daß es Josef Kleinkopf war, „neunzehnjährig, der mit dem rechten Auge schielte und deutsch, polnisch usw. liest und schreibt." Die Gendarmen erzählten, sie hätten ihn in einer entlegenen Ruine aufgegriffcn. Um die Hände hatte er sonderbare Riemen gewickelt, an der Stirne ein kleines schwarzes Kästchen, wie ein Miniaturzylinder. Sie hielten die verdächtigen Gegenstände hin, ein paar gute ziemlich große Tefillin. „Sieht stark nach Spionage aus," flüsterte einer, „man inüßte die Dinger öffnen." Der Herr Leutnant dankte den Gendarmen und entließ sie mit der Versicherung, die Sache an das Batteriekommando weiterzugeben. Sofort trat ich an den Leutnant heran und zeigte ihm, daß auch ich im Besitze solcher ominöser Kästchen und Riemen sei. Sicherlich hatte auch er, der Herr Leutnant schon einmal so etwas im Leben gesehen oder sogar besessen. Cr maß noch einmal mit verächtlichem Blick den zitternden kleinen Soldaten und reichte ihm seine Gebetriemen hin. „Nunmehr," spottete der Leutnant, „ist unser Sieg sichergcstellt, nachdem Josef Kleinkopf mit dabei ist. Schade, daß er bei der zwölften Offensive nicht schon dabei war, wir säßen jetzt schon sicherlich an der blauen Adria in Venedig, vielleicht sogar schon in der ewigen Stadt Rom . . ." „Artillerist Kleinkopf!" gab ich Befehl, „du gehörst nun zu meiner Abteilung am 4. Geschütz, verstanden?!" „Verzeihung," wandte er stch zu mir, indem sein linkes Auge sich in mich eingrub und sein rechtes den Weltenraum anstarrte. „Erstens pflegte man mich einfach I o s s e l zu nennen, und zweitens, wozu das Geschrei? Meine Ohren schielen nicht, ich höre recht gut. Die Esaubrüdcr meinen, sie müßten immer schreien und brüllen. Du bist doch aber unsereiner, wozu die Komödie? Scholem Illechem Bruder!" Damit reichte er mir die Hand, in die ich ganz unvorschriftsmäßig und dienstwidrig cinschlug. Cr warf seinen Tornister auf den Boden, holte ein kleines Gebetbuch heraus, krempelte den linken Aermel herauf und fing noch einmal an, die Gebetriemen um den Arm zu binden. „Diese Bösewichte," sagte er nachher, „ließen mich nicht einmal zu Ende beten. Rissen mir die Tefillin vom Kopf und schleppten mich hierher. Als ob inan an der Front nicht mehr beten dürfte!" „Beten schon," sagte ich, „aber nicht, wenn das Totengebet der Hölle mit Bomben und Granaten um uns her saust." , „Gerade umgekehrt," verharrte er, „hier an der Front kann man erst beten. In der Kaserne batte ich den Boden aufzuwaschen, Letten zu machen, Stiefel zu putzen, die Rinnsteine zu säubern, wie konnte man da beten? Hier ist alles so frei und so rein, man sieht direkt zuin blauen Himmel hinauf. Wie geschaffen zum Tefillinlegen!" „Recht hast du, Artillerist Iossel, aber schaue bin." Ich zeigte nach der Front. (Schluß folgt.) Ein jüdisches Lesebuch. Es war eine glückliche Idee der Herausgeber des hier zur Besprechung vorliegenden Lesebuches, der Herren Nahum Norbert Glatzer und Ludwig Strauß, aus dem überreichen Schatze der uachbiblisch-jüdischen Literatur, also aus Talmud und Midraschim, aus philosophischen, historischen und kabbalistischen Schriften des Altertums und des Mittelalters kostbare Perlen auszusuchen . und in einer dem modernen literarischen Geschmacke angepaßten Form dem erfreulicherweise immer größer werdenden Kreise interessierter Menschen darzubieten. Das 'Buch, das vom S ch o cke n - B er Ia g in Berlin 'tn geschmackvoller Weise augestattet worden ist, hat mit Vorbedacht eine steife Systematik vermieden und entfaltet dadurch, zumal die gelehrten Noten ganz vermieden und die Anmerkungen auf das knappste Maß beschränkt sind, eine reine ästhetische Wirkung aus den Leser. Erfreulicherweise haben die Verfasser sogar das Geleitwort, das die Grenzen absoluter Zurückhaltung vor dem für sich selber sprechenden Texte eigentlich überschreitet, in den Anhang verwiesen, sodaß es jedem frei steht, es zu lesen oder nicht zu lesen. In der Form der Ucbertragung sind die Herausgeber getreue Schüler der neuesten Bibelübersetzev, Buber und Rosenzweig, deren Terminologie sie durchweg übernommen haben. Wir lassen mm einige Proben aus dem Werke folgen, das sicherlich bald in weiten Kreisen, insbesondere solchen, denen die jüdischen Quellen iricht zugänglich sind, zu einem gern zur Hand genommenen Hausbuch geworden sein wird. I. Gebete der Meister. Talmud. Rabbi Elasar, wenn er sein Gebet beendet hatte, sprach also: Wille seis vor deinem Angesichte, G'tt unser E'tt, daß unfern: Lose einwohne: Liebe und Brüderlichkeit, Friede und Freundschaft, daß du erweiterst unsere Grenzen durch Jünger, daß du geraten lassest unser Ende nach Ziel und Hoffnung, daß du unser Teil uns setzest im Garten Eden, daß du uns einfügst in deine Welt durch guten Genossen und guten Trieb, daß wir ausstehen am Morgen und finden: unser Herz erharrt, deinen Namen zu fürchten, daß vor dein Angesicht komme die Stillung unsrer Seele zum Guten. Rabbi Iochanan, wenn er sein Gebet beendet hatte, sprach also: Wille seis, vor deinem Angesichte, G'tt unser G'tt, daß du blickest in unsre Schmach, daß du schauest in unsre Schande, oag du dich kleidest in dein Erbarmen, dich hüllest in deine Kraft, dich gewandest in deine Huld, dich rüstest mit deiner Gunst, auf daß komme vor dein Angesicht die Weise deiner Güte und deiner Sanftmut. Rabbi Sera, wenn er sein Gebet beendet hatte, sprach also: Wille seis vor deinem Angesichte, G'tt unser G'tt, daß wir nicht sündigen, um nicht in Schmach zu fallen und nicht in Schimpf vor unseren Vätern. Rabbi Ehija, wenn er sein Gebet beendet hatte, sprach also: Wille seis vor deinem Angesichte, G'tt unser E'tt, daß dei,ne Thora unser Handwerk sei, daß nicht betrübt werde unser Herz, nicht finster unser Auge, Raw, wenn er sein Gebet beendet hatte, sprach also: Wille seis vor deinem Angesichte, G'tt unser G'tt, daß du uns gäbest ein langes Leben, ein Leben des Friedens, ein Leben des Wohlseins, ein Leben des Segens, ein Leben .guten Auskommens, ein Leben rüstiger Knochen, ein Leben, drin Furcht vor Sünde sei, ein Leben, drin nicht sei Schmach und Schimpf, ein Leben des Reichtums und der Ehre, ein Leben, drin wir hegen Liebe zur Thora und Fürchtrmg des Himmels, cin Leben, drin du alles Wünschen unseres Herzens uns erfüllest zum .Guten. Rabbi, wenn er sein Gebet beendet hatte, sprach also: Wille seis vor demem Angesichte, G'tt unser E'tt und G'tt unsrer Väter, daß du uns rettest vor Frcchstirnigeu und vor Frechstirnigkcit, vor bösem Menschen und vor bösen: Anschlag, vor bösem Genossen und vor bösem Trieb, vor bösem Nachbar und vom Verderber, dem hemmenden, vor hartem Rechtsspruch, vor hartem Rechtsforderer, sei er ein Sohn des Bundes oder ser er kein Sohn des Bundes. . Raw Safra, wenn er sein Gebet beendet hatte, sprach also: Wille seis vor deinem Angesichte, E'tt unser G'tt, daß du Frieden stiftest in der Oberen Gemeinschaft und in der Unteren Gemeinschaft, und unter den Jünger,:, die sich mit deiner Thora beschäftigen, mögen sie sich mit ihr beschäftigen des Namens der Thora wegen, oder mögen sie sich mit ihr beschäftigen nicht ihres Namens wegen; alle aber, die sich mit ihr beschäftigen nicht ihres Namens wegen, Wille seis, daß sie sich mit ihr beschäftigen sollen ihres Namens wegen. Raw Hamnuna, wenn er sein Gebet beendet hatte, sprach also: Wille seis vor deinem Angesichte, G'tt unser G'tt, daß du uns stellest in den. Winkel des Lichts, nicht aber uns stellest in den Winkel der Finsternis, daß nicht betrübt werde unser Herz, nicht finster unser Auge.