Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 13 (24.3.1932)
- Date
- 1932-03-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 13 Der Israelit 24. März 1932 Rabbi Alerandri sprach, wenn er gebetet hatte, also: Meister der Welt. offen uns kund ists vor -einem Angesichte, -ah es unser Wille ist, deinen Willen zu tun, aber wer hindert uns? Das Gärende im Teig und die Knechtschaft durch die Königreiche. Wille seis vor deinem Angesichte, daß du uns rettest aus ihrer Hand, damit wir umkehren die Gesetze deines Willens zu tun, mit befriedetem Herzen. Raba sprach nach seinem Gebet also: Mein G'tt, bevor ich gestaltet ward, war ich nichts wert, und jetzt, da ich gestaltet ward, ists, als wäre ich nicht gestaltet worden. Staub bin ich in meinem Leben, und wieviel mehr bei meinem Tode. Da bin ich vor deinem Angesichte wie ein Gefäß voll Schmach und Schimpf. Wille seis vor deinem Angesichte, G'tt mein G'tt, daß ich nicht mehr sündige, und was ich gesündigt habe vor deinem Angesichte, das scheure weg in deinem großen Erbarmen, doch nicht durch Leiden und böse Krankheiten. Mar Sohn Rawinas, wenn er sein Gebet beendet hatte, sprach also: Mein G'tt, schütze meine Zunge vor Bösen, meine Lippen vor trügerischem Reden, Meinen Fluchern sei stumm meine Seele, meine Seele sei allen wie Staub. Oefsne mein Herz durch deine Thora, deinen Geboten eile meine Seele nach. And rette Mich vor böseni Anschlag, vor bösem Trieb, vor bösem Weibe, vor allem Bösen, das herbeiströmt, in die Welt zu kommen. Allen aber, die Böses denken über mich her, zerbrich ihren Ratschluß und verdirb ihre Gedanken. Zu willen seien dir die Worte meines Mundes und das Sinnen meines Herzen vor deinem Angesichte, G'tt. mein Fels, mein Erlöser. Raw Scheschet, wenn er im Fasten saß und sein Gebet beendet hatte, sprach also: Meister der Welt, offen ists vor deinem Angesichte: Zur Zeit, da das Haus des Heiligtums stand — sündigte da ein Mensch und nahte Nahung dar, nichts nahte man davon dar, als das Fett und das Blut, und die Sünde ward ihm gesühnt; jetzt aber: ich saß im Fasten, mein Fett und mein Blut ward verringert — Wille seis vor deinem Angesichte, daß da sei inein Fett und mein Blut, das verringert ward, gleich, als hätte ichs vor deinem Angesichte dargenaht auf der Schlachtstatt: so gnade mir. II. Sünde und Umkehr. Talmud und Midrasch. Die Bösen und das Böse. In der Nachbarschaft des Rabbi Meir trieben sich Rohlinge umher: die quälten ihn tüchtig. Da betete er ihretwegen, auf daß sie sterben möchten. Sprach zu ihm Beruria, seine Frau: Was ist deine Meinung? da doch geschrieben ist: „Aufhören mögen Sünden auf der Erde" — ist denn geschrieben „Sünder"? „Sünden" ist geschrieben! Und mehr noch: sieh tiefer, aus den Schluß des Worts: „Und Frevler sind nicht mehr das:" wenn die Sünden aufhören, sind keine Frevler da. Nein, sondern bete ihretwegen, daß sie sich wenden in Umkehr und keine Frevler mehr sind. Er betete ihretwegen, und sie wandten sich in Umkehr. Du selbst und ihr macht sie süß: du findest nichts bitteres als die gesicherten Stellung dachte der junge Mann gemäß der Lupine, du aber mühst dich, sie siebenfach im Wasser zu Mahnung der jüdischen Weisen und schritt zur Begrünsieden und zu süßen, bis sie süß wird; und so der Senf, die düng eines Hausstandes; ein braves Mädchen folgte ihm Kaper und viele Dinge. Wenn du also Bitteres, das ich «unter den Trauhimmel. Jahre vergingen; Kinder kamen; Nicht hat der Heilige, gesegnet sei Er, der genannt ist Gerechter und Gerader, den Menschen „in seinem Bilde" erschaffen, als daß der ein Gerechter und Gerader werde, ihm gleich. Vielleicht sprichst du: Warum hat der Heilige, gesegnet sei Er, den Bösen Trieb erschaffen, von dem geschrieben ist „Weil der Trieb des Menschenherzens von seiner Jugend her böse ist": Du selbst sagst, daß er böse ist. — w/r vermöchte ihn gut zu machen? Da spricht der Heilige, gesegnet sei Er: Du selbst machst ihn zu einem bösen. Wie? Ein Kind von fünf, von sechs, sieben, acht, neun Jahren sündigt nicht, sondern erst von zehn Jahren an, — da zieht es den Bösen Trieb groß. Vielleicht sprichst du: Der Mensch vermag sich nicht zu bewahren! Da spricht der Heilige, gesegnet sei Er: Du selbst hast ihn zu einem bösen gemacht. Wie? Ein Kind warst du und hast nicht gesündigt, dann wurdest du groß und hast gesündigt. Ja, so viele Dmge gibts auf der Welt die härter sind als der Böse Trieb und bitterer als er, erschaffen habe, zu deinem Gebrauche süß machst, wie erst könntest du es mit dem Bösen Trieb tun, der in deine Hand gegeben wurde. Schmiedearbeit. Rabbi Schimon ben Elasar sagte: Ich will dir ein Gleichnis machen, — wen: ist der Böse Trieb ähnlich? Einem Eisen, das man in die Glut gelegt hat; allezeit, da es in der Glut ist, läßt sich aus ihm allerlei Gerät machen, wie mans nur will. Ebenso ist es mit dem Bösen Trieb: kein andres Zurechtbringen gibt es da, als allein durch die Worte der Thora, die dem Feuer gleicht. Feuer und Fleisch. Einst wurden gefangene Frauen nach Nehardea geführt; im Hause des Raw Amram des Frommen brachte man sie unter und nahm die Leiter vor ihnen fort. Als aber eine von ihnen vorüberging, da fiel ein Lichtstrahl durch den Einlaß. Nahm Raw Amram die Leiter — zehn Leute konnten sie nicht heben, er aber hob sie allein — und stieg hinaus. Als er an die Hälfte der Leiter kam, hielt er an und erhob seine Stimme: Feuer bei Amram! Da kamen die Meister und sprächen zu ihm: Wir müssen uns deiner schämen! Sprach er zu ihnen: Besser ist es, ihr schämt euch des Amram in Dieser Welt, und braucht euch seiner nicht zu schämen in der Kommmenden Welt. Dann beschwor er den Trieb, daß er von ihm weiche. Da wich er von ihm, einer Feuersäule gleich. Sprach Amram zu ihm; Schau, du bist Feuer und ich bin Fleisch, aber ich bin mächtiger als du. Heute. Rabbi Elieser sagt: Tu Umkehr einen Tag vor deinem Tode. Fragten ihn seine Jünger: Weiß denn der Mensch, welchen Tag er sterben wird? Sprach er zu ihnen: Eben darum kehre er heutigen Tages um, vielleicht muß er morgen sterben und fo wird gefunden, daß all seine Tage in Umkehr sind. Der Ort des Umkehrenden. Es sprach Rabbi Chija bar Abba, es sprach Rabbi Jochanan: Die Künder alle haben auf keinen hin gekündet als auf den Umkehrenden: von den vollkommenen Gerechten aber gilt: „Nie hat etwas ein Auge ersehn — von einem G'tt — außer dir — ders tut für den, der fein verlangt". Rabbi Ababu sprach: An dem Orte, wo die Umkehrenden stehen, können die vollkommenen Gerechten nicht stehen, wie gesagt ist: „Frieden Frieden dem Fernen und dem Nahen": Zuerst dem Fernen, dann dem Nahen. Um eines Willen. Rabbi Meir sprach: Groß ist die Umkehr; denn um eines willen, der Umkehr getan hat, vergibt man all der ganzen Welt. kV. Messiaslied. Jiddisches Volkslied. Schnürlein und Perlen und goldene Fahnen! Messias Sohn Dawids sitzt obenan. Hält einen Becher in der rechten Hand, Gibt einen Segen über das ganze Land. Amen und Amen, das ist wahr: Messias kommt zu uns heuriges Jahr. Wird er zu uns reiten, Werden wir haben gute Zeiten. Wird er zu uns fahren, Werden wir haben gute Jahre. Wird er zu uns gehn, Werden in Jisräelsland unser aller Wohnungen stehn. Reb Zoel. Reb Joel Charkower hatte in dem wolhynischen Städtchen fünf Jahrzehnte ein stilles friedliches Dasein gelebt. Sein Vater war dort Speisewirt gewesen und nebenher Inhaber eines Magazins. So konnten die Bauern, wenn sie an den Sonntagen hereinfuhren, den rosenroten süßen Würzbranntwein trinken und die goldbraunen Butterkrapfen essen, welche Joels Mutter mit köstlichen Füllungen zu bereiten verstand. Im Magazin gab es alles vom Troikanagel vis zum Peitschenriemen, vom Juchtenstiefel bis zur Pelzmütze. Frühzeitig mußte Joel lernen, gleich den Geschwistern den Eltern an die Hand zu gehen. Eine besondere Geschicklichkeit entwickelte der Knabe in der Zubereitung des Geflügels; die Nachbarinnen versicherten sich, sobald es auf Jomtof ging, seiner Beihilfe. Mit der Bar Mizwa aber trat an Vater und Sohn die Frage der Berufswahl heran. Merkwürdig! Der lebhafte Junge entschied sich für das Schneiderhandwerk: Reb Nathan, der in der oberen Gaffe wohnte, hatte es ihm angetan: Joel wurde Schneider. Vom Lehrling wuchs er zum Gehilfen; mit seinem gefälligen Wesen und sichtlichem Geschick trug er bei, daß sich des Meisters Kundenkreis erweiterte. Bei der Meister Nathan starb. Reb Joel übernahm das Geschäft. Es blieb ihm Zeit, für Jomtof den Hausfrauen behilflich zu fein wie in den Knabenjahren und seither. Von Reb Nathan hatte er die schöne Gepflogenheit, abends im Beth Hamidrasch zu lernen; über manche Schwere halfen ihm die Worte der Großen, die der Talmud bewahrt. Aber die schönsten Stunden der Woche gab der Sabbat. Frau Hanna wußte eben auch die Sabbatstube bei aller Einfachheit zum Festraum zu gestalten. Der warme Hauch der Sabbatlichter zog über Kidduschbecher und Fruchtschale. Sabbatlieder sang Joel mit den Seinen und den Gästen, — die alten immerschönen Melodien ließen vergessen, was die Woche hindurch bewegte; mit ihnen kam jene heilige Ruhe der Seele, die der Sabbat nur bescheren kann. In dieses schlichte Glück klirrte die Kriegstrompete ihren gellenden Mißton. Ganz drüben im Osten begann der russisch-japanische Waffengang. Joels Söhne Samuel und Josua mußten einrücken. Die Züge rollten. Die Wochen eilten dahin. Da kam die Botschaft: das Regiment, in welchem Josua diente, wurde durch japanische Schiffsgranaten zerschmettert. Es folgte eine zweite Kunde: Samuel war bei Mukden gefallen. Die Doppeltrauernachricht brach der Mutter das bangende Herz. Aber noch war die Prüfung für Reb Joel nicht zu Ende. Eines Tages trat zu ihm der Polizeimeister des Stadtviertels; der war dem Meister wohlgewogen, trug mit Stolz die Uniformen, welche dieser stets wie angegossen für die stattliche Figur des Beamten gefertigt hatte. „Reb Joel," begann er, „Ihr wißt, ich bin Euch wohlgesinnt und deshalb sage ich Euch: es bereitet sich etwas vor gegen die Juden; sie werden wahrscheinlich die Wut des Volkes über die Kriegsverluste auskosten müssen. Ich rate Euch: seid vorsichtig: bringt Euch und Eure Habe in Sicherheit! Leid würde es mir um Eure braven Töchter sein, wenn ein Sturm sie träfe." Die guten Worte nahm Reb Joel dankbar aus. Unauffällig begann er die Ordnung seiner Angelegenheiten. Die drei Töchter brachte er glücklich über die Grenze zu Bekann- ' ten in Lemberg. Als er für Haus und Einrichtung einen verschwiegenen Käufer gefunden hatte, reiste er mit den Knaben nach. Aber -in dieser Stadt war seines Bleibens nicht: Es herrschte Krisenstimmung, die Polizei beobachtete mißtrauisch den Flüchtling. Eines Tages traf dieser beim Verlassen der Synagoge einen ebensolchen; der hatte zu Westdeutschland Beziehungen. Bald begegneten sich die Beiden in dem Entschluß, nach dorthin umzusiedeln. Da sie nicht mittellos waren, stellten sich ihnen keine Schwierigkeiten in den Weg. In einer freundlichen Stadt am Rhein fanden sie ihr Endziel. Da war es auch, wo ich sie kennen lernte. Reb Joel lud mich für Sabbat zu Gast. Blühende Kinder saßen zu Tisch mit uns; wie klangen feierlich die Sabbatlieder von ihren Lippen hinaus zum Rhein! Ueber des Vaters Antlitz flog es zuweilen wie verhaltene Wehmut, aber die Sabbatfreude leuchtete dann um so heller aus seinen Zügen: das ist Israels Ehrentag. „Immer", sagte mir derGute, „wenn es ganz schwer auf mir lastete, wenn Kleinmütigkeit mich Niederdrücken wollte: kam mir der Sabbat als der liebe Bote des Ewigen und machte mich frei von aller Bedrängnis. Ein heiliges Erbe an meine Kinder ist es, daß ich mit jeder Woche Sabbatsegen ihnen die Heiligung des Sabbat einpräge." Und wieder kam Krieg. Jetzt der große, weitcmsschreitende; er setzte die Länder in Flammen, wühlte die Meere auf, zerriß Berge. In seinem Gefolge schlich der Hunger; Seuchen loderten auf ... Ich saß mit meinem Assistenten über einer Arbeit im Laboratorium. Da wurde mir gemeldet, ein Unteroffizier bitte mich sprechen zu dürfen. Das war mir nichts Ungewöhnliches; Tag um Tag kamen bei uns Ordonnanzen. Ich ging also in mein Zimmer. Da wartete ein schlanker, strammer Jägerunteroffizier. Aber welche Ueberraschung! Vor mir stand ein Sohn von Reb Joel. Derzeit kommandiert zu einer Spezialausbildung auf einem nahen Uebungsplatz, nützte er ein paar freie Stunden, mich zu besuchen. Bei einer Zigarre sprachen wir vom Krieg. Er war noch mit den ersten ausmarichiert. Eine geschickt ausgeführte Späherstreife brachte ihm das Eiserne Kreuz und die Tressen. Wir dachten jenes Sabbats in seinem Vaterhause. Nur zwei Kinder waren beim Vater. Ein Bruder stand bei Infanterie im Osten, zwei Schwestern machten Lazarettdienst in F. Rasch vergina uns die Zeit. Er kam nach dem Ausbildungskurs wieder an die Front. Beim ersten Male, wo feine Truppe eingesetzt wurde, fiel er durch eine Scharfschützenkugel. Gegen Kriegsende traf es sich, daß ich den Vater besuchen konnte. Er lernte eben; die Worte der Weisen waren ihm tröstliches Gebet seiner einsamen Stunden. Mein Beileid nahm er dankbar entgegen mit R. Akibas Ausspruch: „Was der Ewige tut, ist wohlgetan", und fügte er hinzu: „Ich denke an Rabbi Meir. Als dieser vor den entseelten Leibern seiner Söhne trauerte, sprach Veruria: „Siehe! Jetzt werden die uns anvertrauten Güter zurückgefordert. Der Ewige gab sie uns, der Ewige nahm sie wieder zu sichrgepriesen fei Sein Name." Das Andenken der Weifen ist ein Segen." Zwei Jahre nach dem Krieg ist auch Reb Joel heimgegangen zum ewigen Frieden: still, wie er gelebt, löschte er aus an Ereb Sabbat Haggadol, währenddem Tochter und Schwiegersohn die Vorbereitungen zum Tage trafen. Olecho hascholaum! I. Weigl.