Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1932)
- Date
- 1932-03-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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17. März 1932 Der Israeli! Ar. 12 Seite 7 Polen. Ein Millionendefizit. Warschau, IS. März. In der Kooperativen jüdischen Bank schließt die Jahresbilanz mit einem Defizit von 6—6 Millionen Zlsty. Ein Teil der Riesensummen ist an verschiedene öffentliche Kassen und zionistische Institute geflossen, ohne daß man es zurück erhalten konnte. In der Generalversammlung, die sich sehr lebhaft gestaltete, wurde nach Mitteln und Wegen gesucht, die Bank, deren Liquidierung ein ungeheures wirtschaftliches Unglück ftir den Mittelstand bedeuten würde, zu erhalten oder mit Hilfe zuständiger Organisationen ein Aehnliches neu zu errichten. Eine Delegation begibt sich zu diesem Zwecke nach Berlin. Tschechoslowakei. Prager Brief. Prag, 10. März. Wie aus der Südslovakei berichtet wird, sind jetzt alle sieben .seinerzeit verhafteten Juden, die der Teilnahme an den Exzessen der Nachkriegszeit beschuldigt waren, aus der Haft entlassen worden. Dagegen ist der in Michalovce in der Ostslovakei unter dem gleichen Verdachte stehende Kaufmann Salomon Goldberger noch in Haft. Im Hinblick auf die furchtbare Hungersnot und das allgemeine wirtschaftliche Elend in Karpathorußland sind sowohl von orthodoxer, als von jüdisch-nationaler Seite Notstandsaktionen veranstaltet worden, die einen verhältnismäßig guten Erfolg zu haben scheinen. Eine Hilfe kann jedoch durch diese augenblickliche Intervention aus die Dauer nicht gebracht werden. Es ist Sache der Regierung, die notwendigen Sanierungsmaßnahmen zu treffen. Es wäre auch wünschenswert, daß die - ausländischen jüdischen Gesellschaften, insbesondere Ort und Ose ihre Aufmerksamkeit auf dieses elendste Gebiet jüdischer Massensiedlungen richten. In der „Selbstwehr" veröffentlicht Dr. Franz Friedmann eine interessante Studie über die Kriminalität der Juden in der Slovakei, die sehr günstige Ergebnisse für die Juden aufweist. Auf 1000 verurteilte Personen sind 17 Juden, während die Beteiligung der Juden an der Bevölkerungszahl 26 zu 1000 beträgt. Die Kriminalität jüdischer Jugendlicher im Alter von 12—18 Jahren ist verhältnismäßig ganz besonders gering. Lettland. Ein neues Thorazentrum in Lettland. Riga, 10. März. Das kleine Lettland, das in Hinsicht auf Thorastudium in den letzten Jahrzehnten stark verarmt ist, will zu seinem Teile doch auch an den Wiederaufschwung jüdsi scheu Geistes in den Reihen des Judentums teilnehmen. In D w i n s k (Dünaburg), der Stadt, in der ein Rabbi Meir Simcho wirkte, und die heute noch die Stätte des ragendsten Geistesfürsten der talmudifchen Welt, des Rogotschower Jlui, Rabbi Josef Rosen, ist, hat die Novarodoker Jeschiwo-Organisation neuerdings eine Bes Josef-Thoralehranstalt errichtet. Den Stamm der Jeschiwo bilden allerdings zahlreiche aus Sowjetrußland geflüchtete Bachurim, die bisher in Polen kein Bürgerrecht erlangen konnten und deshalb nach Lettland gekommen sind. Die Jeschiwo hat sich der Unterstützung des Joint durch seinen Vertreter Dr. Bernhard Kahn und des Hilfsvereins durch Dr. Wischnitzer zu erfreuen gehabt und die erforderlich gewesenen Verhandlungen mit der Regierung haben mit bemerkenswertem Erfolge die Deputierten Dubin und Vittenberg geführt. Die Jeschiwo wird bereits von 100 Hörern besucht und es ist ihr eine I Jeschiwo ketano angegliedert worden. Letztere hatte so j starken Zulauf, daß man eine Filialabteilung in einer > Vorstadt errichtete. Rabbi Josef Rosen protegiert die Jeschiwo und seine Persönlichkeit dient den Bachurim als , leuchtendes Vorbild. Die Anstalt ist vom Kultusministerium legalisiert worden. Rumänien. Landeskonferenz der orthodox-jüdischen, Gemeinden Transsylvaniens. B u k a r e st, 4. März. Ende Februar fand in Dej (Departement Somes, Transsylvanien) bei Anwesenheit von Vertetern aus über 100 Gemeinden die Landeskonferenz der orthodoxen jüdischen Gemeinden statt. Im Mittelpunkt der Beratungen stand die kritische materielle Lage der Gemeinden und der Kultusbeamten. Es wurde beschlossen, energische Schritte bei der Regierung im Interesse einer Erhöhung der staatlichen Subvention für die Gemeinden und der Befreiung jüdischer Schüler der staatlichen Schulen vorn Schreiben an Sabbat- und jüdischen Festtagen zu unternehmen. Die Konferenz hatte besondere Bedeutung durch die auf ihr zustandegekommene Einigung zwischen den beiden Richtungen der transsylvanischen Orthodoxie. Seit dem vor etwa einem halben Jahre erfolgten Tode des langjährigen Präsidenten der orthodoxen Landeskanzlei Transsylvaniens, Oberrabbiner. Salomon Ullmann-Bistritz, war zwischen der aschkenasischen Richtung und den Chassidim, die in Transsylvanien zum Teil den sephardischen Ritus übernommen haben und sich deshalb trotz ihrer aschkenasischen Abstammung Sephardim nennen, ein heftiger Streit darüber entbrannt, in welcher Form die Zentralorganisation der orthodoxen Judenheit Transsylvaniens in Zukunft geführt werden solle. Während die chassidische Richtung die Landeskanzlei unbedingt unter rabbinische Leitung gestellt wissen wollte, traten die der aschkenasischen Richtung angehörenden großen Gemeinden für eine weltliche Leitung des Gemeindeoerbandes ein. Durch die Wahl des Oberrabbiners Albert Wesel (Turda), der zwar der aschkenasischen Richtung angehört, aber auch bei den Chassidim großes Ansehen genießt, zum Präsidenten und des Vorkämpfers der chassidischen Richtung Großkaufmanns Chaim Freund (Satumare) zum Vizepräsidenten der Landeskanzlei wurde die Leitungsfrage in einer beide Richtungen zufriedenstellenden Weise gelöst. Die Landeskanzlei wird aus Bistritz vermutlich nach Klausenburg oder Großwardein (Oradea Mare) verlegt werden. * * In einem Interview unseres Berichterstatters mit Herrn Oberrabbiner Mendel Hager in Visaul de sus, Sohn des bekannten Großrabbiners von Wischnitz, einer der hervorragendsten Persönlichkeiten der iranssylvanischen Orthodoxie, äußert sich derselbe bei seiner Rückkehr von der Konferenz wie folgt: „Die Beilegung des langjährigen Konflikts zwischen den Chassidim und Aschkenasim, der jede konstruktive Arbeit der Landeskanzlei lahmlegte, ist das glänzendste Ergebnis der jetzt stattgehabten Konferenz und es ist zu hoffen, daß mit der Herstellung des Friedens eine neue Epoche fruchtbarer Arbeit in Transsylvanien beginnen wird. Der neugewählte Präsident ist ein Mann vor hervorragender geistiger Begabung, der seine ganze Persönlichkeit für die Interessen der Orthodoxie einsetzen wird. Große Aufgaben bieten sich der Landeskanzlei auf dem Gebiete des Chinnuch, des Kaschrus, der Sabbatbeobachtung, der Verbreitung des Lernens, der Schaffung einer orthodoxen Presse und der Verbreitung des Thoragedankens in allen Schichten der jüdischen Bevölkerung. Das Gebot der Stunde ist der Anschluß der Landeskanzlei an die in der „Agudas Jisroel" organisierte Weltorthodoxie nach dem Vorbilde der slovakischen Kanzlei. Das würde zur Entwicklung und Stärkung der transsylvanischen Orthodoxie und vor allen Dingen für die Erhaltung einer gesinnungstüchtigen Jugend außerordentlich viel beitragen. England. Die Zahl der llonfessioN5losen in Crez Jisroel. London, 9. März. Bekanntlich hat es in der ganzen Welt großes Aufseehn erregt, daß bei der letzten Volkszählung im heiligen Lande nicht weniger als 10 000 Personen sich als „religionslos" in die Listen einzeichneten. Auch die zionistische Presse hatte angenommen, daß es sich hierbei fast gänzlich um jüdische Freidenker handele. Durch eine Anfrage des Oberrabbiners von Irland, Dr. Herzog in Dublin, beim Colonial Office ist nunmehr festgestellt worden, daß hier ein Irrtum vorliegt. Von den 10 000 „Religionslosen" sind nicht weniger als 8000 Drusen, die nur keiner der bekannten Religionen angehören und deshalb in die Rubrik für Konfessionslose geraten sind. Die Gerechtigkeit gebietet, dies vor aller Oeffentlichkeit festzustellen. Palästina. Erez Jisroel entgegen. *) (Auf hoher See, an der griechischen Allste. Freitag, den . 11. März). Meine ersten Erez Jisroel-Berichte hätten in Frankfurt geschrieben werden müssen: denn hier begann es schon am Sabbat Morgen mit einem solennen Frühstück im Hause eines Palästinafreundes. Der erste Tag — eben dieser Sabbat — schloß mit einer kleinen Abschiedsfeier in den Räumen der Agudas Jisroel-Jugendgruppe. Vis dahin „an Bord alles wohlauf", obzwar schon gut ein Dutzend Reden gehalten worden waren . . . Die Welle der Erez-Jisroel-Liebe stieg in der Nacht zum Montag noch gewaltig an. Das Zeichen stand auf „Flut!" Um die Mittagszeit hatte ich ungefähr 3 Dutzend Briefe, 5 Dutzend Schliach-Mizwoh-Aufträge, einige hundert Grüße an Lebende und Tote in Jerusalem und 20 weiße und bunte Säckchen für Erez Jisroel-Erde, die ich mitbringen sollte. Bis zum Abend stieg die Zahl der Säckchen auf 35 an. Es fiel mir ein, daß ich einmal 5 Dunam Boden im Emek käuflich erworben hatte und ich beschloß, die ganze Parzelle einfach mitzubringen. Gegen 11 Uhr abends war der Bahnsteig 5 im Hauptbahnhof das Einfallstor nach dem heiligen Land. Neben den Teilnehmern und ihrer Verwandtschaft im weitesten Umkreise waren einige hundert Agudisten und Agudistinnen versammelt, samt dein Generalstab und dem technischen Personal der Palästina-Zentrale. Außer neuen Säckchen wurden auch einige Liebesgaben zum Fenster hineingereicht. Hebräische Lieder wurden angestimmt, das „Chasak" übertönte fast das Abfahrtssignal der Maschine — und wie sich nun der Zug langsam in Bewegung setzte, formierte sich ein Trupp junger Agudisten, die im Laufschritt der Lokomotive vor- .und nachlicfcn. Sie liefen ein Stück „Erez Jisroel entgegen." In diesen Augenblicken fühlten wir, daß wir Träger von Wünschen und Hoffnungen einer neuen Generation des gesetzestreuen Judentums waren . . . Ob der Weg nach Erez Jisroel über Offenbach oder Bockenheim führte, entging uns in der ersten Aufregung. Sicher ist, daß wir in Lohr und in Würzburg waren, denn dort gesellten sich uns neue Teilnehmerinnen zu. In München waren wir auch und erhielten sogar ein Präparat und gute Ratschläge gegen Seekrankheit. Dann ging es in die Berge hinein, auf die Berge hinauf und *) Wir beginnen heute mit der Veröffentlichung fortlaufender Reiseberichte unsres Schriftleiters, Herrn S. S ch a ch n o w i tz , der sich an der Erez Jsroel-Reise der Palästina-Zentrale der „Agudas Jisroel" beteiligt hat. Neu aufgenommen HDD Neu auf genommen . Alleinvertrieb durch die Firma 3. Anton Alexander, Sevfin «HO. 18» Eandsbcrgcrsfraße 91 Niederlage für Frankfurt a. M.: Fa. A. Metzger, Langesfraße 7