Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1932)
- Date
- 1932-03-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450716--78641-2536342- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
T Feuilleton-Beilage zu Parin 5692 Heiteres aus dem Städtchen. Von 3. Majofis.*) „Und wenn er nicht kommt?" „Dann wird eben nichts sein." , „Dann seid mir sicher, daß es morgen keinen Streik gibt, verlaßt euch auf mich. Ortze kann, wenn er 1. Der Streik in Kasrielischock. Ulendel, der Fabrikant, ist leider von der Art Menschen, die man im Osten als Schlemihl, im Westen als Pechvogel bezeichnet. ■ Daran ist weniger seine Ungeschicklichkeit schuld als sein Geschick. Kauft er im Winter im Dorf ein paar Zentner Aepfel, um sie im Kleinverkauf los zu werden, erfrieren sie. handelte er ein Kälbchen ein, hatte es sicher etwas an der Lunge und wird trefe, und so geht es mit all seinen Geschäften, würde er in der Großstadt leben, könnte ec heute in der Zeit der Rekorde mit. Weib und sieben Kindern ganz gewiß den ersten Preis als Hungcrkünstler bekommen. Im Städtchen aber mußten sie in aller Stille fasten. Cin Glück noch, daß Ortze, der Schneider, dessen Kellerstube er bewohnte, ein guter Hausherr war und mit der Miete nicht gerade drängte. Daraus ist schon mit Klarheit zu entnehmen, daß Mendel mit seiner Fabrik weder mit Krupp, noch mit Ford konkurrierte. Den Kamen „Fabrikant" erwarb er sich dadurch, daß er je zwei Wochen vor pessach einen Bäckerofen mietete, ihn gründlich rei-, nigte und eine Mazzoth-Läckerei eröffnete. In diesen Tagen war sein Selbstbewusstsein ganz erwacht. Cr fühlte sich wie ein König in seinem Reiche. - Abgesehen davon, daß man nun ein paar Groschen für Brot verdiente, war er überhaupt Unternehmer. Keine Kleinigkeit, zu regieren über elf Frauen, die die Mazzoth walzten, eine, die den Teig knetete, einen Angestellten, der mit dem Rädchen über die Mazzoth fuhr und über das weitere Personal, das zu einer Mazzoth-Bäckerei gehört. Das S e tz e n in den Ofen besorgte Mendel selbst, obwohl er niemals das Handwerk der Bäckerei erlernt hatte, ' mit einer gewissen Meisterschaft. Gelten wurde ihm eine Mazzo verbrannt, noch seltener zwei aneinander geraten. Ts war Arbeit in diesen Tagen vom frühesten Morgen bis in die tiefste Rächt hinein. Fröhlich wac.es im Hause. Die Wälgerhölzer klapperten, das Rädchen quietschte, die Frauen und Mädchen, schwitzend mit geröteten Gesichtern, schwatzten, lachten und sangen. Das waren die glücklichsten Tage im Jahre für Mendel. I o s i f, der älteste Sohn Itsches, des Kleinhändlers, war von Wilna nach Hanse zu den Osterferien gekommen. Cin Sechszehnjähriger, der schon die siebente Klasse des Gymnasiums besucht. Cr hatte eingefallene Lacken von fahler Farbe und trug eine scharfe Brille auf der nicht zu kurz geratenen Rase. Man sah ihn nie ohne Buch in der Hand, und mit dem Apotheker im Städtchen sprach er russisch. Kein Wunder, daß alle im Städtchen ihm höchsten Respekt zollten. Sein Vater wäre mit ihm zufrieden gewesen, wenn sich nicht der Junge mit allerlei Dummheiten abgegeben hätte, wenn er zu reden begann über Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Sozialismus, Kapitalismus und Bourgeois wurde es einem.ganz schwindelig zu Wüte. Konnte denn Jemand mit klarem verstand verlangen, daß Baron Rothschild, poljakov, Ortze, der Schneider und Mendel, der Mazzofabrikant, alle gleich sein sollten? wehe, wenn der Uratnick (Oberpolizist), wind davon erhielte! Der Satan wußte, wo sich Iosif diese merkwürdigen Dinge in Wilna geholt hatte! Iosif stieg zu Ortze, dem Schneider, hinauf, um stch einen Anzug zu pessach anfertigen zu lassen. Auf *) Siehe die Vorbemerkung über den Autor in Nr. 9 d. Bl. Ulajofte.*) diese weise kam Josts in Kontakt mit der „Arbeitermasse", d. h., mit den. Angestellten der daneben liegenden Mazzobäckerei, die die einzige Fabrik im Städtchen war. Cine kleine Pause im Läckerbetrieb benutzte Iostf zu folgender Ansprache an die Frauen, Mädchen und Männer im Betrieb: „Schwestern und Brüder! Der Kapitalismus streckt seine Klauen und Krallen aus, um die Arbeiterklasse zu ersticken. Ihr werdet ausgebcutet von blutdürstigen Arbeitgebern, die euch zwingen, von sechs Uhr inorgens bis zehn Uhr abends zu arbeiten. Und was bekommt ihr dafür! Drei bis zehn Kopeken per Pud (40 Pfund). Ist das nicht himmelschreiend? Schwestern und Brüder! Die allweltliche Arbeiterschast ist aus eurer Seite. Ihr müßt euch organisieren,! wie es uns Marx gelehrt hat! ..." Lange hatte noch Iosif von Marx, Lassalle und dem Klassenkampf lamentiert, bis die Mädchen und Frauen Mitleid mit ihm hatten und sich einverstanden erklärten, in den Streik zu treten. Der „Arbeiterschaft" selbst fehlte aber die Initiative und auch der Mut. Keiner wollte den Anfang machen oder Wortführer sein. Die einen fürchteten ihre Cltern, die anderen wagten cs nicht, Mendel gegenüber, wiederum andere waren nach einem Jahre Müßiggang so heilsfroh über etwas Arbeit und verdienst, daß sie gar nicht wußten, wie sie jetzt die „Revolution" beginnen sollten. Darum erklärte stch Iosif bereit, am folgenden Tag Punkt zehn Uhr morgens in der Fabrik zu erscheinen. Seine Einkunft sollte ein Signal sein, daß sofort die Arbeit niedergelegt wird. Cr würde dann mit der nötigen Motivierung „im Namen der sozialen Gerechtigkeit" den Streik proklamieren. Die Forderungen lauten: Achtstündiger Arbeitstag und SO proz. Gehaltserhöhung! . . . 'Am gleichen Abend erhielt Ortze, der Schneidre, durch einen Arbeiter der „Fabrik" Kenntnis vom geplanten Streik. Ortze, ein kluger, lustiger Mann, voller Späffe und Cinfälle, hörte sich die Geschichte in aller Ruhe an und sagte dann: „Mendel ist ein blutarmer Mann, mit einer kranken Frau und stets hungernden Kindern, wenn ich ihm diesen Winter nicht ein paar Wägelchen Holz ins Haus gebracht hätte, man hätte die ganze Familie erfroren aufgefunden. Run sieht man, daß er ein paar Rubel für Pessach zu verdienen beginnt, hetzt man die Rlenschen gegen ihn los und plant einen Streik. Schämen sollt ihr euch alle . . ." „Ich bin ganz eurer Meinung," wandte der Arbeiter beschämt ein. „Ich denke auch, wir bekommen gerade genug und sollten froh sein, daß wir überhaupt etwas verdienen, aber Marx, so sagt Iosif, verlangt und befiehlt, daß man 60 proz. Erhöhung verlange." „wer ist denn der Marx?" „Weiß ich? Wahrscheinlich auch so ein junger Mann in Wilna." Ortze kam in Wut: „Alle bösen Träume auf seinen Kopf. Soll er mit seiner Weisheit in Wilna bleiben, dieser leidige Schwätzer, dieser Marx! was hat er bei uns hinein zu reden? wenn er ein so gerechter, guter Mensch ist, dann sollte er Mendel lieber ein paar Rubel schenken, damit er seine Kinder ins Cheder schicken kann." „Ich denke ganz so, aber Iosif macht uns den Kopf voll." „Iosif? Dieser Ioskche, der Sohn Itsches, der Gassenjunge? C r wird euch morgen den Streik proklamieren?" „Ja, er." will ..." was Ortze konnte, wenn er will, hatten schon viele im Städtchen am eigenen Leibe erfahren! Und er bewährte sich auch in diesem Falle ausgezeichnet, ohne mit jemanden überhaupt in Konflikt zu kommen. Am folgenden Tag um lA 10 Uhr unterbreitete Ortze, der. Schneidermeister, seinen beiden Söhnen, die seine einzigen Gehilfen waren, seinen Schlachtenplan. Jeder wußte, was er zu tun hatte und alles klappte vortrefflich. Liner mußte zu Iostf hinüber und ihn herbeibitten, daß er den neuen Anzug anprobiere. Der andere stand mit seiner Instruktion bereit. Iosif kam und sagte, er habe nicht viel Zeit. „Cs wird rasch gehen," versicherte Ortze. 'Aber eg sing eine höchst umständliche Prozedur an, nichts wollte sitzen. Alle mußten helfen, alle sprangen um ihn herum. Die Hose war zu lang, die Weste ging nicht zu, am Rocke die Aermel schief und die Knöpfe zu eng gesteckt. Iosif mußte ihn ein paarmal aus- und anziehen. Bsonders umständlich gestaltete sich das Anprobieren der Beinkleider. Endlich war die Geschichte fertig. „Ihr könnt euch wieder anziehen, panje Iosif," verfügte Ortze. Aber, o Himmel, der Rock war verschwunden, und das andere, noch unentbehrlichere Kleidungsstück auch nicht aufzufinöen. Die Uhr schlug zehn, und Iosif lief wie wahnsinnig im Zimmer herum, wo waren seine Kleider? 2!Ues suchte und keiner fand sie. Da fiel Ortze endlich ein: „So ein Pech, jetzt weiß ichs. Ruwke hat die Arbeit in den Gutshof hinübergetragen und bat die Kleider verwechselt. Hier liegen die Sachen vom Gutsverwalter. So ein Wirrkopf von einem Jungen! Lauf Meicrke, was du kairnst, ihm nach, daß Herr Iosif wieder in seine Kleider kommt." Aber Ruwke war wie in den Boden versunken. Cs verging eine volle Stunde, bis der Bote kam und unser Gymnasiast wieder eingekleidet werden konnte. Der „Arbcitermasscn" in der Mazzofabrrk bemächtigte sich gegen zehn Uhr eine gewaltige Unruhe. Die Männer und Frauen sahen aufgeregt und nervös nach der Uhr und nach der Türe und arbeiteten langsam und mechanisch, als hätten sie ihre Sinne nicht ganz beisammen. Cs war eine halbe Stunde passiver Resistenz. Als aber nun die Uhr e l f schlug und Iosif immer noch nicht da war, da wußten sie ganz genau, daß er sie nur z u m Narren halten wollte. Cs packte sie der Zorn, und sie wälgerten und wälzten mit solcher Wut und Wucht — da sie doch ihrem Aerger irgendwie Luft verschaffen mußten, — daß noch niemals so feine, dünne, vortreffliche Mazzoth entstanden, wie in dieser Stunde . . . was später aus Iosif geworden ist, wissen wir nicht. Cines aber wissen wir: Als er gegen Abend nach Hause ging, kochte er vor Wut. Diese richtete sich nicht allein gegen Ortze und seine Gehilfen, sondern gegen alle Schneider und Schuster der Welt, überhaupt gegen alle Arbeiter. Cr nahm sich vor, nie im Leben ntehr etwas mit solcher Bande zu tun zu haben ... II. Abstrakte Ideen und konkrete Patsch. S ch m u l F e i n h o l z ist ein Dichter von G'ttes Gnaden, aber zur Zeit bestand fein Auditorium aus einem einzigen Menschen, nämlich von p e s ch k e, des Müllers Töchterchcn. Cr hatte keinen schlechten Geschmack, dieser Gchmul Felnholz. peschke war die