Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1932)
- Date
- 1932-03-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450716--78642-2536343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 14 Nr. 12 Der Israelit 17. März 1932 neunzehnjährige einzige Tochter wohlhabender Litern mit ansehnlicher Mitgift. Und viele bewarben sich um sie. Aber Schmul gelang es mit seiner lyrischen Seele und seiner lyrischen Feder, sich ganz allein ihr Herz zu erringen. Die Redaktionen hatten sich alle gegen ihn und seine literarischen Erzeugnisse verschworen. Die wissen nie, was gut ist. peschke aber verstand ihn und wusste seine Dichtungen richtig zu schätzen. Aber Aerger und Enttäuschung füllten doch das Herz unseres Dichters, daß die Redaktionen ihm seine Arbeiten fast alle wie aus Verabredung mit dem gleiench Vermerk zurückschickten: „Rein Platz", oder „ungeeignet". Er beschloß, sich selbständig zu machen und eine eigene Zeitung zu gründen. Die erste Rümmer sollte gleich zu Ehanukkah erscheinen. Er verband sich zu diesem Zweck mit zwei jungen Freunden, die einige Beziehungen zu Papier und Schrifttum hatten, nämlich mit Alosche Borudi dem Verwalter der Bibliothek und Sender, dem Sohn von Lhajim, dem Buchbinder. Beide hatten sich schon mit ähnlichem Erfolg wie Schmul literarisch betätigt. Am Vorabend der großen Ereignisse tagte die Rcdaktionöinission, und der Chefredakteur Schmul Feinholz erstattete Bericht: „Die technische Seite ist geregelt. Hundert Bogen Papier erhalten wir von Ehajim, dem Buchbinder, zum Selbstkostenpreis, Kopiertinte haben wir in der Bibliothek, und der Schreiber vom Amte überlässt uns gegen eine Flasche Schnaps den Vervielfältigungsapparat, so daß wir, sobald das Manuskript beisammen ist, in einigen Minuten hundert Exemplare Herstellen können." Ueber den Ai a m e n der Zeitung wurde lange beraten und folgendes beschlossen: „Makkabäergeist" paßt nicht zum humoristischen Teil der Zeitung. „Der versalzene Kreppet" wiederum stellt den ernsten Teil in ein falsches Licht, so nennen wir die Zeitung einfach: „Der Kaßrilowker Kurier". Darunter „Chanukkanummer". Mit der Zeit, hoffte man, die Zeitung in ein regelniäßiges Monats- oder Wochenblatt umzuwandeln. Run, was das Material betrifft. Schmuel berichtete: „Mein Leitartikel lautet: „Was ist der Unterschied zwischen Chanukka und Purim?" Ihr habt ihn schon alle gelesen. Es liegt noch ein Lied vor von Mosche Boruch über das Heldentum der Makkabäer. Da kommt darin ein Reim vor: „Ihr habet bewiesen Eure G'wuroh Und dem Freund geschlagen in die Zuro" (Gesicht). Das scheint mir doch etwas stark. Ich denke, wir ändern den Satz etwa so: „Und gebracht die gute L'suco!" Run ist das Lied wirklich eine wahre perle der Poesie. Sodarrn gab der Redakteur noch Kenntnis von einer tragischen Erzählung, speziell zu Chanukka. Cs gab einen Mord und zwei Selbsttnorde. Er las sie vor, und Beile, das Dienstmädchen, die vor der Türe gehorcht hatte, ging ganz in Tränen auf. Der Redakteur rückte die Brille zurück (in dem Jahre, seitdem er das Augenglas trägt, hat er sich schon daran so gewöhnt, daß er es nicht mehr abnehmcn muß, wenn er etwas sehen will) und schloß: „Damit ist der ernste Teil erschöpft. Cs. kommt der h u tn o r i st i s ch e. Ein reiches Material ist da. Lauter lokale 'Anzüglichkeit, die alle aus der Feder- Senders, des Buchbindersohnes, stammen." Auch Rätsel waren dabei. Zunr Beispiel: „Was ist das Wunder vom Krüglein Gel?" Antwort: „Berl, der Gabbe, wurde für e i n Jahr gewählt und nun waltet er seines Amtes schon a ch t Jahre." „Zu Iankel kam die Schwiegermutter zu Gast für eine Woche und sitzt schon acht Wochen bei ihm." Den Glanz des humoristischen Teiles bildete aber ganz gewiß ein Poem unter dem Titel „Uvchen wajehi bachazi halailo" oder „Um die Mitternacht mit dem Apotheker". Cs handelte, das konnte ein Blinder sehen, wenn auch die Ramen verändert waren, von einer Bürgerstochter des. Städtchens und zwar D i n a, der Tochter von Rechama der Schenkersfrau, der böse Zungen mancherlei nachsagten . . . Rechama, diese Schenkersfrau, wurde auch der Kosak genannt. Richt mit Unrecht, denn sie hatte Fäuste, die sogar die betrunkenen vierschrötigen Bauern zu würdigen wußten. Sie war im Städtchen wenig beliebt, und darauf spekulierten die drei Redakteure, indem sie wußten, daß Anspielungen und Anzüglichkeiten auf Kosten dieses Mannweibes und des Töchterchens gerne gelesen, und die Zeitung bald vergriffen sein werde. Die Begeisterung Schmuls stieg ins Unermeßliche, als Peschke, die zukünftige Braut, kam und er ihr den Inhalt vorlesen durfte. „Ich sage Dir, Schatz," beteuerte er, „kopiert und vervielfältigt ist genau soviel wie gedruckt, und ich versichere dir, die Zeitungen werden sich jetzt um meine Sachen reißen. — Jede Redaktion erhält ein Exemplar. Die Pforten der großen Literatur werden mir übermorgen schon weit geöffnet." Da. Hörle man schwere Tritte die Treppe hinaufstapfen. Rasch ging die Türe auf und im Zimmer stand in ihrer ganzen Größe und Breite Rechama, 0:e Schenkerin. Ghne Umstände trat sie an Schmule F^-nholz heran. „So sag' mir doch, Teurer, schreibst d u die Pasquille gegen meine Tochter?" Schmule war wie vom Himmel gefallen. „Was heißt? Ich meine, so ganz allgemein ..." Rechama fiel ihm schreiend ins Wort, „verdrehe nur nicht den Kopf. Ich weiß alles. Beile, euer Dienstmädchen, hat mir alles haarklein erzählt. Und wenn du meinst, mich und meine Tochter mit deinem Wisch schlecht zu machen . . ." Sie drohte mit den Fäusten und sprach den Satz nicht zu Ende. „Bleich vor Erregung suchte sich Schmule zu rechtfertigen: „Ich muß euch erklären, daß unser Organ grundsätzlich keine konkreten Personen berührt, wir haben nur mit abstrakten Ideen, mit Richtung und Dichtung zu tun. Einzelne Menschen kennen wir nicht. Ich sehe in eurem Auftreten ein Attentat auf die Pressefreiheit, die in allen demokratischen Ländern .." Weiter kam er nicht. Zwei schallende Ohrfeigen durchhallten den Raum und das Klirren zerbrochener Brillengläser unterdrück die schöne Rede. Und noch weitere pätsch, untermischt mit Flüchen und Verwünschungen und den hysterischen Schreien peschkes, der Redakteurbraut, gellten durch den Raum. Der „Kaßrioler Kurier", dem eine große Zukunft bevorstand, starb eine Minute vor seiner Geburt. Ehre seinem Andenken! m. Me Amerika entdeckt wurde. vor kurzem überraschten Zeitungen mit der Kunde, Kolumbus sei ein spanischer Jude gewesen. Rach Dokumenten, die man soeben im kaiserlichen 'Archiv zu Schuschan gefunden hat und die die jüdidische Rassenzugehörigkeit Kolumbus vollauf bestätigen, verhielt sich die Sache mit der Entdeckung Amerikas folgendermaßen: Wajehi Hajom, eines schönen Tages, Kolumbus ging gerade mit dein Tallisbeutel unter dem Arm am Sabbat morgen von Schul, da klopft ihm der spanische König auf die Schulter: „Gut Schabbos, Signor Kolumbus." „Gut Schabbos, Majestät." „Was gibts Reues?" „Richts, gar nichts." „So sagt doch, Signor Kolumbus, hättet ihr nicht vielleicht Lust, hinüber zu segeln und Amerika zu entdecken?" „Amerika entdecken? Warum auch nicht? Für mich ein Kinderspiel. Stellet nur ein paar Schiffe mit Matrosen bereit, gleich nach Havöolo steche ich in die See. In Wahrheit gesagt, Euch und Frau Königin zu lieb würde ich es nicht tun, Ihr seid auf uns Juden nicht gut zu sprechen. 2lber ich weiß doch, unsere Juden in Litauen und Polen und anderswo werden hungern, ihre Gemeinden und ihre Vereine werden große Defizite, ihre Taschen Löcher haben, was sollten sie tun, wenn nicht von Amerika ein paar Dollar kommen? 2llso machen wir es, um ihretwegen!" Gesagt, getan. Gleich nach Havöolo packte Kolumbus Tallis und Tefillin ein, legte ein Korban Mincho-Gebetbuch mit Thillim dazu. Sein Weib gab ihm noch einiges von den übrig gebliebenen Sabbat- Ipeisen mit. Rnd auf ging es in die See hinaus, zur Entdeckung Amerikas. Man fährt und fährt, segelt und schwimmt. Kein Amerika zu sehen. Da stürzen sich die Matrosen voller Wut auf Kolumbus und wollen ihn umbringen. Er aber zieht sich am Bart und spricht: „was versteht Ihr Hohlköpfe von solchen Dingen? Will ich euch lieber ein Rätsel aufgeben. Saget mir, wie stellt man ein Ci auf den Tisch, daß es stehen bleibt?" Richts wußten sie. „So will i ch es euch zeigen." Er schlug die Spitze ein und nun stand das Ci wie angenagelt. Da sahen all seine große Weisheit ein und murrten nicht weiter. So fuhr man und fuhr, segelte und schwamm, bis man an festen Loden kam. Man verankerte das Schiff und ging an Land. Ein ganzer Rudel pechschwarzer, nackter Menschen kam daher gelaufen und sah erstaunt auf das Schiff und seine Mannschaft. Kolumbus streckte ihnen die Hand zu einem kräftigen „Scholaum Alechem" entgegen und fragte: „So sagt mir doch, ihr lieben Leute, seid Ihr vielleicht die Reger?" „Gewiß, wir sind die Reger." „Und das Stückchen Land da, ist das nicht Amerika?" „Freilich, Amerika," jauckten sie, „und wer seid Ihr?" „Ich bin der Kolumbus." „Hurra," brach die Bande in Freudengeheul aus, „Kolumbus ist da. Wir sind entdeckt! ..." IV. Die Sorge um den Zungen... Rabbi Salman macht ein höchst verdrießliches Gesicht, da er den Gebetmantel zusammenlegte. „Was habt Ihr für Sorgen, Reb Salman?", fragte der Rachbar teilnahnrsvoll. „Ach, ach schwere Sorgen mit dem Jungen," seufzte' Rebb Salman. „Was macht man nur mit dem Jungen in dieser schweren Zeit? Lasse ich ihn Doktor werden, das kostet Geld. Und hat er ausstudiert, wer garantiert, daß er eine Praxis bekommt? Ich dachte, ich lasse ihn viellelcht lieber Zahndoktor werden. Denn Rase hat der Mensch nur eine, Zähne hat er zweiunööreißig. Ein einfaches Rechenexempel. Aber auch dieses Studium kostet Geld. Und dann die Verantwortung, die Scherereien! Da macht meinem Rachbar, dem Zahnarzt, eine Frau den Prozeß, weil er ihr die drei kranken Zähne im Munde gelassen und dafür drei gesunde Zähne herausgerissen hat. Ach, hat man Sorgen mit' dem Jungen! vielleicht lasse ich ihn gar Schriftsteller werden. Die sollen große Summen verdienen und' brauchen nicht einmal richtig zu studieren." „Für Schriftsteller braucht man Talent. Hat Euer Junge Talent? — Wie alt ist eigentlich Euer Junge?" „Wie alt?" Erwidert Salman, „nach unserer Berechnung wird er eine Woche vor Purim zur Welt kommen." „Dann, sollt Ihr mir gesund sein, Rebb Salman, woher wißt Ihr überhaupt, daß es ein Junge sein wird?" „Ist mir das ein Ehochom," antwortet Rebb Salman resigniert, „das ist doch eben die größte Sorge, die mir der Junge macht ..." Die Megilla 5691?) Von Ven Rafael. I. Und es war in den Tagen des M a c d o n a l d , jenes Macdonald, der von Indien bis Aethiopien über 127 Provinzen regierte. In jenen Tagen satz Genosse Pastfield im Ministerfauteuil des Kolonialamtes in der Hauptstadt London. Und der König lud alle seine Herren und Knechte (die Briten und die Natives) zu einem Round Table-Bankett in British Indien. Viele Wochen dauerte das Bankett, ganze 180 Tage, und es fand im königlichen Schlotzpark statt. Unabhängigkeit, Dominionverfassung. *) In der satirischen, in Tel-Awiw erschienenen Sammelschrist „Baleila Hahu" (In jener Nacht), redigiert von Nachasch, Ben Rafael und Daniel P e r s k y , finden wir folgende ästhetisch reizvolle Travestie der biblischen Estherrolle, die wir zu Purim wiedergeben, ohne uns mit der politischen Tendenz irgendwie zu identifizieren.