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Der Israelit · 1932-03-17 · Heft 12 (17.3.1932) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 12 (17.3.1932)
Date
1932-03-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Nr. 12 D er I s ri t 17: ‘ März? 1932 " durch die Berge hindurch, durch das Salzkammergut über Schneefelder hinweg. In wenigen Stunden passierten wir vier Grenzen, je zweimal Pah- und Zollkontrolle, mindestens siebenmal Fahrkartenrevision und zuguterletzt auch noch Ausweis über die Gelder, die man hat bezw. nicht hat. Endlich fuhren wir gegen 11 Uhr nachts in Triest ein, wo sich mehrere Instanzen um die Zuständigkeit für unser Gepäck lebhaft stritten. Auf diese Weise wurde es um Mitternacht, als wir im „Grand Hotel de la Bille" ankamen, wo wir, von Frankfurt aus angemeldet, in guten Zimmern eine vortreffliche Aufnahme fanden. Als wir morgens aufwachten, grüßte uns die Adria, die wirklich so blau war, wie sie zu sein hat, durchs Fenster. Die Abwicklung mit dem Büro des „Lloyd Trieftino" nahm mehrere Stunden in Anspruch, da manche Umgruppierungen im letzten Moment stattfanden. Diese Stunden verbrachten die 44 Mitglieder der Reisegesellschaft auf angenehmste Art damit, daß sie auf die zwei in den Zirkularen unschuldigerweise als Führer bezeichneten Teilnehmer weidlich schimpften, die, wie sie glaubten, aus purer Bosheit, ihnen die Ge'uloh verzögerten. Aber es wurde noch alles so rechtzeitig erledigt, daß wir sogar noch bei Baker Rosenwasser einen warmen Imbiß einnahmen. Es bedeutete für uns eine Art „S'eudoh hamaffekes", für frifchgekochte Speisen auf die Dauer von 5 Tagen. p Eine halbe Stunde vor Abfahrt war alles durch die doppelte und dreifache Postenkette aufs Schiff gelangt. Das Wiedersehn mit dem Gepäck verlief trotz oder wegen der vielfachen Kompetenzen nicht ohne Hindernisse. Man hatte sich in seiner Kabine noch nicht recht eingerichtet, und schon rauschten die Motore — wir fahren nach Erez Iisroel! Wir gehen auf Deck und durch die Kajüten und sehen uns die Mitbewohner unseres schwimmenden Dorfes an. Ein Aguda-Schiff konnte uns die Palästina-Zentrale noch nicht bauen, aber unsere gute Earnaro hätte jedenfalls jüdische Farbe tragen können! Juden oben, Juden unten, Juden im Zwischendeck — nichts wie Juden, Juden aller Länder, aller Altersstufen, aller Berufe, aller Idiome, alte Juden, die hingehen, um dort zu sterben und junge Juden, die hingehen, um dort zu leben. Litauen und Jemen find auf unserem Schiff so nahegerückt, als wären es zwei Provinzen eines allumfassenden jüdischen Traumlandes. Was treibt all diese heterogenen Menschen nach dem Lande Israel? Jeder weiß einen anderen Grund anzugeben, aber aus aller Augen leuchtet als letztes Ziel die gemeinsame Liebe zu Erez Iisroel! Alte Männer schlagen in ihren Folianten die Stellen auf, die von der Heiligkeit und Schönheit Erez Jisroels sprechen, junge Chaluzim singen hebräische Lieder (mitunter auch moderne Schlager) und tanzen die „Horra" und anderes. Kaufleute studieren die Wirtschaftsmöglichkeiten im neuen Palästina, Touristen ihre Reiseführer, und kräftige Jemeniten erzählen von ihren Enttäuschungen in Amerika, und wie sie eine unbestimmte Hoffnung immer zurück zum Lande der Väter treibt. Im Mittelpunkt und das Ganze beherrschend steht doch die Reisegesellschaft der Palästina-Zentrale. Unser rabbinischer Rat an Bord besteht aus der ehrwürdigen Gestalt des Chuster Raw, Oberrabbiner Duschinsky, Rabb. Krauß-Baden (Schweiz), und Rabb. Dr. Bohrer, Gailingen, der einzige, an dessen Seite ich die unvergeßliche Keren Hathora-Fahrt in die Ostländer machte. Mit der glühenden Begeisterung, die er vo>n Osten mitbrachte, gelang es ihm, eine ganze Schar von Aerzten und Juristen aus seiner Gegend für die Erez Jisroel- Fahrt zu mobilisieren. Wir sind alle bestens untergebracht, und wer es zu Anfang noch nicht war, konnte sein Geschick durch die Macht der Presse schon in den ersten Tagen korrigieren. Wir hätten es im Hafen unserer „Earnaro" nicht angesehen, was für gute Qualitäten sie vereinigt, wie sanft sie uns bei Tag durch die blauen Wellen trägt und wie mütterlich sie uns nachts in den Schlaf wiegt. Das Beste an der Earnaro ist aber ihr Kommissar, Signor B u l l a n i, der mit echt südländischer Grandezza und Liebenswürdigkeit, verbunden mit der Energie und Korrektheit, die das neue Italien auszeichnet, unsere Wünsche von den Augen abliest. Wir haben den schönsten Raum für den täglichen G'ttesdienst unbegrenzt zur Verfügung. Ueber die Kofcheroerpflegung läßt sich folgendes sagen: alle Möglichkeiten zur streng rituellen Verpflegung sind in dem guten Willen des Kommissars und seines Personals gegeben. Es -ist aber Sache der Reisenden selbst, dafür zu sorgen, daß Kommissar und Personal unsere besonderen Wünsche erfahren. Wir haben uns dadurch geholfen, daß wir eine Art Ritualkommission aus unserer Mitte wählten, die mit großer Energie und Sachkenntnis ihres Amtes waltet. Wer am Donnerstag mittag unseren lieben Frankfurter Jeschiwah-Dozenten in Schweiß gebadet beim „kaschern" sah, dem mußten auch die letzten Zweifel weichen! Donnerstag gegen Äbend erreichten wir bei Brindisi den „Stiefelabsatz" Italiens und das offene, nach beiden Seiten unbegrenzte Meer. Ein bewegtes Bild südländischen Lebens entrollte sich plastisch von unseren Augen, wie man es vielleicht vom Film blaß im Gedächtnis hat. Graue, ragende Festungsmauern rechts und links, die flachen Dächer voller Zuschauer, rechts die Feigen- und Palmenhaine, von denen Frühlingsduft zu uns strömt. Am Kai ein Gewimmel von sllditalienischen Typen mit ihren kleinen, zweirädrigen, eselbespannten Karren. Soldaten, Karabinier: und Polizisten in ihren malerischen Uniformen und römisch-ehernen Profilen. Als sich in später Abendstunde diese südländische Lebhaftigkeit auch auf unsere gute Earnaro übertrug, ahnten wir nichts Gutes, flüchteten rechtzeitig in unsere Betten und erwachten frühmorgens bei den gewaltigen grauen Felsen der ionischen Inseln. Wir sind in den griechischen Gewässern. Als wir uns eine Stunde später im Rauchsalon zum Morgengebete versammelten, zog Jthaka, die Heimat Odysseus', an uns vorüber. Welch herrliche Aussicht! Aber der alte Jude neben mir, in seinen Tallis gehüllt, schaut nicht auf: ,,we' lijruscholajim ir'cho berachamim tofchuw", betet die ganze Gestalt — das ist für ihn die schönste Aussicht . . . Wir gehen dem Sabbat entgegen. Schon neigt links an der griechischen Küste die Sonne über schneebedeckte Gipfel und grüne Olivenhaine. Wir fahren in den Isthmus van Korinth ein, und unser liebenswürdiger Kommissar übernimmt es, unser Briefpaket ausnahmsweise von hier aus durch ein Spezialboot befördern zu Ueber den Sabbat auf dem Schiff und die Einfahrt im Hafen von Jaffa, f. G. w., im nächsten Bericht! Meine Nachrichten aus Erez Israel. Jerusalem, 15. März. 3 76 Advokaten bei einer Million Einwohnern, — das ist eine unglaubliche Zahl! Die Hälfte wäre schon zu viel. Diese Uebersättigung kann auf das ethische Niveau des Durchschnitts der Anwaltschaft nicht günstig einwirken. Uebrigens dürften neun Zehntel der Advokaten Juden — und zwar fast sämtlich aus Osteuropa stammende — fein. In Tel - Awiw gibt es 5 0 Apotheken, gleichfalls eine Rekordzahl. Leider lassen sich solche Rekorde noch für viele Berufs aufstellen. Gegenwärtig täuscht eine lebhafte Bauperiode, wie sie schon sechs Jahre nicht war, und die zum Teil nur in Hoffnung auf Einwanderer zu verstehen ist, Prosperität vor. Möge sie nicht wie im. Jahre 1925 mit einer Krise enden! Die Finanzlage bei der I e m i s h Agency muß katastrophal sein. Man hat die Lehrer wohl wieder angestellt, aber Gehalt bezahlt man trotzdem nicht. Das Stadtviertel Kirjäth Schemuel gehört zu den neuesten des alten Jifchuw in Jerusalem. Etwa dreißig Häuser befinden sich dort, die zu einer Zeit errichtet wurden, da noch kaum ein Jude in Jerusalem es wagte, aus der Enge der Altstadt in die luftigen Vorstädte vorzudringen. Die Bewohner der Häuser sind zugleich deren Eigentümer, und zwar auf Grund eines Darlehens, das in zwanzig Jahren getilgt wurde. Die Bewohner hatten um diese Zeit eine jährliche Rate zu zahlen, die den normalen Mietpreis nicht übertraf. Das Klima und die Wohnverhältnisse in diesem weitgebauten Viertel der Eigenheime sind die möglichst besten. Dieser Tage konnte in Kirjath Schemuel eine Synagoge errichtet und mit großen Feierlichkeiten ihrem Zwecke zugeführt werden. Der Vau wurde durch die Spende einer reichen Amerikanerin, Frau Rebekka Nothberg, von 1200 Pfund, bestritten. Amerika. Newyorker Brief. N e w y o r k, 10. März. Am Tag der 5. Jahrzeit des weltberühmten Gründers der Slobodker Jefchiwo, Reb Note Hirsch Finkel, wurde die zweitägige Konferenz des „Verbandes ehemaliger Slobodker Hörer" im großen Festsaal des Hotels Broadway Central feierlichst eröffnet. 300 Delegierte, aus Newyork und anderen jüdischen Zentren der Vereinigten Staaten hatten sich eingefunden. Den Vorsitz führteRabbi Josef Konvitz aus Newark, N. I., der in groß angelegter und begeisternder Rede der Treue der ehemaligen Slobodker Talmidim zu ihrer alma mater Ausdruck verlieh und in ergreifenden Worten die derzeitige traurige Notlage schilderte. Es wurden sofort Doll. 1500 auf dem Tisch des Präsidiums niedergelegt und weitere 1500 Doll, gezeichnet zu baldiger Einzahlung. . Von Europa -Waren Telegramme eingelaufen von dem Kownoer Oberrabbiner Schapiro, von der Agudas Horabbonim von Litauen, sowie von der Leitung der Slobodker Jefchiwo. Zahlreiche Begrüßungen von den fernsten Teilen der westlichen Hemisphäre legten Kunde ab von der Anhänglichkeit und den Zukunftshoffnungen der Slobodker Tälmidim. Den Höhepunkt der Festesfeier bildete der „Musar-Schmues" des zur Zeit hier weilenden Leiters. der Slobodker Jefchiwo, des hervorragendsten Talmid, Nachfolgers und Schwiegersohns des Slobodker „Sowo Kadischo", Reb Eizik Scher. In kunstvoller Aneinanderreihung geistsprühender Aussprüche des Gründers der.-Jefchiwo feierte er feine Geistesgröße und die Wege seiner (Beban* kenwelt. In den geschäftlichen Sitzungen wurden die Pläne für die weitere Arbeit ausgearbeitet. Hervorragenden Anteil an dem erhebenden Verlauf dieser Kundgebung orthodoxen Wollens hat der verdienstvolle, selbstlose, ehrenamtliche Begleiter des Rofch Jefchiwo, Red Salman Permutas aus Kowno. Die amerikanische Orthodoxie ist über die Lage des Jifchuw Hajoschon im Lande der Väter stark besorgt und hat eine Zusammenfassung aller Kreise, die ein. Interesse an dem Grundstock des religiösen Lebens und an der ursprünglichen Bevölkerungsmasfe des heiligen Landes nehmen, in die Wege geleitet. An der Spitze dieser Bestrebungen stehen die Herren Harry Fischel und H. Manischewitz. Als der mehr als neunzigjährige Richter Holmes dieser Tage sich genötigt sah, sein Amt an dem obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten niederzulegen, bestürmten die Anwaltskammern und die juristischen Fakultäten der größten Universitäten des Landes Präsident Hoover, dieses Amt demjenigen Mann zu übertragen, den sie als den bedeutendsten Juristen anerkennen, Benjamin Cardozo, den bisherigen Vorsitzenden des obersten Gerichtshofes des Staates Newyork. Es ist politische Tradition, die 9 Sitze des obersten Gerichtshofes in Washington möglichst durch Persönlichkeiten zu besetzen, die aus verschiedenen Staaten des Landes kommen. Der Staat Newyork war entgegen dieser Regel bereits durch zwei seiner hervorragenden Sprößlinge verteten. Trotzdem wurde schließlich Benjamin Cardozo berufen. Seine Berufung hat alle begrenzenden Erwägungen gesprengt. Von den 9 Männern, die die höchsten gesetzlichen Entscheidungen zu treffen haben, sind nunmehr drei aus dem Staate Newyork und zwei aus dem alten Stamme der Juden, D. Brandeis, der stark an dem Aufbau Palästinas interessiert ist und Benjamin Cardozo. Personalien. Rabbiner Dr. Daniel Fink in Berlin-Wilmersdorf. Ein Gruß zu fernem 70. Geburtstag am 14. März von seinem Schüler Günther D a nr m a n n Berlin-Grunewald. In dem Geschicke ihrer Lehrer und Führer spiegelt sich nicht selten der Zustand einer Gemeinschaft. Schwerlich hätte sie von dem Tage Notiz gerwmmen, an welchem ihr vor 70 Jahren ein Mann von der Bedeutung meines Lehrers Dr. Daniel Fink geschenkt worden ist. Nach menschlichem Ernressen gehört bei einem 70 jährigem Jubelgreise die Leistung seines Lebens der Vergangenheit an. Als ein besonders Gnadengeschenk einer gütigen Vorsehung ist es daher zu begrüßen, daß sie ihm Frische, Spannkraft, vor allem aber den hohen Schwung der Seele bis auf diesen Tag erhalten hat. Den Lesern des Israelit ist mein Lehrer kein Fremder. Seit etwa 40 Jahren sind seine Beiträge, Abhandlungen und' Arbeiten in dessen Spälten anzutresfen. In jüngeren Jahren häufiger als im letzten Jahrzehnt, in welchem er von seinem Lebenswerke, von dem noch zu reden sein wird, voll und ganz in Anspruch genommen wurde. . Zunächst einige Daten über seinen äußeren Lebensgang. In Alt-Berun, Kreis Pleß, der jetzt zum polnischen Oberfchlesien gehört, wurde er geboren. Sein Vater war dort Rabbiner und wurde im Jahre 1867 nach Lautenburg in Westpreußen, gegenwärtig gleichfalls an Polen gefallen,, in gleicher Eigenschaft berufen.

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